Du betrachtest gerade Teil XXIII Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt – Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ Burn und Elfriede am Frankfurter Hauptbahnhof

In Teil XXII ist Burn zutiefst irritiert. Er besucht die Aufführung von Oskar Wilde „Das Bildnis des Dorian Gray“ im Schauspiel Frankfurt und fühlt zunehmend, wie sich in seinem Kopf Wahn und Wirklichkeit ineinander verschieben. Zuletzt hört er eine Melodie und fragt sich: „Ist das jetzt in meinem Kopf, oder höre ich passend zur Nacht den Song „Sweet Dreams are made of this“. Er fühlt nach, wie die Spirale von Hässlichkeit und Bösartigkeit, die nicht nur Dorian Gray im Laufe seines Lebens angesammelt hat, sich in seiner eigenen Person vollends manifestiert.

Eingefügte Szene W. T.: Burn denkt für sich „Nun also wieder alles auf Anfang, da war der Carmenmord in der Neuen Frankfurter Altstadt und Kommissar Ritter hat mich als Experten dazu gerufen. Ich muss mir eine Person suchen, die einen kühlen Kopf hat und mit mir die Geschichte von Carmen Revue passieren lässt.“

Die Literaturwissenschaftlerin Claudia Elfriede folgt seiner Einladung, ihn am Frankfurter Hauptbahnhof zu treffen, sofort (Bild von lapping auf Pixabay). Sie beschließen, auf einem Rundgang im Bahnhofsviertel gemeinsam über die gerade in der Oper Frankfurt laufende Inszenierung von Barry Kosky zu „Carmen“ zu diskutieren.

Claudia Elfriede ist über die Einladung von Burn begeistert, zumal sie sich überaus darüber freut, dass er sie als Expertin heranziehen will: „Lieber Burn, wenn ich Ihnen helfen kann, jederzeit. Lassen Sie es uns humorvoll angehen und mit der Rezeptionsgeschichte beginnen“.

Burn blickt sie von der Seite an, ihm gefällt ihr frisches und humorvolles Auftreten. Das ist genau das, was er im Moment braucht.

Die Literaturwissenschaftlerin Elfriede findet Burn ausgesprochen attraktiv. Aber jetzt fühlt sie, ist die Sachebene angebracht: „Carmen gehört zu den meistgespielten Opern aller Zeiten – fast jeder hat schon einmal von ihr gehört. 1990 kam das Musical Carmen on Ice mit der Eiskunstläuferin Katharina Witt heraus. 1983 kam der Film Carmen von Carlos Saura heraus. Dieser Film verwebt die Musik der Carmen mit der Geschichte eines Tanzensembles. Die 1983er Filmversion zeigt Flamencochoreografien und hat mit zu der popkulturellen Vorstellung von Carmen, als Flamenco-Tänzerin mit Kastagnetten, die viele Zuschauer bis heute bei Carmen-Inszenierungen im Kopf haben, beigetragen.“

Burn schmunzelt und unterbricht sie nicht, als sie eifrig fortfährt: „Die Opernsängerin Agnes Baltsa prägte in den 1980er‑ und frühen 1990er‑Jahren zusammen mit Katharina Witt die Vorstellung des Publikums, wie die Opernfigur Carmen zu sein hat. Mit ihrer Leidenschaft hat die griechische Sängerin wie keine andere zusammen mit dem Tenor José Carreras und der Video‑ und CD‑Vermarktung das Bild einer Carmen im kollektiven Gedächtnis der Zuschauer geprägt.“

„Aha, also Katharina Witt war auch dabei“, murmelt Burn, um den Redefluss einen Moment lang zu stoppen. Claudia Elfriede ist so in ihrem Element, dass sie seine leichte Ironie nicht bemerkt.  

„Die Folge war nicht nur ein Carmen‑Boom auf den Opernbühnen in Deutschland, sondern auch, dass die Figur der Carmen als dramatische Rolle durch die Kraft der Interpretin Agnes Baltsa angesehen worden ist.“ Und weiter lächelt sie mit Seitenblick zu Burn: „Diese Erwartungshaltung wurde auf Opernbühnen in Deutschland jahrelang einfach so weiter bedient. Denn es ist viel leichter, ein Opern‑Klischee weiterzuschreiben, als dieses zu hinterfragen. Wer mit liebgewordenen Traditionen bricht, hat Widerspruch auszuhalten.“

