Die Neuauflage des Stoffs von Emily Brontës Roman Wuthering Hights (Sturmhöhe) hat für Furore gesorgt. So fragt eine Leserin: „Was hat uns der Stoff von Sturmhöhe heute noch zu sagen – abgesehen von dramatischen Verwicklungen und Adoleszenzträumen wie in der spektakulären Neuverfilmung aus 2026 von Emerald Fennell? Kann denn Liebe jemals wirklich ‚hoffnungslos‘ sein? Diese Frage schwingt zumindest im Film zu Wuthering Hights mit und führt die Millionen von meist weiblichen Leser zu den Lehren, die die Zuschauer aus dieser tragischen Geschichte ziehen können.
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
Emily Brontës Sturmhöhe ist düster, romantisch und abgründig. Eine toxische Liebesgeschichte, die sich schon im Titel auf eine unbändige, windgepeitschte Naturszenerie bezieht. Sie spiegelt die unmögliche leidenschaftliche Liebe der beiden Protagonisten Catherine, der Tochter des Landbesitzers Earnshaw, und dem verwahrlosten Heathcliff, der als Findelkind auf dem Gutshof aufwächst. Es dreht sich um ein Spiel um Liebe und Hass, das über zwei Generationen seine tragische Handlung entfaltet.
Die drei Schwestern Emily (1818–1848), Anne (1820–1849) und Charlotte (1816–1855) Brontë lebten und schrieben zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Töchter eines Landpfarrers in einem abgelegenen Dorf im englischen Yorkshire. Auch ihr Bruder Branwell versuchte sich in dieser Kunst im Pfarrhaus von Haworth, verfiel aber dem Alkoholismus sowie Laudanum- und Opiumsucht.
Emily gehörte zu den Frauen anfangs des 19. Jahrhunderts, die erfolgreich waren, aber häufig unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen mussten. Vor allem in England sorgten schreibende Frauen dafür, dass ein neues Gesellschaftsbild entstand. Werke von Jane Austen (1775–1817), George Eliot (1819–1880), Mary Shelley (1797–1851) und den Brontë-Schwestern Charlotte gehören heute zur Weltliteratur.
Tatsächlich enthält Brontës Roman alles was einen guten Stoff ausmacht, der kontrovers diskutiert werden will. Geht es doch um Krisen, zuweilen aufblitzende Hoffnung und, über große Strecken hinweg, um eine Überlebenskunst in bewegten Zeiten. Darum passt diese Geschichte auch hervorragend zur Thematik „Krise und Hoffnung“ unseres Sommersemesters 2026.

Emily Brontës Meisterwerk ist weit mehr als nur eine düstere Liebesgeschichte. Vielleicht wird darum auch der am Valentinstag gestartete Film „Sturmhöhe“ so heftig kritisiert und andererseits doch gelobt. Denn der sorgt, im Gegensatz zum Original, für erotische Spannung. Während es bei Brontë um eine toxische Liebe geht, bringen die erotischen Szenen zwischen den Hauptdarstellern Margot Robbie und Jacob Elordi den Stoff auch abseits des Filmgeschehens, in der Gerüchteküche um die Stars, ins Gespräch. Es gibt Schlagzeilen zum Film wie „Wieviel Sex steckt in Wuthering Heights?“ oder „Sex im Moor?“. Die Neuverfilmung von Sturmhöhe spaltet die Kinozuschauer. Manch ein Kinokritiker wirft der Neuverfilmung vor, ein versteckter Erotikfilm zu sein.
Allemal waren die Hauptfiguren Heathcliff und Catherine schon für die Lesenden des Romans eine Projektionsfläche für extreme Gefühle. Der Charme von „Sturmhöhe“ entfaltet sich durch die faszinierende Komplexität der Figuren Catherine und Heathcliff, die über die Jahrhunderte hinweg als Sinnbild für leidenschaftliche und rätselhafte Liebe stehen. Eingebettet in ein mystisch aufgeladenes, schwarzromantisches Umfeld, wird ihre Beziehung von Themen wie religiösem Fanatismus, Güte, Rache, Verwahrlosung und Trunksucht geprägt. Diese düstere, emotionale Tiefe zieht die Zuschauer in den Bann und offenbart die tragischen Facetten von Obsession und Abhängigkeit.
Parallel dazu hat das Staatstheater Darmstadt das Werk in einer neuen Theaterfassung von Thomas Birkmeir inszeniert, die durch eine interessante Neuerung besticht: Die männliche Hauptfigur Heathcliff wird hier von einer Frau in einer Hosenrolle dargestellt, ähnlich der Figur des Pagen Cherubino aus Mozarts Figaros Hochzeit.
