Du betrachtest gerade Oper Frankfurt „Tancredi“- der Krieg in uns. Aufrüstung Radikalisierung, Konstruktion von Feindbildern aus Angst

Konflikte entstehen heute oft nicht zuerst durch Fakten, sondern durch starke Emotionen und Bilder im Kopf: Wir „sehen“ den anderen durch ein vorgefertigtes Meinungs-(Bild). Aus Angst, Gerüchten und Missdeutungen entstehen menschliche Tragödien. Voltaires Drama ist Vorlage zur Oper „Tancredi“ von Rossini. Tancredi, so kann man es im Blog der Oper Frankfurt nachlesen, „erzählt von einer Gesellschaft, die sich aus Angst radikalisiert, aufrüstet und Feindbilder produziert. Am Ende ist sogar ein Vater bereit, die eigene Tochter zu opfern. Ein Krieg im Kleinen. Der Krieg zwischen uns. Und der Krieg in uns, der die Idylle des Dorfes zerstört und schließlich zum Tod von Menschen führt.“

Liebe Leser,

die Oper Frankfurt wagt eine interessante Deutung der Oper Tancredi. Studien zu Vorurteilen belegen, dass unser Gehirn evolutionär bedingt in Schubladen denkt. Sie zeigen, dass Vorurteile soziale Gruppen spalten, unbewusste Einstellungen im Alltag (z.B. bei der Jobsuche) messbar sind und Diskriminierung nachweislich krank machen kann. Was sagt das über die gegenwärtige Gesellschaft aus?

Voltaire zeigt in seiner Tragödie „Tancrède“ (Übersetzung von Goethe), uraufgeführt am 13. September 1760 in Paris, nicht nur eine komplizierte politische Ausgangslage, sondern ein Modell dafür, wie Konflikte entstehen, wenn sich Menschen an Zeichen, Abhängigkeiten und Deutungen festhalten.

Auf Sizilien überlagern sich Machtzonen: Ein großer Teil steht unter arabischer Herrschaft (Sarazenen), um Messina herum gehört die Insel jedoch noch zum Oströmischen Reich. Syrakus wiederum – ursprünglich eine griechische Stadtgründung – hat seine Unabhängigkeit bewahrt. Dort siedeln sich Normannen an, gewinnen durch eine kluge Politik Anhänger, werden jedoch im Zuge eines Bürgerkriegs aus der Stadt vertrieben. Mit ihnen trifft die Gewalt auch den Vater von Tancrède: Seine Position bricht, seine Güter werden enteignet.

Genau an dieser Stelle wird für das Seminar „Unter Spiegeln“ wichtig, worauf der Text zielt: Das Stück zeigt, dass Geschichte hier nicht nur Kulisse ist, sondern diese spiegelt. Figuren schauen nicht auf „die Wirklichkeit“, sondern auf das, was sie daraus machen müssen – weil jede Unsicherheit sofort ein Urteil produziert. Voltaire entwirft damit eine Welt, in der politische Bedrohung, familiäre Loyalität und private Bindung ineinandergreifen, ohne dass ein stabiler Erkenntnisweg existiert.

Wo liegt meine Loyalität?

In der Oper-Übertragung wird diese Spiegel-Logik zugespitzt: Im Libretto gibt es keinen Vater – „nur Tancrède selbst“ – und damit wird ein Bruch sichtbar, der sich wie ein Lücke im Bild anfühlt. Während Voltaire den Vater als ins Exil fliehenden Mann kennt (gemeinsam mit Tancrède, später auch Amenaïde nach Byzanz), verschiebt die Oper die Verantwortungsstruktur: Statt eines abgeschirmten Hintergrunds steht Tancrède unmittelbar im Zentrum. Dadurch wird es für das Publikum schwerer, den Ursprung mancher Entscheidungen nachzuvollziehen – und genau diese Unschärfe wird im Vereinshaus-Setting der Oper Frankfurt zum gesellschaftlichen Thema.

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Das Seminar „Unter Spiegeln“ ließe sich hier wörtlich nehmen: Denn Voltaire zeigt, wie Gemeinschaften sich selbst spiegeln. Sie bauen ein Bild von Loyalität und Gefahr, und dieses Bild ersetzt dann den Blick auf reale Menschen. Amenaïde ist mit Tancrède verlobt, doch der Vater weiß davon nichts. Vor einer drohenden Attacke durch die Sarazenen entscheidet er sich, die Hand seiner Tochter dem Rivalen Orbassan zu geben. Zusätzlich erhebt der sarazenische Fürst Solamir Anspruch auf Amenaïde – ebenfalls als Bedingung, damit die Stadt verschont wird. Das ist nicht nur Plot: Es zeigt, wie Liebe zur Verfügungsmasse wird, sobald politische Ordnung bedroht ist.

Amenaïde trifft in diesem System eine zentrale Entscheidung, die im Seminar als „Metapher des Spiegelns“ gelesen werden kann: Sie schreibt Tancrède einen Brief, ohne ihn zu benennen, weil sie hofft, dass nur so der Bannfluch aufgehoben werden kann. Der Fluch ist der Schlüssel: Ohne ihn kann Tancrède nicht der rechtmäßige Bräutigam werden; in der belagerten Stadt kennt ihn jedoch niemand. Der Brief wird abgefangen, falsch interpretiert und mündet in Anklage: Amenaïde habe „mit dem Feind gemeinsame Sache“ gemacht. Dass das nicht völlig abwegig wirkt, liegt an der Triebkraft, die Voltaire selbst als Gefahr markiert: die Vorstellung von der Verführbarkeit der Frauen. Das ist eine Begründung, die in einem patriarchal geordneten Gemeinwesen sofort „plausibel“ wird; und damit zum Spiegel der Gesellschaft wird, in der sich Vorurteile in den Köpfen der Männer treiben.

