Du betrachtest gerade Folge XLVII (Folge 47) Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ In Burns Kopf: Das Ticken der zerrissenen Zeit

Im Beitrag zum Schauspiel „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ging es unter anderem um verschiedene Zeitebenen. Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, sondern kehrt in den Gesprächen immer wieder in die Gegenwart zurück und weckt Angst vor der Zukunft. In der Philosophie und Psychologie beschreibt das Konzept von Chronos die messbare, lineare Zeit – das unerbittliche Ticken der Uhr. Wenn Menschen jedoch das Gefühl haben, in verschiedenen Zeitebenen zu leben, kollidiert diese Struktur mit ihrer inneren Realität. Genau dies scheint bei unserem Opernkenner I. Burn der Fall zu sein, als er das Schauspiel besuchte. Gedanken dazu hat sich die Schreibwerkstatt im UniWehrsEL gemacht.

Liebes UniWehrsEL,

Lassen Sie uns die äußere Zeit (Chronos) vs. der inneren Zeit (Eigenzeit) betrachten: Die äußere Zeit (Chronos) ist objektiv, mathematisch und für alle gleich. Sie wird in Sekunden, Minuten und Stunden gemessen. Chronos lässt uns physisch altern und zwingt uns in gesellschaftliche Strukturen.

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Dabei habe ich an ihren Kommissar Ritter im Tatort Frankfurt und der Rolle der Musik gedacht. Er muss Termine einhalten und sich nach den Dienstplänen im Präsidium richten. Die innere Zeit – Phänomenologische Zeit – hingegen ist subjektiv und elastisch und zeigt, wie Erfahrung Zeit zum Erscheinen bringt. Edmund Husserl bezeichnet sie als den Modus der Zeiterfahrung, der phänomenologisch nicht in Beziehung zur objektiven Weltzeit bzw. zur Zeit gesetzt wird. Sie erscheint auch nicht wie bei Aristoteles gemessen an realer Bewegung (Springer Natur link: Zeit in Bewegung). Die personale Zeit weist eine Mitte auf, die Gegenwart, der mit der Dauer eine stete Bewegung nach vorn gegeben ist, wobei sie aber ständig konkrete Gehalte (Erlebnisse) hinter sich zurücklässt. Damit sind Zukunft (werdende Gegenwärtigkeit, «Entwicklung») und Vergangenheit (gewesene Gegenwärtigkeit, «Geschichte») zus. mit der akt. Gegenwart die Bestimmungsstücke der unteilbaren Einheit des personalen Lebensablaufs. Zeitwahrnehmung, Zukunftserleben.

In der Psychologie spricht man von der Eigenzeit (dazu auch ein interessanter Artikel in Die Zeit Warum bin ich immer zu spät, obwohl ich mich beeile?). Minuten können sich wie Stunden anfühlen (beim Warten oder in Todesangst), während Stunden wie im Flug vergehen (im kreativen Rausch). Die Breitendimension der personalen Zeit, die diesen Phänomenen zugrunde liegt, ist die Gleichzeitigkeit (Synchronizität bei Jung).

Was bedeutet es dann in verschiedenen Zeitebenen zu leben? Wenn die innere Zeit traumatisch oder obsessiv besetzt ist, entkoppelt sich ein Mensch von Chronos. Zwei Personen können im selben Raum am selben Tisch sitzen, sich aber in völlig unterschiedlichen Epochen ihrer Existenz befinden: Der Eine ist Gefangener der Vergangenheit (Das Trauma-Phänomen). Für eine Person bricht die Gegenwart weg. Ein sensorischer Reiz holt ein Ereignis von vor fünf oder zehn Jahren so intensiv zurück, dass das Gehirn im Hier und Jetzt dieselbe Todesangst oder Schuld spürt. Die innere Uhr steht auf dem Moment des Traumas.

Der Andere ist ein getriebener der Zukunft (Das Wahn-Phänomen) und lebt rein in der Antizipation eines zukünftigen, perfekten Moments. Er nimmt die reale Gegenwart überhaupt nicht wahr, sondern opfert sie einem theoretischen Konstrukt.

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Diesen Gedanken folgend habe ich als Mitglied unserer Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt, Welche Rolles spielt die Magie der Musik“ (Folge 46), die Geschichte um I. Burns Zerrissenheit fortgesetzt.

