Die niederländische Philosophin Joke J. Hermsen bezieht sich in mehreren ihrer Werke intensiv auf das Denken der deutsch-amerikanischen Politischen Theorikerin Hannah Arendt. Sie nutzt Arendts Ideen, um aktuelle Krisen, unser Zeitempfinden und Fragen der politischen Verantwortung zu beleuchten. In ihrem Werk „Kairos. Vom Leben im richtigen Augenblick“ gibt es zudem eine direkte Verbindung zwischen der Kairos-Allegorie von Francesco Salviati und der Philosophie von Hannah Arendt.
Wer ist dieser Kairos, den wir auf dem Buchcover von Hermsen finden? Dazu führt cafemontaigne.de unter anderem aus: „Die eigenwillige Gestalt mit geflügelten Schultern und Füßen, die das Cover dieses Buches ziert, ist für einen Leser des 21. Jahrhunderts nicht auf Anhieb einzuordnen. Handelt es sich um einen Engel oder Dämon der Antike, eine Märchenfigur oder gar eine allegorische Gestalt des Mittelalters? Und warum ist er so vornübergebeugt und starrt voller Konzentration auf die Waage in seinen Händen? Sicherlich preist er nicht die Vorzüge einer kalorienarmen Diät an? Ich kann Sie beruhigen. Die Waage, die bisweilen auf einer scharfen Messerklinge balanciert, verweist auf das sorgfältige Abwägen des richtigen Augenblicks, der günstigen Gelegenheit und der passenden Argumente. Ist er also mit Themis verwandt, der Göttin der Gerechtigkeit, die oft mit einer ähnlichen Waage dargestellt wird? Tatsächlich gibt es gewisse Parallelen, denn er hilft uns dabei, in unterschiedlichsten Belangen – auch in rechtlichen – „das rechte Maß“ zu finden.
Darüber hinaus ist unsere Figur mit Hermes verwandt, dem Götterboten und Schutzpatron der Reisenden, der ebenfalls geflügelte Füße besaß. Wie uns Pausanias berichtet, stand er einst brüderlich an dessen Seite im Tempel von Olympia, der ihrem Vater Zeus geweiht war: „Unmittelbar am Eingang zum Stadion befinden sich zwei Altäre: der eine ist der Altar des Hermes Agonios [Hermes der Wettkämpfe], der andere der Altar der Gelegenheit oder des Kairos.“ Doch er unterscheidet sich auch von Hermes: Sein Kopf ist kahl geschoren, bis auf eine einzige lange Locke, die ihm elegant in die Stirn fällt. Diese eigenwillige Punk-Frisur trägt er, damit derjenige, der ihn unvermittelt erblickt, ihn an dieser Stirnlocke packen kann, bevor der Augenblick wieder verstreicht. Zögert man zu lange, gleiten die Hände an seiner Glatze ab, und die Chance auf Erkenntnis, Ruhm oder die perfekte Gelegenheit zur Veränderung des eigenen Lebens ist vertan. Kurz gesagt: Bei der hier dargestellten Figur handelt es sich um niemand Geringeren als Zeus’ jüngsten Sohn Kairos, auch bekannt als „Gott des günstigen Augenblicks“. Bis ins späte 16. Jahrhundert beflügelte dieser mythische Gott der Zeit die Fantasie zahlreicher Philosophen, Theologen, Ärzte und Dichter; denn Kairos stand für jene entscheidende Zeitspanne, die Gelegenheiten bot oder den Durchbruch ermöglichte. Er verkörperte all jene inspirierenden Momente der Schönheit, der Erkenntnis und der Sinnhaftigkeit, die das Leben so besonders machen.“
Hermsen nutzt das Fresko Salviatis („Time as Occasion / Kairos“, ca. 1552 im Palazzo Sacchetti in Rom), um die visuellen Attribute des Gottes Kairos zu analysieren, und verknüpft diese direkt mit Arendts Kernkonzepten:
Gemeinsame Denkart und Bezüge
- Rosa und Hannah: In ihrem Buch Rosa und Hannah. Das Blatt wenden bringt Hermsen Hannah Arendt mit Rosa Luxemburg zusammen. Sie zeigt auf, wie beide Denkerinnen trotz schwerer historischer Krisen an politischem Handeln, Freiheit und Verantwortung festhielten.
- Melancholie und Krise: In Melancholie in unsicheren Zeiten (unser Seminar 22_23) nutzt Hermsen Arendts Ansätze (neben Ernst Bloch und anderen), um zu erklären, wie wir Hoffnung und eine neue Verbindung zur Welt finden können, statt in Angst zu erstarren.
