In der literarischen Welt der Frankfurter Opernmorde – aus dem Projekt „Tatort Frankfurt – Welche Rolle spielt die Magie der Musik“ nutzt der Opernkenner I. Burn sein tiefes Fachwissen, um dem Ermittler Kriminalkommissar Ritter bei der Aufklärung von Morden im Opernmilieu zu helfen. Der Auftakt zu seiner Mithilfe begann im Frankfurter Opernhaus (Teil II). Während Ritter darüber grübelte, warum der Mord in der Frankfurter Altstadt an einer jungen Frau, gekleidet wie Carmen, so seltsam inszeniert wirkte, saß der Theaterkritiker I. Burn in einer Aufführung der Alten Oper und lauschte den Klängen von Adam’s Le Postillon de Lonjumeau. Ein Moment der Perfektion. Adolphe Adams Oper versetzt Burn ins vorrevolutionäre Paris, in dem einem Operndirektor ein Tenor abhandengekommen ist.

Eingefügte Szene I. N.: Diesen Moment wird I. Burn nicht vergessen. Versunken in das wunderbare Schauspiel war er damals. Die Stimme, die über die Bühne fliegt, das Timbre des Tenors, das sein Herz schneller schlagen lässt – nichts übertrifft die Magie dieses Moments.
Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Seine Liebe zur Oper würde ihn bald in einen Kriminalfall verwickeln. Sein Wissen über Musik würde nicht nur für Kritiken gebraucht, sondern für die Lösung eines Rätsels, das sich wie eine düstere Inszenierung entfaltete.
Burn fragt sich oft, ob alles im Leben Zufall, Schicksal oder Fügung ist. Und wenn es kein Zufall war, dass er an diesem Abend gerade diese Oper gesehen hatte, dann muss es einen Zusammenhang geben zwischen der Musik, der Handlung der Oper und den Frankfurter Opernmorden.
Kommissar Ritter ist zwar wenig begeistert, als Burn ihn zu einem Rundgang durch den Frankfurter Palmengarten

einlädt, aber er nutzt die Gelegenheit. Es ist Winter und kalt an diesem 16. Januar 2026. Sie treffen sich in diesem Pflanzenparadies, das nun schon seit 1951 besteht. Mit der U-Bahn ist Ritter ins Frankfurter Westend gefahren.
Heute bleiben ihm mehr die Gewächshäuser, um Palmen, Orchideen oder Azaleen zu bestaunen. Frankfurts ‚Hortus Palmarum‘ ist mehr als ein Ort der Beschaulichkeit. Denn an einen wissenschaftlich geleiteten Pflanzenhort und eine großstädtische Oase stellt man nicht nur seitens der Stadt andere Ansprüche als damals zur Zeit seines Gründers Heinrich Siesmayer.
Burn eilt ihm entgegen, wie immer dynamisch, elegant und überlegen wirkend. „Was soll ich nun wieder davon halten?“ denkt Ritter und hört Burn zu, der eine neue Idee zur Aufklärung der Opernmorde in Frankfurt entwickelt hat.
Im Caféhaus Siesmayer hat Burn ihn zu einem leichten Lunch gebeten. Ganz zu Burn passend hat er diese ‚location‘ gewählt – traditionsreiche Kaffeehauskultur trifft auf stilvolle Atmosphäre. Sie nehmen Platz im eleganten Innenraum, für die Terrasse mit Blick ins Grüne ist es heute zu kalt.

