Die Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson schreibt experimentelle Gegenwartsliteratur, die klassische antike Mythen mit modernen Themen verwebt. In unserem Beitrag Anne Carson Nobelpreis für Literatur – eine Recherche beschrieben wir auch ihr spannendes Buch Autobiography of Red, einen queeren Entwicklungsroman um die Liebe von Geryon und dem charismatischen, umtriebigen Herkules. Die Affäre wird durch Herkules beendet; Geryon stürzt in tiefen Liebeskummer, findet jedoch einen Ausweg und Trost durch die Kunst: Er beginnt zu fotografieren und hält seine Welt in Bildern fest. Eine Leserin des UniWehrsEL greift den heilenden Aspekt der Kreativität des Fotografen auf.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Vor einiger Zeit lieferte uns Heiner Schwens den Beitrag Staunen im Vergleich zur Ästhetik der Fotografie /Teile I und II) und definierte „STAUNEN HEISST: DIE LUFT ANHALTEN VOR LAUTER WOW“ (Foto: Heiner Schwens)
Ein ganz anderes Motiv – dass ein Protagonist die Welt vor allem durch das Objektiv seiner Kamera wahrnimmt, um sich zu schützen, die Realität zu verarbeiten oder Distanz zu wahren – ist ein bekanntes Thema im Film. Je nachdem, in welche Richtung unsere Erinnerung geht, kommen dafür verschiedene berühmte Filme infrage:
1. Das geheime Leben des Walter Mitty (The Secret Life of Walter Mitty, 2013) Hier gibt es die Figur des legendären Fotografen Sean O’Connell (gespielt von Sean Penn). Er reist an die extremsten Orte der Erde, lebt nur für das perfekte Bild und erfährt die Welt ausschließlich durch seine Linse. In einer Schlüsselszene weigert er sich sogar, das Foto eines extrem seltenen Schneeleoparden zu schießen, nur um den Moment ganz ohne die Linse zu erleben – ein echtes Spiegelbild zu Geryons Entwicklung.
2. Das Fenster zum Hof (Rear Window, 1954) gilt als der absolute Klassiker von Alfred Hitchcock. Ein Fotoreporter (James Stewart) ist wegen eines Gipsbeins an seinen Rollstuhl gefesselt. Aus purer Einsamkeit und Langeweile beginnt er, seine Nachbarn mit dem Teleobjektiv seiner Kamera zu beobachten. Seine Kamera wird zu seinem einzigen Auge zur Außenwelt, wodurch er schließlich ein Verbrechen aufdeckt.
3. Blow Up (1966) In Michelangelo Antonionis Kultfilm erlebt ein junger, arroganter Londoner Modefotograf die Welt extrem distanziert – bis er im Park zufällig ein Paar fotografiert. Erst als er die Bilder im Labor extrem vergrößert (blow up), entdeckt er im Hintergrund ein Detail, das wie ein Mord aussieht. Der Film zeigt perfekt, wie jemand die Realität erst begreift, wenn er sie durch das fotografische Abbild filtert.
4. One Hour Photo (2002) Robin Williams spielt hier einen zutiefst einsamen Fotolabor-Mitarbeiter. Er erlebt die Welt, das Glück und die Liebe ausschließlich passiv durch die Fotos einer Familie, die er seit Jahren entwickelt. Er baut sich eine Scheinrealität durch die fremden Schnappschüsse auf, um seine eigene traumatische Einsamkeit zu betäuben.
5. Das Salz der Erde (The Salt of the Earth, 2014) ist eine Dokumentation. Dieser bildgewaltige Film von Wim Wenders zeigt das Leben des Fotografen Sebastião Salgado. Er bereiste jahrzehntelang Krisengebiete und dokumentierte Elend Kriege und Traumata durch seine Kamera – bis er daran seelisch fast zerbrach und die Kamera schließlich nutzte, um die unberührte Schönheit der Natur neu zu entdecken.
In diesem Beitrag möchte ich mich besonders Michelangelo Antonionis Meisterwerk „Blow Up“ und Anne Carsons „Rot“ zuwenden. Beide Werke nutzen die Fotografie nicht als bloßes Hobby, sondern als ein mächtiges Werkzeug, um die Realität zu filtern und zu verarbeiten. Die Parallelen zwischen Geryon und Thomas (aus Blow Up) sehe ich darin, dass sie die Kamera als Schutzschild verwenden. Genau wie der Modefotograf Thomas in Blow Up nutzt auch Geryon in Rot die Kamera, um eine Barriere zwischen sich und einer schmerzhaften oder chaotischen Welt zu errichten. Das Objektiv bietet emotionale Distanz.
Da ist das Motiv der Suche nach der versteckten Wahrheit. In Blow Up entdeckt Thomas erst durch das extreme Vergrößern (das „Blow Up“) seiner Fotos im Labor, dass sich im Gebüsch eines Parks ein Mord abgespielt hat. Die Kamera sieht mehr als das bloße Auge. Ganz ähnlich ergeht es Geryon bei Carson: Er fotografiert Fragmente seiner Umgebung und entwickelt die Bilder, um zu verstehen, was in seinem Inneren vorgeht und wie er den emotionalen Raub durch Herkules verarbeiten kann.