- Zeit und Augenblick: Auch in Werken zum Thema Zeitkonzepte (wie Kairos) fließen Arendts Gedanken zum menschlichen Handeln und Neubeginn mit ein.
Joke J. Hermsen stellt in ihrem Werk „Kairos. Vom Leben im richtigen Augenblick“ (ihr Gedanken finden Sie auch im UniWehrsEL unter dem Stichwort Chronos, Kairos …) eine direkte Verbindung zwischen der Kairos-Allegorie von Francesco Salviati und der Philosophie von Hannah Arendt her. Hermsen nutzt das Fresko Salviatis („Time as Occasion / Kairos“, ca. 1552 im Palazzo Sacchetti in Rom), um die visuellen Attribute des Gottes Kairos zu analysieren, und verknüpft diese direkt mit Arendts Kernkonzepten: Auf Salviatis Darstellung ruht die Waagschale des Kairos auf einer Klinge oder einem Messer. Hermsen interpretiert dieses Attribut als die menschliche Fähigkeit, die Fesseln der Vergangenheit zu durchtrennen und etwas völlig Neues zu wagen.
Genau hier schlägt Hermsen den Bogen zu Arendt. Sie verknüpft das symbolische Messer des Kairos mit Arendts Konzept der „Natalität“ (Gebürtlichkeit) und dem Prinzip des Anfangs. Für Arendt ist die fundamentale Eigenschaft des Menschen die Fähigkeit, durch politisches und persönliches Handeln eine unerwartete, neue Kette von Ereignissen in Gang zu setzen. Das Abbilden und Besprechen von Salviatis Fresko dient Hermsen somit als historisch-kunstvolles Fundament, um zu zeigen, dass ein echter „Kairos-Moment“ immer auch ein Moment von Arendt’scher Initiative und Freiheit ist.
1. Die Symbolik in Francesco Salviatis Kairos-Gemälde
Francesco Salviati malte das Fresko „Die Gelegenheit“ (Occasione / Kairos) um 1552 im Palazzo Sacchetti in Rom. Hermsen nutzt dieses Bild, um den Unterschied zwischen der linearen, messbaren Zeit (Chronos) und der qualitativen, reifen Zeit (Kairos) visuell fassbar zu machen. Das Gemälde bündelt die antike Ikonographie des Kairos in prägnanten Symbolen:
- Die Flügel an Rücken und Füßen: Kairos ist extrem flüchtig. Er taucht unerwartet auf und fliegt genauso schnell wieder vorbei. Wenn man den Moment verpasst, ist er unumkehrbar verloren.
- Die Haarlocke an der Stirn und der kahle Hinterkopf: Dies ist der Ursprung der Redewendung „die Gelegenheit beim Schopf packen“. Man kann Kairos nur im Entstehen von vorne greifen. Ist er vorbeigezogen, greift man ins Leere, weil sein Hinterkopf kahl ist.
- Das Rad unter den Füßen: Es symbolisiert die Unbeständigkeit des Glücks und das ständige Drehen des Schicksals. Ein Kairos-Moment bringt das bestehende Gefüge ins Wanken.
- Die Waagschale auf der Klinge (Das Messer): Dies ist das für Hermsen entscheidende Element. Kairos balanciert eine Waage auf der scharfen Schneide eines Messers oder Rasiermessers. Es steht für die haarscharfe Entscheidung, die im Moment des Kairos gefällt werden muss. Es verlangt einen scharfen, bewussten Schnitt, um das Jetzt von der Vergangenheit zu trennen.
2. Die Verknüpfung mit Hannah Arendts Begriff der Natalität
Genau an diesem „Schnitt“ des Messers setzt Hermsen an, um die Brücke zu Hannah Arendt zu schlagen. Sie argumentiert, dass ein echter Kairos-Moment kein passives Abwarten ist, sondern die Aktivierung dessen, was Arendt Natalität (Gebürtlichkeit) nennt.
- Der Mensch als Anfang: Für Arendt ist jeder Mensch durch seine Geburt ein radikaler Neuanfang. Weil wir auf die Welt kommen, besitzen wir die fundamentale Fähigkeit, selbst etwas Neues anzufangen und eine neue Kette von Ereignissen in Gang zu setzen.
- Durchbrechen des Determinismus: Arendt betonte, dass die Geschichte und die Zeit (Chronos) oft wie ein automatischer, deterministischer Prozess wirken, der unaufhaltsam abläuft (z.B. Krisen, Bürokratie, gesellschaftliche Zwänge). Der Mensch hat jedoch die Fähigkeit, diesen Automatismus zu durchbrechen.
