Du betrachtest gerade „Spiel des Schwebens“ Schauspiel Frankfurt – spielt KI mit dem Leben eines Kindes?

Das Stück „Spiel des Schwebens“ am Schauspiel Frankfurt thematisiert die Geschichte von Nils (Stefan Graf) und Vesna (Manja Kuhl), die sich auf ein experimentelles Unterfangen mit einer Künstlichen Intelligenz (Stimme über Mikrofon von Rokhi Müller) einlassen. Diese Entscheidung beeinflusst nicht nur die Zukunft ihrer Tochter Miko, sondern wirft auch grundlegende Fragen über die Natur der Erziehung und unsere menschliche Verfassung auf. Wie weit sind Menschen bereit zu gehen, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, und welche Rolle spielen dabei technologische Systeme, die zwischenmenschliche Beziehungen neu definieren? In diesem Kontext erlangt das Stück von Anja Hillig in der Inszenierung von Christina Tscharyiski eine besondere Relevanz, da es die Zuschauer dazu anregt, über die ethischen Herausforderungen und emotionalen Konsequenzen nachzudenken, die mit der Abhängigkeit von Künstlicher Intelligenz verbunden sind.

Das Stück „Spiel des Schwebens“ am Schauspiel Frankfurt erzählt die Geschichte von Nils und Vesna. Zwei Menschen, die sich als nichts Besonderes ansehen. Sie haben keine tollen Jobs, nicht besonders viel Geld und auch keine heile Familiengeschichte. Sie haben aber sich und sie haben Emilia, genannt Miko, ihre Tochter. Diese soll es einmal eines Tages besser haben als die Eltern. Nils und Vesna sind arm. Deshalb hat ihre Tochter keine guten Chancen für eine bessere Zukunft.

Daher beschließen die Eltern, an einem Experiment teilzunehmen. Sie hoffen, damit die Zukunftschancen ihrer Tochter zu erhöhen, gegenüber Kindern aus reicheren Familien. Die Teilnahme an dem Experiment ist kostenlos.

Sie engagieren Kali, eine nicht-menschliche Erziehungsberaterin. Die Eltern zahlen mit ihren Daten und mit dem Versprechen, Kali restlos und vorbehaltlos vertrauen zu können. Sie sollen den Ratschlägen der Künstlichen Intelligenz bedingungslos und gehorsam folgen. Die Eltern fragen sich, ob sie einen teuflischen Pakt eingehen oder ob der Ansatz einen Quantensprung in den Chancen ihrer Tochter bedeutet. Die Künstliche Intelligenz verspricht den Eltern die Maximierung des menschlichen Potentials.

Am Anfang des Stücks blickt die Tochter auf die damalige Entscheidung zurück. Ihre Zukunft wird hinter einem Vorhang dem Zuschauer noch verborgen gehalten. Die Tochter sieht nach heutigen Maßstäben seltsam aus: Sie trägt einen silbernen Anzug und ihre Beine wirken seltsam verformt. Das allein ist schon ein Warnzeichen für den Zuschauer, dass die Zukunft der Tochter wohl doch nicht so rosig aussieht. Im Verlauf des Dialogs zwischen den Eltern erfährt der Zuschauer, dass sich Nils und Vesna nicht so einig sind, ob sie die Erziehungsratschläge von Kali wirklich wörtlich befolgen sollen.

Der Name Kali könnte den Zuschauer schon stutzig machen, gilt die Göttin Kali in Indien doch als Göttin der Zerstörung und nicht des Glücks.

Schon 1762 machte sich der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau Gedanken über das Thema Erziehung mit dem Buch „Emilie oder Über die Erziehung“. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage der Menschwerdung oder was den Menschen außer seiner Geburt selbst zu einem Menschen werden lässt. Die größte Frage darin ist: Was ist der Mensch? Ist der Mensch ein Teil der Natur? Kann es sein, dass unter menschlichem Einfluss alles aus seiner Art schlägt? Ist Natur gut oder böse? Der Philosoph spricht von einem Garten, also von einer gezähmten, gepflegten Natur. Wie einen Baum im Garten müsse man den Menschen kultivieren. Muss man einen Menschen verbiegen, um aus ihm einen Menschen zu machen?

