Du betrachtest gerade Schauspiel Frankfurt „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ : Hitlers Doppelgänger auf der Bühne: Lachen, bis es unheimlich wird?

Am 17. Oktober 2026 besuchte ein UniWehrsEL Leser im Schauspiel Frankfurt das Stück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui – und ihn erwartete kein gewöhnliches Theaterstück. Schon das höchst ungewöhnliche Bühnenbild zog ihn in eine andere Welt: Chicago erscheint als gemalte Unterwelt aus engen Gassen, Kneipen und Machtzentren, zugleich mit Anklängen an Gotham City.

Liebe UniWehrsEL Freunde,

Gotham City – Image by Frank_Rietsch from Pixabay

Dieses Bühnenbild hatte für mich Anklänge an Gotham City, die fiktive Heimat von Batman. Sie steht sinnbildlich für New York, das Finanzzentrum der USA. In dieser urbanen Kulisse thematisiert Christopher Nolan die radikale Ungleichheit in der Gesellschaft (aus unserem Beitrag Die Nolan Batman Reihe: Urban Legends und Verschwörungsmythen).

Es war eindrucksvoll, besonders weil mir eine Goldmünze zugesteckt wurde und ich in der Pause sogar eine Führung durch das Filmset machen konnte. Erst dort wurde mir wirklich deutlich, wie aufwendig diese Inszenierung ist: Hinter der Projektionswand verbirgt sich eine ganze Spiel- und Filmwelt, in der die Szenen live aufgenommen und zugleich auf die Bühne übertragen werden.

Diese faszinierende Verbindung von Theater und Film führt unmittelbar zum Gedanken des Doppelgängers. Das Bühnenbild und die Liveprojektionen zeigen ein Geschehen, das gleichzeitig wirklich und Abbild ist – wie ein Spiegel, der mehr offenbart, als er bloß kopiert. Auch Arturo Ui ist ein Doppelgänger: eine groteske Spiegelgestalt des Politikers Adolf Hitlers. Ein Vergleich erinnert an Charlie Chaplin, der sich in Der große Diktator über Hitler lustig machte und dessen Auftritt, Gestik und Größenwahn satirisch nachbildete.

Doppelgänger Nomi Klein – Image by geralt from Pixabay

Bereits im Beitrag Dies irae in Pop-Kultur, Film und Literatur – Beispiele für die Analyse nach Naomi Klein haben wir erfahren, dass auf wissenschaftlicher Ebene Naomi Klein intensiv Chaplins Meisterwerk nutzt, um die politische Dimension von Doppelgängern zu verdeutlichen: In Der große Diktator (1940) (Kinofenster.de) spielt Charlie Chaplin in einer Doppelrolle sowohl den brutalen, größenwahnsinnigen Diktator Adenoid Hynkel (eine Parodie auf Adolf Hitler) als auch einen unschuldigen, jüdischen Barbier, der dem Diktator ähnlich sieht.

Klein zeigt damit, dass Doppelgänger-Geschichten im Kino schon immer genutzt wurden, um politische Systeme und die Fragilität von Macht zu spiegeln. In einer polarisierten Welt kann die exakt gleiche Oberfläche (das Aussehen, die Sprache) für zwei völlig entgegengesetzte Ideologien stehen. Am Ende kommt es zur Verwechslung: Der Barbier wird für den Diktator gehalten und nutzt die Bühne, um eine der berühmtesten humanistischen, antifaschistischen Reden der Filmgeschichte zu halten.

Bei Brecht wird die Komik ebenfalls zur Waffe. Doch sie bleibt beunruhigend, denn hinter der lächerlichen Fassade steht die reale Gefahr politischer Gewalt. Bertolt Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui stellt eine unbequeme Frage, die in der Frankfurter Neuproduktion von Christian Weise besonders nachhallt: Darf man über Hitler lachen? Das Stück antwortet nicht mit einer einfachen Entlastung durch Humor. Sein Spott macht den Diktator nicht kleiner, sondern entlarvt, wie lächerliche Selbstinszenierung, Gewalt und politische Berechnung zusammenwirken können. Das Lachen bleibt dabei im Hals stecken – denn Ui ist nicht bloß eine Karikatur, sondern ein sinnbildlicher Doppelgänger Hitlers.

