Du betrachtest gerade Staatstheater Darmstadt „Aida“ – Regisseurin Noa Naamat: Parallelen zum Nahostkonflikt

Mit großer Berührung, so schreibt eine Leserin des UniWehrsEL, habe sie die Aufführung von Giuseppe Verdis Oper Aida am Staatstheater Darmstadt im Januar 2026 erlebt. Eine tief bewegende Aida präsentiert das Staatstheater Darmstadt als erste Musiktheaterproduktion der neuen Spielzeit. Regisseurin Noa Naamat schafft es, beklemmende Parallelen zu den aktuellen Konflikten im Nahen Osten herzustellen, was nicht nur Gänsehaut beim Publikum hervorruft, sondern auch zum Nachdenken über die Sinnlosigkeit von Kriegen anregt. Die Inszenierung ist ein kraftvolles Zeugnis dafür, wie Krieg, Kapitalismus und der verzweifelte Kampf um Einfluss und Ressourcen kein Ende finden und keine Gewinner hervorbringen. Ein eindringlicher Kommentar zu den Schrecken des Krieges und der bürgerlichen Realität, die aus der Ökonomie des Krieges hervorgeht.

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Aida“ bietet für Regisseurinnen immer wieder die Möglichkeit, andere Aspekte in den Fokus zu stellen. So berichteten wir hier im UniWehrsEL über die Inszenierung von Lydia Steier, der es um die Arbeitsbedingungen in Gefangenschaft geht.

In der Frankfurter „Aida“ zeigt sich das anhand der Bedingungen von Herrscherin Amneris und ihren Sklavinnen, in einem nachgestellten Puppenhaus. Die Puppenfabrik der Amneris kann als Zeitkritik und Parodie auf den Arbeitsalltag von Menschen angesehen werden. Sie fabrizieren Arbeit unter einer ständigen Kontrolle und Überwachung der Produktionsprozesse. Sie müssen eine Null-Fehler-Strategie leisten. Weiter gefragt: Wie entmenschlicht der (ägyptische) Machtapparat seine (Kriegs-)Gefangenen?

Die Darmstädter Inszenierung geht ebenfalls über die Tragik der Geschichte hinaus und wirft einen scharfen Blick auf die gegenwärtigen Konflikte in unserer Welt. Hoffnung ist das zentrale Thema, das die fesselnde Handlung durchzieht und dabei beständig in Konflikt mit den Schrecken des Krieges und der politischen Pflichten steht.

Image by NoName_13 from Pixabay

Die Bühne, die ein Bild des Zerstörten zeigt – ein verwüstetes Haus zeugt von den Schrecken, die viele Menschen in der heutigen Zeit erleiden – verstärkt diese tragische Wahrheit. Radamès, der als strahlender Held in die Schlacht zieht, wird schnell als ein gebrochener Mann erkennbar, dessen Siege nur ein Fluch ist. Das Bühnenbild spricht Bände – eine Trümmerwüste, die den Zuschauer mit einem Gefühl des Unbehagens und Entsetzens konfrontiert. Anstelle großer Krieger sehen die Zuschauer elendige Gestalten, die durch die Ruinen ihrer zerstörten Heimat irren. Kinder spielen auf Haufen von Schutt, was unweigerlich die grausamen Realitäten des Krieges in den Fokus rückt. Hier wird deutlich, dass diese Darstellung nicht nur die Schrecken des Kampfes zeigt, sondern auch die wirtschaftlichen Hintergründe beleuchtet: Die Inszenierung ist eine scharfe Kritik an der Ökonomie des Krieges, die oft nur Profite für einige Wenige und Elend für die Bevölkerung produziert.

In diesem Kontext drängt sich der Vergleich mit Bertolt Brechts Mutter Courage auf. Wie in Brechts Theaterstück sind es nicht die glorifizierten Soldaten, die im Mittelpunkt stehen, sondern die verarmten Zivilisten, die unter den harten Bedingungen des Krieges leiden. Brecht zeigt, wie der Krieg als unbarmherzige Maschine alles menschliche Leben zermahlt, während Naamat in der Darmstädter Aida mit der schmerzlich realen Darstellung derselben Thematik konfrontiert. Es ist nicht der heldenhafte Soldat, der den Zuschauer in den Bann zieht, sondern die Bildsprache, die den unaufhörlichen Kreislauf von Krieg und Kapitalismus entblößt.

In der Einleitung des Programmheftes heißt es: „Solange man sich zurückerinnern kann, herrscht Krieg mit den Nachbarn““ Dieser Konflikt, der nicht unter glorreichen Pyramiden im alten Ägypten spielt, wird durch die Augen von Naamat und der Bühnenbildnerin Bettina John lebendig, die den Zuschauer in eine Welt der Zerstörung und Verzweiflung eintauchen lassen. Das Bild, das der Krieg von der Menschheit hinterlässt, zeigt unmissverständlich, dass die Kriege nur Verlierer hervorbringen – und dazu gehört auch Radamès.