Auf der Speisekarte finden sie: Gebratene Tranche vom Lachsfilet an Weißweinsoße; Blattspinat und knuspriger Quinoa
„Wir nehmen das jetzt beide!“, entscheidet Ritter energisch, um jeden Zeitverlust zu vermeiden.
„Ein Genießer bist Du wahrlich nicht“, schmunzelt Burn und kommt gleich zur Sache. „Ich habe da einen Zusammenhang zwischen meinem Opernbesuch zu Beginn der Ermittlungen und der Frankfurter Opernmorde entdeckt. Und dazu sage ich nur: „Ruhm um jeden Preis? Die zeitlose Sehnsucht nach Erfolg im Spiegel des „Postillion de Lonjumeau!“
Burn genießt den trockenen Chablis, den er zum Essen bestellt hat und versetzt Ritter in eine ganz besondere Stimmung, ganz so, als würde er vor einem großen Publikum sprechen:
„Stellen Sie sich vor: Sie stehen auf einem unscheinbaren Dorfplatz, als plötzlich ein Operndirektor aus Paris auf Sie zutritt und Ihnen die großen Bühnen der Welt verspricht. Ein Moment wie aus einer Castingshow à la DSDS … wären Sie bereit, alles stehen und liegen zu lassen? Genau dieser Gedanke zieht sich als roter Faden durch Adolphe Adams komische Oper „Der Postillion von Lonjumeau“, inszeniert an der Oper Frankfurt unter der spannenden Regie von Hans Walter Richter, mit einem Bühnenbild von Kaspar Glarner, das die Sehnsucht nach einer scheinbaren Idylle meisterhaft einfängt.
„Was soll das nun wieder …“, murmelt Ritter und nimmt einen Schluck von seinem Tafelwasser.
Burn lässt sich nicht irritieren und fährt fort: „Diese Handlung ist wie ein romantisches Chaos voller Missverständnisse. Die Geschichte könnte turbulenter kaum sein. Dem Pariser Operndirektor ist ein Tenor abhandengekommen … eine Katastrophe für die bevorstehende Premiere.

Bei einem Stopp seiner Kutsche im beschaulichen Lonjumeau entdeckt er den neuen Stern seiner Oper: den örtlichen Postillion. Charmant, frech und mit einer Stimme, die die Welt entzücken könnte, lässt der Postillion seine geplante Hochzeit mit Madeleine augenblicklich sausen, als ihm eine Stange Geld und die Aussicht auf Ruhm winken.
Doch Ruhm hat seinen Preis. Zehn Jahre später hat sich Madeleine, mittlerweile durch eine Erbschaft wohlhabend geworden, nach Paris aufgemacht. Dort begegnet sie ihrem alten Liebhaber wieder, der inzwischen ein eingebildeter Opernstar geworden ist. Er erkennt sie nicht, sondern flaniert eifrig mit ihr, bis sie ihn zu einem weiteren Ehekonstrukt verführt. Eine Gerichtsszene voller Überraschungen enthüllt am Ende den Clou: Der Postillion hat zweimal dieselbe Frau geheiratet und entgeht so der Todesstrafe.
„Ein Opernstar auf der Bühne der Eitelkeiten“, das kennen wir doch schon, Burn. Du stiehlst mir meine Zeit! Aber wenigstens ist das Essen hier gut.“
Burn führt seine Gedankengänge weiter aus, während er das Lachsfilet auf seine Gabel füllt: „Die Bühne selbst wird zur Bühne im Stück, ein cleverer dramaturgischer Griff, der die Ironie des Ruhms und die Überschneidung von Realität und Theater thematisiert. Auf dieser „Bühne auf der Bühne“ wandelt der ehemalige Postillion mit einem Gestus voller Stolz und Selbstbewusstsein. Sein Können, das hohe D mit beneidenswerter Leichtigkeit zu singen, ist ein zentraler Moment, der seinen Charakter perfekt einfängt: ein Mann, der von seiner eigenen Kunst fasziniert ist und sich nur zu gerne im Rampenlicht sonnt.“
Mit augenzwinkernder Eleganz in Ritters Richtung erläutert er weiter: „Die Inszenierung verweist auf Adolphe Adams spielerische Referenz zu Wagners „Lohengrin“; der hölzerne Schwan, der hier auf der Bühne zu sehen ist, ist eine humorvolle Hommage an den Bayreuther Meister und zugleich eine Parodie auf Opernheroik.“
Ritter findet Burns Anführungen zwar interessant, weiß aber durchaus nicht, wie ihn das jetzt bei seinen Ermittlungen weiterbringen sollte …
Burn schmunzelt: „Lass‘ uns bitte einen Einblick in die Probe nehmen. Ich fasse für Dich zusammen: Gelangweilter Chor trifft motivierten Star!“
Er amüsiert sich über Ritters Ratlosigkeit, die er durch ein Kratzen am Kinn zum Ausdruck bringt und steigert sich weiter in seine Erzählfreude hinein: „Besonders unterhaltsam ist der Blick hinter die Kulissen: Während der Chor bei einer Probe sichtlich gelangweilt ist und mit müden Gesichtern die x-te Wiederholung eines Stücks über sich ergehen lässt, entsteht sogar die leise Drohung eines Streiks. „Noch einmal singen wir das nicht!“ scheint der kollektive Gedanke zu sein. Der Gegensatz dazu könnte kaum größer sein: Der Postillion, nun Opernstar, sprüht vor Motivation und Energie. Mit vollem Enthusiasmus nutzt er jede Gelegenheit, sich zu beweisen, und scheint die Situation fast als Ein-Mann-Show zu genießen. Diese dynamischen Spannungen verleihen der Oper im zweiten Akt eine humorvolle Note und spiegeln die unterschiedlichen Motivationen im Theateralltag wider.“
„Burn Du nervst, was interessiert mich der Theateralltag …“ seufzt Ritter.
Völlig unbeeindruckt fährt Burn fort: „Nur durch dieses tiefe Verstehen, wirst Du die Morde aufklären können, denn das sind Hinweise. … Kommen wir die Doppelhochzeit und die Angst vor der Todesstrafe und entwickeln psychologische Tiefe: Die Doppelhochzeit ist ein Höhepunkt des Stücks, der die Tragikomik des Postillions auf die Spitze treibt.