Image Doppelgänger von K. W.

Gerade hier lässt sich das Stück mit dem Seminar „Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“ verbinden. Der Doppelgänger ist mehr als eine äußerliche Kopie: Er zeigt, was im vermeintlich Vertrauten verborgen liegt. Ui spiegelt Hitler, doch seine Züge reichen über eine einzelne historische Person hinaus. In den grotesk überzeichneten Figuren und ihren Rollenwechseln erscheinen auch andere politische und gesellschaftliche Machtfiguren als Varianten desselben Musters: Menschen, die sich als Retter ausgeben, Abhängigkeiten ausnutzen und Zustimmung in Herrschaft verwandeln. Die Bühne wird so zu einem Spiegel, in dem Geschichte nicht einfach wiederholt, sondern als Möglichkeit der Gegenwart sichtbar wird.

Auch das große Ensemble (Video Inszenierung in Frankfurt) trägt dazu bei, dass diese Welt so eigenwillig und lebendig wirkt. Viele Darsteller spielen mehrere Figuren; ihre Rollen sind stark überzeichnet und sorgen schon bei ihrem ersten Auftreten für Lacher. André Meyer etwa spielt den Prokuristen Bowl mit einem riesigen Bauch und später den vom Alkohol benebelten, angeklagten Fish. Annie Nowak gibt den Gangster Emanuele Gibi als wilden Punk mit Irokesenschnitt – und bedroht und umschmeichelt das Publikum gleichzeitig. Die Figuren erscheinen wie groteske Doppelgänger ihrer historischen Vorbilder: keine naturgetreuen Porträts, sondern übersteigerte Spiegelbilder, die Macht, Eitelkeit und Gewalt satirisch hervortreten lassen.

Umso auffälliger ist Arturo Ui selbst. Er ist vergleichsweise schlicht und unauffällig gekleidet – auch wenn sein zart rosaroter Pullover und der Bob-Haarschnitt alles andere als ungewöhnlich sind. Äußerlich wirkt er zunächst beinahe normal. Gerade dadurch wird er zum unheimlichen Doppelgänger: Der gefährliche Machtmensch tritt nicht von Anfang an als Monstrum auf, sondern kann sich hinter einer alltäglichen Fassade verbergen. Christian Bornmüller spielt das Schräge der Figur von der ersten Sekunde an mit intensiver Mimik und Gestik. Ui fasziniert und stößt zugleich ab; seine Stärken und Schwächen werden mit großer Kraft sichtbar. Bornmüller hält dabei die Balance: Er macht Ui lächerlich, ohne die Gefahr die von seiner Person ausgeht zu verharmlosen.

Besonders eindrücklich ist Uis Verwandlung zum Populisten. Mit Hilfe eines Schauspielers übt er, wie man eine eindrucksvolle Rede hält: Er lernt Haltung, Gestik und wirkungsvolle Pausen. So wird sichtbar, dass Charisma nicht einfach vorhanden sein muss – es kann einstudiert und gezielt eingesetzt werden.

Der Schauspieler rät ihm seine Rhetorik an der berühmten Rede des Marcus Antonius aus Shakespeares Julius Caesar (Video) zu üben – die Rede an das Volk nach Caesars Ermordung. Ui übernimmt deren rhetorischen Aufbau und probt, wie er damit ein Publikum für sich gewinnen kann. Er lernt, Gefühle zu lenken und seine Botschaft so zu wenden, dass die Menschen glauben, sie bräuchten den Schutz seiner Gangster. Hier wird der Doppelgänger sprachlich sichtbar: Ui kopiert nicht nur Mark Antons politische Inszenierung, sondern borgt sich auch die Worte und die Dramaturgie eines großen Theatermonologs. Er macht die Sprache des Dramas zum Werkzeug seiner eigenen Macht.

