Du betrachtest gerade Franciso de Goya „Saturn verschlingt seinen Sohn“ – Deutung und Bezug zu Chronos, Saturnus (griech. Kronos)

Das berühmte Gemälde „Saturn verschlingt seinen Sohn“ (spanisch Saturno devorando a su hijo – Erläuterung von Singulart), gemalt zwischen 1819 und 1823 von Francisco de Goya, ist eines seiner düsteren „Pinturas Negras“ (Schwarze Gemälde) und hängt heute im Museo del Prado in Madrid. Es zeigt den römischen Gott Saturn (gleichgesetzt mit dem griechischen Titanen Kronos – zeno.org), der in einer schrecklichen, tierischen Raserei eines seiner eigenen Kinder zerfleischt.

Die Erläuterung des Bildes Saturn verschlingt seine Kinder (the art inspctor) ist sehr spannend, besonders wenn man an die Art und Weise der Darstellung denkt. Goya malte das Bild ursprünglich direkt auf die Wand seines Esszimmers (Quinta del Sordo). Die Figur des Kronos reißt mit aufgerissenen, wahnsinnigen Augen an den Gliedmaßen einer verstümmelten, blutenden Gestalt. Die Farbgebung ist von tiefem Schwarz, fahlem Ocker und blutigem Rot bestimmt.

Vielleicht hilft der Hintergrund der Entstehung ein wenig, sich in die Seelenlage Goyas hinein zu versetzen. Er malte die „Schwarze Serie“ (Singulart 2024) in einer Lebenskrise, gezeichnet von Alter, schwerer Krankheit, Taubheit und dem Schrecken über die politischen Unruhen und Kriege in Spanien. Das Bild gilt als Sinnbild für destruktiven Wahn, den Verzehr der eigenen Nachkommenschaft, politische Tyrannei und die Zertrümmerung jeglicher Hoffnung. Auch andere Bilder zeigen Goyas verzweifelte Lebenswelt.

Auch das Städel Museum hat in der Digitalen Sammlung fünf Gemälde von Goya; unter anderem Überfall auf eine Frau, 1810 – 1812

Uns interessiert in diesem Beitrag besonders der Bezug zu Kronos, Chronos und Kairos. Chronos und Kronos werden in der Geistesgeschichte und Mythologie (näheres in der Mythenchronic) begrifflich oft vermischt.

Kronos (der Titan mit „K“) ist in der griechischen Mythologie der jüngste Sohn der Titanen (Sohn von Uranus und Gaia). Er entmannte seinen Vater und herrschte über das Goldene Zeitalter. Da ihm geweissagt wurde, dass eines seiner Kinder ihn entmachten werde, fraß er alle seine Nachkommen (Hestia, Demeter, Hera, Hades, Poseidon) unmittelbar nach der Geburt. Erst sein jüngster Sohn Zeus wurde gerettet und stürzte ihn später. Kronos steht hier für die verschlingende Zeit – alles, was geboren wird und entsteht, wird von der Zeit im Laufe des Werdens und Vergehens wieder vernichtet:„Die Zeit frisst ihre eigenen Kinder“. Daraus abgeleitet wurde der Begriff „Die Revolution frisst nicht nur ihre Kinder“ (DLF 2007).

Chronos (die messbare Zeit mit „Ch“) hat eine andere Begriffsgeschichte: Ursprünglich war Chronos in der Orphischen Kosmogonie (spektrum.de) die eigenständige, abstrakte Personifizierung der chronologischen, linearen Zeit (die Uhrzeit, der unablässige Strom von Sekunde zu Sekunde). Im Laufe der Antike und Neuzeit verschmolz Chronos (die Zeit) volksetymologisch und bildlich immer stärker mit dem Titanen Kronos. Aus „Gevatter Zeit“ wurde der alte, mörderische Greis oder Titan, der die Lebensjahre und Generationen wieder auffrisst.

Während Chronos (Kronos) die quantitative, rinnende und unerbittliche Zeit darstellt, ist Kairos die Personifizierung der qualitativen, gehaltvollen Zeit – der günstige, entscheidende Augenblick. Kairos wurde in der Antike als flüchtiger Jüngling mit Flügeln und einer besonderen Haartracht dargestellt (vorn eine Haartolle zum Ergreifen, hinten eine Glatze – man muss den richtigen Moment beim Herannahen beim Schopfe fassen, sonst ist er fort). Im Gegensatz zu Kronos/Chronos, der stur zerstört und voranschreitet, bricht Kairos aus dem gleichförmigen Takt der Zeit aus. Er steht für die Chance zur Veränderung, Erleuchtung oder zur richtigen Handlung. Goyas Bild zeigt die dunkle, albtraumhafte Kehrseite von Chronos/Kronos, während Kairos die Hoffnung verkörpert, diesem Mahlstrom durch das Ergreifen des richtigen Augenblicks zu entkommen.

