Ein digitaler Fußabdruck (auch digitaler Schatten genannt) ist die Gesamtheit aller Datenspuren, die eine Person bei der Nutzung des Internets hinterlässt. Jeder Klick, jede Suche und jeder Besuch auf einer Website zeichnet ein Stück unseres Verhaltens auf. Ein Leser hatte sich Gedanken über unseren digitalen Zwilling gemacht. Vertiefend und ergänzend hier eine Antwort einer anderen UniWehrsEL-Leserin.
Lieber Simon Syntax,

herzlichen Dank für Ihren interessanten Beitrag zu unserem digitalen Zwilling, ergänzt um den „Satiriker des Universum“ Douglas Adams, dem Schöpfer von Per Anhalter durch die Galaxis, dem bekennenden Technologie-Enthusiasten mit sardonischem Blick auf die menschliche Unfähigkeit, vernünftig mit dem eigenen Fortschritt umzugehen.
Wie beim Einloggen in eine App oder wenn ich kurz etwas online bestelle: Erst wirkt alles ganz harmlos. Man ist „nur“ Nutzerin, erledigt eine Sache, geht weiter. Und doch bleibt manchmal dieses unterschwellige Gefühl zurück; als hätte ich nicht nur gehandelt, sondern etwas von mir abgegeben. So, als würde aus jeder Interaktion später eine Spur, die nicht mehr ganz verschwindet. Genau darauf bin ich neugierig,

wenn ich demnächst am Seminar „Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“ teilnehmen werde.
Ich habe sehr über Ihre sardonischen Gedanken von Douglas Adams geschmunzelt und fasse einmal zusammen:
Erstens ist alles, was es bei deiner Geburt schon gab, „normal“. Zweitens ist alles, was bis zu deinem dreißigsten Lebensjahr erfunden wird, aufregend – und vielleicht sogar Karrierefutter. Und drittens kommt irgendwann die Erfindung, die der natürlichen Ordnung widerspricht und wie das Ende der Zivilisation klingt – bis man sich daran gewöhnt.
Mal ganz ehrlich, lieber Herr Syntax, ich glaube, wir haben diesen dritten Teil schon längst durchlaufen. Nur merken viele von uns erst später, dass sich die „Aufregung“ in Alltag übersetzt hat. Und genau da setzt mein Gefühl an, wenn es um Avatare geht; diese digitalen Doppelgänger, die heute nicht mehr nur Gruselstoff oder Fantasie sind, sondern wie selbstverständlich mitlaufen.
Mich würde interessieren, was Sie sich vom Seminar im Wintersemester 26/27 erwarten. Ich erwarte vom Seminar, dass es dieses Kippen greifbar macht: den Moment, in dem Ähnlichkeit nicht mehr beruhigt, sondern verstört. Sie haben es ja schon ausführlich erklärt, dieses sogenannte Uncanny Valley. Diesen Effekt, den viele Menschen intuitiv kennen: Je menschenähnlicher etwas wirkt – eine Stimme, ein Gesicht, Bewegungen, sogar der Blick – desto eher entsteht Vertrauen. Man fühlt sich „abgeholt“, weil es vertraut wirkt. Aber ab einem bestimmten Punkt klappt das nicht mehr: Wenn die Ähnlichkeit fast perfekt ist, aber nicht ganz stimmt (zu glatt, zu starr, zu „richtig“ bei gleichzeitig falscher Regung), entsteht ein unheimliches Gefühl. Das Gehirn erkennt: Das ist kein echter Mensch, aber es will auch keiner sein. Genau dieses Kippen in Verstörung ist das „Grusel-Tal“: von Sympathie zu Irritation, manchmal bis zu Abwehr.
Normalerweise sagt der eigene Körper: „So kenne ich dich.“ Aber bei Avataren kann das Gefühl kippen, weil es plötzlich zu nah wird. Ich bin dann nicht nur Zuschauerin, sondern werde – in einer zweiten Lesart – irgendwie ‚in mich selber hineingezogen‘. Sie verstehen, was ich meine? Da gibt es eine Rolle, ein Gesicht, ein Profil; und irgendwann frage ich mich: Bin ich das noch? Oder ist es schon die Version von mir, die im Netz am stärksten „punktet“?
Genau wie Sie, so nehme ich es jedenfalls an, finde ich daran spannend und gleichzeitig beunruhigend, dass bei digitalen Doppelgängern dieses Tal mehr als eine ästhetische Hürde ist. Mir erscheint es sogar als eine Art emotionaler Abkürzung. Ein Avatar muss nicht „horrorböse“ sein, um mich unangenehm zu treffen. Er muss nur nahe genug an das Menschliche heranrücken. Dann nehme ich seine Anwesenheit ernst, während mir gleichzeitig klar bleibt, dass dahinter ein System und eine Nutzerspur stehen, ein ‚Ding‘ für die anderen, nicht ‚du selbst‘ als Person.
