Du betrachtest gerade Schauspiel Frankfurt „Antigone“: Wie gehen wir mit dem Spannungsfeld von Recht und Unrecht um?

Die aktuelle Inszenierung von Antigone am Schauspiel Frankfurt, unter der Regie von Selen Kara, wirft wichtige gesellschaftliche Fragestellungen auf: Woher nimmt Antigone den Mut und den Willen, das Gesetz von Kreon zu brechen? Warum will sie unbedingt ihren Bruder bestatten? Wie geht Kreon damit um, dass sein Gesetz gebrochen wurde? Warum wittert Kreon um sich herum nur lauter Verrat? Wer hat Recht, Antigone oder Kreon? Und woran hat sich die Gesellschaft zu orientieren: an der staatlichen Ordnung durch Gesetze oder an sittlichem Handeln?

Liebe Lesende des UniWehrsEL,

Antigone gehöt zu den bedeutendsten Dramen der Weltliteratur. Viele Literaten und Dramatiker haben sich mit der Thematik von Liebe und Hass, Recht und Unrecht beschäftigt.

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Sigmund Freud hat sogar seine Tochter Anna so genannt. Freuds ungewollte Tochter, das jüngste seiner sechs Kinder, ist für Freud das „Versuchskaninchen“ der Psychoanalyse; ist durch ihre Treue und Loyalität zu seiner „Antigone“ geworden, wie er sie selbst nennt (unser Beitrag zur Filmbesprechung „Freud – Jenseits des Glaubens„. Sie wird später zur Erbin seines Vermächtnisses und zur bedeutenden Kinderpsychologin.

Die Regisseurin Selen Kara, deren Arbeit zum ersten Mal in Frankfurt zu sehen ist, befragt den antiken Stoff aus der Perspektive der Frauen. Dabei lenkt sie den Blick auf die Kontinuitäten der Konflikte zwischen Gewissen und Ordnung, Freiheit und Fügung – vom uralten Fluch der Labdakiden bis zu den Menetekeln („unheilverkündendes Zeichen“) der Gegenwart.

Antigone zeigt mutigen Widerstand gegen die autoritären Gesetze des Kreon, weil sie zutiefst an die moralischen und familiären Verpflichtungen glaubt. Ihr Bruder Polyneikes, der als Verräter gilt, verdient trotz seiner Vergehen einen würdevollen Abschied. Diese Überzeugung treibt Antigone an und gibt ihr den Willen, das Verbot Kreons zu brechen. Ihr Handeln symbolisiert den Konflikt zwischen individueller Moral und staatlichem Gesetz.

Der Wunsch Antigones, ihren Bruder zu bestatten, steht für die universellen Werte von Loyalität und Liebe innerhalb der Familie. Sie sieht darin eine Pflicht, die über die staatlichen Verordnungen hinausgeht. Antigone versteht, dass das Gesetz des Kreons – das die Bestattung ihres Bruders verbietet – einen mangelndem Respekt vor familiären Bindungen darstellt und somit selbst unmoralisch ist.

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Ein besonders kraftvoller Aspekt dieser Inszenierung ist die Integration von Szenen aus dem Drama „“Ich, Antigone“ von Anna Gschnitzer, welches der Figur eine neue Dimension verleiht. Antigone kommuniziert mit dem Geist ihrer toten Mutter Iokaste, gespielt von Katharina Linder was in der klassischen Bearbeitung von Sophokles nicht zu finden ist. Diese neue Interpretation zeigt, wie der Geist der Mutter Antigone dazu drängt, sich für ihren toten Bruder einzusetzen, selbst gegen den ausdrücklichen Befehl Kreons. Antigone wird gewissermaßen zu einer ferngesteuerten Puppe ihrer inneren Stimme, die zum Widerstand aufruft.

Kreon, als Vertreter des Staates, sieht sich in seiner Autorität herausgefordert. Die Entdeckung, dass Antigone sein Gesetz gebrochen hat, führt zu seiner Wut und Paranoia. Er wittert hinter ihrer Tat eine Verschwörung gegen ihn, sodass sein Handeln von Angst und dem Bedürfnis nach Kontrolle geprägt ist. Für Kreon ist Autorität gleichbedeutend mit Ordnung, und der Bruch seines Gesetzes muss rigoros bestraft werden, um das Fundament seiner Herrschaft zu wahren.

Die dunkle Bühne, geschaffen von Lydia Merkel, schafft einen eindringlichen Raum, der an eine Grabkammer erinnert und die schwere Thematik des Stücks unterstreicht. Antigone, gespielt von Annie Nowak, ist angetrieben von Schmerz und Trauer über den Verlust ihres Bruders. Ihre Entschlossenheit, ihm ein Bestattungsrecht zu verschaffen, verdeutlicht, dass sie für sich allein steht und auf ihre grundlegenden Verpflichtungen pocht – ein zentrales Motiv der Handlung.

