Du betrachtest gerade Ist die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke heute noch zeitgemäß?

Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ ist ein Sprechstück, das sich intensiv mit der Aufmerksamkeit des Publikums auseinandersetzt. Es handelt sich um eine Vorrede, in der das Publikum selbst zum Thema des Stücks wird. Doch warum wird das Publikum beschimpft? Die Beschimpfung erfolgt erst am Ende des Stücks, und sie hat keinen Selbstzweck. Vielmehr soll sie das Publikum animieren, aktiv zu sein. Eine Beschimpfung ist ein unmittelbares Erleben. 60 Jahre nach der Uraufführung nimmt sich Claudia Bauer die legendäre „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke im Schauspiel Frankfurt als Vorlage.

Peter Handke hat das Stück vor 60 Jahren uraufgeführt und es ist als Abrechnung mit dem existierenden Theater gedacht. Im Dialog soll ein neues Theater gedanklich entstehen. Für Handke war das Theater ein Relikt aus vergangener Zeit, und die Geschichten auf der Bühne waren für ihn uninteressant geworden. Sie gingen ihm nichts an. Das Theater erzählt nicht nur Geschichten, sondern auch die Vortäuschung von Wirklichkeit. 1966 verzweifelte Handke an dem Theater als Nachahmung. Seine Idee bei der Zuschauerbeschimpfung war es, das Theater mit den Mitteln der Sprache anzugreifen.

Sein Stück dreht sich nicht um Figuren, Handlung, Deklamation oder einen dramatischen Konflikt. Handke wollte die Wirklichkeit im Moment abbilden. Auch Sprache schafft Wirklichkeit; sie hat eine vermittelnde Rolle. Sprache steht zwischen Ausdruck und Inhalt und soll das Theater im Theater abschaffen.

Die Idee, ein Stück einzig über Sprache zu machen, ohne ein Spiel zu erfinden, ist eine große Herausforderung. Handke wird zum Chirurgen, der das Theater mit einem Skalpell seziert, es zerpflückt und versucht, es neu zusammenzusetzen. Die Krise des Theaters ist allerdings so alt wie das Theater selbst. Denn das Theater hat schon immer die Gemüter erhitzt, und zu jeder Zeit haben Kunstschaffende und Theoretiker sich am Nutzen des Theaters für die Gesellschaft abgearbeitet. Die Kritik ist weit gefächert: Sie richtet sich gegen alte Dramen, die Mittel der Illusion, betont den sozialkritischen Auftrag oder wendet sich gegen die Belehrung des Publikums und die anarchische Sprengkraft einer Vorstellung. Diese hartnäckige Kritik verdeutlicht auch die Sehnsucht des Kritikers nach einem anderen, besseren Theater – einem Theater ohne Ballast, in dem sich die ganze Gesellschaft angesprochen fühlt.

Die Form, die Handke mit seiner Beschimpfung wählt, ist eine lyrische Form. Es entsteht eine Theaterpoetik. Die Beschimpfung war bei der Erstaufführung etwas ganz Neues, ein Happening, ein Event – so wie es heute viele Events von Unternehmen gibt, etwa wenn viele Menschen losziehen, um das neueste Smartphone von Apple zu kaufen.

Das Stück fand in den 1960ern statt, als es zu einer Neubewertung der Vorkriegsavantgarde am Theater kam. Die Gruppe Schauspieler sollte angeordnet sein wie die damals populäre Band, die Beatles. Ein bestimmtes Lebensgefühl sollte dem Zuschauer mit dem Stück vermittelt werden. Deshalb wurde die Musik ausgetaucht und mit heutiger Disco-Pop-Musik unterlegt.

Heute wird die vierköpfige Beatles-Gruppe im Stück durch eine sechsköpfige Schauspieltruppe ersetzt, die aus Thorsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Lotte Schubert und Andreas Vögler besteht. Die erste Szene spielt in einem Probenraum. Das Publikum beobachtet die Darsteller und wartet. Es lernt zu warten, sich zu gedulden und die Langsamkeit zu entdecken. Regie führt Claudia Bauer, die das Stück auf Sprache auslegt. In einer Szene sehen wir die Schauspielgruppe als Clowns, inspiriert von der Commedia dell’Arte und gekleidet in weiße Gewänder. Eine weitere Szene zeigt einen spiegelnden Zuschauerraum, in dem das Publikum faktisch auf sich selbst blickt. Denkt man an die Commedia dell’Arte

kommt auch der „Bajazzo“ des Komponisten Leoncavallo ins Spiel. Über ihn reflektierten wir im Beitrag „Sünde, Tod und tanzende Willis„. Die „Commedia dell’Arte“ (commedia, italienisch: Lustspiel; arte, italienisch: Kunst, Gewerbe) entstand Mitte des 16. Jahrhundert. Die Wurzeln führen auf die altrömische Posse (Atellane) und Karnevalsaufführungen in Venedig zurück.