Es git eine Entwicklungslinie vom Chaos zur Kunst. In beiden Werken wird das Medium der Fotografie zu einer eigenen Sprache. Wo Worte versagen – sei es durch das Trauma eines Liebeskummers bei Geryon oder das Geheimnis eines ungelösten Verbrechens bei Thomas –, füllen die entwickelten Filmbilder die Leere aus.
Es ist genau diese unterkühlte, aber hochgradig ästhetische und melancholische Atmosphäre aus Blow Up, die Anne Carson in ihren Versen transportiert. Sie verwandelt Geryons schmerzhaften Blick auf das Leben in eine Reihe von literarischen Schnappschüssen.
Da ist die fotografierte Leere (Die Distanzierung). Geryon versucht oft, Dinge einzufangen, die eigentlich gar nicht da sind – genau wie die Suche nach dem versteckten Toten im Gebüsch bei Blow Up. Sein Motiv dabei ist, er fotografiert den exakten Zustand eines Raumes, nachdem eine Person ihn verlassen hat. Er lichtet leere Stühle ab, die Bewegung von Staub im Sonnenlicht oder den Fleck auf dem Boden, wo kurz zuvor noch Herkules’ Fuß stand. Darin liegt eine Effekt. Das Foto dokumentiert nicht die Präsenz, sondern das Verlassenwerden und die Abwesenheit. Es ist ein Versuch, das Gefühl des Verlassenwerdens mechanisch einzufangen und dadurch zu kontrollieren.
Ein weiterer Punkt ist das fragmentierte Selbstporträt (Das Verstecken des Monsters). Da Geryon ein rotes Wesen mit Flügeln ist, schämt er sich für seinen Körper und versucht, ihn vor der Außenwelt zu verbergen. Hierin liegt ein Motiv: Geryon macht Selbstporträts, aber er zeigt sich nie ganz. Er fotografiert nur den extrem vergrößerten Schatten seiner Flügel an einer rauen Betonwand, das intensive Rot seiner Haut im Gegenlicht oder ein einzelnes Auge, das durch ein Loch in einer Pappschachtel blickt. Das hat einen besonderen Effekt. Wie beim Entwickeln und Heranzoomen in Blow Up zerfällt das Bild in abstrakte Details. Geryon versteckt sich hinter der Linse und setzt sich selbst wie ein Puzzle zusammen, weil er sich als Ganzes als „Monster“ empfindet.
Im späteren Verlauf des Buches reist Geryon nach Südamerika und fotografiert dort Vulkane. Betrachten wir diese verwaschenen Vulkane als Zeichen der Isolation. Er hat ein besonders Motiv. Er lichtet die rauchenden Krater ab, allerdings nicht scharf, sondern durch den Dunst, die Hitzeeinwirkung und absichtliche Bewegungsunschärfe. Auf den fertigen Abzügen sieht man oft nur graue Schleier und ein tiefes, bedrohliches Glühen. Das bewirkt einen besonderen Effekt. Das Motiv steht für seine innere, unterdrückte Wut und den brennenden Liebeskummer. Indem er den Vulkan unscharf und distanziert abbildet, bannt er die Gefahr auf Papier.
Mein Fazit daraus ist, dass Fotografie als Überlebensstrategie dient. Bei Carson wird die Kamera für Geryon zu dem, was das Filmstudio für den Fotografen in Blow Up ist: Ein steriler, geschützter Raum. Carson beschreibt es im Buch so, dass Geryon „die Welt in ein Foto verwandelt, um sie nicht mehr spüren zu müssen.“ Die Kamera filtert die schmerzhafte Intensität des Lebens, sodass er es aushalten kann.
Eine der eindringlichsten Passagen aus „Rot“, fängt genau diesen Moment ein, in dem Geryon die Fotografie für sich entdeckt. Sie zeigt perfekt, wie er die Kamera als Schutzschild gegen seinen Schmerz benutzt und die Welt wie in Blow Up in Fragmente zerlegt.
Carson beschreibt hier, wie Geryon – nach den ersten schmerzhaften Erfahrungen mit Herkules und seiner eigenen Familie – beginnt, seine Existenz neu zu ordnen:„Er verbrachte viel Zeit im Steinbruch.
Die Welt hineingezogen in ein Foto
ist ein sauberer Ort.
Geryon gefiel die Kälte des Auslösers unter seinem Finger.
Es war, als ob ein kleiner chirurgischer Schnitt
in die Zeit gemacht würde.
Er fotografierte Dinge, die keine Namen hatten.
Das Innere einer alten Blechdose,
das schräge Licht auf dem schlammigen Wasser,
oder einfach die Spur, die sein eigener Flügel im Staub hinterlassen hatte,
wenn er sich hastig umdrehte.
Auf den Abzügen sah man nie das Ganze.
