In Folge 49 entschlüsselte Claudia Elfriede das von Burn und Ritter mitgebrachte Papier, einen Beutel mit Notenlinien auf der Rückseite. Sie versteht dieses Papier als den Schlüssel zur Lösung unseres Tatort Krimis und der Rolle der Musik. Denn dies ist kein gewöhliches Notenblatt. Mit seinem Wasserzeichen weist es auf das historische Papier der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hier in Frankfurt. Und da gab es durchaus einen Tatverdächtigen. Ein weiterer Hinweis ist die Tinte, nicht irgendeine, sondern eine Eisengallustinte. Die benutzt heute kaum noch jemand, außer Restauratoren oder… bestimmte Sammler im Westend. Aber als Nächstes wurde eine kulinarische Atempause im Operncafé beschlossen.

Neue Szene U. E.: Anders als das damalige Frühstück im Operncafé gestaltet sich das Treffen mit Paula Pechstein fatal. Zunächst fing alles verheißungsvoll an. Kommissar Ritter und Ivo Burn der Opernkenner waren mit Paula Pechstein verabredet. Das stilvolle Operncafé am Willy-Brandt-Platz erschien ihnen als genau die richtige Lokation, um einmal durchzuschnaufen.
Durch die Glasfronten blickt Paula auf die Baustellen der Stadt, die im dichten Morgennebel versinken. Es ist 08:15 morgens. Paula macht sich Sorgen um ihre Freundin Claudia Elfriede. Sie erinnert sich noch genau daran, (Folge XX Schreibwerkstatt) wie sich die beiden Freundinnen am Schauspiel Frankfurt trafen und über potentielle Täterschaft reflektierten.
Paula weiß noch nicht, dass Claudia Elfriede inzwischen wieder wohlbehalten aufgetaucht ist und sich auch schon mit Ritter und Burn in der Nationalbibliothek getroffen hat (XLIX Folge 49) .
Paula hatte sich durch alte Premierenberichte und Personalakten der Oper gewühlt. Sie hatte alle wissen lassen. sie wolle ihre Freundin Claudia finden und gleichzeitig endlich diese Opernmorde aufklären und dabei ganz groß rauszukommen – weg von dem Image als ‚Klatschreporterin‘. Sie erzählte, sie wäre bei ihren Recherchen auf den Fall eines hochbegabten, aber psychisch labilen ehemaligen Tontechniker am Staatstheater Darmstadt, namens Jakob gestoßen. Der wurde vor Jahren nach einem Nervenzusammenbruch entlassen, hatte sich danach an der Oper Frankfurt beworben.

Was Paula auch nicht ahnt, auch Ritter und Burn hatten diese Spur schon einmal im Fall ‚Lazarus‘ verfolgt. Jakob war einst der Techniker, den man holte, wenn aus einer Aufführung ein Ereignis werden sollte. Präzise Hände, akustisches Gefühl, die Kunst, Stimmen und Geräusche so zu formen, dass sie nicht nur hörbar, sondern „richtig“ waren. Doch seit einem Bruch – Betriebsunfall, Konflikte, Entlassung – kippt etwas in seinem Inneren: Aus dem Anspruch, gute Arbeit zu liefern, wird Besitz. Aus Anerkennung wird Kränkung. Und aus Kontrolle über Technik wird die Notwendigkeit, Kontrolle über andere zu erzwingen. Ritter und Burn erkennen hinter Jakob das kollabierte Selbstbild, für den jede Abweichung Provokation bedeutet.
Als Kommissar Ritter und der Opernkenner I. Burn endlich eintrafen, stellte Paula Pechstein zwei Tassen schwarzen Kaffee auf den Tisch im hinteren Eck. Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt, ihre Augen flackerten nervös. Sie belauerte die beiden Männer schon seit ihrer Ankunft.
