Ferdinand von Schirachs „Der stille Freund“ über Verletzlichkeit, Sehnsucht und Hoffnung
Ferdinand von Schirach kennt man als Strafverteidiger- und Gerichtsautor. Weniger bekannt sind seine neueren Bücher, deren Inhalt eher in Richtung Kulturgeschichten changieren. Geblieben sind erzählerische Narrative oder Essay-Passagen, die von der Verletzlichkeit seiner Protagonisten berichten. Nach „Kaffee und Zigaretten“ (2019) und „Nachmittage“ (2022) erschien nun „Der stille Freund“. Das Buch dient zugleich als Grundlage für ein Bühnenprogramm mit dem Schirach ab Herbst 2026 im deutschsprachigen Raum touren will.
Und wieder ist es ein „Stiller Freund“, der uns zur Aufmerksamkeit zwingt. In unserem Beitrag zum Filmtipp „Silent friend“ beschrieben wir, was seine Anwesenheit in einer immer lauter werdenden Welt bedeutet. Dieser „Silent Friend“ war ein uralter Ginkgobaum.
Bei Ferdinand von Schirach dienen die performativ gedachten Texte als gesprochene Reflexionen zwischen Literatur, Recht und Philosophie. Zwischen seinen Kunstbetrachtungen und Lebenserinnerungen schwingt ebenfalls ein melancholischer Ton, aber gleichzeitig ein kosmopolitischer Zeitgeist mit.
Denn seine Geschichten unter dem Titel „Der stille Freund“ betreffen Menschen, die überall zuhause sind. Ob Namibia, Österreich, Italien in seinen 14 Erzählungen durchleuchtet und diskutiert er ethische oder rechtliche Fragen, die uns alle betreffen.
„Ornament und Verbrechen“
Da wäre das Beispiel der Fragestellung, die der SR stellt: Darf man die Kunstwerke von Straftätern, vornehmlich von Pädophilen, respektive sexuell übergriffig gewordenen Männern, überhaupt als solche anerkennen und goutieren?
Adolf Loos, so beschreibt es Schirach im Kapitel „Ornament und Verbrechen“, sei mit Karl Kraus, Peter Altenberg
befreundet gewesen, galt als Entdecker des Malers Oskar Kokoschka und des Musikers Arnold Schönerg. Max Brod oder Else Lasker-Schüler hätten zu seinem 60.ten Lobeshymnen in einer Festzeitschrift über ihn verbreitet.
1928 wird er festgenommen, die Kunstwelt protestiert, er sei der „öffentlichen Missmeinung“ preisgegeben worden, bis sich in den Gerichtsakten offenbart: Loos hat einen Mann angesprochen, ob er zehn- bis dreizehnjährige Mädchen kenne, die er ihm „zum Zeichnen“ empfehlen könne. Der Mann bringt am nächsten Tag seine zehn Jahre alte Tochter in Loos‘ Atelier. … Was dann geschieht und geschildert wird ist traurig und unfassbar.
Im Text „Wirklichkeit und Wahrheit“, berichtet Schirach über den Hamas Terror vom 7. Oktober an den Israelis und dem Umgang in den sozialen Medien.
X/Twitter, TikTok und Telegram würden mit Terrorpropaganda, Falschinformationen und Antisemitismus überschwemmt. Und das funktioniere folgendermaßen: „Auf der Sonnenallee in Berlin feiert am Abend des 7. Oktober das palästinensische Netzwerk Samidoun den Angriff der Hamas und verschenkt Süßgebäck an Passanten. In Orwells 1984 heißt es: »Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft machen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der ein menschliches Gesicht zertrampelt – unaufhörlich. Diese Stiefel sind heute die sozialen Medien.„
In Spiegelstrafe geht es um eine entsetzliche Rachehandlung an einem Mann namens Mateo, der seine Frau einst geschlagen hatte.
Cynthia erzählt die Geschichte dem Ich-Erzähler und führt ihn im Laufe der Handlung ins Erdgeschoss und dort in die Hauskapelle. Dort bleibt sie vor einem goldenen Tabernakel stehen und sie erläutert, dass diese Kapelle „entwidmet“ sei, keine Messen finden mehr statt, keine Hostien werden im Tabernakel aufbewahrt. Sie öffnet den Schrein und zieht die massiven kleinen Türen des Tabernakels auf. In einem Kästchen steht in roter Schrift unter dem Wappen „PUNITIO MEMBRI“. Die Deutung ist „Gespiegelte Strafe“ und hatte im Mittelalter Bedeutung.
