Der Film „No other choice“ wird als eine südkoreanische „schwarze“ Komödie und Thriller angepriesen. Regisseur ist der bekannte Park Chan-wook. Zu sehen ist er seit Februar 2025 in Frankfurt in den Arthouse Kinos. Basierend auf dem Kriminalroman The Ax von Donald E. Westlake dreht sich die Story um den Familienvater Man-soo (gespielt von Lee Byung-hun), der nach 25 Jahren ehrenvoller Arbeit in einer Papierfabrik seinen Job verliert. Es ist aber nicht nur irgendein Job, sondern einer, der für ihn identitätsbildend war. Mit der Krisensituation entdeckt Man-soo für sich das alles rechtfertigende Mantra „Keine andere Wahl“.
Nun ist er also vom angesehenen Manager zu Gelegenheitsjobs und schließlich Arbeitslosigkeit degradiert worden. Geblieben sind ihm bislang, trotz drastischer Sparmaßnahmen seiner Frau, das mühsam wieder erworbene Elternhaus und der prächtige Wintergarten, indem er liebevoll seiner Bonsai-Leidenschaft nachgeht.
Vom „Perfekt live“ mit Haus, Garten, Frau, zwei Kindern und zwei Hunden, mit Gartengrill und vom Chef geschicktem Aal darauf, bis hin zur ungewollten Arbeitslosigkeit ist es ein steiniger unfreiwilliger Weg. Er verdankt diese Umstellung seines gesamten Lebens der KI, die Arbeiter entlässt, die er anfangs noch selbst sehr bedauert, bis sie auch ihn aus der Papierproduktion wegrationalisiert.
Begleitet wird diese Zwangsmaßnahme durch ein Selbstwert-Training. Man-soo wird sich solange rhythmisch gegen die Schläfen klopfen bis er für sich selbst verinnerlicht hat, ein guter Mensch zu sein, der nicht arbeitslos geworden ist, weil es dies so wollte. Daraus scheinen für ihn nicht nur unerträgliche Zahnschmerzen, sondern auch die Idee der Alternativlosigkeit zu erwachsen.
Nachdem nun Zweitwagen, Tennis, Grillfleisch und Netflix gestrichen werden müssen und als einziges zunächst die Cellostunden für die kleine, nicht sprechende bzw. sprachlose Tochter bleiben, sucht Man-soo nach einer Möglichkeit, den letzten passenden Job in der Fabrik zu ergattern. Das bedeutet, die Konkurrenten mit mehr Erfahrungen müssen weg.
Immer schneller dreht sich die Abwärtsspirale. Die beiden Labradore werden von den Großeltern abgeholt, weil man sich so viele Familienmitglieder „nicht mehr leisten kann“. Zur schweigsamen Tochter, die sich zunehmend in die leeren Hundehütten zurückzieht, um dort imaginär weiter Cello zu spielen, ist es schwer Kontakt aufzunehmen. Dabei ist es gerade für sie, wie die Cello-Lehrerin die Eltern wissen lässt, lebensnotwendig, durch ihre musikalische Begabung später einmal alleine ihr Leben sichern zu können.
Man-soo sagt sich, immer wieder auf seine inzwischen stark schmerzende Backe klopfend, er habe keine andere Wahl. Ein Mantra, um sich von nun an selbst für seine folgenden ungeheuren Taten anzufeuern. Aus seiner Krisensituation zieht er mörderische Konsequenzen.
Hauptdarsteller Lee Byung-hun (»Squid Game«) spielt die Rolle des Verletzten, von Scham und gleichzeitig Verbissenheit geplagten Familienvaters, perfekt. Anfangs noch sympathisch in der Rolle des verständnisvollen Managers, des liebevollen Ehemanns und Vaters (und Ersatzvaters für den Sohn), mutiert er zunehmend zu einer Person, deren monströses Verhalten abschreckend wirkt. Trotzdem seine Frau Mi-ri (Son Ye-jin) wieder anfängt zu arbeiten, was wiederum viel Anlass zu Eifersucht gibt, ist die Schmerzgrenze von Man-soo erreicht. Immer gnadenloser schaltet er die qualifizierten Mitbewerber aus.Das Verschweigen der tatsächlichen Vaterschaft des Sohnes, genau wie das Verheimlichen seiner grausamen Pläne gegenüber seiner Frau, das Misstrauen gegnüber ihrer Treue zu ihm, verraten seinen tiefen Verlust des Selbstwertgefühls.