„Bei Traditionen fällt mir spontan dieser Möchtegern Regisseur Strahlemann ein, den habe ich übrigens bei der Aufführung zu „Das Bildnis des Dorian Gray“ (Teil XXII) in der Pause gesehen. Alles, was dieser Mann macht ist mir suspekt, weil es immer übertrieben rüberkommt, total verrückt, seine Inszenierung

im Holzhausenpark (Teil VII) mit der „Madame Butterfly“ …“. Claudia wird rot. Spontan denkt sie an den Besuch im „Schauspiel Frankfurt“ und dem Stück „Wir haben es nicht gut gemacht“, das sich um die Beziehung von Bachmann und Frisch dreht. Sie ist wirklich froh darüber,

niemandem außer ihrer Freundin Paula Pechstein (Teil XVI) etwas über die Trennung und Beziehung zwischen ihr und dem Tenor und Regisseur Strahlemann weiß. Sie stockt einen Moment, fährt dann fort, gewinnt nach außen hin wieder zunehmend an Selbstsicherheit. Sie hat auch bislang weder Kommissar Ritter noch I. Burn etwas darüber erzählt, dass die von ihrer Freundin Claudia angegebene Adresse in der Neuen Frankfurter Altstadt quasi um die Ecke liegt,

von dem ersten Carmen-Mordopfer (Teil I Auftakt).

Laut sagt sie, Burn direkt anblickend:

„Die Carmen stellte also den Regisseur Barrie Kosky vor eine große Herausforderung. Sollte er an der gewohnten Lesart festhalten oder etwas komplett Neues wagen? Kosky entschied sich für den unbequemen zweiten Weg. Wie Kosky im Interview mit der Oper Frankfurt freimütig einräumt, hat die Oper Carmen für ihn keinen Kern. Sie ist aus seiner Sicht keine tragische Liebesgeschichte, sonst könnte Katharina Witt dazu nicht übers Eis schweben; er hält die Einordnung als Oper für falsch. Carmen kommt der Operette aus seiner Sicht deutlich näher. Das nun aus Carmen eine ernsthafte Oper gemacht wird, ist schlicht eine Fehlinterpretation, die durch die vielen DVD‑Rezeptionen und …“, sie macht eine kurze Atempause …

„aus Koskys Sicht, todlangweiligen Carmen‑Inszenierungen resultiert. Folglich spielt Carmen bei Kosky nicht im Arbeitermilieu mit Zigarettenfabrik und (Zigeuner-) oder politisch korrekt Sinti und Roma‑Optik. Er vermeidet alle gängigen Carmen‑Klischees, sondern verlegt sie auf eine Showbühne. Um Carmen in ihrer Auftrittsrolle einen anderen Look zu geben, lässt er sie im Gorillakostüm auftreten – ein Verweis auf den alten Schlager „Mein Gorilla hat ne Villa im Zoo.

Das Wort „Zoo“ lässt Burn spontan aufhorchen. Da war der Mord im Kommunikationsmuseum und wir haben uns die ganze Zeit gefragt, ob es zwischen dem Carmen-Mord und diesem merkwürdig verkleideten Toten oder vielmehr der Toten im Kommunikationsmuseum einen Zusammenhang gibt. „Vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber ist nicht gerade diese Melodie vom Gorilla im Zoo ein Hinweis auf die neue Inszenierung der Carmen an der Oper Frankfurt. Die Klatschreporterin Paula Pechstein wies uns damals auf den Zusammenhang zum Zoo hin: „Der Name, den Kommissar Ritter im Ausweis gefunden hat, lautet Jay Goodall. Sie war eine Tierschützerin, hat sich nach Jane Goodall benannt und war regelmäßig im Frankfurter Zoo zu sehen“ (Teil XIV).

Und weiter überlegt Burn: „Im Zoo-Logbuch und im Museum tauchte diese geheimnisvolle Jay Goodall auf. Wurde sie ermordet, weil es diese Verbindung zwischen Carmen … Zoo … und Kosky-Inszenierung gab?“

Jetzt wird die Spur ganz heiß, liebe Schreibwerkstättler. Viele Fährten sind gelegt. Sie erinnern sich vielleicht. Wir suchen nach einer Person, die sowohl Pasolini als kulturelles Vorbild kennt, als auch Jay Goodall bewundert. Sie kennt sich in der Opernszene aus, weiss um die neuesten Inszenierungen, kann eventuell die Carmen in Verbindung mit dem Zoo oder zumindest mit dem Gorilla mit der Villa im Zoo musikalisch zusammenbringen. Mörder oder Mörderin kennt die Callas in ihrer Sprechrolle, versucht Traditionen zu erhalten und gleichzeitig sich selbst einzubringen. Das macht es zwar spannend, alber nicht einfacher. Vielleicht ein Künstler oder Kurator, der an der Oper arbeitet oder arbeiten möchte? Oder ein Mitarbeiter im Museum, der gleichzeitig die Verbindung zu den Tieren nutzt, um Botschaften zu verschleiern, aber nachdrücklich zu verkünden? Jetzt sind Sie wieder gefragt! (Bild von Harvey Miller auf Pixabay)

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:1. Januar 2026
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