Auf den Tiger gekommen – Gedankenspiele zu Menschen und Tigern in Büchern, Filmen, Oper
Auf den Tiger ist nicht nur der UniWehrsEL Leser I. Burn gekommen, sondern vor ihm gab es schon ein unerhört erfolgreiches Buch, indem sich auch alles um einen Tiger dreht. Den Schriftsteller Yann Martel zog es schon in den 90er Jahren in die Ferne und seine Recherchen führten ihn in die Fremde. Dabei kamen ihm Rezensionen in einer amerikanischen Zeitung über einen Roman des Brasilianers Moacyr Scliar in den Sinn. In ‚Max and the cats‘ wurde die Geschichte eines jüdischen Jungen erzählt, der sich nach einem Schiffbruch mit einem Jaguar in einem Rettungsboot wiederfindet. I. Burns Tiger hat nun wiederum mit dem Schiffbruch gar nichts zu tun. Vielmehr geht es um eine Arie Mozarts, die da lautet: „Tiger! wetze nur die Klauen.“
Liebes UniWehrsEL,
Martel beschreibt im Vorwort seines Romans ‚Schiffbruch mit Tiger‘, dies sei die Idee für seine eigene Geschichte. Zwar beziehe, sich diese auf eine andere, sei aber doch ganz anders. Also von Plagiat könne da keine Rede sein. Vielmehr gäbe es spontane Einfälle und amüsante Einsichten, die zu einer Geschichte um einen indischen Jungen führen, der nach einem Schiffbruch zusammen mit einem Tiger monatelang durch den Pazifik trieb.
Wer den Namen Mozart hört, denkt meist sofort an die Zauberflöte. Wer den Namen des Regisseurs und Drehbuchautors Ang Lee hört verbindet ihn mit dem RomanSchiffbruch mit Tiger von Yann Martel. Wer an Moacyr Scliar denkt, verbindet diesen wohl mit Kafka, denn sein Roman „Kafkas Leoparden“ hat auch etwas mit Tieren zu tun. Denn da dringenwilde Leoparden in ein Gotteshaus ein, trinken das heilige Wasser. Und weil man die Übergriffe schließlich in den rituellen Gottesdienst integrieren will, wird ein regelmäßiges tierisches Ritual zum Teil einer Zeremonie.
Was ist daraus die gemeinsame Schnittmenge? Richtig, Menschen und ihr Umgang mit Tieren sind die Themen, die auch im Seminar „Anima(l)“ auftauchen. Mir geht es aber bei allem Vorgeplänkel nur um eins. Ich möchte auf eine weniger bekannte Arie aufmerksam machen: „Tiger! wetze nur die Klauen.“
Die Arie stammt aus Mozarts fragmentarischer Oper „Zaide„. Sie ist nicht so berühmt wie „Der Vogelfänger bin ich ja“, gewinnt aber aktuell neues Interesse durch die Aufführungen des Fragments bei den Salzburger Festspielen 2025. Zaide gilt als Vorläufer von Mozarts späterer Entführung aus dem Serail. Anders als diese Oper blieb Zaide unvollendet; Mozart fand keinen passenden Schluss. Die Entführung hingegen endet mit einem Happy End. Das macht Zaide noch eindringlicher: hier bleibt vieles offen.
Ich möchte die Arie „Tiger! wetze nur die Klauen“ analysieren. Tiere fungieren oft als Spiegel der (menschlichen) Seele. Genau diese Sichtweise steht im Zentrum des Seminars „Anima(l)“. Die Arie bietet dafür reichlich Material. Mozarts kurze, aufwühlende „Tiger! wetze nur die Klauen“-Arie aus der fragmentarischen Oper Zaide verdient es, über ihr dramatisches Klangbild hinaus als dichterisches und psychologisches Gleichnis gelesen zu werden. Ich habe diese Arie als Zugabe auf verschiedenen CDs schon öfter angehört, weil diese Arie sehr dramatisch und eingängig ist.
Die Szene kurz erklärt Zaide ist gefangen. Ihre Flucht aus dem Palast des Sultans ist gescheitert. Direkt vor der Arie sagt sie: „Du hieltest mich für ein Lamm, aber du wirst erfahren, dass ich ein Tiger bin.“ Diese Aussage ist wichtig. Sie widerspricht dem Bild der hilflosen Frau. Zaide behauptet ihre Handlungsfähigkeit. Zugleich klingt die Aussage verzweifelt. Sie ist wagemutig, vielleicht tollkühn, vielleicht auch von Verzweiflung getrieben. Der Text der Arie Tiger! wetze nur die Klauen, freu‘ dich der erschlichnen Beut‘. Straf‘ ein törichtes Vertrauen auf verstellte Zärtlichkeit. Komm‘ nur schnell und töt‘ uns beide, saug‘ der Unschuld warmes Blut. Tiger! reiss‘ das Herz vom Eingeweide und ersätt’ge deine Wut. Ach mein Gomatz! mit uns Armen hat das Schicksal kein Erbarmen. Nur der Tod endigt unsre herbe Not.