Radamès wird in dieser Inszenierung nicht als strahlender Kriegsheld präsentiert, sondern als ein zutiefst traumatisierter Mann, dessen Sieg ihn nicht befreien, sondern weiter in die Dunkelheit treiben. In der beklemmenden Rückblende des Triumphmarsches wird deutlich, dass jeder Glanz an Ehre nur ein Schatten seines inneren Kampfes ist. Ehre ist nur ein Wort. In seinem Kopf herrscht weiter der Krieg. Er ist kein Held, sondern ein nach Fassung ringender gebrochener Mensch.

Die Kostümbildnerin Bettina John steckt den Pharao, den die einen um Rache, die anderen um Gnade anflehen, in eine Richterrobe, und die Priester verwandeln sich in mordlüsterne Kämpfer. Hier wird die Religion zum Siegeswillen der Ägypter-Armee, ein düsteres Beispiel dafür, wo Fanatismus und Besitzdenken hinführen.

Die Liebe zwischen Aida und Radamès wird in diesem endlosen Krieg aufgerieben und hat von Beginn an keine Aussicht auf ein glückliches Ende. Die Inszenierung berührt den Zuschauer unangenehm und zwingt das Publikum, eine brutale Wahrheit zu akzeptieren – dass in diesem Weltgebäude, wie es auf der Darmstädter Bühne dargestellt wird, Hoffnung auf eine friedvolle Welt oft nur ein ferner Traum ist.

In Verdis Oper verkörpert Radames die Hoffnung auf Ruhm und Liebe, während er im Krieg gegen Äthiopien kämpft. Seine Sehnsucht, Aida, die er liebt, heiraten zu können, steht jedoch in scharfer Kontrast zu Aidas innerem Konflikt: Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Radamès und der Verzweiflung über das Schicksal ihres vom ägyptischen Feldherrn bekämpften Volkes. Diese Zerrissenheit wird besonders eindrücklich in der Arie Als Sieger kehre er heim“ deutlich, in der Aida voller Hoffnung auf die Rückkehr Radamès’ singt, während sich gleichzeitig das Bewusstsein um die tragischen Folgen für ihre Heimat in ihren Gedanken festsetzt.

Das schmerzhafte Dilemma der Charaktere zeigt, wie Hoffnung oft eng mit der Sehnsucht nach Frieden verwoben ist. Aida träumt von einer Rückkehr in ihre friedliche Heimat, doch der Krieg raubt ihr und ihrem Volk jede Perspektive auf ein unbeschwertes Leben. Die Kulisse – ein zerstörtes Haus, umgeben von Schutt und Lärm des Krieges – verstärkt den Eindruck, dass die Hoffnung im Angesicht des Schreckens oft nicht mehr ist als ein fernes Echo.

Im Finale, wenn Aida und Radamès im Grab verschlossen werden, wandelt sich die Hoffnung auf irdische Liebe in die Hoffnung auf Erlösung im Tod. „Der Tod wird zur Hoffnung – eine Sehnsucht, die wenn Aida und Radamès in ihrer letzten Stunde zusammenführt. Es ist ein fataler, aber auch ergreifender Moment, der die brutale Wahrheit legt: die Freiheit, die ihnen im Leben verwehrt war, finden Aida und Radamès nur im Tod. Dies wird durch die kritische Aktualität der Inszenierung unterstrichen, wenn Amneris im letzten Bild „PACE“ (italienisch für Frieden) an die Wand des zerbombten Hauses kritzelt, wohlwissend, dass der Krieg letztendlich nur zu noch mehr Leid und Trauer führt.

Noa Naamat schafft mit ihren drastischen Bildern und der eindringlichen musikalischen Darbietung einen unüberhörbaren Friedensappell, der über die Jahrhunderte hinweg aktueller denn je erscheint. Aida wird nicht als romantische Heldin präsentiert, sondern als Symbol für die vielen Menschen, deren Hoffnungen unter den Rädern des Krieges zermahlen werden.

Die Inszenierung von Aida am Staatstheater Darmstadt ist eine eindringliche Mahnung. Noa Naamat konfrontiert den Zuschauer mit der erschütternden Realität des Krieges und reflektiert die aktuellen Konflikte im Nahen Osten. Die tragische Sehnsucht von Aida nach Freiheit und Frieden wird inmitten von Krieg und Schrecken überdeutlich. Möge diese Aufführung die Zuschauer daran erinnern, dass wir aktiv gegen das Unrecht ankämpfen müssen und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die kommenden Generationen bewahren sollten.

In tiefster Betroffenheit und mit herzlichen Grüßen aus dem Staatstheater Darmstadt

Shelly Neshville

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:19. Februar 2026
  • Lesedauer:6 Min. Lesezeit