Hape Kerkeling kehrt 2026 gleich doppelt ins Kino zurück: Neben „Extrawurst“ erscheint im März auch das Comeback seiner Kultfigur in „Horst Schlämmer sucht das Glück“. Zu „Extrawurst“ gibt es eine Theatervorlage (Autoren Dietmar Jakobs und Moritz Netenjakob). Ein Vergleich erscheint daher spannend und leitet über zur Publikumsbefragung.
Die Extrawurst im Film
In dieser Gesellschaftssatire verkörpert Kerkeling den Charakter Heribert, den langjährigen Vorsitzenden eines Tennisclubs. Als „Dauervorsitzender“ leitet Heribert die Jahreshauptversammlung mit einer Mischung aus Charme und eiserner Kontrolle. Er entscheidet maßgeblich darüber, wie der Verein geführt wird.

Im Tennisclub Lengenheide verläuft zunächst alles wie immer reibungslos unter der Leitung des Dauervorsitzenden Heribert (Hape Kerkeling). Am Schluss wird noch der Kauf eines neuen, größeren Grills, den der stellvertretende Vorsitzende Matthias (Friedrich Mücke) ausgesucht hat, beschlossen. Heribert will die Sitzung beenden – aber halt, da meldet sich Melanie (Anja Knauer) und beantragt einen zweiten Grill für die muslimischen Vereinsmitglieder, weil sie ja kein Schweinefleisch essen dürfen. Es gibt nur ein solches Mitglied, nämlich ihren türkischstämmigen Doppelpartner Erol (Fahri Yardim), dem die Sache aber eher unangenehm zu sein scheint. Halal-Fleisch soll nicht neben Schweinswürsten zu liegen kommen. Für Erol selbst spielt diese Problematik keine Rolle. Trotzdem entgleist die Debatte, spült rassistische Vorurteile aller Art an die Oberfläche. Die Forderung nach einer „Extrawurst“ reißt Fronten auf, zeigt Charaktereigenschaften von ordnungsliebend, besserwisserisch bis unsicher und passiv. Demaskiert wird die traditionell miefige Atmosphäre eines typisch deutschen Vereins, deren Debatten sich oberflächlich betrachtet um Integration und Political Correctness drehen. Was aber steht dahinter, wenn die Wurst schon lange nicht mehr die entscheidende Rolle spielt?
Theaterkomödie „Extrawurst“
Die Ausgangslage ist auch hier die gleiche. Der Tennisverein steht für die gut bürgerliche Atmosphäre. Der Vize-Vereinsvorsitzende startet mit einer Power-Point-Präsentation, stellt sein neues Prestigeprojekt vor. Ein neuer Grill soll angeschafft werden, aber nicht irgendeiner, sondern einer, der auf mehreren Stufen viele Würstchen, Steaks und Koteletts gleichzeitig schafft. Heribert ist machtverwöhnt, Langzeitchef, bestimmt, wo es lang geht. Erfolgsgewohnt will er den Beschluss durchwinken, als ausgerechnet die erfolgreichste Spielerin Melanie sich für das einzige türkische Mitglied des Vereins stark macht. Ein Zweitgrill müsse her. Obwohl Erol kein Problem mit dem deutschen Grill hat und sein Fleisch neben das deutsche Schweinefleisch packen würde, tun sich in der Folge wiederum Abgründe auf um die Frage, ob eine Bratwurst mit Schweinefleisch neben einer koscheren für muslimische Mitbürger gegrillt werden darf. Das Besondere im Theaterstück ist aber, dass das Publikum darüber abstimmen darf, ob es einen Grill für den Türken Erol gibt oder nicht.
Das erinnert an Ferdinand Schirachs Gerichtsdrama „Terror“. Das Publikum hat die Macht über eine Situation zu urteilen. Eine direkte Ansprache an das Publikum kann im Film nicht geleistet werden. Dabei ist gerade dies, über die Unterhaltung hinausgehend, ein Ansatz zur Reflexion und eine Chance, die Debatten um Vorstand, Macht und Eigeninteresse in einen anderen Kontext zu verlegen.
„Extrawürste“ und ihre Folgen im Alltagsleben
Besonders interessant sind die im Film „Extrawurst“ herausgearbeiteten Abhängigkeiten. In der Vereinsstruktur gibt es klare Hierarchien. Während Heribert die Fäden zieht (wie im Marionettentheater), prallen unter seiner Leitung verschiedene Egos und Moralvorstellungen aufeinander – unter anderem um einen Streit um einen neuen Grill (die namensgebende „Extrawurst“). Die daraus resultierende Dynamik seziert die deutsche „Vereinsmeierei“, in der ein einzelner Vorstand oft als unantastbare Instanz wahrgenommen wird, von dessen Wohlwollen die Harmonie abhängt.
Angesprochen wird auch die Thematik der „Dankbarkeitsschuld“. Ist der geforderte Grill für den Türken nur selbstloses Entgegenkommen oder steckt dahinter vielleicht doch der Wunsch nach Reziprozität? Geht es der besten Tennisspielerin des Vereins vielleicht doch um eine implizite Gegenleistung, egal welcher Art? Denn jede „Extrawurst“ trägt die Gefahr der Dankbarkeits-Falle in sich.
Noch interessanter wird es dann, wenn dem türkischen Mitglied der Grill aufgedrängt wird, obwohl er selbst ihn niemals eingefordert hat. Er braucht weder Extrawurst noch Extragrill und entlässt sich somit selbst aus der Wechselseitigkeit des Schenkens.