Gesungen von Zaide, nachdem ihre Flucht in den Palast des Sultans gescheitert ist, formuliert die Arie in konzentrierter, fast animalischer Bildsprache einen Moment extremer Verzweiflung, Selbstanklage und Todessehnsucht — und öffnet zugleich einen Raum für mehrere Lesarten des Bildes vom „Tiger“. Zaide tritt auf in einem Augenblick, in dem alle Flucht- und Rettungsoptionen erschöpft scheinen. Ihr innerer Monolog wechselt von äußerster Angst zu einer vokalen Aufforderung an eine imaginierte Bestie. Die Arie ist kein Triumphlied, sondern vielmehr ein resignatives Ritual, das dem Publikum den Zustand der Protagonistin unmittelbar erfahrbar macht: Hoffnungslosigkeit, Selbstvorwurf („Straf‘ ein törichtes Vertrauen“) und der Wunsch nach endgültigem Ende („Nur der Tod endigt unsre herbe Not“).
Gerne möchte ich mögliche Deutungen des Tiger-Bildes wagen. Der Tiger könnte für den Feind stehen. Also den Sultan der Zaide bedroht. Der Tiger steht für die unmittelbare und unbarmherzige Gewalt — den Sultan, seine Macht, die Willkür des Hofs oder die drohende physische Vernichtung durch die Soldaten des Sultans. In dieser Lesart ist die Aufforderung, „nur die Klauen zu wetzen“, eine ironisch resignierte Übergabe an die überlegene Macht.
Eine andere Auslegung könnte sein ein Apell Zaides an ihre innere Bestie. Der Tiger kann auch Zaides eigene zerstörerische Sehnsucht nach Erlösung durch den Tod repräsentieren — ein Impuls, der aus Scham, Ohnmacht und Selbstvorwurf entsteht. Die Zeile „saug‘ der Unschuld warmes Blut“ klingt, als wünschte sie sich, das Unschuldige (sich selbst) möge brutal ausgelöscht werden, um die seelische Qual zu beenden. Zaide befindet sich in der Opferrolle und im inneren Widerstand zugleich: Das Tierbild ist ambivalent: Es verdammt die Welt (das „verstellte Zärtlichkeit“) als heuchlerisch und fordert gleichzeitig die Vernichtung. So wird der Tiger zu einem Spiegel von Zaides innerer Zerrissenheit zwischen Opferbewusstsein und einer letzten, mutigen Selbstbehauptung.
Die Vorbemerkung „Du hieltest mich für ein Lamm, aber du wirst erfahren, dass ich ein Tiger bin“ Diese Worte sind eine Wende. Sie fordern dazu auf, Zaide nicht länger als wehrlos zu sehen. Es ist ein letzter Versuch, Macht zurückzufordern. Die Aussage ist mutig. Sie ist auch gefährlich. Sie kann als wahnhafter Akt der Verzweiflung gelesen werden. In jedem Fall ist sie psychologisch bedeutend: Stolz, Trotz und Resignation liegen hier eng beieinander.
Der Satz kann als Provokation vom Sultan aufgefasst werden: Die Aussage wendet die Zuschreibung von Passivität ins Gegenteil; Zaide beansprucht Handlungsfähigkeit gegenüber dem Sultan und droht mit einer Eskalation der verfahrenen Situation. In dramaturgischer Hinsicht ist das ein letzter Versuch, sich demütiges Verhalten des Sultans zu verweigern und sich als gefährliche Person darzustellen. Der Satz kann aber auch als Warnung/Versuch der Selbstbehauptung interpretiert werden: Vor Publikum und Peiniger setzt sie ein Zeichen — sie will nicht länger als Opfer angesehen werden. Der Satz kann aber auch ein Ausdruck innerer Verzweiflung sein: In Verbindung mit der Arie wird die Aussage ambivalent; sie kann auch die Verzweiflung einer Person in Szene setzen, die zur Selbstzerstörung neigt und deshalb „tigerhaft“ oder vielleicht „wehrhaft“ werden will.
Mit freundlichen Grüßen an Ihre Leser und der Bitte um einen Kommentar unter Kontakt
I. Burn
Herzlichen Dank für die beeindruckenden Fotos der Tiere auf Pixabay!
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