In unserem Seminar Anima(L) haben wir Tiere aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet; sei es wegen ihrer Faszination, ihrer Ästhetik oder auch Symbolik. Sie erscheinen uns als mächtig und stark, stehen aber auch für ein friedliches Miteinander, als Zeichen der Weisheit und Fruchtbarkeit. Die Emotionen und auch das zunehmende Wissen über Tiere lässt sie auch in der Kunst zu einem wesentlichen Thema werden. Das konnten wir bei einer Führung im Frankfurter Liebieghaus mit Pfarrer Schnell, der uns schon eine wunderbare Führung im Frankfurter Städel zum Thema der Tiere bot, am 26.02.26 gemeinsam erleben.

In unserem Rundgang zur Ausstellung „Tiere sind auch nur Menschen“ im Frankfurter Liebieghaus, vermittelt uns einmal mehr Pfarrer Schnell einen ganz besonderen Blick auf bronzene Tierskulpturen des Bildhauers August Gaul. Es rundet unser Seminar nicht nur trefflich ab, vielmehr lieferte diese Führung nochmals andere interessante Zugänge zu unserem Seminar über „Mensch und Tier“.

Gauls Werk ist facettenreich. In seiner Zeit von 1869-1921 eröffnete er mit seinen anmutigen bis realistischen Tierdarstellungen um 1900 nicht nur dekorative Bildhauerei, sondern auch einen Einblick in die Seele des Tieres. Die bisherige Darstellung als Symbolik für Macht und Herrschaft ist nicht Gauls Ding. Für ihn sind diese Wesen autonom und präsent in unser aller Alltagswelt.
Gar nicht weit von uns entfernt wurde August Gaul in Großauheim geboren. Er war Mitglied der Berliner Sezession, prägte im Kreis von Max Liebermann
und Paul Cassierer eine neue Kunstauffassung, die weder vom Historismus, noch vom Repräsentationsbedürfnis geprägt war.
Gauls Liebe galt sowohl der monumentalen Skulptur in Stein und Bronze, als auch der Klein- und Kleinstformate, die als praktische formschöne Helfer wie beispielsweise als Briefbeschwerer dienen konnten.
Gaul war zunächst Schüler an der Preußischen Zeichenakademie in Hanau, um dann 1888 nach Berlin zu gehen und Meisterschüler beim Bildhauer Reinhold Begas (1831-1911) zu werden.

Für unser Seminar spannend und ergänzend waren die Ausführungen Pfarrer Schnells auf das Tier durch den menschlichen Bick, der von Extremen gekennzeichnet ist. Vom „niederen“ Wesen der Schöpfung, bis zur Massentierhaltung und dem Tierexperiment gerät das Tier zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses.
Auch der Umgang mit Tieren ist durchaus zu allen Zeiten und an untesrchiedlichen Orten anders gewesen und ist es heute noch. Kindern wird heute beigebracht, mit den Tieren achtungsvoll umzugehen,

anders bei der ‚Vor-Gaul’schen Zeit‘, wo man in Darstellungen durchaus seine Freude daran hatte, wenn Kinder Tiere dominierten und auch quälten.
Tiere und die Entdeckung der göttlichen Kraft findet man bei Stieren, lauschen wir Schnells Erläuterungen, auch bei Käfern, Ibissen oder Falken. Ihre Bedeutung wird erkennbar, weil sie sogar einbalsamiert wurden.
Wir schauen uns gemeinsam um bei den rund hundert Tierplastiken aus Bronze, Keramik und Marmor, ein Dialog mit Skulpturen aus drei Jahrtausenden. Erstaunt hören wir von dem Urang-Utan, Eselsreiter oder Löwen, die den Mythos des Tiers in seinen Facetten begleiten.

Seine Liebe zum Tier entdeckte Gaul bei einer Lotterie, die ihm lebenslangen freien Zugang in Berlins Zoologischen Garten gewährte. Er bezeichnete den 1890 gewonnenen Preis der Freikarte als den eigentlichen Beginn seines Studiums. Nach sorgfältigem Freiluftstudien betrachtete er die Tiere nicht als Statisten von Jagdszenen, sondern studierte ihre alltäglichen Routinen, Bewegungsabläufe und Stimmungen. Er verbrachte oft den ganzen Tag damit, einzelne Bewegungen wie etwa das Laufen des Orang-Utans zu beobachten, bevor er sie in Ton oder Bronze festhielt.
Er liebte Tiere als eigenständige Individuen, erwarb später zwei eigene Esel, und trachtete, die Würde jeden Tieres so darzustellen, dass sie weder vermenschlicht noch heroisiert erschienen.
Besonders faszinierend erschien in der Führung seine „Arche Noah“ als Werkgruppe. Er nutzte das biblische Motiv, um die Vielfalt des Tierreichs kompakt darzustellen. Pfarrer Schnell erläuterte Gauls Ansatz sowohl aus biblischer Perspektive, als auch in der Symbolik für Schutz, Neuanfang und den Fortbestand des Lebens.
„Biblische Motive wie die Sintflut, die Arche Noah oder das „Lamm Gottes“ thematisierten die Verantwortung des Menschen für Tiere und ihre symbolische Bedeutung als Opfer und Schutzwesen. Lämmer treten in jüdischer, christlicher und islamischer Tradition auf. Gaul verband religiöse Symbolik mit lebensnaher Tierdarstellung. Wissenschaftliche Diskurse, insbesondere Charles Darwins The Expression of the Emotions in Man and Animals (1872), inspirierten den Künstler zudem, die Ausdruckskraft von Tieren präzise zu beobachten, während Rudyard Kiplings Dschungelbuch (1894/95) literarische Anknüpfungspunkte lieferte, um das Tier als Spiegel, Gefährten und eigenständiges Wesen darzustellen.“

Anstatt des Baus einer monumentalen Arche, schuf Gaul zahlreiche Tierpaare, die jeweils eng beieinanderstehen. Diese Gruppierung betont die Intimität und den Zusammenhakt zwischen den Tieren. Das Motiv ermöglichte es ihm, seine Studien aus dem Zoo zu einer Gesamtschau zu vereinen, bei der die Tiere nicht mehr isoliert, sondern Teil einer schützenswerten Schöpfung sind.

Der Titel der Ausstellung „Tiere sind auch nur Menschen“ im Liebieghaus ist ein Zitat von Gaul selbst. Er drückt seine Überzeugung aus, dass Tiere eine eigene Seele und soziale Bindungen besitzen, die denen der Menschen ebenbürtig sind.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Pfarrer Schnell für die exzellente Führung und beim Liebieghaus für die Ausstellung dieser wunderbaren Skulpturen von August Gaul.
Copyright Bilder: Elke Wehrs