Als er wegen Bigamie angeklagt wird, steht plötzlich die Todesstrafe im Raum; eine Wendung, die ihn aus seiner selbstverliebten Fassade reißt. Die Angst vor dem Tod offenbart die psychologische Tiefe seiner Figur: Er ist nicht nur leichtsinnig, sondern auch naiv und blind für die Konsequenzen seines Handelns. Der Moment, in dem er erkennt, dass er zweimal dieselbe Frau geheiratet hat und somit der Strafe entgeht, ist zugleich befreiend und ironisch. Es zeigt, wie sehr der Opernstar von seiner Sehnsucht nach Ruhm und Erfolg getrieben ist, dass er die Realität um sich herum kaum wahrnimmt.
Madeleine hingegen nutzt die Situation, um ihre eigene Stärke zu beweisen. Ihre Rache für das Verlassenwerden am Altar ist nicht nur ein Akt der Vergeltung, sondern auch ein Ausdruck ihrer psychologischen Entwicklung. Sie zeigt, dass sie die Kontrolle über ihr Leben zurückgewonnen hat und den Postillion letztlich in seiner eigenen Eitelkeit gefangen hält.“
„Auf was willst Du hinaus, Burn, …“
„Warte es ab, mein Lieber und lausche meiner Idee der modernen Übertragung: Vom Dorfplatz zur Insta-Karriere … Was früher der Dorfplatz und die Opernbühne waren, sind heute die Casting-Formate und sozialen Medien. Der Postillion wäre der perfekte Kandidat für TikTok: charmant, leichtsinnig, und immer auf der Jagd nach Likes. Doch wie Madeleine zeigt, ist Ruhm nicht immer die Erfüllung—es bedarf Reflexion und persönlicher Entwicklung, um echte Erfüllung zu finden.“
„Und Dein Fazit daraus, Burn? Komme bitte endlich auf den Punkt …
„Mein Fazit?“ Burn schwelgt zwischen Erzählernatur und knuspriger Quinoa. „Augenschmaus trifft Gesellschaftssatire! Die Inszenierung in Rokoko-Kostümen lässt den Zuschauer in eine vergangene Welt eintauchen, die überraschend viel über unsere heutige Gesellschaft offenbart. „Der Postillion von Lonjumeau“ ist mehr als eine Genreparodie auf die Oper, … es ist ein humorvoller, aber nachdenklicher Blick auf die zeitlose Sehnsucht nach Erfolg und die Ironie, die oft damit einhergeht. Ein Stück, das den Zuschauer bewegt, wenn er sich selbstkritisch die Frage stellt: „Wie weit würde ich gehen, um meinen Traum zu leben?“
Ritters Ratlosigkeit, ob dieser theatralischen Begeisterung ist greifbar und wird noch gesteigert, als tatsächlich durch das elegante Siesmayer Café eine Melodie erklingt. Es ist das „Postillon-Lied“ mit dem spektakulären hohen D.
So liebe Mitschreibenden und Mitlesenden, wie geht es weiter? Können Sie sich denken, warum Burn, der Opernkenner, dem kühlen Kriminalkommissar Ritter diese Geschichte erzählt hat und wie es die Ermittlungen weiterbringen könnte? Schreiben Sie uns unter uniwehrsel.de
© Bilder vom Frankfurter Palmengarten Elke Wehrs

