Das Feuerwerk der guten Laune, nicht nur an Silvester 2023, beschrieb uns der Kulturbotschafter des UniWehrsEL und dachte dabei an die „Die Piraten von Penzance“. Am 31.08.26 besuchte er die Vorstellung von Gilbert und Sullivan am Staatstheater Mainz erneut und beschreibt, wie seine Eindrücke dabei wiederum stark durch die Inszenierung K. D. Schmidts geprägt wurden. Bei seiner Beschreibung fokusiert er auf die Thematik der Identität und die gesellschaftliche Rollenzuschreibung eines Menschen.
Liebe Leserschaft des UniWehrsEL,
Die Inszenierung von K. D. Schmidt setzte die Handlung nicht in ein modernes Umfeld, sondern blieb dem ursprünglichen Piratenmilieu und den viktorianischen Rollenbildern weitgehend treu. Das erschien mir bei diesem Stück besonders passend, da seine Komik eng mit dem britischen historischen und gesellschaftlichen Kontext verbunden ist. Eine Aktualisierung oder Verlegung in eine andere Bühnenwelt hätte vermutlich viele der sprachlichen und inhaltlichen Pointen abgeschwächt.
Stattdessen bediente Schmidt, wie auch im Programmheft der Inszenierung deutlich wird, „sämtliche Klischees, die das Stück hergibt“. Die Kostüme von Lucia Vonrhein boten alles, was man mit klassischen Piraten verbindet: Gleichzeitig fiel mir auf, dass diese Klischees nicht einfach nur übernommen, sondern durch Übertreibung und Widersprüche einen besonderen Charme versprühen. Die Titelfigur Frederic blieb mir dabei im Gedächtnis: Er ist zwar als Pirat ausgebildet worden und gehört äußerlich zu dieser Gruppe, möchte aber innerlich kein Pirat sein. Dieses Spannungsverhältnis zwischen zugeschriebener Identität und persönlichem Selbstbild lässt sich für mich unmittelbar mit dem Seminarthema des Doppelgängers verbinden.

Während der Vorstellung entstand bei mir der Eindruck, dass viele Figuren nicht nur eine feste Identität verkörpern, sondern zugleich deren Kopie, Gegenbild oder bewusste Parodie sind. Von diesem Gedanken ausgehend, möchte ich im Folgenden untersuchen, wie das Stück mit den Identitäten der Piraten und der jungen Frauen umgeht, welche Rollenbilder von Männern und Frauen dabei sichtbar werden und warum gerade ihre Überzeichnung so überzeugend wirkt.
Moralisches Dilema
Die Titelfigur Frederic befindet sich in einem moralischen und identitären Dilemma. Er ist als Pirat ausgebildet worden und hat seine Rolle als Freibeuter gewissenhaft erfüllt. Gleichzeitig empfindet er das Piratenleben als moralisch falsch und möchte es beenden. Frederic will also weiterhin zu seiner Gruppe gehören, ohne deren Identität anzunehmen: Er möchte unter Piraten leben, aber kein Pirat sein. Seine soziale Zugehörigkeit und sein persönliches Selbstverständnis fallen auseinander.
Dabei wirkt Frederic zunächst wie ein „Duplikat“ seiner Umgebung der Piraten. Er trägt deren Kleidung, beherrscht deren Handwerk und kennt ihre Regeln. Von außen ist er eindeutig als Pirat erkennbar. Innerlich distanziert er sich jedoch von dem, was diese Rolle bedeutet. Seine Identität besteht deshalb aus zwei widersprüchlichen Ebenen: Er ist Pirat durch Erziehung und Vertrag, aber kein Pirat durch Überzeugung. Das zeigt, dass Identität im Stück nicht als etwas Festes erscheint, sondern als eine Rolle, die übernommen, gespielt und auch wieder abgelegt werden kann.
Besonders deutlich wird diese Verdoppelung in Frederics Pflichtgefühl. Er versteht sich als moralischer Mensch, der seine Verpflichtungen erfüllt. Genau dieses Pflichtgefühl führt aber zu einer absurden Situation:
Weil er am 29. Februar geboren wurde, soll er laut Vertrag nicht nach 21 Lebensjahren, sondern erst nach 21 Geburtstagen aus dem Piratenverhältnis entlassen werden. Seine moralische Tugend wird dadurch gegen ihn gewendet. Frederic handelt konsequent, aber die Logik, nach der er handelt, ist absurd und das macht den britischen Humor aus. Er ist also zugleich ein pflichtbewusster Held und eine tragisch-komische Figur, weil seine moralische Ernsthaftigkeit mit der konkreten Vertragsauslegung kollidiert.