Diese Szene zeigt, dass überzeugende Rhetorik nicht automatisch für eine gute Sache steht. Ui eignet sich die Wirkung der Rede an, um Angst in Zustimmung zu verwandeln. Zugleich bleibt der Zuschauer der Vorgeschichte bewusst: Was wie ein großer Auftritt klingt, ist eingeübt, nachgeahmt und berechnend. Darin liegt ein Balanceakt der Inszenierung: Arturo Ui darf nicht so charismatisch wirken, dass sein Aufstieg verführerisch erscheint; zugleich muss seine Gefährlichkeit spürbar bleiben. Christian Bornmüller gelingt dieser Drahtseilakt besonders gut. Seine Darstellung zieht den Doppelgänger bewusst ins Lächerliche und lässt zugleich erkennen, wie viel Bedrohliches in dieser Figur steckt.

Für heutige Zuschauer ist es nicht immer leicht, die historischen Bezüge der Figuren unmittelbar zu erkennen. Der alte Dogsborough etwa steht für den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (Besprechung Deutschlandfunk zur Aufführung in Nürnberg), der Ui-Figur liegt Hitler zugrunde. Auch der Aufstieg des Gangsters und seine Ausbreitung über Chicago und Cicero verweisen auf Hitlers Machtgewinn und die Ausweitung seiner Herrschaft. Brechts Figuren sind keine Porträts im engen Sinn, sondern satirische Doppelgänger: Sie verwandeln historische Personen und Vorgänge in ein Gleichnis, das ihre Mechanismen sichtbar macht. So steckt in Ui auch viel vom Gansterboss Al Capone (DLF Die Gangster-Ikone).

Gangster – Image by Hellio42 from Pixabay

Besonders eindrucksvoll ist, wie die Inszenierung diesen Spiegel technisch und räumlich herstellt. Die Schauspieler sind lange Zeit vor allem in Livevideo-Projektionen zu sehen. Hinter der Projektionswand liegt ein verborgenes Filmset, dessen Räume sich erst nach und nach öffnen. Das Bild wirkt wie ein Duplikat des Bühnengeschehens – und ist doch gleichzeitig die Aufführung selbst: Was auf der Leinwand erscheint, wird im selben Moment live gespielt. Diese Gleichzeitigkeit von Original und Abbild erinnert an die digitale Spiegelwelt, in der wir uns ständig über Bilder begegnen und in der Inszenierung und Wirklichkeit schwer auseinanderzuhalten sind.

Die gemalte Chicagoer Unterwelt verstärkt diesen Eindruck. Sie erinnert mit ihren dunklen Gassen, Kneipen und Machtzentren an Gotham City und damit an Batmans Welt: eine Stadt, in der Gewalt und Korruption den Alltag prägen und ein Schurke seine Herrschaft ausbaut. Doch Brechts Stück bietet keinen einfachen Batman, der am Ende Ordnung und Gerechtigkeit wiederherstellt. Die Gangsterwelt ist keine ferne Fantasie, sondern ein Modell dafür, wie Macht sich in einer Gesellschaft festsetzen kann.

Die Warnung, dass sich Geschichte nicht wiederholen soll, weitet sich zu Fragen über die Gesellschaft, in der wir leben und die wir gestalten wollen: Wie viel Kapitalismus ist wünschenswert, wenn wirtschaftliche Macht politische Entscheidungen beeinflusst? Braucht es wirklich einen „starken Mann“, der einfache Antworten verspricht – oder ist gerade dieser Wunsch ein Einfallstor für autoritäre Herrschaft? Und wie soll ein zukünftiges Deutschland aussehen: eines, das auf demokratische Verantwortung und Solidarität setzt, oder eines, das sich aus Angst nach einer scheinbar einfachen Lösung sehnt?

Darf man also über Hitler lachen? Brecht und diese Inszenierung zeigen: Ja – wenn das Lachen nicht verharmlost, sondern entlarvt. Es muss die Gesellschaft zugleich daran erinnern, wie schnell aus einer grotesken Person eine politische Gefahr werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:21. Oktober 2026
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