Das Team UniWehrsEL bedankt sich herzlich für die zahlreichen Anregungen. Dazu gehört auch das „Popgeflüster“, das bei seinem vierten Beitrag betitelt mit „Von Hannah Montana zu Miley Cyrus“ sich Gedanken zu Selbstliebe und Mut zur eigenen Identität machte. Nun also Popgeflüster die Fünfte, deren Folge sich Céline Dions Song „It’s All Coming Back to Me Now“zuwendet. Im Fokus stehen die Fragen: Kann man vor der Vergangenheit fliehen? Was geschieht, wenn unterdrückter Schmerz und Schuldgefühle über einen Verlust (z. B. wenn das Ich glaubt, Schuld am Tod eines geliebten Menschen zu sein) ins Unbewusste verdrängt werden?
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich höre Céline Dions „It’s All Coming Back to Me Now“ (175 Millionen Aufrufe vor 14 Jahren) immer wieder gerne. Das Lied berührt mich besonders durch seine Sentimentalität und seinen beinahe überwältigenden Kitsch. Gerade diese Mischung aus großen Gefühlen, dramatischer Musik und Erinnerungen an glückliche Zeiten empfinde ich als herzberührend. Der Song schafft es, Vergangenes für einen Augenblick wieder lebendig werden zu lassen und dabei zugleich Sehnsucht und Verlust spürbar zu machen.
Céline Dions Balade ist mehr als ein melodramatischer Popsong.

In seiner überbordenden musikalischen und visuellen Gestaltung stellt der Song zentrale Fragen, die ich auch im kommenden Wintersemester 26/27 im Seminar zu „Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“ klären würde. In der Romantik sind die Vergangenheit und der Schmerz über einen erlittenen Verlust oft die direkten Katalysatoren (Auslöser), die den Doppelgänger überhaupt erst entstehen lassen. Das Ich projiziert die Identität des verlorenen Menschen auf eine andere Person oder auf eine Halluzination seiner selbst. Der Doppelgänger lebt in der Vergangenheit weiter, während das reale Ich in der Gegenwart zerbricht. Der Schmerz taucht als „Rächer“ oder Mahner aus der Vergangenheit auf. Er zwingt das Ich, dem Schmerz ins Auge zu blicken, den es im Wachleben verleugnet. Der Doppelgänger ist hier die physische Manifestation dieser verdrängten Schuld.
Das von Jim Steinman geschriebene Lied ist durch seine ungewöhnliche Länge, seine dramatischen Steigerungen und seine wuchtigen Rock-Elemente geprägt, die mich stark an Meat Loaf „I Would Do Anything For Love“ Lyrics (342 Mio. Aufrufe vor 17 Jahren) erinnern. Die Musik ist bewusst opulent und übertrieben inszeniert: aufwendig geschichtete Chorstimmen, kraftvolle Schlagzeugpassagen und eine stetig anwachsende Dramatik lassen die Gefühle geradezu körperlich erfahrbar werden. Diese musikalische Übersteigerung setzt sich im Musikvideo fort.
Dions Video spielt in einem düsteren gotischen Herrenhaus und beginnt mit einer langen instrumentalen Einleitung. Noch bevor Céline Dion zu singen beginnt, wird eine unheimliche Atmosphäre geschaffen: Gewitter, Kerzen, Statuen, Gemälde und Spiegel verweisen auf eine vergangene, beinahe romantische Welt. Zugleich kündigen die wechselnde Kameraführung und die spannungsgeladene Musik ein dramatisches Ereignis an. Schließlich stirbt der Geliebte der Hauptfigur bei einem Motorradunfall. Der Unfall wird durch Lichtblitze, Feuer, Donnerschläge und plötzliche musikalische Einsätze extrem eindrucksvoll und bewusst emotional „überzeichnet“ dargestellt.