Identitätskonflikt
Sein Identitätskonflikt wird durch die wiederholten Seitenwechsel sichtbar. Zunächst will Frederic die Piraten verlassen und ein ehrenwertes Leben führen. Als er erfährt, dass sein Vertrag noch gilt, kehrt er zu den Piraten zurück. Er wird dadurch nicht einfach zu einem neuen Menschen, sondern kopiert jeweils die Identität der Gruppe, der er gerade angehört. Erst ist er der „Piratenlehrling“, dann der moralische Gegner der Piraten, anschließend wieder ihr Verbündeter. Seine Identität entsteht aus wechselnden sozialen Rollen. Der Zuschauer erkennt dadurch, wie wenig stabil die Kategorien „Pirat“, „Polizist“ und „Held“ tatsächlich sind.
Piraten und Polizisten sind nicht so wie sie scheinen?
Auch die Piraten selbst funktionieren in dieser Storyline als Identitäten im Duplikat. Sie sehen aus wie gefährliche Seeräuber und geben sich als Gesetzlose, verhalten sich aber zugleich auffallend sentimental, höflich und etwas kindlich. Der Piratenkapitän behauptet, seine Mannschaft könne keiner Waise etwas antun. Dadurch wird das Bild des brutalen Piraten unterlaufen. Die Männer verkörpern das Klischee des Piraten, entsprechen ihm aber nicht. Sie sind eine Parodie auf bereits bekannte Bühnen- und Filmfiguren: Sie spielen Piraten, ohne wirklich überzeugte Piraten zu sein.
Ähnlich verhält es sich mit der Polizeitruppe. Eigentlich müsste sie für Ordnung, Mut und staatliche Autorität stehen. Stattdessen sind die Polizisten in der Praxis der Bühne ängstlich und handlungsunfähig. Sie besitzen zwar Uniformen und Waffen, aber keine mutige innere Haltung. Ihre äußere Identität als Vertreter des Gesetzes widerspricht ihrem Verhalten. Damit bilden sie das Gegenstück zu den Piraten: Die Piraten sehen gefährlich aus, sind aber harmlos. Die Polizisten sollen mutig und mächtig sein, treten aber feige auf. Beide Gruppen sind Kopien gesellschaftlicher Rollenbilder, die durch ihre eigene Übertreibung komisch werden.
Generalmajor-Töchter
Die Generalmajor-Töchter führen diese Problematik im Bereich der Geschlechterrollen weiter. Sie erscheinen zunächst als viktorianische junge Damen: wohl erzogen und Teil einer bürgerlich-adeligen Ordnung. Gleichzeitig sind sie aber keine individuell ausgearbeiteten Figuren, sondern bilden das idealisierte Rollenbild aus der viktorianischen Zeit ab. Ihre Identität liegt weniger in einzelnen Persönlichkeiten als in ihrer gemeinsamen Rolle als „Töchter des Generalmajors“. Sie sind gewissermaßen Duplikate voneinander: ähnliche Kleidung, ähnliche gesellschaftliche Funktion und eine gemeinsame Position innerhalb der patriarchalen Familienordnung.
Das Auftreten als Frauen ohne individuelle Eigenschaften macht das traditionelle Frauenbild lächerlich. Die Töchter werden vom Vater verwaltet, arrangiert und schließlich verheiratet. Der Generalmajor präsentiert sie in einer Gruppe und die Damen sind eine soziale Ressource. Die Frauen erscheinen damit zunächst als Objekte männlicher Ordnung: als Töchter, zukünftige Ehefrauen und Teil eines Heiratsplans, der von Männern entworfen worden ist. Gleichzeitig unterlaufen sie dieses Bild der „perfekten Ehefrau“ durch ihre Lebhaftigkeit, ihre Gesprächigkeit und ihre Präsenz auf der Bühne. Sie sind nicht bloß stille viktorianische Idealbilder, sondern bilden ein selbstbewusstes, vielstimmiges Ensemble.
Mabel als Fredriks Pedant?
