Im UniWehrsEL werden Filmtipps gerne entgegen genommen. So möchte eine Leserin ihre Gedanken zu dem bewegenden Film „Die leisen und die großen Töne“ mit Ihnen teilen. In einer Welt, in der oft die Vorhersehbarkeit von Handlungskurven dominiert, bringt dieser Film eine ergreifende Botschaft voller Hoffnung mit sich. Der Film erzählt die Geschichte von Thibaut Desormeaux, einem berühmten Dirigenten, der nach einem Schwächeanfall während einer Probe mit der erschütternden Diagnose Leukämie konfrontiert wird. In seiner Not hofft er, von seiner Schwester gerettet zu werden, doch die schockierende Entdeckung, dass sie nicht biologisch verwandt sind und er adoptiert wurde, bringt ihn auf eine neue Suche: die nach seinem leiblichen Bruder Jimmy Lecocq.

Hoffnung kann als der Glaube an eine positive Wendung oder die Möglichkeit, dass das Leben unerwartete Überraschungen bereithält, definiert werden. Sie ist der Antrieb, der uns dazu bewegt, in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben und das Beste aus den gegebenen Umständen zu machen. In dem Film verkörpert Thibaut Desormeaux diesen Glauben, während er sich mit der schockierenden Wahrheit über seine Herkunft konfrontiert sieht. Seine Reise, von einem prominenten Dirigenten hin zu seiner Suche nach seinem leiblichen Bruder Jimmy, ist nicht nur eine Suche nach Verwandtschaft, sondern auch eine Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten und der Ungleichheit ihrer Lebenswege zeigt sich, wie wichtig die Verbindung zwischen den beiden Brüdern ist.
Jimmy, der in der nordfranzösischen Provinz als Kantinenkoch arbeitet, ist zu Beginn ablehnend und sagt: „Ich habe keinen Bruder, ich habe damit nichts zu tun.“ Diese Worte unterstreichen seine innere Zerrissenheit und Entfremdung. Doch nach der Fürsprache seiner Adoptivmutter erkennt er, dass auch er adoptiert wurde und lässt sich schließlich auf die Spende ein. Thibaut setzt große Hoffnung in seinen Bruder – nicht nur als Knochenmarkspender, sondern auch als jemand, der ihm helfen kann, in seinem eigenen Leben eine neue Perspektive zu finden.
Jimmy muss allerdings mit mehreren Rückschlägen fertigwerden. Der von ihm und den Bergleuten angestrebte Auftritt auf einem Festival wird zum Fiasko, als er von einem anderen Musiker einer Bergkapelle als „der Typ im Internet – der Dirigent mit Schöpfkelle“ verspottet wird. Ein heimlich gefilmtes Video von seinem Üben des Dirigierens landete im Internet und stellte nicht nur seine Fähigkeiten, sondern auch seine Würde in Frage. Diese Erfahrung verdeutlicht die Gefahren der digitalen Medien, die in der heutigen Zeit oft zu einer Plattform für Mobbing und öffentlichen Spott werden können. Darüber hinaus scheitert Jimmy bei einem Casting, das für ihn die Chance auf eine Karriere als professioneller Musiker hätte bedeuten können. Die anderen Bewerber verfügen einfach über bessere Ressourcen. Jimmy hat den Traum, Profimusiker zu werden, doch er sieht sich selbst gegen die Konkurrenz von Profis verloren, die oft bis zu 15 Stunden am Tag üben. Dieser gescheiterte Traum reflektiert die ungerechten Strukturen des Kapitalismus, die Talent und Hingabe oft nicht belohnen, wenn nicht die notwendigen Ressourcen vorhanden sind. In einem System, das oft die Schwächeren benachteiligt, ist der Weg für jemanden wie Jimmy voller Hürden.
Zusätzlich muss Jimmy verkraften, dass er seinen Job als Koch verliert, nachdem er heimlich Essen an die streikenden Bergarbeiter verteilt hat. Diese humanitäre Geste, die einen Ausdruck seiner Solidarität darstellt, führt zu seinem Ausschluss aus der Gemeinschaft, in der er einst ein wichtiger Teil war. Die Herausforderungen, die er bewältigen muss, lassen ihn zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwanken, während er darum kämpft, in einem System zu überleben, das oft keinerlei Rücksicht auf den Einzelnen nimmt.
Die Bergleute, die im Film ebenfalls eine zentrale Rolle spielen, symbolisieren den Kampf um ihre Existenz. Sie stehen vor der Bedrohung, dass die Fabrik schließt und ihre Arbeitsplätze wegfallen. Ihr Mut, für ihren Lebensunterhalt zu kämpfen, wird zum Spiegelbild einer Gesellschaft, die im Angesicht des Kapitalismus häufig die Menschen hinter den Maschinen vergisst. Thibaut, der die Leitung der Kapelle übernimmt, bringt frischen Wind und Hoffnung in das triste Leben der Bergleute, die zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen und ihre Träume nicht aufgeben.
Hier wird deutlich, wie die gesellschaftlichen Verwerfungen in Frankreich, besonders in der Arbeitswelt, jeden einzelnen Menschen betreffen. Die Bergleute, die unter prekären Bedingungen arbeiten, sehen in Thibaut eine Chance auf Veränderung, eine Hoffnung auf das, was möglich wäre, wenn sie als Gemeinschaft zusammenstehen.
Als Thibaut schließlich erfährt, dass sein Bruder ihm nicht das nötige Knochenmark spenden kann, ist das ein herber Schlag für ihn. Doch statt der Hoffnung auf Heilung sieht er, dass das, was ihm bleibt, die Fähigkeit ist, die Verbindung zu seinem Bruder zu stärken und kurvenreiche Wege des Lebens nachzugehen. Diese Wendung lehrt ihn, dass jeder Moment kostbar ist.
Jimmy, der sich in seinem Leben mit finanziellen und sozialen Herausforderungen auseinandersetzen muss, hat den Eindruck, dass er vom Schicksal benachteiligt wurde. Doch als die beiden Brüder sich näherkommen, offenbart sich eine tiefere Verbindung.
Ihre gemeinsame Liebe zur Musik und das musikalische Talent, das sie teilen, eröffnen neue Perspektiven und Möglichkeiten. Thibaut bringt Jimmy nicht nur bei, zu dirigieren, sondern er zeigt ihm auch, dass er wertvoll ist und dass aus ihrer Beziehung etwas Wundervolles entstehen kann.
Die Hoffnung pulsiert durch jede Szene, sei es in den berührenden Momenten am Klavier oder im Wettkampf, den sie gemeinsam bestreiten. Regisseur Emmanuel Courcol schafft es, die Zuschauer nicht nur mit der Musik, sondern auch mit der emotionalen Tiefe der Charaktere zu fesseln. Es ist eine Erinnerung daran, dass es selbst in der dunkelsten Zeit Lichtblicke gibt und dass Veränderung möglich sind, wenn man den Mut hat, sich aufeinander einzulassen und Hilfe anzunehmen.
Ein kraftvoller Film, der die Themen Identität, Hoffnung und die Herausforderungen des Kapitalismus eindringlich behandelt. Thibaut und Jimmy stehen symbolisch für die Kämpfe vieler Menschen, die in einem System leben, das oft talentierte Einzelne ignoriert.
Die Gefahren digitaler Medien, die Realität der Bergleute und die Rückschläge im Leben der Protagonisten verdeutlichen, wie wichtig Solidarität ist.
Liebe Grüsse
Shelly Neshville