- Der Schnitt in die Zeit: Hermsen zeigt, dass Salviatis Messer genau diesen Arendt’schen Akt symbolisiert. Das Ergreifen des Kairos erfordert den Mut, den gewohnten Lauf der Dinge zu unterbrechen („das Blatt zu wenden“). Es ist der Moment, in dem der Mensch aus der Passivität heraustritt, politisch oder persönlich handelt und Freiheit realisiert.
Hermsen nutzt somit Salviatis Kunstwerk als visuelle Metapher für Arendts Philosophie: Kairos liefert uns das Zeitfenster und das symbolische Messer, aber Arendts Natalität liefert uns die menschliche Kraft, dieses Messer auch zu benutzen, um Verantwortung zu übernehmen und die Welt neu zu gestalten.
Darüber hinaus nutzt Joke J. Hermsen das Zusammenspiel aus Salviatis Kairos-Messer und Arendts Natalität, um eine scharfe Kritik an unserer Gegenwart zu formulieren. Sie zeigt auf, wie wir diese menschlichen Fähigkeiten in der heutigen Zeit blockieren – und wie wir sie zurückgewinnen können. Hermsen wendet diese Philosophie primär auf drei große Baustellen unserer Epoche an:
Es geht dabei um die Herrschaft von Chronos und die digitale Reizüberflutung. Unsere heutige Welt ist extrem von der getakteten, ökonomisierten Zeit (Chronos) beherrscht. Durch Smartphones, Algorithmen und die ständige digitale Erreichbarkeit leben wir in einer permanenten Gegenwart der Ablenkung. Uns fehlt die Ruhe. Hermsen argumentiert, dass wir in diesem Zustand der Dauer-Reizsammlung unfähig werden, den „richtigen Moment“ (Kairos) überhaupt noch zu erkennen. Wir reagieren nur noch passiv auf Bildschirme, statt aktiv zu agieren. Um kreativ und politisch neu anzufangen (Natalität), braucht das Gehirn Phasen der Muße und des Wartens. Erst in der Stille entsteht der Mut zum „Schnitt“ in die Zeit.
Zudem bewirkt die Klimakrise einen lähmenden Fatalismus. Angesichts globaler Krisen wie dem Klimawandel verfallen viele Menschen in eine Melancholie der Ohnmacht oder in Zynismus („Es ist eh zu spät“). Diese Haltung ist das exakte Gegenteil von Arendts Philosophie. Sie akzeptiert den Untergang als automatischen, unaufhaltsamen Prozess der linearen Zeit. Hermsen erinnert mit Arendt daran, dass geschichtliche Prozesse nie absolut deterministisch sind. Die Klimakrise verlangt nach einem kollektiven Kairos-Moment: Das „Messer“ muss angesetzt werden, um radikal mit alten Wirtschafts- und Lebensweisen zu brechen. Da jeder Mensch ein Neuanfang ist (Natalität), liegt in jeder Generation das Potenzial, das Ruder herumzureißen. Hermsen sieht Bewegungen wie Fridays for Future als Paradebeispiel für gelebte Natalität, die den erstarrten politischen Chronos-Takt durchbricht.
Folgen daraus sind die Krise der Demokratie und politische Trägheit. Moderne Demokratien verwalten oft nur noch den Status quo, anstatt Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Bürger fühlen sich oft von der Politik entfremdet.Wenn Politik nur noch als „alternativloses“ Verwalten verstanden wird, erstirbt das Moment der Freiheit. Hermsen fordert eine Rückkehr zu Arendts Kernidee des Politischen: Politik ist der Raum, in dem Menschen zusammenkommen, miteinander sprechen und gemeinsam handeln, um etwas Unvorhersehbares zu schaffen. Der Kairos-Moment in der Politik ist das Aufbegehren gegen die Trägheit. Wir müssen den Mut haben, neue Formen der Bürgerbeteiligung und des Zusammenlebens zu wagen.
Für Hermsen ist die Synthese aus Kairos und den Thesen Arendts ein Weckruf gegen die Passivität. Sie plädiert dafür, dass wir uns bewusst Zeiten der Entschleunigung erkämpfen müssen, auch im Sinne eines körperlichen und seelischen Wohlbefindens. Nur wer innehält, kann das Messer des Kairos ergreifen, um die Gegenwart zu unterbrechen und die eigene Gebürtlichkeit produktiv in die Welt einzubringen.