Mabel hebt sich aus dieser Gruppe hervor. Sie übernimmt zwar das Rollenbild der romantischen, empfindsamen Operettenheldin, ist aber zugleich ungewöhnlich aktiv und couragiert. Sie wartet nicht passiv darauf, dass Frederic sie rettet, sondern tritt ihm selbstbewusst gegenüber. Ihre Liebe ist nicht nur Staffage, sondern ein weiterer Prüfstein für Frederics Identität. Sie liebt ihn nicht einfach als Piraten oder als ehrenwerten Mann, sondern als jemanden, der zwischen diesen Rollen steht. Mabel erkennt gewissermaßen den Menschen hinter der gesellschaftlichen Maske.
Auch bei ihr entsteht eine Doppelung: Einerseits ist sie die ideale Tochter aus einer viktorianischen Familie, andererseits besitzt sie eine Eigenständigkeit, die dieses Frauenbild sprengt. Sie bewegt sich zwischen dem Klischee der unschuldigen Jungfrau und dem Idealbild einer modernen Frau. Ihre Rolle wird dadurch nicht vollständig realistisch dargestellt, aber sie wird innerhalb der Operettenwelt zur Gegenfigur der rein passiven Frau.
Die Klischees werden vor allem deshalb lustig, weil sie überdeutlich dargestellt werden. Ein einzelnes Piratenkostüm wäre noch nicht komisch; komisch wird es, wenn die Figur darin völlig entgegen der Erwartungshaltung des Zuschauers handelt. Eine große Gruppe viktorianischer Töchter wäre zunächst nur ein gesellschaftliches Bild; komisch wird sie, wenn ihre kollektive Darstellung das Ideal der geordneten Familie ins Absurde treiben.
Die Inszenierung verstärkt diesen Effekt durch Kostüme, Requisiten und übertriebene Bühnenbilder. Augenklappen, Dreispitze, Säbel, Totenkopfzeichen und das Piratenschiff erzeugen eine eindeutige Oberfläche. Die Figuren werden sofort als Typen erkennbar. Gleichzeitig erlaubt diese Überdeutlichkeit, die Typen zu parodieren. Das Piratenschiff, das durch die Wand einer Strandbar bricht, ist dafür ein passendes Bild: Die Piratenwelt dringt in den Alltag ein, aber nicht realistisch, sondern als sichtbare Theaterkonvention. Die Inszenierung zeigt somit nicht nur Piraten, sondern auch, wie „Piraten“ auf der Bühne hergestellt werden.
Im Zusammenhang mit dem Seminarthema lässt sich sagen, dass The Pirates of Penzance Identität als etwas Dupliziertes und Wiederholbares darstellt. Die Figuren sind Kopien gesellschaftlicher Muster: der Pirat, der Polizist, der Generalmajor, die Tochter, die Jungfrauen. Jede Rolle enthält eine Abweichung vom Orignal. Der Pirat ist zu höflich, der Polizist zu ängstlich, der Generalmajor strategisch zu überfordert mit den Piraten. Frederic wiederum ist die deutlichste Verdopplung der eigenen Identität: Er ist gleichzeitig Pirat und Nicht-Pirat, Pflichtmensch und komische Figur, Liebhaber und Vertragsgefangener.
Das Happy End löst diesen Konflikt nicht wirklich psychologisch auf. Die Piraten werden in die britische Gesellschaft eingegliedert, weil sich herausstellt, dass sie adeliger Herkunft sind. Ihre Identität verändert sich also nicht durch eine innere Entwicklung, sondern durch eine neue gesellschaftliche Zuschreibung. Der Unterschied zwischen Pirat und Gentleman erweist sich damit als Frage der sozialen Etikettierung. Die vermeintlich anarchischen Außenseiter werden nicht besiegt, sondern domestiziert und in die bestehende Ordnung aufgenommen.
Frederic ist die zentrale Figur für das Verständnis des Stücks. Er möchte unter Piraten leben, ohne Pirat zu sein, und muss erkennen, dass seine Identität weder allein durch seine Herkunft noch durch seine Ausbildung oder seine moralischen Überzeugungen bestimmt wird. Sie entsteht aus dem Widerspruch zwischen diesen verschiedenen Ebenen. Die Komik macht diesen Widerspruch sichtbar, ohne ihn vollständig aufzulösen. Die Piraten von Penzance zeigt somit, dass Menschen oft nicht einfach eine Identität besitzen, sondern zwischen verschiedenen Rollen, Erwartungen und Selbstbildern hin- und herwechseln.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL



