Du betrachtest gerade Oper Frankfurt „Amor vien dal destino“ – Ist Liebe Kampf, Schicksal oder Himmelsmacht?

Die Oper Frankfurt gräbt passend zur Faschingszeit dieses Juwel aus der Opernmottenkiste aus: “Amor vien dal destino“ (zu Deutsch Die Liebe kommt durch das Schicksal) von Agostino Steffani, eine nahezu unbekannte Oper, die auf Motiven aus der Vergils Aeneis basiert. Die Uraufführung fand 1709 an der Hofoper in Düsseldorf statt. Der Opernkenner I. Burn reflektiert über Helden und Platzhirsche im Kampf um die Gunst einer Schönen.

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Die Liebe ist eine Himmelsmacht ist eine weitere Variante des Stoffes um Dido und Aeneas. Die Oper beginnt mit einem Prolog, der einen Kampf der Götter inszeniert. Auf der einen Seite steht Venus, die Göttin der Liebe und Mutter des Aeneas, und auf der Gegenseite Jupiter, der Göttervater. Das Bühnenbild von Ann Sophie Kirsch zeigt eine Wiese, auf der sich die Figuren versammeln. Die Inszenierung ist von RB Schlather. Hier trifft ein minimalistisches Bühnenbild auf opulente Barockkostüme, was einen bemerkenswerten Kontrast zwischen der schlichten Szenerie und den opulenten Ausstattungen schafft. Bereits Jupiter erinnert in seiner Kleidung an den Sonnenkönig Ludwig XIV., was den großen Kontrast zwischen Bühnenbild und Kostümen unterstreicht.

Soll Aeneas, der Held von Troja, nach seinen Irrfahrten in Latium stranden dürfen? Seine Mutter Venus bietet dem Göttervater Jupiter an, dass ihr Sohn seine Irrfahrt beenden darf und an Land gehen darf. Venus hat bereits die richtige Partnerin, die Prinzessin Lavinia, für Aeneas auserkoren. Diese ist jedoch aus politischen Gründen bereits Turnus, dem König der Rutuler, versprochen worden. Das minimalistische Setting von Amor vien dal destino von Agostino Steffani lässt dem Zuschauer sehr viel Raum, um die Gefühlswelt der Figuren zu erforschen. Die Charaktere agieren aus ihren Emotionen heraus. Obwohl keine Tiere auf der Bühne zu sehen sind, verhalten sich die Figuren wie Tiere in ihren ungezügelten Trieben. Dies wird besonders deutlich am Zorn von König Turnus nach der Zurückweisung von Lavinia.

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Turnus’ Rachegedanken nach der Zurückweisung von Lavinia sind vergleichbar mit dem Verhalten eines wütenden Hirsches. In der Tierwelt ist das Verhalten von verletzten oder gedemütigten Tieren oft durch starke Aggression geprägt. Wenn ein Hirsch von einem Rivalen zurückgewiesen oder verletzt wird, zeigt er oft eine Aggressivität gegenüber dem Angreifer. Diese Aggression kann durch unkontrollierte Wut und das Bedürfnis antreiben, seinen Platz in der Hierarchie zu verteidigen. Ähnlich fühlt sich Turnus, nachdem Lavinia sich in Aeneas verliebt hat. Der Zorn und die Verletzung seiner Ehre treiben ihn dazu, Rache zu suchen, was zu einer ungestümen und aggressiven Reaktion führt. Dies führt letztendlich zu einem Konflikt mit Aneas. Turnus kämpft gegen Aneas wie ein Hirsch, der in seinem Stolz verletzt ist.

Um die Chancen von Aeneas bei Lavinia zu erhöhen, sendet Venus Amor aus. Dieser tritt in Gestalt eines Traumes auf und zeigt Aeneas als Vision und optimalen Partner für Lavinia an. Wie kann sich Lavinia ihrem Schicksal entziehen, wenn die Götter für sie diesen Mann Aeneas im Traum vorherbestimmt haben?

Lavinia vertraut sich ihrer lebenspraktischen Amme Nicea an, einer Männerrolle in Frauenkleidung. Die Amme steht für die praktische Liebe, für das Handfeste. König Turnus wird ebenfalls von einer Frau gespielt. Lavinia wird durch die Götter geprüft, indem Aeneas nun direkt vor ihr steht. Kann sie dem Traumbild und der Verheißung des Traumes widerstehen?

Dieser tritt jedoch nicht als großer Verführer auf und ist von der plötzlichen Zuneigung dieser unbekannten Frau sichtlich überfordert. Lavinia deutet seine Überforderung falsch und denkt, er sei bereits in eine andere Frau verliebt.

Um sich Klarheit über Lavinias Gefühle zu verschaffen, schickt Aeneas seinen Gefährten Cornebus vor. Lavinia hat eine Schwester, Guiturna, die ihrerseits für König Turnus schwärmt. Lavinia sucht das Gespräch mit Turnus und gesteht ihm, dass sie ihn nicht liebt, sondern sich in den Mann aus dem Traum verliebt hat. Dies kränkt Turnus, der sich für die Zurückweisung rächen will.

Corebus versucht über Lavinias Gefühle mehr zu erfahren, indem er die Amme umgarnt. So sind die Liebenden miteinander verwoben. In seiner Ursprungfassung wollte Steffani der Literaturvorlage von Vergil folgen und die Oper als Drama enden lassen. Im Original treffen der eifersüchtige Turnus und sein Rivale Aeneas zu einem tödlichen Endkampf aufeinander, was jedoch auf Wunsch des Auftraggebers in einem heiteren Ende umgeschrieben werden musste. Lavinias’s Schwester tritt zwischen die beiden Männer und hindert sie, ein trauriges Ende herbeizuführen. Als betrunkene Frau darf sie den Männern die Meinung sagen, ohne dafür bestraft zu werden. So stiftet sie im Sinne von Venus zwei Hochzeiten und der Todesfall bleibt aus.

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Der Zuschauer kann an dieser Oper die Wirrungen der Liebe erlernen. Möglicherweise musste das Ende auch deshalb geändert werden, um keinen politischen Skandal auszulösen. Das Ende hätte die Zuschauer eventuell an eine Staatsaffäre erinnert: Christof von Königsmarck, der Bruder von Maria Aurora von Königsmarck, führte von 1692 bis zu seiner Ermordung 1694 eine Affäre mit Sophie Dorothea von Celle, der Ehefrau von Georg Ludwig und sptäeren Georg I. König von England. Das plötzliche Verschwinden des jungen Offiziers führte zu großem Aufsehen und so musste die Oper aus strategischen Gründen vom Spielplan genommen werden bis sich die Wogen um die Affäre geglättet hatten. Skandale waren zu allen Zeiten ein großes Thema wie auch in unserem Beitrag „Der wunderbare Mandarin„.

„Amor vien dal Destino“ ist ein faszinierendes Werk, das nicht nur die archetypischen Themen von Liebe und Schicksal beleuchtet, sondern auch historische politische Spannungen geschickt in die Handlung integriert. Die Verquickung von Mythologie und menschlicher Emotion schafft eine fesselnde Dramaturgie, die in der heutigen Zeit ebenso relevant bleibt. Es ist zu hoffen, dass diese Wiederentdeckung des fast vergessenen Werkes die Herzen des Publikums in der Oper Frankfurt erobert.

 Mit freundlichen Grüßen I. Burn

Danke an I. Burn und an Pixabay. Titelbild Auszug von Image by blueaboy from Pixabay

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:8. Februar 2026
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