Du betrachtest gerade Leserbrief: „Masters of the Universe“ 2026 – Chronos, Kairos als alte und neue Denkmuster verstanden?

Immer wieder tauchte das Gerücht auf, die neue He-Man-Realverfilmung befände sich in Entwicklung. Nun ist es soweit. Der Kultheld aus Eternia darf – nach dem sehr trashigen ersten Anlauf mit Dolph Lundgren aus dem Jahr 1987 – wieder auf der großen Leinwand die Muskeln spielen lassen. Nun ist es soweit. Der neue „Masters of The Universe„präsentiert sich auf der Leinwand. Ein Leser des UniWehrsEL unternimmt den Versuch, den Film zu Chronos, Kairos und Kultur, als Themen des kommenden Wintersemesters 2026/27 an der U3L in Verbindung zu setzen. Ob dies gelungen ist? Urteilen Sie bitte selbst.

Sehr geehrte Damen und Herren, 

Werfen wir einen Blick auf die griechische Mythologie. Chronos, was aus dem altgriechischen ins Deutsche übersetzt „Zeit“ bedeutet, ist in der Mythologie die Personifizierung der Zeit. Wir kennen den Begriff auch im heutigen Sprachgebrauch, in vielen verschiedenen Kontexten. Es gibt die Chronobiologie, man kann in chronologischer Reihenfolge auflisten oder auch Chroniken lesen. Damit wäre Chronos auch das, wie die Zeit gedacht und gelebt werden kann oder auch der gleichförmige Ablauf von Zeit in Filmen von früher und heute. Ein anderer Blickwinkel auf das Erleben von Zeit bietet Kairos. Im Altgriechischen bedeutet es so viel wie „das rechte Maß“ oder „die gute Gelegenheit“. In der griechischen Mythologie verstand man Kairos die Personifizierung für den günstigen Zeitpunkt. Kairos würde als in einem Film gedacht den Fokus auf die Qualität des Moments legen.

Wenn man „Masters of the Universe“ im Jahr 2026 anschaut, fühlt es sich an wie ein Gespräch mit der eigenen Vergangenheit; aber mit der Frage, ob wir diesmal genauer hinsehen, nämlich auf das fokusieren, was wir früher nicht sehen wollten. Oder anders gesagt, hat sich unser Blickwinkel von damals geändert?

Bild von waldryano auf Pixabay

Es ist fast 40 Jahre her seit dem Erscheinen der Figuren: damals waren die Bilder für einen jungen männlichen Zuschauer klar, die Rollen festgezurrt. Starke Männer, eindeutige Bösewichte; samt einem Humor, der sich über die muskelbepackten Männer mit Selbstironie lustig machte; und doch war die Männlichkeit, so selbstverständlich, dass man diese Figuren einfach nicht hinterfragen musste. „He-Man“ war Kraft und Anspruch zugleich: Das Schwert der Macht, der Körper als Beweis, das Heroische als Selbstrechtfertigung. Klingt martialisch? War es auch. Es war die Zeit der Muskelmänner wie Arnold Schwarzenegger in Conan der Barbar.

In dem heutigen Kultstreifen „Masters oft the Universe“ von 1987 spielt der Bodybilder Dolph Lundgren den köperbetonten Helden H-Men – zwar wortkarg, aber dafür mächtig stark.

Und hier kommt der Bezug zu „Chronos, Kairos und Kultur“: Chronos ist die Zeit als Uhrwerk, als Gesetzmäßigkeit, als Vergangenheit, verstanden als Wiederholung des immer Gleichen. Kairos ist der Moment, in dem wir merken: Jetzt ist Gegenwart und Zeit zum Umschalten. Sogenannte Kairosmomente sind unverzichtbare Herausforderungen und zugleich Chancen. „Masters of the Universe“ setzt 2026 beides gegeneinander. Chronos zeigt sich im Rückgriff auf das Vertraute: Prinz Adam kehrt nach 15 Jahren nach Eternia zurück, geführt vom Schwert der Macht – also vom alten Versprechen, dass es „nur eine richtige“ Antwort geben kann. Kairos wäre die Gelegenheit, dieses Versprechen zu prüfen, neu zu deuten und ‚beim Schopf zu packen‘. Doch der Film bleibt erstaunlich oft bei Chronos hängen: bei der Mechanik der alten Heldenformel.