Diese philosophischen Fragen stecken in dem neuen Stück „Spiel des Schwebens“ von Anja Hillings. Es beschäftigt sich mit Miko über das Aufwachsen, das Menschwerden, über die Verletzlichkeit und Endlichkeit des menschlichen Körpers. Gibt es eine perfekte Erziehung durch die Anleitung einer neutralen Künstlichen Intelligenz? Ohne Zwang, ohne Fehler, ohne Vorbelastungen? Im ersten Teil des Stücks blickt Miko auf die Eltern zurück. Sie ist nur zu erahnen und bleibt weitgehend hinter einem Vorhang verborgen.

Ist Bildung der Schlüssel zum besseren Leben?

Im zweiten Teil des Stücks sieht der Zuschauer, was aus Miko geworden ist. Sie lebt nicht mehr bei den Eltern und hat anscheinend auch die Künstliche Intelligenz zurückgelassen. Die Inszenierung knüpft gedanklich an den Garten an.

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Es ist hier keine Gartenlandschaft zu sehen, sondern ein Wald. Miko hat sich in einer Höhle zurückgezogen. Die Künstliche Intelligenz hat Miko schlauer gemacht als ihre Klassenkameraden. Das führte dazu, dass sie keine Verbindung mit anderen Kindern und Menschen aufbauen konnte. Die philosophische Erziehung der KI hat dazu geführt, dass Miko sehr viel über die Welt und ihre Funktionsweise nachgedacht hat. Sie entwickelte dabei eine Angst vor der Welt. Deshalb zog sie sich zurück aus der Welt der Ansprüche an sie. Sie hat ihre Eltern verlassen. Durch die Künstliche Intelligenz gab es immer eine Barriere zwischen den Eltern und Miko. Die KI war sozusagen der Vermittler zwischen dem Kind und seinen Eltern. Manchmal fragt sich Miko, was aus den Eltern geworden ist und ob sich das Paar getrennt hat. Trotzdem will sie nicht zurück in die Zivilisation, sondern lebt ein Leben wie ein Eremit. Sie ist zwar weise geworden, aber auch sehr einsam. Die Einsamkeit ist ein ständiger Begleiter. Sie fragt sich, ob sie ohne die KI und die Eltern ein anderes Leben gehabt hätte. Ein Leben ohne Angst vor der Welt. Ohne Verletzungen, Leid und Schmerz.

Ist der Entzug von Medikamenten der Schlüssel zur Wiederbelebung alter Gefühle?

Im dritten Teil des Stücks sieht der Zuschauer, was aus Nils und Vesna geworden ist. Nach dem Verlust ihrer Tochter Miko haben sie sich getrennt und sind nun alt geworden. Sie treffen in einem Hospiz aufeinander. Der Vater, schwer erkrankt an Krebs, befindet sich in einer schwachen körperlichen Verfassung. Die Mutter, die als Putzfrau im Krankenhaus arbeitet, sorgt dafür, dass sie die Medikamente des Vaters austauscht und ihm Schmerzen bereitet. Diese Handlungen werfen Fragen auf: Ist das ihre Rache für eine gescheiterte Beziehung, oder ist es eine verzweifelte Art von Gnade?

Die Mutter agiert in diesem Moment strategisch. Sie hat die Medikamente des Vaters nicht einfach nur zurückgehalten – sie vollzieht damit einen Akt, der sowohl von innerer Zerrissenheit als auch von einer tiefen emotionalen Abgeschlagenheit zeugt. „Sie spürt nichts mehr, ihre Gefühle sind erloschen“, beschreibt sie ihr inneres Gefühlsleben. Diese emotionale Taubheit hat sie dazu gebracht, in eine Art Autopilot-Modus zu schalten, in dem das Überleben Vorrang vor allem anderem hat.