Die Kostüme im Schauspiel Frankfurt sind ein faszinierender Mix: ein Totenkostüm wie aus Mexiko, ein Schleifenkleid, ein Mann im ‚Tütü‘, ein anderer mit einer russischen Pelzmütze, eine Frau mit einem Soldatenhut und eine weitere mit einem ‚Pilzhut‘. Es gibt darüber hinaus Videoinstallationen; kurzum, es kommt keine Langeweile auf. Einmal sehen die Zuschauer eine Bühne auf der Bühne sowie Maskengesichter, was Erinnerungen an ein Shakespeare-Stück weckt – insofern es nicht der Handke-Text wäre.

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Doch macht die Zuschauerbeschimpfung heute noch Sinn? Es bereitet dem Zuschauer Freude, sich diesen Text anzuhören. Es geht um Wirklichkeit in unserer Zeit und stellt die Frage, wozu die Zuschauer heute noch Theater brauchen.

Ist das Stück eine Retroshow auf eine vergangene Zeit?

Ist es heute noch reizvoll für eine neue Generation von Zuschauern?

Hat es überhaupt noch eine Reaktion beim Publikum?

Diese Fragen stellt sich jeder Besucher der Vorstellung für sich selbst.

Eventkultur und Vergleich mit der „Publikumsbeschimpfung“

Die heutige Eventkultur ist geprägt von einem ständigen Drang nach Neuheit und Erlebnis. Veranstaltungen sind oft darauf ausgerichtet, eine kurzfristige Aufregung zu erzeugen, anstatt tiefere gesellschaftliche oder kulturelle Reflexionen zu fördern. In ähnlicher Weise hat Handke in seiner „Publikumsbeschimpfung“ versucht, das Publikum aus seiner Passivität zu reißen und zum Nachdenken über seine Rolle im Theater einzuladen.

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Der Vergleich wird besonders deutlich, wenn man die Unmittelbarkeit von Handkes Ansatz betrachtet. Während moderne Veranstaltungen oft darauf abzielen, das Publikum durch visuelle und akustische Reize zu fesseln wie etwa Think Festivalkultur, Influencer-Events oder Launch-Partys – zielt Handkes Stück darauf ab, den Zuschauer in einen gedanklichen Dialog einzubeziehen. Es fordert das Publikum nicht nur zum Genuss, sondern zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Gesehenen auf.

Handkes Inszenierung einer Kritik an der bestehenden Theaterform und das Einfordern einer neuen, lebendigeren Art des Theaters spiegeln sich in der heutigen Eventkultur wider, die den Zuschauer als Teilnehmer in den Mittelpunkt rückt. Doch wo Handke mit seiner provokanten Sprache tieferliegende Fragen zu Kunst und Existenz aufwirft, scheinen viele heutige Events in ihrer Genussorientierung oft flüchtig und oberflächlich zu bleiben.

Fazit

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Die „Publikumsbeschimpfung“ ist vor dem Hintergrund ihrer Entstehung und in der heutigen Zeit von großer Relevanz. Handkes radikale Auseinandersetzung mit dem Theater und der Sprache bleibt ein anregender Diskurs, der dazu einlädt, die Rolle des Publikums und die Bedeutung des Theaters in der heutigen Gesellschaft zu reflektieren. Auch wenn das Stück als ein historisches Ereignis betrachtet werden kann, regt es dazu an, die Fragen der Wirksamkeit und Notwendigkeit von Theater neu zu überdenken.

Danke an den Kulturbotschafter des UniWehrsEL für seine interessanten Überlegungen und wie immer Dank an Pixabay für die untermalenden Bilder!

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:12. Februar 2026
  • Lesedauer:6 Min. Lesezeit