Für die Kategorie Popgeflüster ist jedoch nicht allein die spektakuläre Inszenierung des Songs entscheidend, sondern vor allem die Frage, wie Identität durch Erinnerung entsteht. Die Inszenierung des Videos lässt sich dabei als eine Art umgekehrte Orpheus-Geschichte lesen.
In der griechischen Mythologie verliert Orpheus seine große Liebe Eurydike durch einen Schlangenbiss kurz nach der Hochzeit. Aus Verzweiflung steigt er in die Unterwelt hinab, um den Tod rückgängig zu machen und Eurydike zurückzugewinnen. Er möchte die Zeit zurückdrehen und die endgültige Trennung ungeschehen machen. Doch gerade in dem Augenblick, in dem eine Rückkehr möglich scheint, blickt er sich nach ihr um und verliert sie ein zweites Mal. „Orpheus und Eurydike“ und die moderne Adaption „Kaos“ besprachen wir auch im Kontext der Halbwahrheiten. Orpheus erhält eine nur teilweise Wahrheit: Eurydike wird ihm zurückgegeben, unter der Bedingung, sich nicht umzudrehen, aber warum, das wird ihm verheimlicht und führt zu Unsicherheit und den Zweifeln, die ihn schließlich überwältigen.
Auch die Hauptfigur in „It’s All Coming Back to Me Now“ kann den Tod ihres Geliebten nicht akzeptieren. Wie Orpheus versucht sie, die Vergangenheit zurückzuholen – allerdings nicht, indem sie selbst in die Unterwelt hinabsteigt, sondern indem die Vergangenheit in ihre Gegenwart eindringt. Sie wird von Erinnerungen, Bildern und der Erscheinung des Verstorbenen heimgesucht. In diesem Sinne ist sie ein umgekehrter Orpheus: Nicht die Lebende sucht den Toten in dessen Welt auf, sondern der Tote beziehungsweise sein Bild kehrt in die Welt der Lebenden zurück.
Der Titel des Liedes bringt diesen Vorgang unmittelbar zum Ausdruck: Alles kommt zurück. Die Erinnerungen an die vergangene Liebe kehren mit solcher Macht wieder, dass die Hauptfigur die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr eindeutig aufrechterhalten kann. Der Geliebte erscheint in Spiegeln und Bilderrahmen, während gemeinsame Erlebnisse erneut sichtbar werden. Wie bei Orpheus richtet sich der Wunsch darauf, den Verlust ungeschehen zu machen. Gleichzeitig zeigt das Video, dass die Zeit nicht tatsächlich zurückgedreht werden kann. Der Tod bleibt bestehen; nur die Erinnerung erzeugt für kurze Momente die Illusion einer Rückkehr.
Damit greift das Musikvideo zentrale Vorstellungen der literarischen Romantik auf. Dies beschrieben wir in unserem Beitrag Sehnsucht, Romantik und Natur. Der Philosoph und Ästhetiker Jörg Zimmermann artikuliert den vielschichtigen Diskurs der Sehnsucht im Kontext von Romantik und Natur im Sachbuch „Sehnsucht nach Natur“ und eröffnet damit ein breites Spektrum von Betrachtungsweisen, die eine Sphäre der Gefühle im Blick haben und sich Natur und Landschaft durch ästhetische Erfahrung nähern.
Die Romantik versteht das Ich nicht als vollkommen geschlossen und rational. Es ist von Sehnsucht, Erinnerung, Verlust und unbewussten Kräften geprägt. Das romantische Ich sucht permanent die Verschmelzung mit dem Universum. Die Grenze zwischen dem „Innen“ (der Seele) und dem „Außen“ (der Natur oder der Welt) soll aufgehoben werden. In der Kunst (etwa bei Caspar David Friedrich) verschmilzt das betrachtende Subjekt regelrecht mit der unendlichen Landschaft. Identität entsteht hier erst im Dialog mit dem Allganzen. Der Dichter Novalis prägte das Ideal, dass die Welt „romantisiert“ werden müsse, um ihren ursprünglichen Sinn zu finden.