Burn und das Nebelhorn

In Folge 46 erfuhren wir, O’Neills Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ seziert die Tyrones – eine Familie, die in einer Zeitschleife aus Vorwürfen, Sucht und Lebenslügen gefangen ist. Das Genie der Frankfurter Inszenierung liegt darin, dass im Text allgegenwärtige Nebelhorn nicht nur als Kulisse zu nutzen, sondern es in ein zermürbendes, avantgardistisches Klangkonzept zu verwandeln. Es ist genau diese scheinbar beiläufige Theatermusik, die Ivo Burn in den Wahnsinn treibt. Das monotone, tiefe Echo des Nebelhorns verschmilzt in seinem von Wahnvorstellungen geplagten Gehör mit jenen verfremdeten Pop-Melodien, die ihn seit Wochen verfolgen. Jeder dumpfe Ton auf der Bühne wirkt wie ein akustischer Hammer, der Burns mühsam aufrechterhaltene Fassade zertrümmert und sein verdrängtes, kaltes „Zweites Ich“ an die Oberfläche zerrt.“

Das Nebelhorn aus O’Neills Drama ist das perfekte Bindeglied: In der äußeren Zeit (Chronos) ist es nur ein Ton im Theater oder ein Signal im Frankfurter Dunst. Für Burns innere Zeit ist es jedoch eine akustische Zeitmaschine, die ihn augenblicklich in die Dunkelheit seiner Vergangenheit zurückwirft. Während Ritter im Hier und Jetzt ermittelt, kämpft Burn auf einer völlig anderen Zeitebene gegen alte Geister und die Macht der Erinnerung. In seinem Kopf ersteht das Bild „Die zerrinnende Zeit“ oder „Die weichen Uhren“ sinnbildlich für die Vergänglichkeit und den Verfall. Mit „La persistencia de la memoria“ (Die Beständigkeit der Erinnerung) hat schon der surrealistische Maler Salvador Dali 1931 ein Gemälde gemalt, das den Zustand eines zutiefst verzweifelten Menschen zeigt.

Daraus entwickelt sich ein intensiver, philosophischer innerer Monolog für I. Burn, der seine Erschütterung durch das Nebelhorn und das Aufbrechen von Chronos im Frankfurter Schauspielhaus einfängt. Für mich als Mitglied der Schreibwerkstatt perfekt geeignet als Textbaustein:


Zeit und inerre Zerrissenheit Bild von susannp4 auf Pixabay

In Burns Kopf: Das Ticken der zerrissenen Zeit

Szene E.: (Das dumpfe, dröhnende Echo des Nebelhorns hallt durch das Schauspielhaus. Das Licht verschwimmt. Auf der Bühne geht die Reise in die Nacht weiter, aber für mich bricht meine Welt in Stücke.)

Da ist es wieder. Dieses monotone, erstickende Dröhnen. Das Nebelhorn… Es schneidet durch den Raum, es schneidet durch mich. Warum zittere ich? Reiß dich zusammen, Burn! Du bist doch ein Kenner der Szene. Es ist ein ganz normaler Premierenabend. Ein Schauspiel. Eine Fiktion.

Aber mein Körper weiß es besser. Mein Herz rast – nicht im Rhythmus des Stücks, sondern im Rhythmus von damals. Vor fünf Jahren. Leipzig. Die kalte Kellerwand, das Blut an meinen Händen, und genau diese Sequenz, dieser verfluchte, spiegelverkehrte Krebskanon. Ich atme, aber die Luft schmeckt nach altem Staub und Verrat.

Ich fühle es wieder wie mich ansieht. Ich spüre seinen Blick von der Seite. Misstrauisch. Analytisch. Er lebt im Chronos. Für ihn tickt die Uhr ganz linear vorwärts: 20 Uhr Vorstellungsbeginn, ein Mord im Bahnhofsviertel, ein Verdächtiger, der gleich neben ihm die Fassung verliert. Seine Zeit ist sauber geordnet, mathematisch, unerbittlich. Sekunden folgen auf Sekunden. Er sieht meine Angst und sucht nach einem logischen Grund im Hier und Jetzt.