Der Regisseur Park Chan-wook verwebt sozialen Druck, die Angst vor dem Abstieg durch Automatisierung und KI sowie moralische Abgründe zu einer scharfen Gesellschaftssatire, bei der einem selbst das Schmunzeln zuweilen im Halse stecken bleibt. Man-soos Opfer erwecken in ihrer Erbärmlichkeit, ob arbeitsloser Säufer oder kriecherischer Schuhverkäufer bis hin zum selbstherrlichen Unsympath, zwar wenig Mitleid. Aber die Hinrichtung des Letzteren mit Bomben-Shots á la Poktanju, einem koreanischen Trinkritual, in dem Whiskyshots in Biergläsern versenkt und auf ex getrunken werden,
zeigt eine übertriebene Tendenz zur Maßlosigkeit. Und damit der Qual nicht genug, wird der Gewaltexzess bis zur bitteren Neige fortgesetzt; das ist weniger bizarr als einfach widerwärtig. Selbst vor einer surrealen Zahnextraktion bei sich selbst schreckt Man-soo nicht zurück. Psychologisch als der schmerzhafte Höhepunkt und der Verlust aller seiner Illussionen zu deuten?
Hoch gelobt
Der Film feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig im August 2025 und erhielt dort minutenlange Standing Ovations. Er wurde als südkoreanischer Beitrag für den Besten internationalen Film bei der Oscarverleihung 2026 eingereicht. In Südkorea gewann er sieben Blue Dragon Awards, unter anderem für die beste Regie und die beste Hauptdarstellerin. Gelobt wurden die visuelle Brillianz, der groteske Humor und die präzise Inszenierung, die oft mit Bong Joon-hos Parasite verglichen wird.
Die literarische Vorlage lieferte 1997 The Ax (Die Axt) von Donald E. Westlake. Im Buch ist die Hauptfigur Burke Devor, ein 52jähiger Manager einer Papierfabrik, der infolge von Rationalisierungsmaßnahmen seiner Firma beschließt, seine qualifizierten Mitarbeiter um eine Stelle bei einer Konkurrenzfirma zu ermorden. Devore schaltet dazu eine Stellenanzeige in einer Fachzeitschrift, um die Lebensläufe seiner Konkurrenten zu erhalten. So identifiziert er seine Opfer und schaltet sie nacheinander aus.
Der Roman The Ax gilt als scharfe Kritik am Turbokapitalismus und dem „Downsizing“ der 90er Jahre. Er zeigt den moralischen Abstieg eines „normalen“ Menschen, der sein Handeln als rein logische geschäftliche Notwendigkeit rechtfertigt. Westlake nutzt hier das Element des Hardboiled-Krimis, mischt es jedoch mit einer tiefen psychologischen Studie und schwarzem Humor.
Unterschiede zur Verfilmung in Korea und in Frankreich
Während der Roman The Ax im Amerika der 90er Jahre spielt, verlegt Park Chan-wook die Handlung von „Keine andere Wahl“ in das moderne Südkorea. In der Verfilmung werden die Ängste vor dem sozialen Abstieg durch aktuelle Themen wie Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI) ergänzt, um die existenzielle Not der Hauptfigur Man-soo zu unterstreichen.
Auch die französiche Verfilmung Le Couperet (deutsch Die Axt, 2005) basiert auf dem Buch Die Axt von Donald E. Westlake. Regie führte, der vor allem für seine politisch engagierten Filme bekannte Regisseur Costa-Gavras.

Auch hier ist die Handlung der tiefschwarzen Satire im Wesentlichen gleich, aber die Regisseure haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Costa-Gavras konzentriert sich stark auf die europäische Konsumgesellschaft und die Auswirkungen des Raubtierkapitalismus auf das Individuum in den 2000ern. Park Chan-wook verlegt die Handlung in das heutige Südkorea und integriert moderne Ängste vor Automatisierung und Künstlicher Intelligenz. Sein Stil ist stärker geprägt durch extrem schwarzem, teils überboardendem Humor, der schon an Grausamkeit grenzt. Die Kernfrage bleibt: wie kann man ein „No other choice“ in „One new chance“ umsetzen?