Adam (Nicholas Galitzine) wächst auf Eternia auf, Sohn der Königsfamilie, und das Gleichgewicht wird durch das magische Schwert der Macht gehalten, das in Greyskull aufbewahrt und von einer Zauberin bewacht wird. Dann kommt der Angriff: Skeletor (Jared Leto) fällt ein, das Königreich wird zerstört und Adam mit dem Schwert ins Exil geschickt – mit dem klaren Ziel, zu verhindern, dass die Waffe in Skeletors Hände gelangt. In der Verfilmung beginnt hier der Bruch zwischen Chronos und Kairos: Chronos ist die Wiederkehr des festen Schemas (Schicksal, Schwert, Rückkehr), Kairos wäre der Moment, in dem man die Bedeutung dieses Schemas wirklich umstellt.

Doch Adam verliert bereits bei seiner Ankunft in Oklahoma das Schwert. Zehn Jahre Suche, zehn Jahre vergeblicher Hoffnung. Und dann: Er hat die Hoffnung längst aufgegeben und arbeitet in einem Großraumbüro; zwischen Fitnessstudio und seltsamen Freundschaften, so nüchtern, dass man diese Variante Adams auch als Fingerzeig auf die „Raus aus dem Hamsterrad“-Ideologie lesen könnte. Dazu passt auch der Beitrag von 2026 vom ESC England: „So sick of doing the whole 9 to 5“ singt LOOK MUM NO COMPUTER – Eins, Zwei, Drei dann von einer Arbeitsroutine, die ihn fertig macht. Das passt zum Chronos in dem die Menschheit gefangen ist.

Im Vergleich dazu Adams Situation: Auch er lebt zunächst nicht einfach „frei“, sondern in einem fest gezurrten Ablauf. Auf Eternia ist die Chronos-Logik ganz buchstäblich institutionalisiert: Das Gleichgewicht wird durch das magische Schwert der Macht gehalten, in Greyskull bewacht, in Rollen eingewiesen. Als Skeletor angreift, wird diese Ordnung zerstört – Adam wird ins Exil geschickt, damit die „nächste“ Abfolge nicht kippt. Doch auch Exil ist nicht automatisch Befreiung, sondern ein anderer, ebenso enger Laufweg: Zehn Jahre Suche, Hoffnung begraben, schließlich ein Alltag zwischen Großraumbüro, Fitnessstudio und ‚Nerd‘-freundschaften. Das ist das „Hamsterrad“ in moderner Verpackung: weniger Greyskull, mehr Kalender; weniger Schwert, mehr Routinen, die dich beschäftigen, statt dich zu verändern.

(Das Verlangen nach einem neuen Rhythmus – Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Und genau da trifft der Vergleich mit dem „Hamsterrad“ den Kern: „LOOK MUM NO COMPUTER – Eins, Zwei, Drei“ benutzt – „9 to 5“ (der klassische Achtstundentag) als Bild für die Enge. Er zeigt: Das Problem ist nicht nur die Arbeitszeit, sondern der Rhythmus, der dich in Bahnen zwingt. (dazu auch unser Leserbrief: Was die Forderung, Deutschland solle aus dem ESC aussteigen, über unsere Gesellschaft verrät)

Adam zeigt im Film eine ähnliche Mechanik – nur dass sie bei ihm als „Raus aus dem Hamsterrad“-Versprechen verkauft wird. Hätte er das Schwert, könnte er sich verwandeln, als muskelbepackte Ikone leben, „Ich habe die Macht“ in die Welt rufen. Aber genau dieses Mantra ist wie ein zweiter Käfig: Der Weg aus der Enge wird nicht als Selbstentwurf begriffen, sondern als Rückkehr zu dem einzigen funktionierenden Schema. Damit wird „Ich habe die Macht“ zu einem austauschbaren Mantra – ein Symbol für den längst widerlegten amerikanischen Traum, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich nur genügend anstrengt.

Denn trotz der äußeren Vermarktung, die den Anschein von „leichter“ Abenteuerware erweckt, wirkt der Film in seinem Inneren wie eine ungelöste Spannung: außen glänzt die Storyline mit Kulissen, die zwischen Comic und Realismus schimmern, innen aber bleibt der große Umschaltmoment aus. Natürlich ist das Set-design gelungen – die realen Kulissen werden so ins Bild gesetzt, dass diese plastikhafte Künstlichkeit wie der Markenkern funktioniert. Und die visuellen Effekte fügen sich stimmig ein; Skeletors Totenschädelfratze sticht besonders heraus und spielt trotz begrenzter Mimik fein genug, um den Grusel der Figur sichtbar zu machen. Und damit passt es erstaunlich gut in unser Seminarbild von Chronos, Kairos und Kultur. Chronos ist hier das vorgegebene Schema („9 to 5“, Erwartungen, Rollen), das man sich antrainiert, selbst wenn es nicht zum eigenen Lebensstil passt. Kairos wäre dann der Moment, in dem man dieses Schema nicht nur abfeiert, sondern entlarvt und durch etwas anderes ersetzt: eine neue Haltung zur Zeit, zur eigenen Rolle und zur Welt, in der man lebt.

