„Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“: Genau darum geht es für mich bei dieser Italienischen Opernacht. Denn wenn wir über Zeit sprechen, sprechen wir nicht nur über Uhren und Daten, sondern über den Moment, in dem Lebensfreude sichtbar wird. Wie wird Lebensfreude eigentlich sichtbar? In Menschen, in Geschichten, in dem, was wir als „genussfähig“ oder als „zu viel“ betrachten? Schnell wird klar: Wohlbefinden ist nicht nur etwas, das man im Inneren fühlt, sondern etwas, das nach außen wirkt – in Haltung, Blick, Tempo; und manchmal sogar in Komik. Gerade Verdis Musik macht diesen Zusammenhang spürbar, weil sie Gefühle nicht nur ausdrückt, sondern sichtbar und hörbar gestaltet.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
Was ist es, dass den Zauber von Verdi ausmacht? Warum lösen seine Werke bei so vielen Hörern nicht nur Begeisterung, sondern ein tiefes Wohlbefinden aus? Vielleicht liegt es daran, dass Verdi große Gefühle nicht dekorativ inszeniert, sondern fühlbar macht: in Melodien, die im Herzen nachklingen, und in Szenen, die von Freiheit, Schuld, Schicksal und Hoffnung erzählen. Genau das scheint der Verdi-Abend unter dem Motto „Zum 125. Todesjahr von Giuseppe Verdi“ eindrucksvoll zu zeigen.
Nabucco ein Wendepunkt?

Die Inszenierung von Yannis Kokkos hat es geschafft, die zentrale Idee von Hoffnung auf beeindruckende Weise zum Leben zu erwecken. Besonders der berühmte Chor „Va, pensiero“ hat mich tief getroffen. Die Stimmen der gefangenen Hebräer, die ihren Traum von Freiheit singen, sind wie ein Lichtstrahl in einem dunklen Raum. http://Bild von Pauline_17 auf Pixabay
Das Programm startete mit Nabucco. Das ist naheliegend und aus meiner Sicht stimmig, denn Nabucco war ein Wendepunkt in Verdis Opernkarriere und zugleich der Beginn einer neuen Epoche in der italienischen Oper. Doch was verleiht Nabucco seinen besonderen Charme? Die Oper erzählt ein biblisches Thema rund um die babylonische Gefangenschaft der Juden. Gleichzeitig bot diese Geschichte Verdi die Gelegenheit, eine gedankliche Verbindung mit den Freiheitsbewegungen der italienischen Bevölkerung herzustellen.
Als Nabucco entstand, war die Halbinsel in zahlreiche Einzelstaaten zersplittert, und viele Gebiete standen unter der Herrschaft ausländischer Mächte. In diesem Zusammenhang wurden Verdis Opern oft im übertragenen Sinn verstanden: Sie greifen politische Situationen auf und gaben zugleich ein Hoffnungsbild, das den Erfolg der Werke mittrug. Hier zeigt sich Kultur als Deutungskraft: Ein Stoff aus einer anderen Zeit wird zur Linse für das eigene Heute. Und damit wird Chronos – die historische Distanz – in Kairos verwandelt: Die Musik macht spürbar, dass Befreiung immer wieder neu beginnt. Später nahm die bekannteste Nummer aus Nabucco – der „Gefangenenchor“ der hebräischen Sklaven – den Rang einer zweiten italienischen Nationalhymne ein. Und dieser Chor ist nicht nur in Italien, sondern auch beim deutschen Publikum beliebt. So bildete der Gefangenenchor auch den Abschluss des Verdi-Abends. Gerade das wirkt wie ein Beispiel dafür, wie kulturelle Formen sich wandeln und dabei Wohlbefinden stiften: Ein Chor wird zur gemeinsamen Stimme, und in der Gemeinschaft entsteht etwas, das über das einzelne Erleben hinausgeht.
Sizilianische Vesper Kultur im Feuer der Zensur?
Nach der Ouvertüre aus Nabucco folgte die „Sizilianische Vesper“. Die Oper thematisiert den Aufstand der Sizilianer gegen ihre normannischen Belagerer, ausgelöst durch das Läuten der Glocken. Das Ende dieser Geschichte ist dramatisch und eindringlich – ein sensationelles Opernfinale. Doch der Erfolg kam nicht ohne Widerstände: Die Oper hatte es wegen der Behördenzensoren mit Schwierigkeiten zu tun. Auch das gehört zur kulturellen Realität: Kultur muss sich immer wieder gegen Zensurversuche des Staates behaupten, und gerade dadurch bleibt sie lebendig.
Lombarden Streiter für ein vereinigtes Italien?
Der nächste Programmpunkt waren die „Lombarden“. Mit dieser Oper wollte Verdi an den großen Erfolg von Nabucco anknüpfen. Anders als bei Nabucco handelt es sich hier nicht um eine unmittelbare Bibelgeschichte, sondern um „Lombarden“, die als Patrioten in den Kampf eintreten – als Streiter für das heilige Land. Auch diese Handlung lässt sich als Kampf für ein befreites Italien lesen, zumindest im Gefühl und in der Deutung, die viele Hörer in sie hineininterpretieren konnten. Besonders reizvoll ist dabei die Chorszene, die an den Gefangenenchor aus Nabucco erinnert. So konnte sich das Darmstädter Publikum über eine Szene freuen, die dem Original zwar nicht vollständig entspricht, aber doch eine ebenso starke emotionale Wirkung entfaltet. Wohlbefinden hängt also auch mit einer starken Emotion zusammen. Denn starke Emotionen bleiben dem Publikum im Gedächtnis.