Sturmhöhe im Theater Darmstadt
In der Darmstädter Inszenierung sieht der überraschte Zuschauer grimmige Riesenköpfe mit Sensen, die eine freudlose viktorianische Welt markieren, aus der es kein Entkommen gibt. Nebel und Regen verdüstern den Raum, während einzelne Figuren Popsongs in Moll performen. Die Betonung ist gespenstisch. Alles erinnert an einen Horrorfilm. Die Lippen werden feucht betont und ihre Gesichter schneeweiß geschminkt. Einzige Ausnahme: Emily Klinge als flatterhafte Catherine zeigt hin und wieder rebellisches Charisma. Die opernhaft humorlose Wucht ist zwar unerträglich, doch auch effektvoll.
Emily Klinge verkörpert Catherine auf eine Weise, die sie fast wie eine Jugendliche erscheinen lässt. Ihre Darstellung ist geprägt von einer kindlichen Rebellion und impulsiven Entscheidungen, die den Eindruck von Unreife und Hedonismus vermitteln. Diese Art von „Engel“ wird besonders deutlich, als Flora Udochi Egbonu als Heathcliff zu Beginn am Grab zusammenbricht. Die Mischung aus emotionaler Intensität und jugendlicher Unbesonnenheit verleiht der Rolle eine faszinierende Tiefe.
Nach einer schockierenden 38-minütigen Pause wird klar, warum: Hier bricht alles auf! Die Regie von Anna Bergmann hat ihre große Stärke – den ästhetischen Totalbruch – ausgepackt. Jahre sind vergangen, und Heathcliff kehrt wohlhabend und zivilisiert nach Wuthering Heights zurück. In Darmstadt erlebt die Figur zudem eine Geschlechter- und Zeitenwandlung wie ihn der Zuschauer aus Virginia Woolfs Orlando (unser Beitrag zu Virginia Stephen) kennt: Flora Udochi Egbonu legt die Brustplatte ab, die Haare werden geöffnet und ein kurzes, giftgelbes Kleid angezogen. Heathcliff ist nun eine sexy Rächerin mit Peitsche! Diese Transformation funktioniert verblüffend gut, und dennoch bleibt die Inszenierung nicht ohne Widerspruch – wenn Egbonu später sagt: „Es ist eine Lüge, dass man als schwarze Frau mit der Peitsche alles und jeden vernichten kann, der einem im Weg steht.“ Hier wird deutlich, dass die adressierten Themen oft mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten.
Heathcliff verstrickt sich in einen emotionalen Kampf, der sowohl von seiner unerwiderten Liebe als auch von dem tiefen Bedürfnis nach Zugehörigkeit geprägt ist. Seine Hoffnung, durch Catharines Mitleid eine Art von Erlösung oder Selbstwertgefühl zu finden, treibt ihn an. Auch als sie ihn verrät, bleibt er im Glauben an eine Möglichkeit, ihre Liebe wiederzugewinnen Hubert Schlemmer als Joseph, dem betagten Diener auf Wuthering Heights, bringt eindrucksvoll die religiöse Dimension ins Spiel, indem er Heathcliff quält, während Hindley Earnshaw, der Bruder von Catherine, der Heathcliff schon in der Kindheit hasst, durch Spielschulden zugrunde geht. Heathcliff manipuliert schließlich die nachfolgende Generation – Cathy Linton und Hareton Earnshaw – um Wuthering Heights in seinen Besitz zu bringen.
Die Inszenierung beginnt im 19. Jahrhundert und springt nach der Pause in die 1980er Jahre. Dieser abrupte Wechsel ist eine Herausforderung für die Erwartungen des Publikums. Mit den Kostümen ändert sich auch die Grundstimmung des Abends: Im ersten Teil steht das Drama im Vordergrund, während nach der Pause eine Komödie mit Slapstick-Humor im Stil der Neuverfilmung der Nackten Kanone auf die Bühne tritt. Der Humor dieser Filme ist geprägt von leichter Ironie und Situationskomik, die oft durch absurde Verwicklungen und Wortspiele verstärkt werden. Charaktere fallen in groteske Missgeschicke oder finden sich in absurden Situationen wieder, was den Zuschauern ein charmantes Gefühl der Leichtigkeit vermittelt.