Aber wie soll ich ihm erklären, dass meine Uhr stehen geblieben ist? Dass meine innere Zeit sich elastisch ausgedehnt hat und mich wie ein Gummiband zurückschleudert? Ich lebe auf zwei Zeitebenen gleichzeitig. Äußerlich sitze ich regungslos im Sessel im Jahr 2026. Innerlich knie ich im Dunkeln, gefangen in einer Schleife,

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die Adrian Voss (erscheint in Folge 43 – Paulas Recherche) für mich gelegt hat. Rückblick: Paula hatte Ritter erklärt, Adrian Voss sei ein genialer Akustiker. Er wurde vor drei Jahren gefeuert, weil er heimlich Mikrofone in den Logen installiert hat, um die Frequenzen menschlicher Angst zu messen. Er leidet unter akutem Kontrollwahn. Für ihn ist die Welt da draußen ein unerträgliches Chaos aus Lärm. Er glaubt, wenn er die perfekte, tragische Opernszene in der Realität nachstellt, kann er die ‚Magie der Musik‘ einfangen und seinen eigenen Kopf heilen.“ Ritter hatte aufgehorcht, hatte sich an die entsetzlichen Nacht mit mit Burns Verwirrungen erinnert und an einen Toten in der Oper Frankfurt. Lag da nicht an der Oper Frankfurt nach der Aufführung von Mozarts Così fan tutte hinter der Bühne ein Mann, den sie als Adrian Voss identifizierten?

Und Burn denkt: Das ist kein Nebelhorn auf der Bühne. Es ist die Stimme meiner eigenen Schuld. Sie ruft mich nach Hause, zurück in die Nacht. Sie ruft: „Leben sie? Nein, es nein, eisnebel.“ Das Palindrom… Ich habe es selbst geschrieben, nicht wahr? Meine eigene Hand hat diesen Satz geformt. Vorwärts wie rückwärts dasselbe grausame Muster. Kein Entkommen. Keine Entwicklung. Genau wie dieser Nebel bei O’Neill, der alles verschluckt, der die Wahrheit auflöst, bis man nur noch als Geist seiner selbst existiert. Voss will, dass ich in dieser Schleife verharre. Er will, dass meine Vergangenheit meine Gegenwart auffrisst.

Ritter denkt, wir jagen einen Mörder. Er ahnt nicht, dass wir gegen die Zeit selbst kämpfen. Wenn ich die Schleife nicht durchbreche, wenn ich nicht einen Weg finde, meine innere Uhr wieder mit seiner äußeren Synchronität laufen zu lassen… dann wird mich dieser Nebel endgültig ertränken.

(Ich spüre Ritters Hand auf meiner Schulter. Ein harter, realer Druck. Chronos fordert sein Recht. Ich muss die Augen öffnen. Ich muss antworten.)


Die Angst vorm Ton des Nebelhorns -Bild von Couleur auf Pixabay

Neue Szene A. W.: Da ist es wieder. Dieses monotone, erstickende Dröhnen. Das Nebelhorn… Es schneidet durch den Raum, es schneidet durch mich. Du kennst diese Partitur. Du kennst die Mechanik des Schalls. Aber das hier ist kein gewöhnlicher Theater-Effekt. Mein Ohr lügt mich nicht an. Dieser Ton… es ist ein modifiziertes Kontra-C, tief am Rande des menschlichen Hörbereichs, schätzungsweise bei 32 Hertz. Aber es ist kein reiner Sinuston. Es ist eine mikrotonale Schwebung, minimal asymmetrisch verstimmt. Genau dieses Intervall erzeugt eine physische Resonanz in meiner Brust. Eine akustische Täuschung, die eine tiefe, archaische Panik triggert. Es ist derselbe unheimliche Krebskanon von damals. Die Töne spiegeln sich achsenmetrisch um eine unsichtbare Mitte. Sie laufen vorwärts wie rückwärts und heben damit jede musikalische Entwicklung auf. Die Musik verweigert die Erlösung; sie verharrt in einer permanenten Dissonanz. Sie schreitet nicht voran. Sie kreist um sich selbst. …

Und wieder sind Sie gefragt, liebe Mitwirkende! Gibt es ein bestimmtes Detail, dass Sie veerunsichert, etwas, das Sie feinschleifen möchten? Wir sind gespannt wie der Faden in unserem „Tatort Frankfurt und der Magie der Musik weitergesponnen wird!

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:20. Oktober 2026
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