„Dschungelbuch“, seine literarische Vorlage von Kipling und die vermittelten zeitkritischen Ideen
Disney’s Dschungelbuch gehört zu den beliebtesten Filmen in Deutschland. Wer kann schon Balu den Bären vergessen, wie er fröhlich „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ singt? Der Disney Dschungelbuchfilm erzählt viel über das Mensch-Tier-Verhältnis und passt deshalb sehr gut zum Seminar Animal – Tiere als Spiegel menschlicher Seelenzustände. In Deutschland wurde der Film oft unkritisch als nettes Kinderbuch angesehen. Doch seit der Disney-Konzern vor dem Film Warnhinweise platziert hat, ist die Geschichte um Mogli in den USA Teil eines heutigen Kulturkampfes geworden. Es stellt sich die Frage, ob der Dschungelbuchfilm rassistische Elemente enthält. Der Kulturbotschafter des UniWehrsEL hat sich seine Gedanken für uns gemacht.
Liebe Freunde des UniWehrsEL,,
Der Film erschien 1967 in den amerikanischen Kinos, einer bewegten Zeit. 1967 war geprägt von Protesten gegen den Vietnamkrieg, der Bürgerrechtsbewegung und gesellschaftlichen Umwälzungen. Die Aufhebung der Rassentrennung 1964 und das Inkrafttreten des Wahlrechts für Schwarze sind wichtige Meilensteine dieser Ära. 1967 wurde zudem das Gesetz gegen Mischehen aufgehoben. Persönlichkeiten wie Malcolm X und Martin Luther King erlangten große mediale Präsenz. Diese historischen Kontexte gilt es zu bedenken, wenn man sich mit dem Dschungelbuchfilm von 1967 beschäftigt.
Besonders eine Szene sorgt heute dafür, dass der Dschungelbuchfilm von manchem Zuschauer als rassistisch eingestuft wird: Als Mogli in der Affenstadt auf King Louie trifft. Während King Louie im englischen Original mit einem eindeutig afroamerikanischen Akzent spricht und Jazzmusik macht, wird dies in der deutschen Fassung nicht so deutlich. Die Musik und der Akzent implizieren, dass King Louie sich ein Leben wie der Mensch wünscht, was bei Kritikern als Verballhornung des Wunsches nach Gleichberechtigung wahrgenommen werden könnte.
Besonders bemerkenswert ist der Akzent von King Louie im Originalfilm, der stark an das Sprechen afroamerikanischer Arbeiter auf Baumwollplantagen erinnert. Diese sprachliche Eigenheit verstärkt das Bild der kulturellen Zugehörigkeit und könnte als Anspielung auf historische Unterdrückung gedeutet werden. Die Wahl des Akzents könnte somit eine Verbindung zu den Erfahrungen der Schwarzen in der amerikanischen Geschichte herstellen und stellt in diesem Kontext einen kritischen Aspekt dar, der sowohl die Gleichheit als auch die Rassenhierarchie thematisiert.
Zudem fordert King Louie das Feuer von Mogli, was in den Augen mancher Kritiker als Hinweis gesehen werden könnte, dass dies zu einem Unglück führen könnte. So warnt der Panther Baghira Mogli davor, King Louie zu unterschätzen. Schließlich führten die Proteste der Bürgerrechtsbewegung in den USA zu brennenden Straßen – das von King Louie geforderte Feuer symbolisiert somit auch die Unruhen und den Kampf der Schwarzen um mehr Gleichberechtigung. Dies könnte als subtile Anspielung auf diese gesellschaftlichen Konflikte gedeutet werden.
Wer den Film jedoch als rassistisch kritisiert, sollte die Buchvorlage von Rudyard Kipling beachten. Das Dschungelbuch ist eine lose Sammlung von Geschichten, die 1894 erschienen und die Erlebnisse eines Findelkinds namens Mogli behandeln. Der Text ist härter als der vermeintlich fröhliche Familienfilm. Mogli wird nach seiner Flucht vor dem Tiger Shere Khan bei einer Wolfsfamilie aufgenommen. Mit der Aufnahme in das Rudel lernt Mogli ein Teil einer Gruppe zu sein und sich der Gruppe unterzuordnen, sonst hat er keine Chance zu überleben. Er muss die Sprache der Tiere lernen und sich an die Regeln des Dschungels halten.