Und damit möchte ich Ihren Faden, lieber Herr Syntax, gedanklich ausweiten. Denken wir gemeinsam an E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ (auch unser Beitrag)
oder auch Frankensteins Monster (unser Beitrag Frankensteins Monster oder das geschundene Tier): Bei diesen Protagonisten ist das Unheimliche nicht primär der Körper, sondern die Frage, wie schnell „Erschaffenes“ zur Lebensform wird. Für mich ist ganz entscheidend, wie sehr dabei die Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich verwischt werden.
Hoffmann zeigt das besonders scharf. Der Sandmann macht nicht nur Angst, er verschiebt auch Wahrnehmung und Verstand. Frankenstein macht etwas Ähnliches, nur auf einer anderen Ebene: Der Schöpfer hat ein Wesen hervorgebracht, das wirkt wie lebendig. Und gerade dadurch wird es zu einer moralischen und sozialen Sprengladung. Der Horror entsteht, weil man nicht mehr bequem unterscheiden kann, was „bloß Ding“ ist und was „ein Jemand“.
Und während ich über den Doppelgänger in der Literatur nachdenke, taucht Frankenstein in der Spielzeit 26/27 wieder auf. Im März 2027 erwartet die Zuschauer des Staatstheaters Darmstadt eine Neuinszenierung nach dem Roman von Mary Shelley – und zwar in den Kammerspielen. Keine ferne Geschichte mehr, sondern plötzlich nah genug, um Fragen laut zu stellen: Was heißt ‚erschaffen‘? Was bedeutet in diesem Fall ‚Verantwortung‘?
Im April 2027 zieht dann auch das Schauspiel Frankfurt nach und bringt eine eigene Variante von Frankenstein auf die Bühne. Für mich fühlt sich das an, wie ein kulturelles Aufwärmen genau der Themen, die im Digitalen gerade wieder ganz frisch brennen: die Grenze zwischen Abbild und Person, zwischen Spiel und Wirkung.
Und als hätte man das Motiv gewissermaßen schon mal vorausgesehen—Lilja Rupprecht hatte den Sandmann am Schauspiel Frankfurt bereits 2025 um Leben erweckt. Das lässt den Zuschauer mit Vorfreude auf ihre Frankensteinversion blicken (Uraufführung 17. April 2027).
Frankenstein und der Sandmann sind also – gedanklich – Vorläufer dessen, was wir heute als digitale Spiegelwelt erleben: Nicht automatisch mit Monstern aus Fleisch und Blut, sondern mit Figuren, die die menschliche Form so gut übernehmen, dass sie Ansprache, Nähe und schließlich Handlungsmacht bekommen. Und sobald das passiert, wird aus Identität ein Risiko: Du bist nicht nur Zuschauerin deines Auftritts, du bist Ziel einer Interaktion, die auf deiner Darstellung basiert.

Genau an der Stelle setzt meine Kritik am Metaverse (Metaversum) an. Gedanken dazu gab es schon einmal in einem unserer Beiträge) Die Idee ist simpel: ein dreidimensionales, vernetztes Internet, in dem Menschen als Avatare durch virtuelle und „mit der Realität verschmolzene“ Räume gehen, arbeiten, spielen, kommunizieren. Klingt erst mal nach Zukunftsarchitektur. Aber der Haken ist: Wenn die Umgebung authentischer wird, dann wird auch das, was darin schiefgeht, authentischer.
Was ich daran am wenigsten ertrage, ist die Gleichförmigkeit der Berichte: Sexualisierte Belästigung, Mobbing, rassistische Anfeindungen, Androhungen von Gewalt; und immer wieder die gleiche entsetzliche Logik, dass das Abbild des eigenen Selbst zum Ziel wird.
In Meldungen im Zusammenhang mit Plattform Horizon wird beschrieben, dass unangemessenes Verhalten regelmäßig geschieht und Nutzerinnen und Nutzer sehr häufig damit konfrontiert sind. Und in Erzählungen betroffener Frauen wird deutlich, wie schnell ein Avatar „übernommen“ werden kann: Avatare werden belagert, es gibt sexuelle Anspielungen, es kommt zu körperlichen Übergriffen.