Die tiefenpsychologische und philosophische Deutung von Goyas Gemälde

Goyas Gemälde hat weit über die Kunstgeschichte hinaus tiefe Spuren in der Philosophie und Psychologie hinterlassen. Es wird als eines der eindringlichsten visuellen Zeugnisse menschlicher Urängste verstanden. So auch bei Sigmund Freud: In der Psychoanalyse wird das Bild oft als die ultimative, radikalste Darstellung des Ödipus-Komplexes gedeutet – allerdings aus der Perspektive des Vaters. Während Ödipus den Vater töten will, zeigt Goya die paranoide Angst des Vaters vor dem Machtverlust und der Kastration durch seine eigenen Söhne. Es symbolisiert den archaischen Trieb, das Eigene zu vernichten, um die eigene Vormachtstellung zu sichern (Infantizid-Komplex). Auch als Kronismus deutschlandfunk.nova) bezeichnet, bekommt dieser Begriff zudem in der Tierwelt Bedeutung.

Danke für das expressionistische Image by Glauco Gianoglio from Pixabay

Den Ödipuskomplex beschrieben wir ausführlich in unserem Beitrag zu Gottfried Benn, Kokain und die Kunst im Expressionismus. Für Künstler und Philosophen des frühen 20. Jahrhunderts wurde Goyas Werk zu einem Schlüsselbild des Expressionismus. Es zeigt nicht mehr die idealisierte, harmonische Welt der Renaissance, sondern das Innere des Menschen: Angst, Wahnsinn und Entfremdung. Es bricht radikal mit akademischen Schönheitsidealen und macht das Hässliche und Monströse salonfähig.

In der politischen Philosophie deuteten viele Historiker das Bild als Goyas bittere Reflexion über die Spanische Revolution und die Restauration. Der Staat (Saturn) verzehrt in paranoider Tyrannei seine eigenen Bürger und die eigene Jugend, um das absolutistische Regime zu schützen. Es ist eine Parallele zu dem bereits erwähnten berühmten Satz während der Französischen Revolution: „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.“

Interessant ist auch der Mythos um die Rettung des Zeus. Die Geburtsstunde des olympischen Götterhimmels beruht direkt auf der List, mit der Kronos (museum digital smb) bezwungen wurde.

Die List der Rhea: Nachdem Kronos bereits fünf seiner Kinder (Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon) direkt nach der Geburt verschlungen hatte, hielt seine Ehefrau Rhea den Schmerz nicht mehr aus. Als sie mit dem sechsten Kind, Zeus, schwanger war, floh sie heimlich auf die Insel Kreta und gebar ihn in einer abgelegenen Höhle (dem Idagebirge).

Der „Omphalos“-Stein (museum digital smb): Anstelle des Neugeborenen wickelte Rhea einen großen, schweren Stein in Windeln und übergab ihn Kronos. Dieser war so von der Angst vor seiner Entmachtung zerfressen, dass er das Bündel ungeprüft und in einem Zug hinunterschlang, ohne zu merken, dass er einen Stein fraß.

Die Kureten als Schutzwache (hellenicaworld Mythologie): Damit Kronos das Weinen des echten Babys auf Kreta nicht hörte, wurde die Höhle von den Kureten bewacht. Das waren jugendliche Krieger, die jedes Mal, wenn das Kind schrie, wild mit ihren Schwertern auf ihre Schilde schlugen, um den Lärm zu übertönen. Zeus wurde derweil von der Ziege Amaltheia gesäugt.

Der Sturz des Kronos (Uni München): Als Zeus herangewachsen war, mischte er (mit Hilfe der Metis, der Göttin des tiefen Wissens) seinem Vater einen Trank aus Brechmittel und Honigwein ins Getränk. Kronos musste sich heftig übergeben und spie zuerst den Stein (den Omphalos, der später in Delphi als „Nabel der Welt“ verehrt wurde) und danach alle älteren Geschwister von Zeus aus. Da sie unsterbliche Götter waren, hatten sie im Bauch des Titanen überlebt und waren unversehrt.

Image by MythologyArt from Pixabay

Gemeinsam entfesselten die Geschwister die Titanomachie (mythologie7) – einen zehnjährigen, kosmischen Krieg –, stürzten Kronos und verbannten ihn in den tiefen Abgrund des Tartaros. (Die Geschichte von Zeus auf youtube)