Neue Szene I. N. : Paula Pechstein lehnt sich weit über den Tisch, die Stimme ein verschwörerisches Flüstern: „Hier, meine Herren. Stark und schwarz, genau wie die Geheimnisse, die ihr im Bahnhofsviertel ausgrabt. Ich habe eure Spur von der Elbestraße bis hierher verfolgt. Erzählt mir nichts, Ritter – ihr habt ein neues Rätsel, richtig? Geht es um Adrian Voss (Folge 43 – Paulas Recherche)? Sie erinnern sich doch Ritter, Adrian Voss kommt als Mordopfer in die Geschichte.“
Und ob Ritter sich erinnert! Damals wunderte er sich über die Nachricht von Paula, der Name der eben gefunden Leiche sei Adrian Voss, denn nach einer Aufführung von Mozarts Così fan tutte an der Oper Frankfurt hatte er selbst einen Toten und daneben einen Ausweis, ausgestellt auf ‚Adrian Voss‘, gefunden.

Und neben der Leiche, daran erinnert sich Ritter genau, lag eine zerbrochene Taschenuhr, deren Zeiger auf 23.15 Uhr standen. Aus einem Lautsprecher erklang ununterbrochen „Un’aura amorosa“. Und er erinnert sich auch daran, wie sich bei diesem Verwirrspiel sein Kopf drehte. Sie hatten den Bühnentechniker Jakob im Verdacht. Waren Jakob und der angeblich tote Adrian Voss ein und diesselbe Person? Und lebte diese Person womöglich noch und trieb ihre Verwirrspielchen – vielleicht sogar mit I. Burn weiter, der zuweilen nicht mehr wusste, wer er eigentlich war?
Ritter starrt sie misstrauisch an, rührt dabei gedankenvoll im Kaffee: „Sie sind erstaunlich gut informiert, Frau Pechstein. Fast so, als wüssten Sie vor uns, wo die nächste Leiche liegt.“
Paula Pechstein lacht nervös auf, weicht aber nicht zurück: „Das ist mein Job als Reporterin! Aber wenn ich mir Burns Gesicht so ansehe… Sie haben das Palindrom gefunden, nicht wahr? ‚LEBEN SIE? NEIN…‘ Er glaubt doch nicht im Ernst, dass das seine Schrift ist? Adrian Voss spielt mit Ihnen, Burn. Er benutzt Sie als Marionette für seine nächste Inszenierung.“
Burn schaut scharf auf, seine Stimme zittert vor Anspannung:„Woher wissen Sie von dem Palindrom, Paula? Das Papier lag im Safe des Opfers. Niemand vom Präsidium hat die Presse informiert. Es sei denn… Sie arbeiten für ihn. Sie spionieren uns aus!“
Paula Pechstein weicht einen Schritt zurück, sie spürt wie ihre Fassade bröckelt: „Ich… ich suche nur nach der Story meines Lebens, Burn! Aber passen Sie auf: Voss ist nicht der, für den Sie ihn halten. Der Tote, den sie gerade gefunden haben, war nur ein Double. Der echte Voss zieht die Fäden tiefer, als ihr denkt. Wenn ihr das Palindrom rückwärts lest, führt es euch nicht in die Vergangenheit, sondern direkt unter eure Füße.“
Ritter springt auf, packt Paula am Arm, doch sie reißt sich los und verschwindet hastig durch den Nebel Richtung U-Bahn-Station.
Ritter und Burn bleiben alleine zurück und Ritter stöhnt „Verdammt! Sie weiß einfach zu viel. Das war kein journalistischer Instinkt, das ist eine Warnung – oder ein Ablenkungsmanöver. Sie steckt mit Voss unter einer Decke!“
Burn begreift plötzlich, für ihn fügen sich die Puzzleteile zusammen.“
„Ritter, sie kann nichts von unserem Showdown wissen, auch wenn sie behauptet bei ihrer Recherche etwas über die Frequenzmessungen herausgefunden zu haben! Wir beide wissen, wo der Täter war – denken sie doch an unsere Glanzleistung im unterirdischen Sende-Bunker!“
Neue Szene K. I.: Der alte, akustisch komplett isolierte unterirdische Sende-Bunker aus dem Kalten Krieg liegt tief verborgen unter dem Frankfurter Polizeipräsidium an der Adickesallee. Seine Wände sind aus nacktem Beton, er hat dicke Stahltüren und riesige, verstaubte Funkgeräte und Oszilloskope, die grüne Wellenlinien werfen.
