Ellen, unsere inzwischen den UniWehrsEL Lesenden allseits bekannte Protagonistin, begreift die „Krise als Chance„. Sie beschreibt uns wie ein Spaziergang am Lohrberg die Psyche heilen kann. Sie nutzt Sozialwissenschaft, Psychologie, Philosophie und Literatur, aber auch Spaziergänge in der freien Natur als Wege aus der Krise. Sie gibt den UniWehrsEL Lesern aus ihren eigenen Erfahrungen und dem wissenschaftlichen Kontext Tipps und Anregungen für mehr Hoffnung im Leben und Alltagsbewältigung.

Ellen zieht den Kragen ihres Wollmantels ein Stück höher. Der Wind hier oben auf dem Lohrberg, direkt am Hang am Ende des Friedrich Heyer Weges, ist zuweilen ein wenig unbarmherziger als unten am Main. Sie legt die Hand an die Mauer, blickte auf das fünf Meter hohe Kreuz, das in Hanglage dem Stadtteil Seckbach zugewandt ist. Ein steinernes Kreuz, das stumm an die Toten der Weltkriege erinnerte, während zu seinen Füßen das Leben der Moderne weiter pulsiert.
Bald würde Ellen als pensionierte Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte viel Zeit zum Nachdenken haben. Wenn man fast vier Jahrzehnte lang jungen Menschen beigebracht hat, die Muster der Vergangenheit zu analysieren, verlernt man diesen Blick auch im Ruhestand nicht. Nur dass Ellen diesen sezierenden Blick heute nicht auf ein historisches Dokument richtet, sondern auf sich selbst.
Vor ihr, durch das kahle Geäst der Bäume hindurch, liegt Frankfurt. Die Skyline, diese Ansammlung aus Glas, Stahl und schierem architektonischen Ego, spiegelt das fahle Licht des Spätnachmittags wider.
„Die Illusion der Kontrolle“, murmelt Ellen leise in den Wind. In der Psychologie nennt man es so, wenn Menschen glauben, sie könnten ein von Zufällen beherrschtes Leben durch schiere Willenskraft und Planung bezwingen. Frankfurt ist für Ellen die architektonische Manifestation dieser Illusion. Unten in den Bankentürmen glauben sie alle, die Welt im Griff zu haben. Genau wie sie selbst damals, vor dreißig Jahren.
Ellen erinnert sich an die junge, ambitionierte Lehrerin, die Mitte der 1980er Jahre nach Frankfurt gekommen war. Eine Stadt im Umbruch, genau wie sie selbst. Sie hatte geglaubt, alles richtig zu machen. Sie hatte eine steile Karriere verfolgt, hatte Konflikte intellektualisiert, statt sie zu fühlen – ein klassischer Abwehrmechanismus, wie sie heute weiß, eine Isolierung vom Affekt. Wenn eine Ehe scheiterte oder eine Freundschaft zerbrach, hatte Ellen es nicht betrauert, sondern analysiert. Sie hatte die Schuld in sauber geordnete Schubladen gesteckt. Das war einfacher, als den Schmerz der Einsamkeit und das Gefühl ihrer Unzulänglichkeit zuzulassen.
Sie blickt durch das zweiflügeliges Zugangstor und sieht die 15 Gedenktafeln mit Namen der Soldaten aus dem Stadtteil Seckbach, die im Ersten Weltkrieg gefallen, vermisst oder an ihren Verwundungen gestorben sind. 125 Namen auf Tafeln. Sie liest die Inschrift „Den Gefallenen zum Gedächtnis, der Jugend zum Vermächtnis 1914–1918“; wendet sich der weiteren Tafel zu, die „Den Toten von 1939–1945“ zugedacht ist.
Ihre Gedanken schweifen zu Krieg, Zerstörung, Neuanfang. Frankfurt als Stadt, die ihre Traumata unter einer dicken Schicht aus Wohlstand und Geschäftigkeit begraben hat. Repression, Unterdrückung von bestimmten Verhaltensweisen, politische Bewegung, keine freie Entfaltung und wenig Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse der Menschen. Verdrängung auf kollektiver Ebene, fragt sie sich? Denkt, Traumata verschwinden nicht, sie verändern nur ihre Form. Man sieht es in der Hektik der Menschen heute, in der Unrast, erinnert sich an ihre Spaziergänge im alten Bornheim.
Ihre Gedanken wandern zu ihren Schülern und den Ehemaligen. Wie viele von ihnen hat sie durch dieses System geschleust? Sie hat ihnen beigebracht, zu funktionieren, Leistung zu erbringen, sich anzupassen. Sie hatte die Konditionierung perfektioniert. Sie erinnert sich an die klassische Konditionierung, die Ivan Pawlow erforscht hatte. Die Hunde, denen der Geifer aus dem Mund rinnt, wenn das Glöckchen bimmelt. Sie denkt daran, dass erst das Fressen und dann die Moral kommt.