Mogli lernt die Tiersprache und versteht es, sich mit den starken Tieren zu verbünden, ohne sich den anderen Feindschaften auszusetzen, soweit möglich. Baghira, der Panther, Balu, der Bär, Kaa, die Python, Hathi, der Elefant, und Akela, der alte Leitwolf, der ihm einst Obdach gewährte, sind seine Verbündeten und Fürsprecher. Seine größte Stärke liegt jedoch in der Tatsache, dass er, trotz aller Anpassung, ein Mensch bleibt. Dies verleiht ihm überlegene Intelligenz, planerisches Denken, Konsequenz und eine gewisse Skrupellosigkeit. Vor allem ist ihm bewusst, dass keines der Tiere — weder seine Wolfseltern noch Baghira oder Shere Khan— in der Lage ist, ihm in die Augen zu sehen.
In der tierischen Gesellschaft, die nach Kasten und Rassen geordnet ist und ihren eigenen Gesetzen folgt, die für alle gelten, für Raubtiere ebenso wie für Pflanzenfresser, ist allein Mogli fähig, diese Ordnung zu transzendieren und sich ihrer Herrschaft zu entwinden. Dies umfasst auch den Aspekt, dass er Shere Khan, der ihm sein Leben lang nachstellt, in eine Falle lockt und tötet.
Wie tief Mogli mit seinem Dschungel verwurzelt ist, zeigt sich in den wenigen Begegnungen mit Menschen in den Geschichten des ersten Teils. In seinem Zorn vernichtet er schließlich das Dorf seiner wiedergefundenen leiblichen Eltern, weil dessen Bewohner sie bedrohen. Die gravierendsten Differenzen zwischen Menschen und Tieren liegen in der Unwissenheit der Menschen, die vom Dschungel nichts wissen, obwohl sie in seiner unmittelbaren Nähe leben. Letztlich sind es die Menschen, nicht die Tiere, die in ihrer Selbstvergessenheit als ignorant erscheinen.
Die Erzählungen reflektieren die Hierarchie des britischen Empires, in dem die leistungsstärksten Tiere, wie der Tiger Shere Khan, die Gesellschaft dominieren. Es ist anzunehmen, dass der Autor sich auch mit darwinistischen Konzepten auseinandergesetzt hat. Während im Film Shere Khan in einem britischen Englisch spricht, um seine Zugehörigkeit zur Oberschicht zu signalisieren, vermittelt das Buch eine eindeutige soziale Ordnung. Mogli bleibt, trotz seiner vielfältigen Interaktionen mit den Tieren, immer ein Mensch, wodurch er unweigerlich Teil seiner eigenen anthropogenen Gruppe bleibt.
Im Vergleich dazu wird die Schlange Kaa im Film humorvoll, während sie im Buch die Rolle eines Händlers spielt, der mithilfe von Überzeugungskraft Vorteile erlangen möchte. Auch die Elefantenarmee im Film, die für die britische Armee steht, wird als lustig dargestellt, während sie im Buch eine autoritäre Ordnungsmacht ist. Kiplings Werke thematisieren, dass in der Dschungelgesellschaft jeder einem Kollektiv angehören muss, was für Mogli ein Grund ist, zu seinen menschlichen Wurzeln zurückzukehren. Die Erzählung verdeutlicht, dass die Gruppen sich nicht vermischen und das Recht des Stärkeren gilt.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Dschungelbuch sowohl als unterhaltsamer Disney-Film betrachtet werden kann als auch als ein Werk, das komplexe gesellschaftliche und kulturelle Fragestellungen aufwirft. Die Diskussion über Rassismus und soziale Hierarchien im Film regt dazu an, sich intensiver mit den historischen Kontexten der Geschichten auseinanderzusetzen. Es ist von Bedeutung, sowohl die künstlerische Freiheit als auch die historischen Bezüge zu berücksichtigen, um eine fundierte Meinung über das Dschungelbuch zu entwickeln.
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