„Vereinsmeierei“
Stellen wir uns vor, dass das Publikum keine Theaterbesucher, sondern selbst die „Vereinsmitglieder“ wären und über den Fall der Extrawurst entscheiden müssten. Nun berühren die angesprochenen Thematiken die persönliche Identität. Der Fall der Extrawurst wird zur Verhandlungssache, in der auf der Metaebene die Würde eines türkischen Menschen auf dem Spiel steht. Vorstand und Vereinsmitglieder spielen sich zum Richter über sein Wohl und Wehe auf. Die Zumutung, seine Wurst vom gemeinsamen Grill zu essen, wird aus seiner Eigenverantwortung entlassen und gerät zur Verhandlungssache mehrerer Menschen, die jeder aus seiner eigenen Sicht, sich Vorteile aus dem Ergebnis versprechen. Der Grill des Türken wird zur Instrumentalisierung von Macht. Schon Max Weber hat Macht als die Möglichkeit definiert, den jeweils eigenen Willen dem Verhalten anderer aufzuzwingen (Merkur-Zeitschrift Artikel Jürgen Habermas 1976).
Die Mechanismen der „Grauen Eminenz“
Die Beschreibung des Vorstands passt zum Begriff der „Grauen Eminenz“, die im Hintergrund bestimmt und von der Menschen abhängig sind. Dies beschreibt ein klassisches, oft problematisches Machtverhältnis in hierarchisch strukturierten Organisationen oder Institutionen. Diese Dynamik enthält wesentliche Kernaspekte:
Die „Graue Eminenz“ oder auch „Strippenzieher“ genannt, bezieht sich auf einflussreiche Personen, die nicht unbedingt an der Spitze stehen müssen oder in einer bestimmten Funktion nicht öffentlich in Erscheinung treten wollen, aber einen maßgeblichen Einfluss auf Entscheidungen ausüben. Der Vorstand entscheidet über den Verein. Im Stück zeigt sich aber, dass der Vorstand an der Macht und Meinung seiner talentierten Tennisspielerin nicht vorbeikommt. Damit wird sie zu der Person, die die Strippen im Hintergrund mitziehen möchte.
Das erinnert an eine Welt wie im Marionettentheater. Das Strippenzieher-Motiv zeigt, wer an Fäden hängt und geführt wird und wer die Marionette an den Fäden hält und jede ihrer Bewegungen gezielt lenkt.
In diesem Szenario stellt Melanie als eine einflussreiche Person Rahmenbedingungen, inhaltliche Schwerpunkte oder personelle Entscheidungen in Frage.
Paternalismus des Vorstands
Als Paternalismus wird die lenkende und Entscheidungen vorwegnehmende Handlungsweise von bestimmten Personengruppen bezeichnet. Paternalismus zeichnet sich durch ein Machtgefälle aus. Heribert, der Vorsitzende, agiert als wohlwollender, aber autoritärer „Sonnenkönig“, entscheidet (normalerweise) was als gut und richtig für die Mitglieder erscheint. In Stück und Film wird deutlich, dass die Macht des Vorstands nicht nur im Budget liegt, sondern in der Deutungshoheit darüber, was im Verein als „normal“ und als „integriert“ gilt.
Die taktische Steuerung des Vorsitzenden (oder des Vorstandes eines Vereins) bedingt die „Schlinge“ der Höflichkeit. Man ist sich einig. Keiner will als „Spielverderber“ oder „unintegriert“ gelten. Diese soziale Abhängigkeit vom Wohlwollen der „Institutions-Hierarchie“ führt für den Einzelnen zuweilen zur völligen Entfremdung dessen, was er selber für gut und richtig hält. Da gerät das vermeintliche integrative Angebot des Vorstands (ein Gemeinschaftsgrill für alle) gleichzeitig zum Ausgrenzungstool, wenn ein zweiter Grill für eine einzelne Person gefordert wird.
Kann man eine „Extrawurst“ für sich in Anspruch nehmen?

Die Extrawurst für sich in Anspruch zu nehmen, oder wie im Fall von Erol nehmen zu müssen, hat Konsequenzen. Führt doch gerade die, potentiell durch das Tennisass Melanie aufgezwungene Extrawurst, bei dem in den Genuss einer Sonderleistung kommenden Erol, zu Ohnmachtsgefühlen. Die „freundliche“ Bevormundung führt dazu, dass er gerade durch die Geste der Besonderheit, zum Außenseiter wird. Die Falle zwischen gezeigter Absurdität und „sozialer Hinrichtung“ wird deutlich. Die Frage des Zusatzgrills für das einzige türkische Mitglied des Vereins entscheidet über das Wohlfühlen und die Identitätskrise eines Menschen.
Fazit: Am Beispiel Extrawurst wird deutlich, wie die Biederkeit und die subtile Arroganz des Bürgertums in einem Verein entlarvt werden kann und darüber hinaus, welche Rolle der „Grauen Eminenz“ im Hintergrund zukommt. Es geht dabei nicht darum, einen fiesen Schurken zu entlarven, sondern um Jemanden, der überzeugt davon ist das Richtige zu tun, während er einen anderen einfach nur bevormundet. Dabei wäre es doch ganz einfach, die Regeln der Kommunikation zu beachten, anstatt sie beherrschen zu wollen. Die Abhängigen verzweifeln, weil sie in einem System feststecken, in dem „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut gemacht“ ist. Kerkeling und Co. machen das Unsichtbare durch Humor sichtbar, aber sie nehmen ihm nicht den Schrecken.