Krieg in uns?

An der Oper Frankfurt wird „Tancredi“ nicht als historisches Sittengemälde präsentiert, sondern als Spiegel auf die heutige Gesellschaft: Der „Krieg in uns“ beginnt schon lange vor dem ersten Schwertstreich; in Blicken, in Regeln, in einem Denken, das das Fremde braucht, um das Eigene zu ordnen. Genau darin liegt der gegenwärtige Zugriff des Abends:

Männergemeinschaft Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay

Regisseur Manuel Schmitt verlegt Voltas Tragödie in ein Vereinsheim, in dem eine Männergemeinschaft ihre Ordnung pflegt, ihre Loyalitäten schwört und schließlich über eine vermeintliche Verräterin richtet. Was wie Tradition wirkt, ist in Wahrheit ein Schutzmechanismus gegen Angst, gegen Zweifel, gegen das Risiko, dass der innere Feind die eigene Klarheit zerstört.

Voltaire erzählt von einem zerbrechlichen Frieden, der nur durch äußere Bedrohung zusammengehalten wird. Bei ihm und bei Rossini entsteht Tragik aus der Abhängigkeit von Zeichen: Ein Brief, eine Deutung, ein Misstrauen, das sich wie ein Bannfluch über alle legt. Amenaide vertraut Tancredi etwas an, das nur in einem Gespräch wirklich Bedeutung gewinnt; doch der Brief wird abgefangen, missgedeutet und damit zu einer Waffe. So wird aus der abstrakten Angst vor dem „Fremden“ eine Anklage gegen das eigene Herz. Der Verdacht ist dabei nicht neu, nur radikal wirksam: Man glaubt, Verrat liege nahe, weil Frauen verführbar seien, weil Gefühle nicht als Wahrheit gelten, sondern als Risiko. Und schon steht die Gemeinschaft dort, wo sie am gefährlichsten wird: bei der schnellen Gewissheit, bei der Bereitschaft, Schuld zu produzieren, um Handlung zu ermöglichen.

Verweigerte Aussprache

Hier folgt der entscheidende Spiegel-Schritt: Tancrède äußert den Verdacht selbst. Damit wird das tragische Missverstehen nicht nur von außen erzwungen, sondern in das Innerste hineingelassen. Und doch setzt Voltaire eine formale Grenze: Tancrède und Amenaïde begegnen einander öffentlich; eine klärende Aussprache ist dadurch unmöglich. Die Oper Frankfurt macht aus diesem Mangel eine weitere Spannung; nicht als völlige Berichtigung, sondern als Verstärkung der Tragik. Die beiden treffen sich zwar, aber das zentrale Gespräch über den Brief und den Verdacht des Verrats findet nicht statt. So wird aus fehlender Information ein irreversibler Zustand: Bei Voltaire verweigert Tancrède die Aussprache aus Stolz und Hochmut, in der Oper entsteht der Bruch aus dem Missverständnis heraus, sodass er sich schließlich freiwillig in die Schlacht stürzt. Für das Seminar „Unter Spiegeln“ ist das zentral:

Kommunikation Image by geralt from Pixabay

Nicht nur die Ereignisse sind tragisch, sondern die Kommunikationsform, in der sich Wahrheit nicht artikulieren kann.

Dass die Oper Frankfurt das Ganze aus dem Mittelalter in die Gegenwart verlegt, erklärt auch, warum das Motiv „Krieg in uns“ so deutlich wird. Die Sarazenen erscheinen weniger als konkrete Personen denn als Projektion; als „fremde Macht“, die im Publikum Vorstellungen auslöst. Als Ungläubige funktionalisiert, werden sie zu einem Feindbild. Damit wird „die Angst vor dem Fremden“ nicht einfach erzählt, sondern inszenatorisch aktiviert: Der Krieg beginnt nicht durch Zufall, sondern in den Köpfen der Menschen. Genau hier greift das Seminar: Spiegeln heißt auch, dass man aus einer unklaren Situation schnell eine klare Feind-Freund-Definition macht.

Boxduell in der Machowelt?

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass „Krieg in uns“ nicht dort beginnt, wo Menschen kämpfen, sondern dort, wo sie sich selbst glauben, sie seien immun gegen Angst.

Das Boxduell in der Ouvertüre -verspielt, rhythmisch, nach außen wie Sport – setzt sofort den Ton: Eine Machowelt, die Bewegung in Aggression verwandelt, bevor sie auch nur ein Ziel kennt. Dieses Vorspiel macht klar, wie Gewalt zur  Ästhetik wird, wie sie sich anfühlt wie Normalität.

So wird „Tancredi“ an der Oper Frankfurt zu einem Stück über das Spiegeln: über die Geschichte als Kulisse für Gegenwart, über Metaphern, die zu Urteilen werden, über Gemeinschaft im Vereinsheim als Schutzraum, der schnell zur Abwehrfront wird. Und ob wir bereit wären, im richtigen Moment den Bannfluch zu brechen; nicht mit Gewalt, sondern mit Hilfe eines klärenden Gesprächs.

Mit freundlichen Grüßen

I. Burn

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:28. Juni 2026
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