Du betrachtest gerade Was heißt daheim sein? – Gedanken, wo ich daheim bin; ein Daheim-Krimi und das literarische Daheim

Geschichten zu schreiben ist nicht nur eine Kunst, sondern bringt auch viel Vergnügen. Besonders dann, wenn dies auch als Anregung für andere dient. So geschehen bei Edith Mandler, die uns dies Vergnügen schon häufiger bereitet hat. Diesmal ging sie von dem Wort „daheim“ aus, spann darum ihre Gedanken, die zum Weiterschreiben im UniWehrsEL anregten.  Herzlichen Dank, liebe Edith!

Einige Gedanken dazu, wo ich „daheim“ bin

Als Kind und Jugendliche war für mich „daheim“ der Ort an dem ich geboren und aufgewachsen bin. Als Erwachsene lebte ich sieben Jahre in der Stadt, die von mir nur bedingt als „daheim“ empfunden wurde. Nun lebe ich seit 40 Jahren in der ca. 6000-Einwohner-Gemeinde, die singulär nicht mein „daheim“ ist, sondern nur unter Einbeziehung der Orte, die die Rhein-Main-Region ausmacht. Mein „daheim“ ist sozusagen ortsübergreifend.

Es ist aber auch nicht nur an physische Orte geknüpft, sondern umfasst auch geistige Heimaten: Das Schreiben, der Austausch mit anderen Menschen, meine Freunde, das Lesen von Büchern und nicht zuletzt meine Familie, neben solchen Dingen wie Stricken, Nähen, Lesungen halten und Online Schreibworkshops, die in letzter Zeit dazugekommen sind.

Edith Mandler

Der Daheim-Krimi (eine UniWehrsEL-Geschichte)

Bild von Tama66 auf Pixabay

Der Wind peitschte den Regen gegen die Fensterscheiben, als Jonas die Haustür hinter sich ins Schloss fallen ließ. Endlich daheim. Er atmete den vertrauten Geruch von Holz und trockenem Kaffee ein. In den letzten Wochen, während der endlosen Dienstreisen von Hotel zu Hotel, hatte er sich nach nichts anderem gesehnt als nach diesem Gefühl: daheim zu sein.

Er warf seinen nassen Mantel auf den Stuhl im Flur. Stille empfing ihn. Eine Spur zu viel Stille. Normalerweise lief der Fernseher oder seine Frau Clara summte in der Küche.

„Clara?“, rief er in die Dunkelheit. Keine Antwort. Er schaltete das Licht ein, doch die Glühbirne flackerte nur kurz auf und erlosch. Ein Stromausfall. Ausgerechnet jetzt, wo er sich einfach nur daheim entspannen wollte.

Mit dem Handy als Taschenlampe ging er ins Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch lag eine Notiz von Clara: Bin einkaufen; genieße deinen Feierabend schon mal. Schön, dass du wieder daheim bist! Jonas lächelte. Ja, es gab keinen besseren Ort als daheim.

Plötzlich knackte das Parkett im oberen Stockwerk.

Jonas erstarrte. Der Schall kam eindeutig aus dem Schlafzimmer. War Clara doch schon zurück? Aber warum antwortete sie dann nicht? Er lauschte angestrengt. Ein schwerer, schleppender Schritt bewegte sich direkt über ihm. Ein Einbrecher. In seinem eigenen Haus.

Die Vorstellung, dass ein Fremder das verletzte, was ihm am heiligsten war – sein Zuhause, sein sicheres Daheim –, ließ Wut in ihm aufsteigen. Niemand verging sich ungestraft an seinem Daheim.

Er griff nach dem schweren Schürhaken neben dem Kamin. Leise schlich er die Treppe hinauf. Jede Stufe schien zu knarren, lauter als je zuvor. Oben angekommen, stand die Schlafzimmertür einen Spaltbreit offen. Ein dünner Lichtstrahl einer fremden Taschenlampe tanzte über die Wände. Jonas spürte, wie sein Herz bis zum Hals schlug. Hier drinnen, wo er sich eigentlich am sichersten fühlen sollte, lauerte die Gefahr.

Er stieß die Tür mit dem Fuß auf. „Raus aus meinem Daheim!“, brüllte er und hob den Schürhaken.

Die Gestalt im dunklen Umhang fuhr herum. Im fahlen Licht des Handys blickte Jonas in ein Gesicht, das er noch nie gesehen hatte. Doch der Mann wirkte nicht ertappt – er lächelte Ein kaltes, wissendes Lächeln.

„Dein Daheim?“, flüsterte der Fremde mit rauer Stimme. „Du warst zu lange weg, Jonas. Das hier ist schon lange nicht mehr dein Daheim.“

Bevor Jonas reagieren konnte, ging das Licht im Haus plötzlich wieder an. Grell und blendend. Jonas blinzelte – und die Gestalt war verschwunden. Doch auf dem Bett lag ein geöffneter Umschlag, den er noch nie gesehen hatte, adressiert an seine Frau. Mit zitternden Händen öffnete er ihn und las die ersten Zeilen. In diesem Moment begriff er, dass die wahre Bedrohung für sein Daheim nicht von außen kam, sondern längst mitten unter ihnen wohnte.

Das literarische Daheim (und weitergedacht)

Bild von congerdesign auf Pixabay

Dieses philosophische und literarische Motiv des „Überall-daheim-Seins“ ist ein zentrales Thema der Literaturgeschichte. Es beschreibt das Konzept des Kosmopolitismus (Weltbürgertums) oder die romantische Sehnsucht nach einer universellen inneren Heimat.

Novalis (Friedrich von Hardenberg) war der Urvater des Gedankens. Der berühmte Dichter der deutschen Romantik hat das Konzept des „Daheim“ komplett verinnerlicht und ins Philosophische gehoben. Von ihm stammt das berühmte Fragment: „Philosophie ist eigentlich Heimweh – ein Trieb, überall zu Hause zu sein.“

Für Novalis ist das „Daheim“ kein geografischer Ort mehr, sondern ein Zustand des Geistes und der Seele. Der Mensch sucht durch das Denken und die Kunst nach einer Verbundenheit mit der gesamten Welt, um sich letztlich überall daheim zu fühlen.

Christian Morgenstern fühlt sich Daheim im Geiste. Der deutsche Dichter nähert sich dem Begriff ebenfalls von einer tieferen, zwischenmenschlichen Seite an. Er löst das „Daheim“ vom physischen Wohnsitz und bindet es an das Gefühl, verstanden zu werden:„Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.“

Wer diese Haltung besitzt, kann theoretisch an jedem Ort der Erde und bei jedem Menschen ein „Daheim“ finden, solange eine seelische Verbindung existiert.

Doron Rabinovici empfindet das moderne Paradoxon. Der zeitgenössische österreichische Schriftsteller hat sich intensiv mit der modernen, oft zerrissenen Form dieses Gefühls beschäftigt. Über ihn und seine Werke (wie den Roman Andernorts) heißt es in Literaturkritiken oft treffend: „Überall zu Hause, nirgends daheim.“

Er beschreibt die Perspektive von Menschen, die durch Migration, Globalisierung oder jüdische Identität die Welt als ihr Zuhause betrachten, gleichzeitig aber das traditionelle, feste „Daheim-Gefühl“ hinterfragen.