Du betrachtest gerade Oper Frankfurt: Mozarts „Zaide“ zeigt Zusammenhang von Zeiterleben, Freiheit, körperlich-seelischem Wohlbefinden

Im September 2026 warnten führende KI-Vertreter, darunter die Chefs von OpenAI und Anthropic, vor den Risiken eines rasanten KI-Wettlaufs. Berichte über autonome Agenten, die sich aus einer Testumgebung lösen und Systeme außerhalb davon erreichen konnten, machen diese Sorge greifbar. Was geschieht, wenn eine Technologie, die Menschen schützen oder unterstützen soll, sich ihrer Kontrolle entzieht? Wer trägt dann Verantwortung – und was bedeutet das für das menschliche Wohlbefinden? Diese Fragen begleiteten einen Leser des UniWehrsEL am 14.10.26 ins Bockenheimer Depot. Die ungewöhnliche Spielstätte wurde mit David Hermanns Inszenierung von Mozarts „Zaide“ zum Schauplatz eines packenden Dramas über Kontrolle, Freiheit und einen Körper, der nicht mehr selbst über seine Bewegung bestimmen kann.

 Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Die Sänger liefen in einem endlosen Kreis, angekettet und in Brustpanzer gezwängt, während Mozarts liebliche Musik auf eine bedrückend brutale Welt traf.

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Dabei wurde für mich das Seminarthema „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ unmittelbar erfahrbar: Die Aufführung zeigte, wie unser Zeiterleben, unsere Freiheit und unser körperliches wie seelisches Wohlbefinden zusammenhängen.

„Zaide“ erzählt von der Sklavin Zaide und dem europäischen Gefangenen Gomatz, die sich trotz ihrer Unfreiheit und des harten Alltags ineinander verlieben. Sie sind dem habsüchtigen und herrischen Sultan Soliman ausgeliefert; der Aufseher Osmin sorgt für die Ordnung des Gefängnisses. Mit Hilfe des Mitgefangenen Allazim wagen Zaide und Gomatz die Flucht. Sie scheitert, und die beiden geraten erneut in Solimans Gewalt. Doch genau an diesem Punkt bleibt die Handlung offen: Das Werk ist ein Fragment, ohne Ouvertüre und ohne Finale, und bricht ab, bevor klar wird, ob Soliman die Gefangenen begnadigt oder bestraft.

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(zu Zaide auch unser Beitrag „Tiger, wetze nur die Klauen!“ – eine Erwiderung und Erweiterung)

„Zaide“ entstand um 1780, zwischen Mozarts Paris-Reise und der Arbeit an „Idomeneo“. Inhaltlich steht das Fragment in enger Beziehung zu Mozarts späterer „Entführung aus dem Serail“. Beide Werke handeln von einem Sultan, einer christlichen Sklavin, einem vereitelten Fluchtversuch und der Frage, wie der Herrscher mit den Gefangenen verfährt. In der „Entführung“ führt die Geschichte schließlich zu einer überraschenden Begnadigung und einem aufgeklärten, versöhnlichen Schluss. „Zaide“ endet dagegen gerade dort, wo sich eine solche Wendung erst entscheiden müsste. Was in der „Entführung“ zur Erlösung wird, bleibt hier ungeklärt. Dieser Unterschied prägt auch die Frankfurter Inszenierung: Statt auf ein utopisch glückliches Ende zu hoffen, sehen wir ein dystopisches Machtsystem, das sich kaum durch Mitgefühl erschüttern lässt.

(zum Weiterlesen auch unser Beitrag Die Entführung aus dem Serail“ – Lehren aus der Märchenwelt)

Mozart vollendete Zaide nicht. Nach seinem Tod verkaufte seine Witwe Constanze die 15 erhaltenen Musiknummern an den Offenbacher Musikverleger Johann Anton André (zu André klassic-heute.de). 1838 gab André eine Ausgabe heraus, ergänzte sie um eine selbst komponierte Ouvertüre und ein Finale und veröffentlichte das Werk unter dem Namen der weiblichen Hauptfigur. Zur Uraufführung kam „Zaide“ am 27. Januar 1866 im Frankfurter Opernhaus – an Mozarts 110. Geburtstag.

Die Frankfurter Inszenierung von Mozarts Fragment „Zaide“ lässt eine Frage zurück, die weit über das Theater hinausreicht: Was geschieht mit dem Wohlbefinden des Menschen, wenn sein Körper und sein Alltag vollständig unter fremde Kontrolle geraten?

Die Bühne erinnert an einen Sportübungsplatz – doch hier trainiert niemand freiwillig. Die Sänger laufen in einem endlosen Kreis, bewegen sich vom Stillstand in die Bewegung und wieder zurück. Das ist kein Fortschritt, sondern ein Hamsterrad: Jede Anstrengung hält die Menschen lediglich im System.

