Du betrachtest gerade XXXVI: Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ Ermittlungen in Darmstadt

Im Musical „Lazarus“ (unser Beitrag zu Hoffnung und Wandlung) spinnen David Bowie und Enda Walsh eine bruchstückhafte, traumartige Erzählung um die Hauptperson Newton: Der unsterbliche Außerirdische ist auf der Erde gescheitert, weil seine Mission – Wasser für seinen Heimatplaneten – erfolglos ist und ihn der Verlust seiner großen Liebe Mary‑Lou innerlich zerbrochen zurückließ. Für ein Mitglied unserer Schreibwerkstatt ein willkommener Anlass unser geniales Ermittlerteam Ritter und I. Burn zum Einsatz zu bringen. 

Beitrag K. B.: Die Nacht der Stimmen

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Das Staatstheater war heißer als üblich; die Klimaanlage ächzte, das Fieber der Scheinwerfer mischte sich mit der stickigen Luft im Zuschauerraum. 36 Grad standen auf dem Thermometer am Bühnenrand – eine Zahl, die im Programmheft nicht auftauchte, aber die Vorstellung bereits in den ersten Minuten dominierte. Draußen schien die Stadt noch zu dampfen, drinnen schmolz alles zusammen: die Kostüme, die Stimmen, die Nerven.

Ritter trug ein abgewetztes David-Bowie-T-Shirt wie eine Rüstung. Er war ein Fan durch und durch, kannte jede Falte der Songs, jede versteckte Zeile; das Stück bedeutete ihm mehr als Theater: es war eine Karte seiner eigenen Sehnsucht. I. Burn hingegen stand in einem makellosen Anzug, die Hände sauber, die Haltung aristokratisch – ein Opernkenner, gebildet, elegant, doch heute entwaffnet von Hitze und einem Mangel an Stoffwissen, der ihm heimlich peinlich war. Normalerweise war Burn der Mann für Symbolik und subtile Bedeutungen; meist dirigierte er die Diskussionen, entwirrte Zeichenketten. Heute aber war alles anders: die Rollen hatten sich vertauscht. Ritter, der Bowie-Anbeter, navigierte locker durch die musikalischen Brüche; Burn, der Experte, verlor Boden, seine Souveränität schmolz mit den Gradzahlen.

Wer ist Alice?

Alice war im Hintergrund der Theaterwelt, wie immer. Aushilfe, Kantinenfrau, gelegentliche Bühnenhand – ihre Präsenz war leise, aber ihr Blick scharf wie eine Nadel. Die Aufführung fühlte sich für sie wie ein vertrauter Schmerz an: Projektionen flackerten, Bowie-Songfetzen durchbrachen die Szenen, und Newtons Isolation spiegelte sich in den Rissen, die auch ihr Leben durchzogen. An diesem Abend aber sollte sie mehr sehen als sonst. Sie trug die Narben kleiner Jobs an ihren Fingern, die unordentlichen Haare und eine Wachsamkeit, die aus der Gewohnheit entstand, am Rand zu stehen und aufzupassen.

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Wie oft hatte sie schon bei der Erwähnung ihres Namens den Kalauer gehört: Alice! Who the Fuck ist Alice?

Sie hatte wenig zu tun mit dieser „Alice aus dem Wunderland„. Sie kannte weder die sprichwörtlichen weißen Kaninchen, wußte nichts von der Grinsekatze und dem verrückten Hutmacher, Lewis Carroll war für einfach unbekannt. Alice ist Ende zwanzig, schlank, mit kurzem, ungeordnetem Braunhaar und Sommersprossen; ihre Hände zeigen feine Narben von Arbeit mit Papier und Kabeln. Sie arbeitet als Theaterkantinenhilfe und Aushilfe in der Garderobe – jemand, der regelmäßig zwischen Saal, Bühne und Backstage pendelt, Kaffee bringt, Kostüme zurechtlegt und die Wege hinter den Kulissen kennt.