In der aktuellen Inszenierung von Antigone am Schauspiel Frankfurt wird die leeren Bühne zu einem kraftvollen Symbol für den inneren Konflikt der Figuren. Diese Reduktion auf das Wesentliche verstärkt die Intensität der Dialoge, während sich Antigone und Kreon in einem inneren und äußeren Wettkampf beweisen. Ihre Argumente sind scharf und durchdringend, wodurch die Bühne nicht nur ein physischer, sondern auch ein emotionaler Raum wird, in dem sämtliche Werte und Überzeugungen auf den Prüfstand gestellt werden. Eine bemerkenswerte Dimension dieser Inszenierung ist der Aspekt, der Antigones Individualität in Frage stellt: Wird sie tatsächlich von ihren eigenen Überzeugungen geleitet, oder wird sie vielmehr von den Stimmen des Geistes ihrer Mutter Iokaste beherrscht? Lässt sich Antigones Widerstand als spielerische Repräsentation von Einfluss und Manipulation deuten?

Der Chor, der die Rolle des Volkes einnimmt, beobachtet passiv die grundlegende Diskussion zwischen Antigone und Kreon. Seine Funktion ist es, als Spiegel der Gesellschaft zu fungieren und die tragische Entwicklung zu beobachten, ohne selbst aktiv in die Handlung einzugreifen. Durch die Stimme des Chores wird der Druck der Öffentlichkeit spürbar, der sowohl Antigone als auch Kreon beeinflusst. Der Chor reflektiert die moralischen und ethischen Überlegungen der Polis und ermöglicht so einen tieferen Einblick in die Meinungsbildung der Gesellschaft.

Kreon, dargestellt von Arash Nayebbandi, verkörpert unerbittliche Autorität und versucht, die moralische Ordnung aufrechtzuerhalten. Seine Angst vor Infragestellung führt zu einer strengen Haltung, die jedoch nicht unreflektiert bleibt. Die Nebenfigur Ismene, gespielt von Victoria Miknevich, hat von Kreons Befehl noch nichts gehört und sucht verzweifelt, zwischen Antigone und Kreon zu vermitteln – dies verdeutlicht den Konflikt zwischen individueller Moral und staatlichem Gesetz eindrucksvoll.

Antigones Widerstand wird zwar angehört, doch bedeutet er gleichzeitig den Tod. Sie steht für sich alleine ein, aber nicht gegen den Staat. Kreon versucht, sein Gesetz in der Polis durchzusetzen. Antigone macht ihren Widerstand öffentlich und räumt ein, dass sie gegen den ausdrücklichen Befehl Kreons handelt. Entgegen dem Rat von Ismene, die auf Geheimhaltung plädiert, hält sie ihre Anliegen nicht verborgen, sondern stellt klar, dass sie für ihren Bruder kämpfen will. Diese Entscheidung verwandelt die Auseinandersetzung zwischen Antigone und Kreon in ein regelrechtes Spektakel, das die Zuschauer zwingt, sich mit den vorgetragenen Argumenten auseinanderzusetzen.

Die Diskussion zwischen Antigone und Kreon wird durch ihre verschiedenen Weltanschauungen geprägt. Antigone steht für die menschliche Verantwortung und die familiären Werte, während Kreon für die staatliche Ordnung und das strikte Durchsetzen von Gesetzen steht. Diese Konfrontation wird nicht nur zu einem persönlichen Duell, sondern zu einem öffentlichen Austausch, der die Zuhörer dazu anregt, ihre eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen. Die Sprache wird zur Waffe, mit der beide Seiten ihre Argumente untermauern.

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So bleibt die leere Bühne nicht einfach nur ein Ort des Geschehens, sondern wird zum Symbol für die tiefgreifenden und universellen Fragen, die das Stück aufwirft. Antigones mutiger Widerstand findet in der Öffentlichkeit statt, und damit wird er zu einem kritischen Diskurs über Recht, Moral und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Die Frage bleibt jedoch: Ist Antigone wirklich die treibende Kraft ihrer Entscheidungen, oder wird sie zur Puppe, gelenkt von den übernatürlichen Stimmen, die sie in ihrem Kampf anfeuern?

Die kraftvolle Vorstellung, dass sie aus diesem imaginativen Dialog heraus Mut schöpft und sich gegen Kreon stellt, gibt dem Stück eine tiefere emotionale Resonanz. Der Kampf wird mit aller Härte geführt, und das Publikum wird gezwungen, über die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nachzudenken.

Der Konflikt zwischen Antigone und Kreon wirft die Frage auf: Wer hat Recht? Antigones Haltung basiert auf moralischen Werten, während Kreon auf staatlichen Gesetzen besteht. Dieses Dilemma zieht sich durch das Stück und spiegelt die Ambivalenz in der Gesellschaft wider. Soll sich die Gesellschaft an der staatlichen Ordnung orientieren oder an sittlichem Handeln? Antigone fordert ein Umdenken heraus, das Menschen dazu anregen sollte, selbst zu reflektieren, welche Werte sie unterstützen und wie sie sich in einer oft widersprüchlichen Welt positionieren.

Diese Inszenierung von Antigone regt zur Reflexion an: Wie gehen wir mit dem Spannungsfeld von Recht und Unrecht um? Wo liegt unsere Verpflichtung – im Gehorsam gegenüber staatlichen Gesetzen oder in der Treue zu unseren moralischen Werten? Die Fragen, die das Stück aufwirft, sind nicht nur zeitlos, sondern auch tragisch aktuell.

 Mit freundlichen Grüßen

I. Burn

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:13. Februar 2026
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