Denn trotz Neuauflage und veränderter Details bleibt die Grundthese: Männer sollen stark sein, weil Stärke die Welt erklärt. Die Botschaft ist nicht immer laut, aber sie sitzt tief im System des Films. Die Ironie, die Selbstreflexion, das Einordnen dessen, was früher wie selbstverständlich „Männlichkeit“ hieß, kommt zu kurz. Dabei könnte gerade He-Man doch so dankbar sein für Kairos: Die Figur wirkt heute durch ihr hypermaskulines Erscheinungsbild beinahe wie eine Karikatur – und trotzdem wird sie nicht konsequent genug als Karikatur gelesen, sondern eher als „funktionierende“ Ikone präsentiert. Selbstironie ist da, aber sie trifft nicht wirklich den Kern.

Dabei ist der Kern historisch schwer zu übersehen: Als die Figuren vor Jahrzehnten rauskamen, war der Blick auf Männlichkeit nicht nur normierend, sondern auch exklusiv. Wer nicht hineinpasste, hatte Pech. Heute lässt sich diese Welt zumindest teilweise anders lesen: Da He-Man fast schon überzeichnet ist, wurde und wird ein homoerotischer Subtext hineininterpretiert; das kann eine neue Fangemeinde anziehen, eine queere Lesbarkeit öffnen, eine andere Nähe erlauben.

Statt die tradierten Männlichkeitsbilder von He-Man und Co. wirklich zu entzaubern, sie also kulturell wirksam zu korrigieren, macht er sie lediglich verhandelbar im Modus des „Wir wissen doch, wie’s gemeint ist“. Im Film ist Eternia in Trümmern, Skeletor herrscht – eine wunderbare Metapher für eine zerfallene Ordnung. Und doch folgt daraus nicht die Konsequenz: dass man Macht nicht einfach als Schicksal annehmen muss, sondern auch als Verantwortung hinterfragen könnte. Prinz Adam muss sich zwar mit Teela und Duncan verbünden und sein He-Man-Schicksal annehmen – aber das „Annehmen“ bleibt an die alte Formel gekoppelt. „Ich habe die Macht“ ist dabei weniger ein Prüfstein als ein Mantra. Wie passend zur Chronos-Diktatur der Zeit: Der Rhythmus ist vorgegeben, der Text wiederholt sich, und wer abweicht, wird als Problem behandelt. So wird Glück zur Nebenwirkung richtiger Anpassung – und Unglück zur Strafe für Zweifel.

Man kann über die Vorlage lächeln, man kann sich über Glitzer und Schwertkult freuen, man kann sogar bei den „starken selbstironischen“ Sprüchen innerlich die Augen verdrehen. Aber gerade weil heute mehr Humor, mehr Selbstironie, mehr kulturelle Reibung möglich wäre, bleibt ein Teil des Films unzufriedenstellend: Die Neudeutung passiert nicht konsequent genug. Es wird kommentiert, aber nicht eingerissen.

Und doch: Vielleicht liegt gerade darin die Chance, 2026 wirklich Kairos zuzulassen. Denn die Geschichte beginnt mit Verlust (15 Jahre weg, Heimat zerstört) und endet mit Pflicht (Schicksal annehmen). Wünschenswert wäre, dass sie stärker zulässt, was viele Menschen heute erleben: dass Identität nicht nur „gefunden“ werden muss wie ein Schwert der Macht, sondern auch verhandelt – mit Ausprobieren, mit Humor, mit Fehlern.

Nicht als Schwäche, sondern als reale Welt: Wenn Skeletor „einfach böse“ ist, klingt das zwar nach Comic-Mechanik; gesellschaftlich greift das aber zu kurz. Die Zeit, in der wir leben, ist nicht nur ein Kampf gegen Monster, sondern auch gegen die bequeme Vereinfachung, die vorgibt: Nur eine Art von Stärke zählt, nur eine Art von Männlichkeit darf bleiben.

Eine neue zündende Idee Bild von Mohamed_hassan auf Pixabay

Mit anderen Worten: „Masters of the Universe“ könnte 2026 mehr sein als Nostalgie mit Muskelmännern. Es könnte ein Moment werden, in dem Chronos nicht das Programm schreibt, sondern Kairos die Regie übernimmt. Und vielleicht wäre dann aus dem Schwert der Macht endlich auch ein Schwert der Selbstreflektion geworden.

Mit freundlichen Grüßen

Simon Syntax

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:29. Juli 2026
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