Du betrachtest gerade Ellen und der Fall „Gretchen“ – eine fiktive Geschichte mit Schlussfolgerungen

Unsere Protagonistin Ellen (wir kennen sie ja u. a. aus der Alltagspsychologie) sitzt in einem imaginären Theaterstück, das in ihrem Kopf abläuft. Es bezieht sich zwar auf das bekannte „Cold Case: Gretchen brennt“ vom Schauspiel Frankfurt, ist aber ihre eigene Geschichte. Sie dient ihr als Konstuktion, um Gehörtes und Gesehenes zu verarbeiten und als Versuch, das Geschehen durch die Brille von Hartmut Rosa zu verstehen. Das Gretchen-Drama interpretiert sie im Kern als eine Katastrophe der verweigerten Resonanz und bezieht sie auf ihre eigene Lebensgeschichte.

Ellens Kopfkino (Image by geralt from Pixabay) – Das Echo im Dunkeln

Das Bühnenbild war radikal kahl. Kein thüringisches Kerkergewölbe, keine historischen Kostüme. Stattdessen neonbeleuchtete Metallregale, vollgestopft mit grauen Leitz-Ordnern. Auf einem sterilen Tisch in der Mitte lag eine nackte Babypuppe aus Plastik. Über der Szenerie flimmerte in fetten, digitalen Lettern der Schriftzug: COLD CASE: MARGARETHE G. (1772).

Ellen saß in Reihe zwölf. Um sie herum das Premierenpublikum der Stadt: Parfümduft, das leise Summen von gedimmten Smartphones, das Rascheln von Programmheften. Ein schnelles Kulturereignis, hineingequetscht zwischen den geschäftigen Arbeitstag und den morgigen Termindruck.

Auf der Bühne sprach die Schauspielerin, die das Gretchen verkörperte, nicht mit weinerlicher Stimme. Sie sprach wie eine Angeklagte vor einem modernen Tribunal. Sie zitierte nüchterne Paragrafen, während im Hintergrund die historische Hinrichtungsakte von Susanna Margaretha Brandt an die Wand projiziert wurde.

Geköpft mit dem Schwert.

Ellen spürte, wie sich ihr Nacken anspannte. Sie dachte an Hartmut Rosa, dessen Buch Unverfügbarkeit schwer in ihrer Handtasche zu ihren Füßen lag.

Da ist sie, dachte Ellen, während sie auf das grelle Bühnenlicht starrte. Die totale, erbarmungslose Stummheit.

Gretchen war nicht einfach an ihrer Sünde zerbrochen. Sie war an einer Welt zerbrochen, die aufgehört hatte, ihr zu antworten. Als der Bauch runder wurde, versteinerten die Gesichter der Nachbarn. Die Kirche wurde zu einer Wand aus Dogmen. Und Faust? Faust hatte sich genommen, was er wollte – ein schnelles, beschleunigtes Liebesabenteuer, ein intensiver Moment für sein Ego – und war weitergerast. Er hatte in Gretchen nur sein eigenes Spiegelbild gesucht, ein bequemes Echo seiner Sehnsüchte. Als die Wirklichkeit nach Resonanz verlangte, nach Verantwortung und Stillstand, war er längst über alle Berge.

Ellen blickte flüchtig nach links und rechts. Im fahlen Licht der Bühne sah sie die Gesichter der modernen Frauen im Publikum. Erfolgreiche Anwältinnen, erschöpfte Lehrerinnen, junge Studentinnen. Sie alle funktionierten. Sie alle optimierten sich. Sie managten den Spagat aus Karriere, Partnerschaft und makelloser Selbstinszenierung im ständigen Takt der gesellschaftlichen Erwartungen.

Wir haben die Guillotine nur ersetzt, dachte Ellen bitter. Heute köpfen wir uns selbst. Mit Fristen, Perfektionismus und der Angst, aus dem System zu fallen.

Wenn eine moderne Frau heute unter dem unerträglichen Druck der Isolation kollabierte, wenn sie ihre Schwangerschaft verdrängte, bis es in einer einsamen Badewanne zur Katastrophe kam, dann urteilte die Justiz heute zwar milder als 1772. Man attestierte ihr „verminderte Schuldfähigkeit“ [§ 21 StGB]. Drei Jahre auf Bewährung vielleicht. Aber die soziale Kälte blieb dieselbe. Das System schaute weg, bis es zu spät war, und verbuchte die Tragödie dann als psychologischen Defekt im Aktenordner. Eine stumme Weltbeziehung, ordentlich abgeheftet. (vgl. „Analyse Cold Case: Gretchen brennt„)

Auf der Bühne erlosch das grelle Neonlicht. Die Schauspielerin trat an die Rampe, blickte direkt ins Publikum und flüsterte den letzten Satz: Heinrich! Mir graut’s vor dir. Angesichts der großen Erregung, die jedesmal durch die Gesellschaft geht, wenn ein Fall von Kindesmissbrauch publik wird, ist es erstaunlich, wie ungestraft große Dichter davonkommen, wenn sie solchen Neigungen im wirklichen Leben oder in ihren Texten nachgehen“, denkt Ellen und seufzt.

Das Licht ging aus. Totale Schwärze.

