Inzwischen kennen Sie Ellen. Sie ist wiederkehrende literarische Protagonistin und fiktive Figur aus dem Blog UniWehrsEL. Ellen ist eine belesene „Best Ager“-Lehrerin, die oft mit kognitiven Selbstblockaden und Lebensfragen ringt und nach Antworten sucht wie etwa ‚Mutmacher‘ durch Literatur, Selbstwirksamkeit und „Circle of Control“ (Stephen Covey). Ellen dient den UniWehrsEL-Lesenden als Identifikationsfigur und Erzählstimme, um philosophische, psychologische und sozialwissenschaftliche Themen, Literatur (z. B. Thomas Mann, Siri Hustvedt) oder kulturelle Ereignisse in Frankfurt (wie Theaterstücke oder Opern) zu reflektieren. In den Beiträgen verarbeitet Ellen etwa Krisenbewältigung am Frankfurter Lohrberg, Gedankenspiele zu Resonanz (nach Hartmut Rosa) oder Kunst- und Filmanalysen.
Ellen möchte in einer neuen Folge tanzen lernen. Ihr gefiel, was sie über die „Tanzenden Idioten am Schauspiel Frankfurt“ gelesen hatte. Klar, dass sie auf ihre alten Tage weniger Tänzerin werden will, als sich dadurch neue erzählerische und philosophische Konzept zu erschließen.

Ein Tanzkurs bietet für eine Figur wie Ellen die ideale Bühne, um sich mit ihren typischen Mustern auseinanderzusetzen.
Und Ellen tanzt
Es war einer dieser Frankfurter Herbstnachmittage, an denen das Laub auf dem Frankfurter Lohrberg in goldenen Tönen leuchtete, während der Wind bereits die Kälte des nahenden Herbstes ankündigte. Ellen saß an ihrem Küchentisch, eine Tasse Darjeeling in der Hand, und starrte auf den Flyer, den eine Kollegin ihr zugesteckt hatte: „Tango Argentino – Einsteigerkurs für Best Ager. Vorkenntnisse oder fester Partner nicht erforderlich.“
Sofort meldete sich ihr treuester Begleiter: das altbekannte „Ja, aber“-Syndrom.
„Ich würde ja unglaublich gerne“, dachte Ellen und spürte eine Sehnsucht nach Bewegung und Musik. „Aber mit Mitte sechzig? Ohne Partner? Was, wenn ich allen auf die Füße trete? Was, wenn ich mich komplett lächerlich mache?“ Ihr Kopf begann bereits, die anatomischen und sozialen Risiken eines Tangokurses wissenschaftlich zu analysieren. Sie dachte an Thomas Manns Zauberberg, an die strengen gesellschaftlichen Rituale und die Angst vor dem Kontrollverlust. 2014 hatte sie in revierpassagen,de einen Beitrag gefunden, Thomas Mann könne man auch ‚vertanzen‘: ‚Thomas Mann kann man auch tanzen – Xin Peng Wangs „Zauberberg“ in Dortmund“.

Auch den Beitrag im UniWehrsEL Thomas Mann „Der Zauberberg“: Sehnsucht nach Leben und Liebe in Zeiten der Krankheit hatte sie gelesen. Allerdings ging es da mehr um Sehnsucht nach Liebe und das Verlangen nach einer Verbindung, die über das Physische hinausgeht.
Warum Ellen gerade jetzt daran dachte? Das Wort „Partner“ ließ sie nicht los. Seit sie den Soziologen Hartmut Rosa und seine Theorie der Resonanz an der Universität des Dritten Lebensalters (U3L) diskutiert hatte, fragte sie sich: Wie oft verhinderte ihr Intellekt eigentlich, dass sie wirklich in Schwingung mit der Welt geriet?
… zwei Wochen später …