Mitten im zweiten Akt, als eine verzerrte Version von „Life on Mars?“ die Luft schnitt, erstarrte die Bühne. Ein Mädchen zusammengebrochen – das junge Mädchen, das in der Rolle der Hoffnung auf Newton musizierte, sackte wie von unsichtbarer Hand weg. Ein Raunen ging durch die Reihen; Projektionen flackerten, die Band stoppte.

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Einige Zuschauer behaupteten später, sie hätten eine Gestalt in einem Katzenkostüm gesehen, wie sie die Darstellerin bedrohte – merkwürdig, weil im Musical keine Katze vorkam. Andere sagten, es sei nur ein Schatten gewesen, ein projiziertes Bild, das sich mit einem echten Menschen überlagert hatte. Alice hatte gesehen: eine schlanke Person in einem dunklen Mantel, der Gang scharf, fast mechanisch – kein Kostüm, keine Grimasse, nur ein Blick, der die Szenen auslöschte.

Teuflische Hitze

Die Hitze von 36 Grad war nicht nur physisch; jemand hatte offenbar an der Technik manipuliert. Alice roch Metall und verbranntes Plastik, spürte eine Welle von Hitze hinter den Kulissen, die nicht von Scheinwerfern stammte. Später würde man genau dort ein beschädigtes Atemgerät finden, zerschmolzene Kabel und Reste einer Vorrichtung, die diese Hitze verstärkt haben konnte. In der Flut aus Fotos und Videos tauchte immer wieder derselbe Mantel auf – zu eng, knitternd, mit Fragmenten alter Requisiten in den Taschen. Jemand, der hinter die Kulissen gehörte.

Ritter, noch in seinem Bowie-Shirt, wich nicht zurück. Er stellte Fragen, aber ohne das theatralische Vokabular, mit dem Burn sonst jede Debatte dominierte. Burn aber wurde dünnhäutig; sein Anzug klebte an der Haut, sein berühmter Spott war nur noch ein kurzes Zucken. Als Alice ihm ihre Beobachtungen schilderte, wurde er patzig, unsicher, als ginge seine Fachkompetenz in Rauch auf. „Das kann nicht sein“, sagte er mehrmals, und jedes Mal klang es nach einem Bekenntnis, nicht einer Abwehr. Ritter dagegen hörte zu, nickte, zeigte ein merkwürdiges Mitgefühl, das weniger intellektuell als unmittelbar wirkte.

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Die Ermittlungen legten eine komplizierte Spur offen: technische Eingriffe an Scheinwerfern und Lüftern, manipulierte Atemtechnik, Spuren von Betäubungsmitteln. Jakob, der einstige Haustechniker, war bald im Fokus. Auch er, ein Mann mit Narben an den Händen, wohl Standard bei Theaterjobs, manifestierte seine Kunst einst in den Apparaten der Bühne. Er war vor drei Jahren entlassen worden war. Sein Besitzanspruch auf Stimmen und Technik passte wie ein Deckel auf das Motiv. Alice erinnerte sich an seine mechanischen Bewegungen, an die Art, wie er Dinge mit einer Präzision berührte, die nicht nur handwerklich war, sondern fast religiös; sie erinnerte sich an die Wut, die aus kleinen Unstimmigkeiten geboren wurde. „Jakob„, dachte Alice, denn sie war so ganz nebenbei Hobbypsychologin, „hatte wohl eine «kombinierte Persönlichkeitsstörung» mit narzisstischer Komponente. Dazu eine Hochgestimmtheit mit übertrieben grossem Optimismus und Siegessicherheit. Auffallend auch seine Tendenz zu Grenzüberschreitung; eine dissoziale Komponente. Dazu käme, dass sein Unrechtsbewusstsein relativ klein gewesen sei und zudem ein «Gambler-Effekt» festzustellen gewesen sei. … Liegt wohl am Namen, irgenwo habe ich da mal eine Reportage mit einem Betrüger namens ‚Josef Jakob‚ gesehen.“

Ist Jakob der Täter?