In dieser 1980er Jahre Inszenierung ist von der viktorianischen Tristesse mit Gothik-, Spuk- und Schauerelementen, nicht mehr viel übrig: Farbige Latexkostüme, hochgestylte Frisuren, komödiantisch koordinierte Kämpfe um Heathcliff und eine Kotzorgieneinlage prägen das Bild. Inmitten dieser Turbulenzen übermitteln die Dienstboten der Anwesen Hindleys und Edgars einander, ganz im Stil eines James-Bond-Films, sehr britisch und ebenso geheimnisvoll wie in einem Edgar-Wallace-Krimi, ihre Weisheiten per Telefon. Das zuvor vorbildlich statische Ensemble wechselt nun die Spielweise und präsentiert den Text genüsslich als wilde Parodie auf 1980er Jahre. Dieser Stilbruch ist nicht für jeden Zuschauer nachvollziehbar, doch die schauspielerische Leistung ist grandios.
Die darstellerische Auseinandersetzung zwischen Catherine und Heathcliff ist besonders packend: Er erscheint unnahbar, wütend und rachsüchtig, während Catherine zwischen Liebe und Verachtung schwankt. Heathcliff hofft, durch Catherine einem harten Leben auf dem Gut zu entkommen. Ihr Verrat an ihm verleiht der Geschichte zusätzliche Dramatik.
Auf der Bühne von Sabine Mäder wird der erste Teil durch ein Friedhofs-Setting geprägt, was an den zynischen Chanson von Georg Kreisler erinnert: „Du hast ja noch dein Grab“. Diese makabre Anspielung wird wörtlich genommen. Der zweite Teil ist dagegen von einem Puppenhaus-Gefühl geprägt, das die starren Strukturen vergangener Zeiten auflöst.
Trotz der Herausforderungen in der Darstellung gibt es die Hoffnung, der sich durch beide Teile zieht. Heathcliff, arrogant und unnachgiebig, kämpft bis zum Schluss um die Liebe von Catherine, auch nach ihrer Hochzeit. Diese Hoffnung auf eine Umkehr oder zumindest auf eine Veränderung in den Beziehungsdynamiken verleiht dem Stück eine emotionale Tiefe, die viele Zuschauer berührt.
Film und Theater fokussieren auf unterschiedliche Schwerpunkte. Dabei bleiben schauspielerische Leistung und kreative Inszenierung im Gedächtnis haften. Gemeinsam ist Ihnen, den Zuschauer anzuregn, über die Themen Hoffnung, Liebe und Klassenunterschiede in verschiedenen Zeitaltern nachzudenken.
Und nochmal Brontë zum Weiterdenken: Haben Sie das Buch auch als Jugendlicher verschlungen? Wie denken Sie heute darüber? Wir freuen uns über Ihren Kommentar unter Kontakt.
Sturmhöhe – diese seltsam einprägsame Liebesgeschichte der Weltliteratur ist 1847 erschienen. In dem Roman wurde verhältnismäßig modern mit ‚Klassismen‘ und ‚Rassismen‘ umgegangen und kam kontrovers beim Publikum an. Die Handlung kreist um die schwierige, manche Leser würden sie als herzzerreißende Beziehung, zwischen den Adoptivgeschwistern Catherine und Heathclif. Letzterer stößt als Findelkind zur Familie am Gutshof ‚Wuthering Heights‘. Der Bruder Hindley lehnt ihn von Anfang an ab, degradiert ihn zur „Unperson“ und verbannt ihn in den Schweinestall. Mit Catherine jedoch verbindet Heathcliff eine tiefgründige kindliche Liebe, die der vermeintliche „Fremde“ auch später im Leben ernster nimmt als die verwöhnte junge Dame. Als Catherine den wohlhabenden, jedoch langweiligen, Edgar Lington heiratet, schwört Heathcliff Rache und bringt damit eine Spirale aus Gewalt und Leid in Gang, die über zwei Generationen andauert.
Das regt dazu an, über die Thematik der Generativität nachzudenken. „Generativ zu sein“, so schreibt es die Sozialpsychologin Vera King, „beinhaltet die Fähigkeit, Fürsorge angedeihen zu lassen und Ressourcen bereitzustellen auch für eine Zukunft, aus der man
selbst ausgeschlossen ist. Insofern ist Generativität immer auch krisenhaft.“
King, V. (2015). Zukunft der Nachkommen – gegenwärtige Krisen der Generativität. Psychologie und Gesellschaftskritik, 39(2/3), 27-53. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-56676-2