„Auge um Auge, ja“. Die Strafe sollte am Körper des Täters spiegeln, was er getan hat. Bei falschem Eid wurde die Zunge ausgerissen, einem Münzfälscher wurde die Hand abgeschlagen, Ehebrecher wurden aufeinandergelegt und gemeinsam gefählt. Roh und grausam“, sagt Cynthia, „die Strafe für Mateo.“
Auch über Marcel Prousts Bemerkung über das Gemälde „Ansicht von Delft“ von Jan Vermeer wird geforscht. Prousts Begeisterung über eine gelbe Mauerecke in dem Gemälde, die es so nicht gibt, führt zu immer neuen Deutungen des Proust‘schen Blicks. Schirach erinnert an eine Szene aus dem Film „A star is born“ und Lady Gagas Darstellerin einer Sängerin mit Selbstzweifeln.
Lady Gaga ist unsicher, sie hält sich für hässlich, sie glaubt, ihre Nase sei zu groß und anderen Unsinn. Sie zögert, aber dann geht sie doch zu ihm, nimmt ein Mikrophon und beginnt zu singen. Und während sie singt, wird sie frei. Sie geht jetzt eine Oktave höher, und das ist ihre Geburt: Ihre Stimme füllt das Stadion, das Publikum jubelt, und sie ist für einen Moment glücklich. Genau das ist das Gelb, das Marcel Proust meint. Neben ihm ist keine andere Farbe möglich. Es ist Vollendung und Unendlichkeit. Dieses Gelb ist absolut, es die Kunst und das Mysterium.
Im Kapitel „Mozart ist tot“ geht es um Lisa und ihren kleinen Bruder Klapper, den mit der größten musikalischen Begabung, die er vielfach nutzt, bis hin zum Friedhofsgärtner. In der Aussegnungshalle begegnete ihm Mozarts Requiem. Dem Ich-Erzähler berichtet Klapper, was dann passierte:
„In der Schlussfuge des Requiems singt der Chor einen lateinischen Text. ‚Lux aeterna luceat eis, Domine: Cum Sanctis tuis in aeternum: quia pius es.‘ „Das heißt etwa: ‚Ewiges leuchte Herr, mit Deinen Heiligen in Ewigkeit: denn du bist mild‘. Ein etwas sinnloser Text, Kirchenlatein, Lobpreisung Gottes. Es geht ja nicht um den Text, sondern um die Musik.“
… „Ja, aber jetzt kommt es. Der Chor singt ausschließlich diesen lateinischen Text. Und trotzdem hört man die Worte: ‚Mozart ist tot.‘ Und zwar nicht irgendwie verschwommen, sondern absolut deutlich und klar. So, als wäre Mozarts Tod geradezu in das Stück hineinkomponiert worden.“
Wie häufig bei Schirach geht es auch hier um das Zusammenspiel von Zufall, Schicksal und Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz. Das Requiem wird zum Symbol, das über das Leben seines Schöpfers hinausweist und dessen Tod bereits in sich trägt.
Das Phänomen um das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart und die Geschichte seiner Entstehung regt nicht nur Ferdinand von Schirach an. 2006 schrieb der Tagesspiegel in der Rubrik Kultur: Mozart ist tot. Zu lesen ist, der in Berlin lebende Geiger Oliviero Hassan-Saavedra hätte auf eine bisher überhörte Botschaft zwischen den Tönen aufmerksam gemacht.
„Wer am Beginn der Schlussfuge (ab Takt 31) genau aufpasst, kann aus dem Stimmgeflecht des lateinischen Texts der Communio „Cum Sanctis tuis in æternum“ die deutschen Worte „Mozart ist tot“ heraushören. Ein Phänomen, das der Autor als „Süßmayr’sches Vokaldiskretiv“ bezeichnet. Hat Franz Xaver Süßmayr (1766–1803), der nach Mozarts Tod das Requiem vollendete, hier eine Huldigung an den verehrten Lehrer einkomponiert? Oder war die erstaunliche Botschaft zwischen den Zeilen gar als „Copyright“-Hinweis gedacht?“
Wollte der Auftraggeber des Requiems, Reichsgraf Franz Josef von Walsegg zu Stuppach, das Stück als sein eigenes Opus ausgeben? War Walseggs Leibdiener der dunkel verhüllte „graue Unbekannte“, den der sterbenskranke Mozart als Vorboten seines eigenen Todes ansah, als jener im Juli 1791 das Requiem anonym bestellte und die Hälfte der fünfzig dringend benötigten Golddukaten anzahlte?
Am Mozart am 5. Dezember 1791 starb Mozart, das Requiem
blieb unvollendet. Das Geheimnis des „Süßmayr’schen Vokaldiskretiv“ ist nicht gelöst. Die Schlussfuge ist, so Schirachs Deutung im Buch, kein Zufall, vielleicht etwas, was über Mozart und das Requiem hinausweist. Den Teufel oder Gott?
In der Qualität seiner Verborgenheit, so ergänzt der „Tagesspiegel“, sei dieses Geheimnis durchaus vergleichbar mit derjenigen der Zahlensymbolik in Werken Bachs wie beispielsweise in der h-moll-Messe oder in dem in Rätselkanon, den der Komponist auf dem Leipziger Haußmann-Porträt in der Hand hält.
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