Zwei Wochen später stand Ellen in einem Altbau-Studio im Frankfurter Nordend. Der Holzboden knarrte, im Hintergrund lief leise ein Bandoneon (Video Anibal Troilo-Ché Bandoneon). Um sie herum: ein Dutzend Gleichgesinnte, alle mit einer Mischung aus Vorfreude und dezenter Panik im Blick.
„Tango“, erklärte der Tanzlehrer, ein älterer Herr mit wachen Augen, „ist kein Abspulen von Schritten. Tango ist ein Gespräch ohne Worte. Einer führt, einer folgt – aber beide müssen aufeinander hören!“
Ellen schluckte. Hören. Sie war es gewohnt, zu dozieren, zu analysieren, zu steuern.
Ihr erster Partner war Claus, ein pensionierter Architekt mit einer Vorliebe für Cordsakkos. Als sich ihre Hände trafen, versteifte sich Ellen sofort. Ihr Gehirn lief auf Hochtouren: „Linker Fuß zurück, Gewicht verlagern, wie war der Rhythmus?“
„Sie denken zu viel, Ellen“, flüsterte Claus lächelnd. „Lassen Sie das ‚Aber‘ im Kopf einfach mal auf der Bank sitzen.“
Es war ein Desaster. Sie stolperte, entschuldigte sich dreimal pro Minute und suchte im Geist nach einer soziologischen Erklärung für ihr motorisches Versagen. Sie spürte genau die Entfremdung, von der Rosa sprach – das Gefühl, nicht mit dem Moment verbunden zu sein, weil man ihn erzwingen will.
Der Wendepunkt kam in der zweiten Hälfte der Stunde. Die Musik wurde intensiver. Der Lehrer bat alle, die Augen zu schließen. „Spüren Sie nur das Gewicht des anderen. Bewegen Sie sich erst, wenn Sie den Impuls des Partners im eigenen Körper fühlen.“
Ellen schloss die Augen. Das Frankfurter Straßengeräusch vor dem Fenster verblasste. Da war nur noch das Atmen von Claus, der Rhythmus der Musik und der Boden unter ihren Füßen. Claus machte einen Schritt vorwärts. Diesmal analysierte Ellen ihn nicht. Ihr Körper reagierte einfach. Sie wich zurück, fließend, im Einklang. Ein Schritt, noch einer.
Für ein paar Takte gab es kein „Ja, aber“. Da war kein Alter, keine Angst vor dem Scheitern, keine literarische Meta-Ebene. Da war nur pure Resonanz. Ein Zustand, in dem das Subjekt (Ellen) und die Welt (die Musik und Claus) in eine Antwortbeziehung traten.
Als die Musik ausklang und Ellen die Augen öffnete, spürte sie ein ungewohntes, warmes Kribbeln. Ihr Kopf war vollkommen still.
Auf dem Heimweg im Bus der Linie 30 blickte Ellen aus dem Fenster auf die Skyline. Sie hatte Claus auf die Füße getreten, ja. Sie hatte den Takt verloren, ja. Aber – und dieses „Aber“ war zum ersten Mal positiv besetzt – sie hatte getanzt. Sie hatte die Kontrolle abgegeben und die Welt hatte sie aufgefangen.
Vielleicht, so dachte Ellen und lächelte, war das Leben gar kein Seminar, das man bestehen musste. Vielleicht war es ein Tango. Man muss nur bereit sein, den ersten Schritt zu tun.
… und trotzdem kommt sie heim und sucht psychologische Studien in Büchern über das Tanzen …
Selbst nach dem befreienden Moment auf der Tanzfläche kann Ellen ihre akademische Natur eben nicht ganz ablegen. Kaum hat sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen und die Tanzschuhe in die Ecke gestellt, sitzt sie schon mit einer frischen Tasse Tee am Schreibtisch. Ihr Kopf verlangt nach einer rationalen Erklärung für das, was da gerade in ihrem Körper passiert ist.
In ihrem gut sortierten Bücherregal sucht Ellen gezielt nach psychologischen und neurowissenschaftlichen Studien, die sich mit den Phänomenen des Tanzens auseinandersetzen.
Als erstes widmet sich Ellen dem Phänomen der „Intersubjektiven Synchronisation“. Sie sucht nach Erklärungen für diesen magischen Moment, als sie die Augen schloss und sich blind mit Claus bewegte. Sie stößt auf Studien zur Verkörperten Kognition (Embodied Cognition) und zur neuronalen Synchronisation.
Ganz nüchtern betrachtet sie den dort gefundenen Befund. Wenn Menschen sich synchron bewegen, gleichen sich nicht nur ihre Herzfrequenzen an, sondern im Gehirn feuern die sogenannten Spiegelneuronen im Gleichtakt. Sie erkennt, dass es einem Gespräch ohne Worte gleicht. Das „Gespräch ohne Worte“, hatte nicht der Tanzlehrer davon gesprochen? Umgesetzt bedeutet das eine ‚messbare Neurobiologie‘. Ellen versteht, ihr Gehirn hat sich buchstäblich mit dem von Claus „kurzgeschlossen“, was das lästige Grübeln im präfrontalen Kortex (wo ihr „Ja, aber“ sitzt) temporär ausgeschaltet hat.