Ritter und Burn hatten die schwere Panzertür aufgehebelt. Im Bunker war es totenstill, bis plötzlich eine vertraute Arie aus den alten Lautsprechern dröhnte: „Un’aura amorosa“ aus Così fan tutte. Im hinteren Teil des Raums, gefesselt an einen Stuhl vor einem Mischpult, saß die sichtlich erschöpfte Literaturwissenschaftlerin Claudia Elfriede. Über ihr stand Adrian Voss.
Voss drehte sich langsam um, in der Hand ein bizarres Frequenzmessgerät, seine Augen glühten vor fanatischem Wahnsinn: „Ah, die Hauptdarsteller betreten die Bühne! Kommissar Ritter, und mein genialer Kopist, I. Burn. Pünktlich zur großen Finalszene meines Meisterwerks.“
Ritter trat mit gezogener Dienstwaffe vor: „Lassen Sie die Waffe fallen, Voss! Und nehmen Sie die Finger vom Mischpult. Das Verwirrspiel hat ein Ende. Wir wissen, dass Sie Ihren eigenen Tod nur vorgetäuscht haben.“
Voss lachte bösartig, die Musik im Hintergrund schwoll an: „Vorgetäuscht? Ich habe mich nur transformiert, Ritter! Ich stelle die perfekte, tragische Opernszene in der Realität nach, um die wahre Magie der Musik einzufangen und meinen eigenen, genialen Kopf zu klären! Und dafür brauchte ich ein perfektes Libretto. Claudia Elfriede war so freundlich, das Skript für mich zu strukturieren.“
Claudia Elfriede rief mit brüchiger Stimme: „Ritter! Burn! Hört nicht auf ihn! Er hat das Palindrom benutzt, um Burns Verstand zu brechen. Das Eisengallustinten-Wortspiel war der verbale Krebskanon, um euch hierher zu locken. Ihr solltet Teil der Tragödie werden!“
Voss schrie gegen die Musik an: „Es ist eine Schleife, Burn! Vorwärts wie rückwärts! Sie haben den Satz in meiner Gewalt geschrieben, damals in Leipzig, und heute werden Sie ihn mit Ihrem Leben vollenden. Wenn diese Frequenz den Höhepunkt erreicht, kollabiert der Raum akustisch!“
Burn trat mutig vor, die Augen fest auf Voss gerichtet, während die Schallwellen in den Ohren dröhnten: „Nein, Voss! Sie sind nicht genial, sondern krank! Die Musik heilt Sie nicht, sie zerstört Sie. Das Palindrom, das ich geschrieben habe, endet mit ‚Eisnebel‘ – dem Symbol für das Erwachen aus der Illusion! Ihre Schleife bricht genau hier.“
Ritter nutzte den Moment, in dem Voss auf Burn fixiert war. Er sprintete vor, rammte Voss zu Boden und riss das Kabel des Hauptlautsprechers aus der Wand. Mit einem ohrenbetäubenden Kreischen verstummte die Musik. Das plötzliche Schweigen im Betonbunker war ohrenbetäubend.
Burn eilte sofort zu Claudia Elfriede und schnitt ihre Fesseln durch.
