Kritik: „Der journalistische Hochstapler, oder: Der Fall Relotius“ und der Film „Tausend Zeilen“
Nicola Gess hat sich mit Halbwahrheiten im Kontext des politischen Diskurses, aber auch im Kontext von Verschwörungstheorien oder von Praktiken der Hochstapelei beschäftigt. Im Fall des journalistischen Hochstaplers Claas Relotius („Der journalistische Hochstapler …“ (Gess, 2022, S. 49), der für seine Spiegel-Reportagen Personen, Situationen und Zitate erfunden hat, um daraus eine gute Story zu machen, spricht Gess von einer geschickten Tarnung. Er habe diese fiktionalen Anteile so verpackt, dass es immer auch größere oder kleinere Anteile gab, die tatsächlichen Ereignissen oder existierenden Personen entsprachen. Damit würde klar, wie Relotius in seinen Reportagen virtuos mit Halbwahrheiten jongliere. Dazu ein Leserbrief im UniWehrsEL, der die Verfilmung des Relotius-Skandals als „Schatten einer Realität“ versteht.
Liebe Seminar-Talk Leser des UniWehrsEL,
mit großen Erwartungen betrat ich an jenem Abend das Kino, um Tausend Zeilenzu sehen, die Verfilmung des Relotius-Skandals unter der Regie von Bully Herbig. Die Affäre Relotius hatte mich seit ihrer Enthüllung im Dezember 2018 tief beschäftigt – ein Skandal, der die Grundfesten des Journalismus erschütterte und das Vertrauen in renommierte Medien nachhaltig beschädigte. Ich erhoffte mir von diesem Film eine packende und schonungslose Auseinandersetzung mit den Abgründen eines preisgekrönten Hochstaplers. Doch stattdessen war ich am Ende nur enttäuscht.
Der Humor des Films, auf den offenbar große Teile der Inszenierung gesetzt wurden, wollte einfach nicht zünden. Wie kann man eine so tiefgreifende Affäre, die den Journalismus in seinen Grundwerten infrage stellt, mit leichter Komik darstellen?
Die Verfilmung des Relotius-Skandals, Tausend Zeilen, unter der Regie von Bully Herbig, hätte eine Gelegenheit sein können, die perfide Tiefe und die verheerenden Auswirkungen seiner Täuschungen eindrucksvoll zu beleuchten. Doch anstelle einer scharfen und eindringlichen Analyse gleicht der Film eher einem Abklatsch von Schtonk! – einer gelungenen Satire über die gefälschten Hitler-Tagebücher, die mit bissigem Humor und präziser Charakterzeichnung überzeugt. Tausend Zeilen hingegen bleibt flach und bemüht.
Schtonk! nutzte den Skandal um die Hitler-Tagebücher geschickt, um die Lächerlichkeit und Absurdität der Ereignisse in eine humorvolle, aber dennoch scharfsinnige Satire zu verwandeln. Der Humor war beißend und traf den Kern des Problems, während er zugleich die Schwächen der beteiligten Akteure aufzeigte.
Tausend Zeilen versucht, diese Strategie zu übernehmen, scheitert jedoch daran, die Balance zwischen Humor und der Ernsthaftigkeit des Relotius-Skandals zu finden. Statt treffendem Witz bleibt der Film in plumpen Pointen stecken, die die tiefere Tragweite der Geschichte untergraben. Die Darstellung von Claas Relotius durch Jonas Nay verstärkt die Schwächen des Films weiter. Nay wirkt selbstverliebt, überfordert und emotional fragil – Eigenschaften, die in starkem Kontrast zu dem kühl kalkulierenden und manipulativen Relotius stehen, wie ihn der SPIEGEL in seiner Aufarbeitung beschrieben hat. Der echte Relotius war ein Lügner, der gezielt persönliche Abhängigkeiten schuf und ein raffiniertes Netz aus Unwahrheiten spann. Nay hingegen verkörpert eine Figur, die eher wie ein verlorener Opportunist erscheint, weit entfernt von der strategischen Raffinesse des tatsächlichen Betrügers.
Ein weiterer verfehlter Aspekt ist die Darstellung von Juan Moreno, dem mutigen Journalisten, der den Relotius-Skandal ans Licht brachte. Statt ihn als entschlossenen Whistleblower und Kämpfer für die Wahrheit zu präsentieren, wird seine Figur im Film beinahe selbst zweifelhaft dargestellt. Dies untergräbt die Bedeutung seines Beitrags und vernebelt die zentrale moralische Botschaft des Films. Hier wird eine Gelegenheit vertan, die Heldentat Morenos angemessen zu würdigen.
Die Figur Relotius hätte das Potenzial gehabt, als ein moderner Trickbetrüger im Stil von Frank Abagnale Jr. aus Catch Me If You Can dargestellt zu werden – jemand, der mit Charme, Fiktion und Täuschung die Realität manipuliert. Doch während Abagnales Geschichte die faszinierende Dualität von Täuschung und Wahrheit meisterhaft einfängt, fehlt Tausend Zeilen diese Nuance vollständig. Abagnale war der meistgesuchte Hochstapler und Scheckbetrüger der 60er-Jahre, und Hollywood machte seinen Witz und Charme zur Legende: Frank Abagnale gab sich als Arzt aus, als Pilot und ergaunerte 2,5 Mio. Dollar. Relotius war kein charmanter Hochstapler, sondern ein manipulativer Charakter, der gezielt Vertrauen ausnutzte, um sich selbst zu profilieren.
Der Spiegel selbst legte den Betrug im eigenen Haus letztlich offen. Die Welt schrieb darüber, dies sei keine „Petitesse“, die schnell wieder vergessen werde. Auch wenn die über mehrere Jahre von Relotius fabrizierten Reportagen in die Kategorie der gefälschten Hitler-Tagebücher, auf die der „Stern“ 1983 hereinfiel, gehöre. Der Fall Relotius hatte aber zudem eine historische Dimension, weil er sowohl die Kontrollmechanismen wie das Selbstverständnis des „Spiegels“, aber auch des journalistischen Betriebs insgesamt infrage stelle.
Mein Fazit:Tausend Zeilen unter der Regie von Bully Herbig bleibt eine oberflächliche Adaption des Relotius-Skandals. Der Humor zündet nicht, die Charaktere sind schwach gezeichnet, und die psychologische Tiefe des echten Relotius wird nicht erfasst. Was hätte ein aufwühlendes, tiefgründiges Werk über Betrug und Manipulation sein können, verkommt zu einem blassen Schatten seiner Realität – und ist damit letztlich eine Enttäuschung für Zuschauer, die sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem der größten Medienskandale unserer Zeit erhofft hatten.
Liebe Grüße
I. Burn
Lesen Sie dazu auch: Leserbrief: Der Fall Relotius – ein journalistischer Titanic-Moment
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