Sie erinnert sich daran, dass sie schon einmal über „Embodiment“, dem Zusammenspiel von Körper und Seele gelesen hat.Sie weiß über sich selbst und kennt ihre Neigung zu kognitiven Selbstblockaden und leichten depressiven Verstimmungen, dem klassischen Grübeln oder ‚Kopfkino‘. Sie erinnert sich an einen Beitrag über „Bouncen“ in geo.de: „Tanzende Bewegungen: Das Gehirn mag „Bouncen“. I
Plötzlich erinnert sie sich an Studien von Forschern wie Sabine Koch (Universität Heidelberg) zur Tanz- und Bewegungstherapie. Im Dialog mit sich selbst versteht sie, dass dynamische, improvisierte oder koordinierte Bewegungen die Ausschüttung von Cortisol (Stresshormon) massiv senken und gleichzeitig Dopamin und Endorphine freisetzen. Sie lacht und denkt dabei, „ man kann sich aus einer Blockade nicht herausdenken, wohl aber herausbewegen. Der Körper verändert die Psyche, nicht nur umgekehrt.“
Ihr weiteres Durchforsten des Bücherschranks gilt den „Tango-Studien“ zur Stressregulation und Altersforschung. Ellen denkt zurück an die Forschungen der Teilnehmenden der Projektgruppe „Überlebenskunst“. Schon damals dachte sie daran, einmal einen Tangokurs zu besuchen. Wie schrieb da ein gewisser W. W. im UniWehrsEL in den Abstracts der Teilprojekte „Stadtforschung“:
… Tango in Frankfurt?

Claro! In Frankfurt gab es vor Corona eine reichhaltige, spannende Tangoszene. Nein, nicht die künstliche, abgehackte, englische Variante, die wir in der Tanzschule zu lernen versuchten … Sondern die harmonische, warme und verbindende Form aus Südamerika – der Tango Argentino! …
Ellen liebt es spezifisch, also sucht sie gezielt nach Untersuchungen zum Tango Argentino und findet heraus: Es gibt Studien (unter anderem von der McGill University oder von der Universität Frankfurt selbst), die untersuchten, wie Tango das Gleichgewicht und die kognitive Flexibilität bei älteren Erwachsenen fördert. Tango fordert das Gehirn maximal, weil man permanent auf unvorhersehbare Signale reagieren muss (im Gegensatz zu fest choreografierten Tänzen). Tango schützt vor geistigem Einrosten. Die Notwendigkeit, im Hier und Jetzt zu improvisieren, schult die exekutiven Funktionen des Gehirns.
Ellens wäre nicht Ellen, wenn sie es bei dieser Erkenntnis belassen würde. Im Hinterkopf rumort bei ihr das Konzept des „Flow-Erlebens“ nach Mihály Csíkszentmihályi. Sie schlägt den Klassiker der positiven Psychologie auf und konstatiert: Flow entsteht, wenn die Anforderungen einer Aufgabe perfekt mit den eigenen Fähigkeiten balanciert sind – man ist gefordert, aber nicht überfordert, und vergisst die Zeit.

Sie denkt zurück an die „Salutogenetischen Übungen“ ihres verstorbenen Freundes Helmut Röll und an seinen Beitrag im UniWehrsEL zum „VHS„.
Das weckt schöne Erinnerungen in ihr. In der zweiten Hälfte der Tanzstunde, als sie die Augen schloss, hatte sie genau diesen Zustand erreicht. Das Ego schrumpfte im Flow-Zustand gegen null, weshalb auch ihre Selbstzweifel für einen Moment wie weggewischt waren.
„Für heute ist Schluss!“ Sie ruft es laut und mit einem Stapel markierter Bücher und einem befriedigten Lächeln klappt Ellen schließlich den letzten Band zu. Sie hat es nun wissenschaftlich bewiesen: Tanzen ist gut für sie. Ihr Kopf hat die Erlaubnis erteilt. Beim nächsten Mal, so nimmt sie sich vor, darf das Buch aber im Regal bleiben – da wird einfach nur getanzt.

