Die im Original nicht nicht streng chronologisch erzählte Geschichte der Odyssee wird rückblickend geschildert. Die Phaiaken nehmen ihn bei sich auf, hören sich die Geschichte seiner Irrfahrten an und ermöglichen ihm schließlich die Heimkehr nach Ithaka. „Die Odyssee“ von Nolan sorgt für den nächsten Rekord an der Kinokasse: So unfassbar erfolgreich ist der Film nach nur zwei Wochen gerade darum, weil er wieder zeigt, wie sehr das Kino nach großen Fragen ruft. Die Odyssee – dieses alte Bild vom langen Heimweg – ist für viele Menschen immer auch eine Erinnerung an ein Gedankenspiel: noch nicht angekommen zu sein; unterwegs immer abzubiegen, um sich wieder neu zu erkennen.
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
Odysseus verliert auf seiner Fahrt nicht nur die Orientierung, sondern sinnbildlich auch den Heimathafen im eigenen Leben. Er begegnet Wesen, die ihn prüfen, Geschichten, die ihn verwirren, und Orten, an denen das Vertraute plötzlich fremd wird. Und doch geht es weiter. Nicht weil alles klar wäre, sondern weil Identität für Odysseus etwas ist, das man immer wieder herstellen muss: durch Entscheidungen, durch Erinnerung, durch das Erzählen dessen, was man erlebt hat.

Den berühmten Regisseur interessiert diese Identitätsfrage. Das zeigte sich schon in der hier im UniWehrsEL besprochenen Batman-Trilogie (Urban-legends und Verschwörungsmythen) von Christopher Nolan, bestehend aus „Batman Begins“, „The Dark Knight“ und „The Dark Knight Rises“ aufzugreifen.

In unserem Beitrag zu „Interstellar“ wird der ‚American Way of Life‘ durch die Themen Entschlossenheit, Innovation und Pioniergeist verkörpert. Der Film zeigt, wie die Protagonisten, insbesondere Cooper, den unerschütterlichen Glauben an die eigene Fähigkeit, Herausforderungen zu meistern, repräsentieren. Dieser Glaube ist ein zentraler Aspekt des ‚American Way of Life‘, der auf der Überzeugung basiert, dass durch harte Arbeit und Entschlossenheit jedes Ziel erreicht werden kann.
In unserem Beitrag zu Oppenheimer zeigt sich ein getriebener Mann; seine moralischen Bedenken kommen ihm erst bei seinem größten Erfolg, der Zündung der Atombombe. Oppenheimer vergleicht sich mit einem modernen Prometheus.

Wer bin ich, wenn meine Kopie existiert? Warum fasziniert und erschreckt uns das künstliche Ebenbild? Das sind Fragen, die das Seminar „Doppelgänger. Identität im Duplikat“ stellen will. Und genau da setzt ein anderer Nolan-Film an, der längst über zu einem Klassiker geworden ist: „Prestige – Die Meister der Magie“. Auf der Bühne des viktorianischen London, Ende des 19. Jahrhunderts, beginnen Robert Angier (Hugh Jackman) und Alfred Borden (Christian Bale) als Zauberkünstler, die sich zunächst respektieren, bis ein Unfall alles in einen Krieg der geheimen Magie verwandelt. Angiers Ehefrau Julia, die als Assistentin mit auf der Bühne steht, ertrinkt während eines spektakulären Tricks in einem Wassertank, nachdem sie einen Knoten, den Borden gebunden hat, nicht rechtzeitig hat lösen können.
Ab da wird jeder Trick zur Frage nach Wahrheit: Wer hat den Menschen wirklich gesehen – oder was ist nur eine Illusion? Was bleibt von einem Ich übrig, wenn es durch ein Kunststück ersetzbar scheint? Fragen, die man auch im besagten Seminar stellen kann.
Im Film gelingt Borden der große Durchbruch. Er arbeitet mit dem Ausstatter Bernard Fallon und tritt mit einer neuen Darbietung vor ein breites Publikum: Mit einem geheimnisvollen Trick scheint er sich von einem Ende der Bühne zum anderen zu „teleportieren“. Für Angier wirkt das zunächst wie die perfekte Antwort auf sein eigenes Verlangen – doch genau dieses Gefühl macht ihn gefährlich. Denn Bordens Trick ist nicht nur gelungen, er bleibt unenträtselbar. Er lässt sich nicht wie ein gewöhnlicher Zaubertrick erklären. Für Angier ist dies das Schlimmste: Wenn das Geheimnis nicht zu durchschauen ist, kann er es nicht mit seinem eigenen Können überbieten.
Hier zeigt sich „Identität im Duplikat“, denn Angier will nicht bloß denselben Effekt erzeugen. Er will den Zaubertrick als perfektes Duplikat anfertigen und besitzen. Deshalb entwickelt er mit dem Techniker Cutter eine eigene Version: „Der neue transportierte Mann“. Doch der Knackpunkt ist entscheidend: Angier verwendet einen Doppelgänger, um die Illusion der Teleportation zu erzeugen. Das Publikum feiert seine eine „verbesserte Kopie des Zaubertricks“. Für Angier bleibt seine Teleporation eine gelungene Nachbildung dessen, was Borden beherrscht. Er ist gezwungen, weiterzudenken weil er seinen Rivalen besiegen möchte. Borden besticht den Doppelgänger und führt den Magier Angier vor Publikum vor. Nun setzt Angier mit Spionage alles daran, dass Geheimnis herauszufinden. Dabei stößt er auf den Erfinder Nikola Tesla und seine Idee von Beherrschung von Technik.
Nolan macht diese Identitätskrise des Magiers Angiers nicht nur zur Stimmung, sondern zur Struktur des Films: Er springt vor und zurück, sodass man bald nicht mehr sauber unterscheiden kann, was wann passiert ist – und vor allem: warum es von Bedeutung sein soll. Das Doppelgängerhafte liegt dabei nicht allein im Motiv des Duplikats, sondern im Blick der Zuschauer, der selbst emotional vom Tod Julias berührt wird und das Geheimnis des Duplikats herausfinden will.

Und damit schließt sich der Kreis zu Odysseus. Homers Odysseus ist eigentlich kein Held, wie Hollywood ihn mag, sondern ein Gescheiterter: Während seiner Irrfahrt übers Meer verliert er erst seine ganze Crew an den Tod und wird am Ende selbst als Häufchen Elend in der Heimat Ithaka an den Strand gespült. Auch er glaubt eine Heimat zu „erreichen“, aber seine Identität ist unterwegs nie garantiert. Er muss sie immer wieder neu herstellen; durch Entscheidungen, durch Erinnern, durch das Behaupten dessen, was er war.
„Prestige“ erzählt in einer dunkleren Form dieselbe Reise: Zwei Männer sind auf der Suche nach der eigenen Identität. Von diesem Moment an wird jedes weitere „Prestige“ zu etwas Gefährlichem: Angier sucht nicht einfach den nächsten großen Trick. Er sucht eine Antwort, die den Tod rückgängig machen könnte, oder wenigstens eine Illusion, die ihn erträglich macht. Doch je mehr er dafür zu riskieren beginnt, desto mehr verschiebt sich seine Identität. In „Prestige“ ist die Rückkehr in die Heimat längst vergiftet. Sobald Julia stirbt, sobald das Duplikat als Möglichkeit in die Welt tritt, wird das Ziel nicht mehr Heimkehr, sondern Vergeltung. Angier will nicht mehr nur den Trick verstehen – er will Borden bestrafen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