Das romantische Doppelgängermotiv macht sichtbar, dass im Menschen verschiedene, manchmal widersprüchliche Identitäten nebeneinander bestehen können. Auch in „It’s All Coming Back to Me Now“ zerbricht die Vorstellung einer unabhängigen und kontrollierten Persönlichkeit, sobald die verdrängte Vergangenheit zurückkehrt.

Eine Spezialität zeigt sich in der Schwarzen Romantik (ca. 1790–1830). Sie wird genutzt, um die Nachtseiten der menschlichen Seele und den Übergang zum Wahnsinn darzustellen. Es dreht sich um den Spiegel der inneren Spaltung. Der Doppelgänger ist keine eigenständige Person, sondern die Abspaltung der eigenen Psyche. Er verkörpert verdrängte Triebe, Ängste, Traumata oder die dunkle Seite des Protagonisten. Die Begegnung mit dem Doppelgänger löst tiefes Entsetzen (das „Unheimliche“) aus. Das Ich verliert die Kontrolle über sich selbst und zweifelt an der eigenen Existenz: Wer bin ich, wenn mein Gegenüber ich ist? Jean Paul („Siebenkäs„) prägte 1796 den Begriff „Doppelgänger“ überhaupt erst im literarischen Kontext für Menschen, die sich selbst sehen. Berühmt sind E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels: Der Mönch Medardus begegnet mehrmals seinem optischen Spiegelbild Viktorin, wodurch Gut und Böse in seiner Persönlichkeit völlig verschwimmen
Die Identität der Hauptfigur in Dions Lied wird durch ihre frühere Beziehung bestimmt, obwohl diese Beziehung beendet und der Geliebte gestorben ist. Das äußere Herrenhaus kann dabei als Bild für ihr Inneres gelesen werden. In seinen dunklen Räumen, Spiegeln und Bildern begegnet sie den verschiedenen Erscheinungen ihrer Vergangenheit und damit auch Seiten ihrer selbst, die sie nicht vollständig verdrängen kann.

Von hier aus lässt sich eine Verbindung zur digitalen Spiegelwelt herstellen. Auch digitale Profile, Avatare und soziale Medien erzeugen Duplikate des eigenen Ichs. Sie speichern Bilder, Erlebnisse und Beziehungen und machen vergangene Versionen der eigenen Persönlichkeit dauerhaft sichtbar. Wie die Spiegel und Fotografien im Musikvideo zeigen solche digitalen Abbilder jedoch nicht die gesamte Identität, sondern nur ausgewählte, emotional aufgeladene Momente. Zugleich können sie unser Selbstbild beeinflussen und die Frage aufwerfen, welches Bild eigentlich „wirklich“ zu uns gehört.
Das Musikvideo macht außerdem deutlich, wie stark Bilder die Bedeutung eines Liedes erweitern können. Die Geschichte vom Unfall, dem Geisterbild des Geliebten und dem sich beruhigenden Sturm visualisiert innere Vorgänge wie Trauer, Sehnsucht und die Rückkehr verdrängter Erinnerungen. Am Ende klart der Himmel auf, doch die Vergangenheit ist nicht verschwunden. Die Hauptfigur scheint vielmehr zu akzeptieren, dass der Verlust und die frühere Beziehung dauerhaft Teil ihrer Identität bleiben.
Gerade darin liegt die Verbindung zwischen Popkultur, Romantik und digitaler Gegenwart: Identität entsteht nicht unabhängig von Bildern und Erzählungen, sondern wird durch sie geprägt und gespiegelt. Das Lied vermittelt die Vorstellung, dass Gefühle oft stärker sind als der menschliche Verstand und dass wahre Reife nicht in der vollständigen Verdrängung der dunklen Vergangenheit liegt. Sie besteht vielmehr darin, die unterschiedlichen, manchmal widersprüchlichen Teile des eigenen Selbst anzuerkennen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Elisabeth