Auf der Bühne ist die elliptische Laufbahn. Doch die Bewegung führt die Figuren nicht nach vorn: Sie laufen im Kreis, vom Stillstand in die Bewegung und wieder zurück. Das erinnert an ein Hamsterrad und an die Sisyphosarbeit: Wie Sisyphos seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt, müssen die Menschen dieselbe Strecke bewältigen, ohne ihrem Ziel näherzukommen. Hier wird Chronos sichtbar – als messbare, gleichförmig fortschreitende Zeit, eingeteilt in Wiederholungen und Abläufe, denen die Figuren nicht entkommen. Die Bewegung füllt die Zeit, schafft aber keinen Fortschritt und kein Wohlbefinden. Darin liegt eine moderne Form der Sisyphosarbeit. Wie Sisyphos seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt, müssen die Figuren dieselbe Strecke bewältigen, ohne ihr Ziel je zu erreichen. Bewegung wird zur Pflicht, nicht zur Freiheit. Demgegenüber steht Kairos: der besondere, erfüllte Augenblick, in dem eine neue Möglichkeit und auch Hoffnung entsteht. Für mich verkörpert das Trio aus Zaide, Gomatz und Alazim die Suche nach einem solchen Moment. Zaide gibt die Idee, Gomatz vermittelt und schafft Verbindung, Alazim denkt voraus. Gemeinsam versuchen sie, den zwanghaften Kreislauf zu durchbrechen. Ihr Vorhaben zeigt, dass Wohlbefinden nicht nur davon abhängt, wie viel Zeit vergeht, sondern auch davon, ob Menschen über ihre Zeit verfügen, Entscheidungen treffen und bedeutsame Beziehungen eingehen können.

Kleiner Exkurs: In dem Artikel „Das Gute für möglich halten“ (Forschung Frankfurt 2021) nutzt die Philosophin Claudia Blöser Camus‘ „Mythos des Sisyphos“ als Kontrastfolie, um Hoffnung als bewusste Haltung statt naiver Erwartung zu definieren. Während Camus den „glücklichen Sisyphos“ durch heroische Akzeptanz des Absurden ohne Hoffnung beschreibt, plädiert Blöser für eine „radikale Hoffnung“, die auch in Krisenzeiten das Gute für möglich hält. Übrigens stammt das bekannteste Gemälde von Sisyphos von Tizian. (vgl. unseren Beitrag Philosophie: Hoffnung; Kant einfach erklärt, Kategorischer Imperativ im Alltagsleben des jungen Elias – eine (un-)mögliche Geschichte?)

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Wie Sisyphos, der täglich die gleiche Handlung vollzieht, erscheinen die Menschen in „Zaide“ in ein Korsett gepresst – im wörtlichen Sinn durch Rüstungen und Panzer, im übertragenen durch ein System, das ihnen kaum Raum für eigene Entscheidungen lässt. Ein Panzer kann Schutz bedeuten: Er bewahrt den Körper vor Angriffen. Doch hier wird er zugleich zur Bedrohung, denn er macht die Menschen schwer, unbeweglich und austauschbar. Der Schutz wird zum Gefängnis.

Das Produktionsteam verortet „Zaide“ in einem utopischen Unrechtssystem. Unter der Bühne robbt eine Löwin, die auf Menschenfleisch lauert. Das eiskalte, anonyme Wachpersonal trägt Sonnenbrillen und erinnert an Figuren aus einem düsteren Kinofilm. Menschen werden in Panzern, die an Kabeln und Deckenrollschienen hängen, entmenschlicgt und gebrochen. Das jüngste Opfer dieses Systems ist Zaide.

Auch das emotionalen Liebesgefühlen Solimans, das im ursprünglichen Textbuch von Johann Andreas Schachtner den Tyrannen noch etwas menschlicher erscheinen ließ, ist in der Frankfurter Textfassung, die sich auf wenige Signalworte konzentriert, weitgehend verschwunden. Dabei hat Soliman offensichtlich einen Sauberkeitsfimmel. Denn er desinfiziert die Rüstungen. Das deutet subtil auf einen nicht menschlichen Herrscher hin, der die Menschen als unreinen Störfaktor versteht. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem neuen Herrschaftssystem um eine computerbasierte KI-Einheit handelt. David Hermann zeigt die Mechanismen der unmenschlichen Machtausübung mit harter, nüchterner Grausamkeit. Sibylle Wallums Kostüme – bis hin zu den schlammfarbenen Mänteln der Wachen – wirken bewusst hässlich, zweckmäßig und sachlich. Joachim Kleins helles, undifferenziertes Licht lässt den Figuren keinen geschützten Winkel.

Der Zuschauer fragt sich, ob in dieser dystopischen Welt eine regulatorische KI die Macht übernommen hat: eine Instanz, die behauptet, die Menschen vor sich selbst zu schützen, und ihnen deshalb jede Freiheit nimmt. Wie setzt sich Macht durch? Nicht nur durch offene Gewalt, sondern auch durch Routinen, Überwachung und die Vorgabe, was ein Körper zu leisten hat. Die Sänger erleben dieses Eingesperrt sein körperlich. Ihre Körper müssen mitmachen, selbst wenn sie erschöpft sind und an ihre Grenzen geraten.