Rigoletto eine Oper gegen die Moralvorstellungen der Zeit?
Vor der Pause kam es zu einer der berühmtesten Opern Verdis: „Rigoletto“. Hier geht es nicht um Patriotismus als gemeinsames Anliegen, sondern um das Schicksal eines Außenseiters – des Hofnarren Rigoletto – und seiner Tochter. (auch unser Beitrag zu „Narren in der Oper„)
Die Oper basiert auf dem Stück von Victor Hugo „Le roi s’amuse“ Victor Hugo). Nach der ersten Aufführung wurde es von der Bühne verbannt und etwa 50 Jahre lang nicht mehr aufgeführt. Auch „Rigoletto“ selbst wurde zunächst aus moralischen Gründen von einem österreichischen Militärgouverneur verboten, unter anderem wegen „Unmoral“ und vermeintlicher Unzüchtigkeit.
Der Grundgedanke wirkt bis heute provokant: Der Herzog von Mantua steht als skrupellose Figur für Genuss ohne Rücksicht, während der Narr – hässlich und deformiert dargestellt – als Mensch mit edlen Gefühlen erscheint. Die Oper stellt damit die Moralvorstellungen der damaligen Zeit bewusst auf den Kopf. Verdi dreht damit die Perspektive um. Und genau diese Umkehr kann wie ein kultureller Spiegel wirken: Was gilt als „zu viel“? Wer wird ausgeschlossen, obwohl er sich moralisch richtig verhält?
Macht des Schicksals oder die Liebe im Moment leben?
In der „Macht des Schicksals“ erzählt Verdi von Leonora, die versucht, gemeinsam mit ihrem Geliebten Don Álvaro zu fliehen. Doch ihr Vater entdeckt die Pläne – und wird aus Versehen getötet. Die Liebenden fliehen schließlich getrennt, und Don Carlo, der Bruder Leonoras, verfolgt sie unermüdlich, bis am Ende alle drei sterben. In dieser tragischen Linie zeigt sich Verdis Fähigkeit, Schicksal nicht als abstrakte Idee zu erzählen, sondern als bedrängende Kraft, der sich niemand entziehen kann. Hier scheint Chronos besonders hart: die unaufhaltsame Kette von Ereignissen. Aber Verdi zeigt zugleich etwas, das dem Seminar „Kairos“ entspricht: trotz Tragik gibt es immer wieder Momente, in denen Gefühle „jetzt“ sind. Diese Spannung zwischen Zeitdrang und Augenblick macht das Erleben so dicht.
Troubadour – Bruderzwist und Rache einer Mutter?
Im „Troubadour“ schließlich geht es um einen Zigeuner, der seiner Geliebten ein Ständchen bringt. Sein Gegner ist ein Edelmann, der unbeirrbar seinen Weg verfolgt und dabei nicht nur den Konflikt verschärft, sondern seinen Gegner tötet – und der Mann stellt sich als sein Bruder heraus. Die Triebfeder der Handlung ist Rache: Azucena, die vermeintliche Mutter, hetzt die Brüder gegeneinander gnadenlos aufeinander. Auch hier arbeitet Verdi mit kulturellen Spannungen: Familie, Zugehörigkeit, Schuld und Vergeltung. (zum Troubadour auch unser Beitrag „Gedankenspiele zu Halbwahrheiten“)
Beliebteste Verdi Oper: La Traviata von den Leiden eines Escot-Girls?
Über „La Traviata“ wurde in einer Umfrage gesagt, sie sei die beliebteste aller Verdi-Opern – und kein Wunder, dass diese Oper auch bei einem Gedenkkonzert nicht fehlen darf.
(Sie erinnern sich bei La Traviata vielleicht an VI Schreibwerkstatt UniWehrsEL:“Tatort Frankfurt – Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ Auftakt: Paulskirche Frankfurt)
„La Traviata“ zeichnet eine Frau aus einem gesellschaftlichen Milieu, das die Grenze zwischen Liebe und Urteil ausmisst. Zwischen ihr und ihrem Geliebten Alfred steht die Realität der anderen. Violetta trägt den Hauch des Todes in sich. Ihre Zeit ist kurz, ihre Welt löst sich auf. Es zählt nur der Augenblick. Gerade das macht die Figur für viele Zuhörer so berührend. Wohlbefinden ist in La Traviata ein kurzer Glücksmoment abseits der Krankheit als Würde, als Liebe, als das Recht, im Kairos zu leben.
In Ein Maskenball kommt es zu einem Attentat auf einen Gouverneur aus Boston, der bei dem Ball getötet wird. Die Oper galt als heikel, und deshalb wurde die Handlung zunächst vom schwedischen Königshaus nach Boston verlegt. Kultur reagiert eben auf Widerstand: Sie verhandelt Themen neu, verschiebt Handlungsorte, übersetzt Geschichten in die Gegenwart. (zum Stichwort Maskenball gab es auch schon einen Lesertipp zum Stockholm Oktavo von Karen Engelmann – einem historischen Roman der sich um Gustav III. von Schweden dreht. )
So zeigt sich in dieser Italienischen Opernacht: Verdi verzaubert nicht nur mit Musik, sondern mit Geschichten, die Lebensfreude sichtbar machen – manchmal gerade dann, wenn sie von Tragik umgeben sind. Der Zuschauer spürt, wie Wohlbefinden entsteht: in der Musik.
Mit freundlichen Grüßen
I. Burn