Ritter drückte Voss die Handschellen auf den Rücken, während dieser wimmernd am Boden lag: „Das war’s, Voss. Keine Vorstellungen mehr. Keine Manipulationen von Menschen mehr und Schluss mit den Morden. Ihr ‚Meisterwerk‘ wird hinter schwedischen Gardinen aufgeführt.“
Burn atmete tief durch, schaute zu Elfriede und dann zu Ritter: „Die Reise in die Nacht ist vorbei. Aber wir müssen Paula Pechstein finden. Sie weiß, wer Voss geholfen hat, die Requisiten ins Bahnhofsviertel zu bringen.“
Epilog U. W.: Das Schweigen nach dem Akkord:
Der Opernkenner I. Burn und der Kommissar Ritter sind wieder im Foyer des Polizeipräsidiums an der Adickesallee, Frankfurt am Main angelangt. Durch die hohen Glasfronten bricht der erste klare, goldene Sonnenstrahl des Morgens und vertreibt den zähen Nebel über der Stadt. Es ist 08:30 Uhr am Montagmorgen.
Das Ticken der Wanduhr im Vernehmungsraum ist wieder das, was es immer hätte sein sollen: das gleichmäßige, gleichgültige Vergehen von Chronos. Keine Schwebungen. Keine stehenden Wellen. Nur Sekunden, die vorwärtsdrängen, unaufhaltsam weg von der Nacht.
Ritter lehnt am Kaffeeautomaten auf dem Flur und hält zwei Pappbecher in den Händen. Er sieht müde aus, aber der wachsame, skeptische Blick ist einer tiefen Erleichterung gewichen. Als Burn aus der Tür des Vernehmungsraums tritt, reicht Ritter ihm schweigend einen der Becher.
„Voss redet“, sagt Ritter leise. „Die Spurensicherung hat Paula Pechsteins Fingerabdrücke auf dem Tonbandgerät im Bahnhofsviertel bestätigt. Sie haben das Netz engmaschig geknüpft, aber das Palindrom hat sich am Ende gegen sie selbst gedreht.“
Burn nimmt den Kaffee und trinkt einen Schluck. Seine Hände zittern nicht mehr. Das dumpfe Dröhnen des Nebelhorns, das ihn stundenlang auf einer völlig anderen Zeitebene gefangen gehalten hat, ist abgeklungen. Seine innere Uhr läuft wieder synchron mit der Welt.
„Sie wollten die Zeit zurückdrehen, Ritter“, murmelte Burn und blickte hinaus auf die erwachende Frankfurter Skyline. „Sie wollten ein Kunstwerk aus Schmerz erschaffen. Aber Musik ist flüchtig. Man kann sie nicht einsperren – weder in einem Bunker noch in einer Schleife aus Schuld.“
Ritter klopft ihm fest auf die Schulter. „Komm, Kollege. Das Lachs-Tatar im Operncafé wartet wahrscheinlich nicht mehr auf uns. Aber ein richtiges Frankfurter Frühstück an der Hauptwache haben wir uns verdient. Ganz linear. Ganz real.“
Burn lächelt das erste Mal seit Tagen. Als sie gemeinsam das Präsidium verlassen, wirkt die Stille der Stadt wie eine perfekt gelöste Dissonanz. Das Stück ist vorbei. Der Vorhang der 50. Folge ist gefallen. Die Magie der Musik hatte ihren Schrecken verloren.

Ausblick zum nächsten Kapitel im UniWehrsEL: Mit diesem dramatischen Finale geht die monumentale, 50 Folgen umfassende Saga um die „Magie der Musik“ in der Schreibwerkstatt Tatort Frankfurt zu Ende. Doch wo ein Vorhang fällt, öffnet sich bereits der nächste. Bereiten Sie sich vor, denn nach dem Verstummen der Musik wartet bereits das nächste literarische Abenteuer. In der kommenden Schreibwerkstatt brechen wir auf zu neuen Ufern – mit einigen frischen Charakteren (sie entscheiden, ob Ritter und Burn wieder mitmischen), unvorhersehbaren Twists und einem völlig neuen Thema, das unsere Schreibwerkzeuge auf eine ganz neue Weise herausfordern wird. Bleiben Sie dran, wenn es wieder heißt: Schreiben im UniWehrsEL!