In dieser Sekunde der Dunkelheit, bevor der erste Applaus das Theater überrollte, sah Ellen nicht mehr Gretchen vor sich. Sie sah Sabine.

Sabine, die 1994 im strömenden Regen verschwunden war. Auch ihr Fall war ein Cold Case, gelagert in einem exakt solchen grauen Pappordner. Auch Sabine war aus dem Takt dieser Welt geworfen worden, einfach ausgelöscht, während das Leben der anderen im Eiltempo weiterging. Die Welt hatte keine Zeit gehabt, auf eine Antwort zu warten. Sie hatte Sabine einfach schweigend vergessen.

Als das Licht im Saal wieder anging und das Klatschen einsetzte, applaudierte Ellen nicht. Sie griff nach ihrer Tasche. Sie spürte das Buch darin, die harten Kanten des Einbands.

Sie dachte an ihren Schulalltag, der bald enden würde. Ihr eigener Austritt aus dem Hamsterrad der optimierten Gegenwart.Sie sah in den großen Wandspiegel im Theaterfoyer, als sie nach draußen trat. Sie sah eine ältere Frau mit grauen Haaren und Falten um die Augen. Eine Frau, die für den Markt der Jugend und der Produktivität unsichtbar geworden war. Gut, dachte Ellen und lächelte ihr Spiegelbild an. Sollen sie mich übersehen. Sollen sie weiterrennen. Sie würde die verbleibende Zeit nutzen, um in die Kälte hineinzurufen. Sie würde den alten Aktendeckel von Sabine öffnen. Sie würde nicht eher ruhen, bis diese stumme, eingefrorene Vergangenheit endlich anfing zu sprechen. Sie würde die Resonanz erzwingen.

Auf ihrem Schreibtisch entwirft Ellen ein Schaubild, um sich die gezeigte Situation zu verdeutlichen (Image by geralt from Pixabay):

 

SOZIALES SYSTEM (KIRCHE & PATRIARCHAT)

                         │

        [Verweigerung jeglicher Resonanz]

                         │

                         ▼

  GRETCHEN ──────────────────────────────► IHR KIND

 (Völlige Isolation &                    (Verzweiflungstat im

 stumme Weltbeziehung)                    psychotischen Wahn)

Ellen diagnostiziert für sich das „Gezeigte in „Cold Case: Gretchen“ brennt als stumme Weltbeziehung bzw. Entfremdung zu deuten. Hartmuth Rosa beschreibt Resonanz als ein Beziehungsdreieck: Ich trete mit der Welt in Kontakt, sie antwortet mir, und das verwandelt mich. Gretchen erfährt das exakte Gegenteil. Als sie schwanger wird, verstummt ihre Umwelt. Die Kirche verurteilt sie, die Gesellschaft wendet sich ab, Faust verlässt sie. Sie erfährt eine totale soziale Kälte. Ihre Welt wird stumm. Der Kindsmord geschieht in diesem Zustand der absoluten Resonanzlosigkeit, ein Akt schierer Verzweiflung, weil kein positives Echo mehr aus der Gesellschaft kommt.

Die Thematik der Die Unverfügbarkeit betrifft das ungeborene Kind. Rosa betont in seinem Buch „Unverfügbarkeit“, dass die moderne kapitalistische Welt versucht, alles kontrollierbar, verfügbar und berechenbar zu machen. Ein Kind ist jedoch das ultimative Symbol des Unverfügbaren. Sie konnte es nicht „planen“ oder im System reibungslos verschwinden lassen. Für das historische Gretchen bricht mit dem Kind das absolut Unverfügbare in ihr streng geregeltes, religiöses Leben ein. Weil die Gesellschaft keinen Platz für dieses unverfügbare Leben bietet, versucht Gretchen, die Verfügbarkeit gewaltsam wiederherzustellen, indem sie es tötet.

Ellen denkt über eine potentielle andere Lösung nach und landet im alten Venedig. Dort hatte man schon die „Babyklappe“ eingeführt, wie sie aus dem Film „Vivaldi und ich“ erfahren hat. Aber heute weiß man, welche Folgen es für Mutter und Kind haben kann, wenn sie sich nie in die Arme schließen dürfen.

Das patriarchale „Echo“ statt Resonanz, konstatiert Ellen für sich. Faust sucht bei Gretchen das schnelle Abenteuer oder auch eine Beschleunigung der Lust. Er will sie als Spiegel seines eigenen Egos nutzen (Echo). Er will aber keine echte, transformative Beziehung, die Verantwortung verlangt (Resonanz). Als es kompliziert wird, flieht er. Gretchen bleibt als Opfer eines beschleunigten, egoistischen Systems zurück.

Ellen blickt auf. (Image by RobinHiggins from Pixabay) Sie sieht vor ihrem geistigen Auge die modernen, gestressten Frauen im Saal des Frankfurter Schauspiels, die heimlich auf ihr Smartphone schauen, getrieben von Terminen. Ellen erkennt: Die Guillotine von 1772 ist heute durch den Terminkalender und den Druck der Selbstoptimierung ersetzt worden. Die Isolation der modernen Frau, die Job und Kind ohne Unterstützung bzw. „Resonanz“ meistern muss und daran zerbricht, ist das direkte Echo von Gretchens Tragödie.

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