Doch die Fragen blieben: War Jakob allein? Die Stimmen der Zeugen widersprachen sich; niemand konnte das Katzenkostüm verlässlich verorten. Einige meinten, die Katze sei eine Projektion gewesen, eine theatrale Chiffre, die jemand lebendig gemacht hatte. War es ein Ablenkungsmanöver? Oder ein Hinweis auf eine andere Person, die sich auf Surrealität verstand – jemand, der das Spiel der Projektionen kannte und wusste, wie man Wirklichkeit verschiebt?

Alice wurde zur Schlüsselzeugin. Sie hatte nicht nur gesehen, sie hatte gerochen, berührt, erinnert. Ihre Unschlüssigkeit in temporellen Details wurde zur Schwäche in den Augen der Polizei, aber Ritter und Burn – wenn auch aufeinanderfolgend – nutzten ihre Beobachtungen, um die technische, aber auch psychologische Rekonstruktion zu ermöglichen. Burn, der zuerst patzig gewesen war, musste lernen, zuzuhören, seine sichere Rolle als Deuter abzugeben. Ritter führte aus, welche Lieder in welchen Momenten gespielt worden waren, wie ein bestimmter Bowie-Track die Bühne in einen bestimmten emotionalen Zustand versetzt hatte – eine Information, die half, das Timing der Manipulationen zu verstehen.

Die Auflösung war keine saubere Kathedrale aus Beweisen, sondern eher ein Flickenteppich, zusammengenäht aus Fragmenten: Jakob hatte die Vorrichtungen gedreht und ein Atemgerät manipuliert; die Hitze von 36 Grad war das Resultat von gezielten Kurzschlüssen und einer verborgenen Heizschlange, die er installiert hatte, um die Atmung des Mädchens zu befriedigen – seine verzerrte Idee, dass die Stimme durch Hitze „gereinigt“ werden müsse. Er gestand die Tat in Teilen: das Betäuben, das Manipulieren, das Wissen um die Wirkung. Ob er aber allein die Katze inszeniert hatte, blieb offen. Hinweise deuteten auf Komplizenschaft – eine Person, die Projektionen bediente, jemand, der Technik und Bildsprache verband.

Nachspiel

Im Nachspiel der Ermittlungen zerbrachen viele Gewissheiten. Der elegante Burn, der Experte, musste zugeben, dass sein Wissen ihm nicht mehr automatisch Zugang zur Wahrheit verschaffte. Ritter stellte fest, dass Fanwissen und Leidenschaft taugten, um Menschen zu erreichen; aber kein bloßes T-Shirt ersetzte fachliche Präzision. Alice aber fand in der Bürde, gesehen und auch gehört zu haben, eine seltsame Kraft. Ihre Erinnerung, so fragmentarisch sie war, verband technische Details mit emotionalen Eindrücken: das Röcheln, die Hitze, den Mantel, auch ihre psychologische Analyse. Aus Unsicherheit wurde Einsatz: sie begann, das Durcheinander an Videos, Stimmen und Projektionen zu ordnen, bis eine plausiblere Kette entstand. Entwicklete ein stimmiges Charakterbild, entstanden durch ihr angelesenes Wissen, aber auch ihre hervorragende Menschenkenntnis.

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Was blieb als Hoffnung, nachdem die gewohnten Gewissheiten wegbrachen? Die Erkenntnis, dass Wahrheit nicht nur in Expertenzitaten zu finden ist, sondern auch in den verschütteten Wahrnehmungen der Menschen am Rand. Dass Trauma nicht nur zerstört, sondern auch die Möglichkeit birgt, neue Fähigkeiten zu entwickeln verdeutlichte sich an Alice. Als Zeugin bewies sie, ihr bruchstückhaftes Wissen systematisch einzusetzen; Burn lernte Demut; Ritter lernte, dass Fanliebe Verantwortung bedeutet. Und Jakob? Er blieb im Zwielicht: ein Mann, der für seine Technik lebte, aber seine Menschlichkeit schon lange verloren hatte.

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:19. Juni 2026
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