Er begann zu begreifen, dass er die Welt
nicht ertragen musste,
wenn er sie nur rechtzeitig in ein Bild verwandelte.“
Diese Passage zeigt eine Analogie zum chirurgischen Schnitt. Das Fotografieren wird hier als eine Art Operation beschrieben. Es schneidet den Schmerz aus der Gegenwart heraus. Darin liegt die Parallele zu Blow Up. Genau wie der Fotograf im Film schaut Geryon nicht auf das große Ganze, sondern verliert sich in den „Schnitten“ und isolierten Details (Blechdosen, Schlamm, Fragmente). Das Detail ist kontrollierbar, das große Ganze wäre zu überwältigend. Das Verwandeln wird zur Überlebensstrategie. Die Kamera rettet ihn vor der emotionalen Überforderung der Realität.
Dabei druckt Anne Carson in „Rot“ keine echten Fotos ab. Stattdessen nutzt sie ein geniales literarisches Verfahren: Sie fotografiert mit Worten, nennen wir es „Fotofiktion„. Auf den Seiten bricht Carson den Text in sehr kurze, schmale Blöcke um, die oft von viel weißem, leerem Raum umgeben sind. Wenn man das Buch aufschlägt, wirken die Textblöcke selbst wie rechteckige Fotoabzüge, die auf ein weißes Blatt geklebt wurden. Carson überschreibt viele Abschnitte im Buch wie die Katalogeinträge einer Fotoausstellung
(z. B. „Fotografie Nr. 14: Geryon im Gegenlicht“).
Darunter folgt dann eine rein sprachliche, messerscharfe Beschreibung des Bildes. dadurch entsteht ein Kamera-Effekt beim Lesen: Carson zwingt das Auge des Lesers, wie ein Kameraobjektiv zu funktionieren. Sie zoomt in den Versen extrem nah an ein Detail heran (z. B. auf die raue Struktur einer Decke) und schwenkt dann abrupt in eine Totale (die Weite einer Vulkanlandschaft). Text und Bild verschmelzen im Kopf des Lesers.
Die Begegnung der beiden – wie Herkules auf den Künstler Geryon reagiert – Jahre nach der schmerzhaften Trennung, ist das emotionale Herzstück des Buches. Sie treffen sich zufällig in Buenos Aires wieder. Geryon ist inzwischen erwachsen und hat sich durch seine Fotografie eine eigene Identität als Künstler aufgebaut. Herkules ist in Begleitung seines neuen Freundes Ancash. Herkules ist sichtlich beeindruckt und irritiert von Geryons Veränderung. Geryon ist nicht mehr der schüchterne, verletzliche Junge von früher, den man einfach ausnutzen konnte. Durch die Kunst hat Geryon eine geheimnisvolle, distanzierte Aura bekommen. Bei einer gemeinsamen Reise in den Norden fotografiert Geryon Herkules erneut. Doch die Dynamik hat sich komplett umgekehrt. Früher war Herkules der dominante Part, der Geryon kontrollierte. Jetzt ist es Geryon, der Herkules durch den Sucher der Kamera „einfängt“, ihn seziert und seine Verletzlichkeit dokumentiert. Die Kamera ist nun Geryons Machtinstrument.
Herkules (der im zweiten Teil Red Doc> traumatisiert aus einem Krieg zurückkehrt) merkt, dass Geryon etwas besitzt, das ihm fehlt: die Fähigkeit, inneren Schmerz durch Kunst produktiv zu verarbeiten. Herkules blickt fast ehrfürchtig auf Geryons Flügel, die er einst ignorierte, und begreift erst jetzt die wahre Tiefe des Menschen (oder „Monsters“), den er damals weggeworfen hat.
Das Ende des ersten Teils (Autobiography of Red) gipfelt in einer fast magischen, filmischen Schlussszene in Südamerika, die an einen finalen, befreienden Befreiungsschlag erinnert. Geryon, Herkules und dessen Freund Ancash reisen gemeinsam zu einem aktiven Vulkan. Die Anwesenheit des Vulkans spiegelt die brodelnden Gefühle zwischen den Männern. Ancash erfährt dort von einem alten Mythos: Es gibt Menschen mit Flügeln, die im Inneren des Vulkans leben und als „die Roten“ bezeichnet werden. Ancash drängt Geryon dazu, ihm seine Flügel zu zeigen, die Geryon sein Leben lang schamhaft versteckt hat.
In der legendären Schlussszene öffnet Geryon vor den Augen von Herkules und Ancash seine großen, roten Schwingen. Er fliegt über den glühenden Krater des Vulkans, um ein Foto aus der Luft zu schießen. Geryon fotografiert die feurige Lava von oben. Es ist der Moment seiner totalen Befreiung. Er versteckt sich nicht mehr. Herkules muss ehrfürchtig zusehen, wie das einstige „Opfer“ über die Zerstörung hinwegfliegt. Geryon löst sich emotional von Herkules, indem er seine eigene, monströse Schönheit vollends akzeptiert und sie in Kunst verwandelt.
Mit freundlichen Grüßen
Elisabeth