Diese Mischung aus „zu nah“ und „zu wenig Schutz“ fühlt sich für mich wie eine moderne Fortsetzung der alten Gruselgeschichten an: nicht weil jemand mit Absicht ein Monster sein will, sondern weil die Maske am Ende keine Gleichgültigkeit kennt. Das Metaversum machte Nähe möglich. Wenn es dann gegen Grenzverletzungen nicht entschlossen genug handelt, wird die Bühne zur Werkstatt der Wiederholung. Der digitale Doppelgänger ist dann nicht nur unheimlich. Er ist eine Eintrittskarte für Gewalt.
Das Metaversum hat eine Phase gehabt, in der es sich anfühlte wie Zukunft mit Glamourfaktor: virtuelle Gucci-Stores und Stars wie Ariana Grande, die mit Live-Konzerten vor Millionenpublikum auf diese neue Bühne aufgetreten sind. Alles wirkte auf einmal greifbar, glänzend, ein bisschen wie ein Science-Fiction-Roman, der endlich im Internet angekommen ist.
(mein Beitrag Pop Geplauder: Musikvideo „Petal“ von Ariana Grande – heimliche Botschaft oder nur ein Retro-Trend?)
Und dann rollte – für mich jedenfalls spürbar – der nächste Zug ein: Der KI-Zug. Plötzlich ging es nicht mehr darum, dass man sich drei Dimensionen lang in einem virtuellen Raum verliert, sondern um andere Versprechen, andere Hypes, andere Tools. Das Metaverse wurde in dieser Verschiebung zum Auslaufmodell. Im Juni 2026 hat der Facebook- und Instagram-Konzern Meta seine Virtual-Reality-Plattform „Horizon Worlds“ abgeschaltet. Deshalb Lebewohl Plattform, die ich nie kannte, aber die Glamour und Spaß versprach – sich aber als sinnbildliches Monster entpuppte.
Also dann, zurück zu unserer literarischen Vorlage dahinter. Das Doppelgänger-Motiv war früher für mich klarer: Horror, Verwirrung, das unheimliche Spiegelbild, das etwas ans Licht bringt, das man nicht sehen wollte oder durfte. Bei Hoffmann oder auch Daphne du Maurier war das Duplikat ein Ereignis; eine spannende Störung, die den Alltag für einen Moment aus den Angeln hebt.
Gerade bei Daphne du Maurier und „Der Sündenbock“ wird diese zweite Gestalt zur Falle. Ein Mensch wird ersetzt, umgedeutet, fremd gemacht – und plötzlich kippt das, was „eigentlich“ wahr ist. Das Unheimliche entsteht nicht, weil etwas Spektakuläres passiert, sondern weil die Gewissheit der Identität, wer eigentlich wer ist, still und leise Schritt für Schritt zerbricht. Man steht da mit dem Gefühl: Ich sehe zwar etwas, aber ich kann nicht mehr entscheiden, ob es mich wirklich betrifft, oder ob ich gerade nur in eine Rolle hineingeschoben werde.
Übertragen aufs Digitale verstehe ich den Avatar dann nicht mehr nur als Spiel- oder Profilfigur. Ich hoffe, dass das Seminar diese Entwicklung nachzeichnet: Wie aus dem unheimlichen Blick in die Vergangenheit eine digitale Spiegelwelt wie das Metaverse wurde. Und wie aus einer literarischen Erfahrung heute eine soziale Wirklichkeit entsteht.
Denn mal ganz ehrlich, lieber Simon Syntax, was mich am meisten beschäftigt, ist nicht der Avatar als Grafik. Es ist die Idee der Spur. Ich wünsche mir im Seminar eine Diskussion darüber, wie aus vielen kleinen Handlungen wie anklicken, einloggen, abspeichern, bewerten mit der Zeit etwas wird, das sich anfühlt wie eine Konsequenz in der Realität. Nicht weil dort ein „zweites Ich“ herumspukt, sondern weil diese Spuren irgendwann nicht mehr nur Informationen sind, sondern Grundlage dafür, wie Systeme mich verstehen, einordnen und eventuell behandeln. Da wird aus dem digitalen Duplikat etwas, das Einfluss gewinnt. Und das ist für mich schwer zu ignorieren.
Ich bin gespannt, ob das Seminar auch die „anthropologische“ Seite stärker macht: Was macht es mit uns, wenn wir zunehmend als digitales Abbild existieren, das andere Menschen auf Plattformen verarbeiten können? Wie verändert das unser Gefühl von Identität, von Verlässlichkeit, von Kontrolle? Und wie gehen wir mit dem Gedanken um, dass das Digitale nicht nur Bühne ist, sondern bald unser Leben in der Realität beeinflusst?
Mit neugierigen, ein bisschen wachen Grüßen
Ihre Izzi Neven