Beim Stichwort Konditionierung denkt sie zurück an die Coronazeit. Gerade da spielte für die erzwungenen „Stubenhocker“ das Essen eine bedeutende Rolle. Wie konstatiert Volker Pudel der Ernährungswissenschaftler: Essverhalten beruht auf Lernerfahrung und wird als verfestigtes Verhalten aufgefasst. Konditionierungsprozesse spielen eine wichtige Rolle. Sie entziehen sich der kognitiven Kontrolle, können aber durch realistisch erreichbare Zielvorgaben und Anreize dekonditioniert werden. Nicht der Hinweis „Essen Sie weniger fett!“ sondern „Versuchen Sie mit einem Päckchen Butter 10 Tage lang auszukommen!“ lautet hier der Tipp der Ernährungsberater (unser Beitrag zu Psychologie und Essen). Sie merkt, dass ihre Gedanken wandern und ihr Magen knurrt.
Erst in der Coronazeit, viel zu spät, hatte sie begriffen, dass die verhaltensauffälligen Kinder, die Rebellen, die Schulschwänzer, oft die Einzigen waren, deren Psyche sich gesund gegen den Druck wehrt. Und andererseits gerade diese Kinder hungern oder fressen sich bald zu Tode, um die Eltern auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Sie hat gelernt, das Symptom nicht mehr als das Problem zu sehen, sondern als den verzweifelten Schrei der Seele nach Autonomie. Sie denkt über die Pisa Studien nach und welche Einflussfaktoren, nach offizieller Seite während der pandemiebedingten Schulschließungen dazu beigetragen haben, die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler entweder zu erhöhen oder zu verringern.
Ellen seufzt tief. Das Phänomen der Retrospektiven Verklärung – dem psychologischen Trend, die Vergangenheit im Alter entweder in rosarotem Licht zu sehen oder in tiefe Reue zu verfallen – klopft wieder einmal an ihre Tür, gerade dann, wenn sie an ihre kleinen „Rebellen“ denkt.

Sie lächelt und erinnert sich an die Entwicklungspsychologie nach Erik Erikson und die Phase der „Ich-Integrität versus Verzweiflung“. Sie erkennt, im letzten Lebensabschnitt muss der Mensch Frieden mit seiner Biografie schließen, mit all den falschen Abzweigungen, den verpassten Chancen und den ungelebten Leben. Sie fühlt, wenn sie das nicht begreift, dann siegt die Verzweiflung.

Ellen sieht wieder zu den Türmen am Horizont, sie hat sie alle schon besichtigt, den Commerzbank-Tower, den Messeturm, die EZB. Sie denkt, alle wirken von hier oben, neben dem Mahnmal der Toten, seltsam klein. Vergänglich.
Sie löst die Hand vom kalten Stein des Kreuzes. Nein, sie würde nicht in Verzweiflung versinken. Ihre Fehler gehören zu ihr. Sie hat Frankfurt beim Wachsen zugesehen, und die Stadt hat ihr beim Reifen zugesehen. Die Psychologie lehrt, dass Heilung nicht bedeutet, dass die Wunde nie existiert hat. Heilung bedeutet, dass die Wunde das Leben nicht mehr kontrolliert. Mit einem leisen, fast unmerklichen Lächeln dreht Ellen sich um und geht den schmalen Pfad hinab, weg vom Totengedenken und ihren Erinnerungen, zurück in die Stadt. Sie hat noch Zeit. Und dieses Mal wird sie ihre Erfahrungen weniger analysieren, als die Tage die noch kommen zu genießen. Und das wird auf jeden Fall mit einem guten Essen beginnen. Sie lacht befreit!