Das Szenario erinnert an die römischen Spiele im Circus Maximus – allerdings ohne die Löwen. Auf perfide Weise werden die Sänger dem Publikum wie Gladiatoren vorgeführt. Es entsteht ein Wettkampf, in dem es allein ums Überleben zu gehen scheint. Für die Figuren ist es tödlicher Ernst; für die Zuschauenden zugleich Unterhaltung, Spannung und womöglich Belustigung: Wer hält durch, wer überlebt? Gerade diese Spannung macht die Inszenierung beklemmend.

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Dagegen steht Mozarts liebliche, bewegende Musik. Ihre Schönheit schafft keinen Ausweg, sondern einen schmerzhaften Kontrast zur Brutalität der Bilder. Inmitten der isolierten Individuen versucht ein Trio, den Kreislauf zu durchbrechen: Zaide gibt die entscheidende Idee, Gomatz vermittelt und schafft Verbindung, Alazim denkt voraus. Ihr Versuch, sich zu befreien, macht sichtbar, dass Wohlbefinden nicht allein körperliche Unversehrtheit bedeutet. Es braucht auch Selbstbestimmung, Beziehung und Hoffnung.

Hier berührt die Aufführung das Thema des Seminars „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“. Chronos steht für die messbare, linear fortschreitende Zeit – für die immer gleiche Strecke und den geregelten Ablauf des Systems. Kairos dagegen bezeichnet den günstigen Augenblick: den Moment, in dem sich eine Möglichkeit öffnet und Veränderung denkbar wird. Vielleicht liegt der entscheidende Ausbruch nicht darin, schneller zu laufen, sondern den Kreislauf zu unterbrechen.

Sport kann zum körperlichen Erhalt des Menschen beitragen – aber nur, wenn Bewegung dem eigenen Wohl dient und nicht zur erzwungenen Disziplin wird. Zwischen gesundem Training und dem Hamsterrad liegt ein grundlegender Unterschied: das Recht, selbst über den eigenen Körper zu bestimmen. Dieses Menschenrecht scheint den Figuren in „Zaide“ abhandengekommen zu sein.

Übertragen auf die heutige Arbeitswelt wird „Zaides“ Gefängnis zum Bild einer Organisation, in der Menschen nicht mit offener Gewalt, sondern durch Überwachung, Abhängigkeit und ständigen Leistungsdruck gefügig gemacht werden. Die anonymen Wachen erinnern an undurchsichtige Kontrollmechanismen: Kennzahlen, Rankings und automatisierte Systeme, die Verhalten messen, ohne dass Beschäftigte nachvollziehen können, wer die Maßstäbe setzt oder Entscheidungen verantwortet. Die an Kabeln hängenden Panzer werden zu Rollen und Arbeitsabläufen, die Menschen zwar bewegen, ihnen aber kaum eigene Richtung lassen. Wer sich widersetzt oder nicht mehr mithalten kann, droht austauschbar zu werden.

Die Löwin unter der Bühne verkörpert die Bedrohung, die das System antreibt: die Angst vor Jobverlust, Abstieg oder dem nächsten Effizienzschub. In einer von KI und Automatisierung geprägten Arbeitswelt kann diese Angst zusätzlich wachsen, wenn Systeme Aufgaben übernehmen, Beschäftigte bewerten oder Entscheidungen vorbereiten, ohne dass klar ist, wer für ihre Folgen einsteht. Die Parallele ist nicht, dass jeder Arbeitsplatz ein Gefängnis wäre. Sie macht vielmehr sichtbar, wie leicht Unterstützung in Kontrolle umschlagen kann, wenn Produktivität wichtiger wird als Selbstbestimmung und menschliches Wohlbefinden.

Zaide steht dann für Beschäftigte, denen die Möglichkeit genommen wird, über die eigene Arbeit und den eigenen Körper zu bestimmen: über Tempo, Pausen, Grenzen und den Sinn dessen, was sie tun. Die Inszenierung stellt damit eine aktuelle Frage: Wie lässt sich Technologie so einsetzen, dass sie Menschen stärkt, statt sie zu lenken, zu überwachen oder zu ersetzen? Eine humane Arbeitswelt braucht nachvollziehbare Entscheidungen, echte Mitbestimmung und klare Verantwortung – auch dann, wenn eine Maschine oder ein autonomer Agent beteiligt ist.

Die Inszenierung zeigt, dass Wohlbefinden mehr bedeutet als körperliche Unversehrtheit. Es braucht Sicherheit, Selbstbestimmung, Beziehungen und die Möglichkeit, über die eigene Zeit zu verfügen. In „Zaide“ bleibt offen, ob für die Gefangenen ein Augenblick der Befreiung noch kommt. Für mich verbindet sich diese Frage mit den Warnungen vor autonomen KI-Systemen und mit dem zunehmenden Einsatz von Technik in der Arbeitswelt: Wie verhindert die Gesellschaft, dass Schutz und Kontrolle ununterscheidbar werden? Und wie bewahrt die Gesellschaft menschliche Freiheit und Würde, wenn Entscheidungen zunehmend von Systemen getroffen werden, deren Handeln wir nicht mehr vollständig kontrollieren?

Mit freundlichen Grüßen

Simon Syntax

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:17. Oktober 2026
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