Doch durch die Absetzung der Medikamente kann eine andere Wahrheit ans Licht kommen. Das Leiden des Vaters, von dem sie ihn befreit zu haben glaubt, wird paradox zur Quelle neuer Emotionen. Wenn die Gefühle der Patienten durch die Absetzung wiederhergestellt werden, so wird der Moment des Verzichts auf die Medikamente zu einer Art Rebellion – einer kleinen, aber bedeutenden Rebellion gegen die Stille, die ihre Beziehung über Jahre hinweg umhüllt hat.

Diese Handlung wirkt fast ritualisiert: Der Entzug seiner Medikamente wird zu einem religiösen Akt transformiert, geladen mit der Hoffnung, dass durch das Leiden etwas zurückkommt, was lange verloren schien. Die Beziehung der beiden beginnt, in einer neuen Form aufzuleben, aber auch in einer veränderten Dynamik. Der Vater, trotz seiner physischen Schwäche, hat eine neue Klarheit und Ausdruckskraft. Mit der Aussage „Der Vater begehrt den Tod“ zeigt sich nicht nur Verzweiflung, sondern auch der bittersüße Wunsch nach Freiheit von seinem Leiden.

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In diesem Spannungsfeld entwickelt sich die Mutter zum „Todesengel“ für ihren Mann. Ihre Rolle ist komplex: Sie wird zur Hüterin seiner Schmerzen, während sie gleichzeitig die Zügel in der Beziehung ergreift, um ihm das Gefühl von Menschlichkeit zurückzugeben. Es ist ein Tanz zwischen Nähe und Schmerz, in dem beide nicht wissen, ob das, was sie sich vielleicht wieder aufbauen, auch einem echten Gefühl genügt oder lediglich eine Flucht vor der Einsamkeit darstellt.

Über all dem schwebt Miko, die Tochter, die das Geschehen hinter einer durchsichtigen Wand beobachtet. Ihre Präsenz im Raum, auch wenn sie physisch nicht Teil des Geschehens ist, wird zur stillen Augenzeugin der sich entfaltenden Dramatik. Der Zuschauer merkt, dass Mikos Urteil über ihre Eltern unausweichlich von ihren eigenen Erfahrungen mit Einsamkeit und Verlust geprägt ist. Sie fragt sich, ob das, was sie hier sieht, der Ausdruck von Liebe oder der Verzweiflung ist – vielleicht beides. Oder hat Miko die letzte Begegnung der Eltern im Krankenhaus nur herbeiphantasiert?

Das Stück „Spiel des Lebens“ eröffnet zutiefst nachdenkliche und herausfordernde Perspektiven auf die Themen Erziehung, menschliche Entwicklung und die potenziellen Gefahren der Abhängigkeit von Künstlicher Intelligenz. Durch die Geschichten von Nils, Vesna und ihrer Tochter Miko wird deutlich, dass der Wunsch nach einer besseren Zukunft für die nächste Generation oft mit komplexen moralischen und emotionalen Dilemmata verbunden ist. Die philosophischen Fragen, die die Handlung durchziehen – von Rousseaus Überlegungen zur Menschwerdung bis hin zur Natur des Menschen selbst – regen den Zuschauer zum Nachdenken an.

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Die Entwicklung von Miko und ihr Rückzug in die Einsamkeit zeigen eindrücklich, dass Wissen allein nicht ausreicht, um menschliches Glück und soziale Bindungen zu gewährleisten. Die grausame Ironie der Geschichte wird durch die Beziehung der Eltern im Hospiz noch verstärkt, wo der Schmerz und die Einsamkeit, die sie erlitten haben, zu einer verzweifelten Suche nach Nähe und Verständnis führen.

Wie immer ganz herzlichen Dank an den Kulturbotschafter des UniWehrsEL für seine Ausführungen und an Pixabay für die begleitenden Bilder!

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:3. Februar 2026
  • Lesedauer:8 Min. Lesezeit