Im Stadtteil Kempen entdeckt Antje, die Schilder der Ellenstraße. Da dachte sie natürlich sofort an die Ellen im UniWehrsEl und ihren Beitrag zu Lebenskrisebewältigung auf dem Frankfurter Lohrberg. Da ‚Kairos‘ doch auch der Mut zu Entscheidungen im günstigen Moment bedeutet, könnte Ellen doch ihr chronologisches tägliches Einerlei verlassen, ihr Leben umkrempeln und an einen Umzug denken. Zum Beispiel einen Wechsel andenken, in eine schöne Wohnung in der Ellenstraße ziehen, in Nachbarschaft der Kinder-und Jugendhilfe und so ihr pädagogisches Lebenswissen in freien Zeiten zur Verfügung stellen. Antje schreibt Ellen und gibt ihr zudem Insidertipps über Bücher, die sie empfehlen kann und die von Entscheidungen und Veränderungen handeln.
Ellen, die ältere erfahrene Lehrerin liebt es, wenn Menschen ihr schreiben, Erfahrungen teilen und sie auf spannende Unternehmungen aufmerksam machen. Erst vor kurzem hat Ellen ein Bild von Antje geschenkt bekommen.

Betitelt mit „Die Doppelgängerin“ zeigt es eine über vier Meter hohe Monumentalskulptur aus zwei ineinander verschränkten Scheren. Sie recherchiert, es stamme von der berühmten Medien- und Performancekünstlerin VALIE EXPORT. Zu sehen ist es am Binger Kulturufer im Rahmen der Skulpturen-Triennale. Darüber liest sie, das Kunstwerk verbinde traditionell weibliche Rollenbilder mit feministischer Kritik und filmischer Ästhetik.
Nun hat Antjes kleines Brieflein sie dazu angeregt, eine kurze psychologische Erzählung für die UniWehrsEL Lesern zu verfassen. Es geht ihr darum, ihre tiefsinnigen Gedanken über Kairos (den gelenkten, günstigen Augenblick) und Chronos (die unerbittlich verstreichende, strukturierte Zeit) mit den literarischen Motiven der Buchtipps von Antje zu verknüpfen.

Ellen setzt sich an ihren Schreibtisch und beginnt: Der Ruf der Ellenstraße
Der Takt ihres Lebens war Chronos. Kurz vor den Sommerferien, verliefen die Tage von Ellen wie die präzisen Zahnräder einer alten Standuhr. Aufstehen um sieben, Tee um viertel nach, danach mit dem Fahrrad zur Schule. Ellen fühlte sich oft wie eine Gefangene dieses starren Zeitrahmens. Es war sicher, aber es war steril. Sie lebte in einer inneren Schleife, unfähig, den Raum für echte Veränderung zu betreten.
Alles änderte sich an dem Nachmittag, als ihre langjährige Kollegin Antje sie in ihrem Haus besuchte. Antje war aufgekratzt. Sie war durch den historischen Stadtteil Kempen spaziert und hatte dort die Ellenstraße entdeckt.

„Ellen, du musst dorthin ziehen!“, rief Antje aus und legte zwei neu erschienene Bücher auf den Couchtisch. „Das ist dein Kairos – dein perfekter Moment für einen Aufbruch. Du recherchierst doch gerade über diese Themen, etwa wie sich Chronos, Kairos und Aion mit der Philosophie des Wabi Sabi verbinden und im Alltag leben lässt .“
Ellen blickte auf die Cover. Da lag 1999 Meter über dem Meer von Caroline Wahl und daneben Alleinruhelage von Eva Menasse. Beide Romane spiegelten Ellens innere Zerrissenheit. Das eine Buch erzählte vom Ausbrechen, vom Verlassen der Komfortzone und dem mutigen Aufstieg in dünne, aber freie Luftschichten. Das andere beschrieb die psychologische Dynamik der Isolation – jene „Alleinruhelage“, die zwar Schutz vor der Welt bot, aber auch das emotionale Erstarren bedeutete. Ellen begriff sofort: Sie befand sich genau in dieser Alleinruhelage. Ihr Alltag war ein psychologischer Schutzwall gegen das Unbekannte.
Antje erzählte weiter, dass in genau dieser Ellenstraße, in direkter Nachbarschaft zur Kinder- und Jugendhilfe, eine wunderschöne Wohnung frei geworden sei.
Als Antje gegangen war, begann Ellen zu lesen. Sie kam schnell zu dem Urteil, die Bücher seien die literarischen Spiegel ihrer Seele. Denn die beiden Bücher auf Ellens Tisch waren keine bloßen Zeitvertreibe. Sie wirkten wie psychologische Fallstudien ihrer eigenen Existenz. In den schlaflosen Nächten vor ihrer Entscheidung blätterte Ellen abwechselnd in beiden Werken und fand darin die extremen Pole ihrer eigenen inneren Zerrissenheit.
Sie las und spürte den Sog der „Alleinruhelage“, die Eva Menasse beschreibt. Sie faszinierte in Eva Menasses Roman Alleinruhelage vor allem die namenlose Ich-Erzählerin. Diese Frau steht nach dem Ende ihrer Ehe allein mit einem alten Wochenendhaus in Vorpommern da. Ein Haus, das zum stummen Zeugen von zwanzig Jahren familiärem Chaos, glücklichen Momenten und dem schleichenden Verfall einer Liebe geworden ist. Die Protagonistin führt im Buch fast schon Zwiegespräche mit den Mauern, um die Bruchstücke ihrer eigenen Biografie zusammenzuhalten. Sie hörte sich dazu auch Besprechungen an, wie die vom SRF «Haus, ich verkaufe dich» .
Sie sann über die Parallelen zu sich selbst nach und begriff, dass sie sich in genau einer solchen „stabilen Alleinruhelage“ eingerichtet hatte. Ihr geordnetes Haus im gewohnten Takt von Chronos war wie das Wochenendhaus bei Menasse: ein Schutzraum voller Erinnerungen an ihre langen aktiven Jahre als Lehrerin, aber gleichzeitig ein emotionales Gefängnis. Menasses Heldin muss sich am Ende mühsam dazu durchringen, das Haus zu verkaufen, um sich aus dieser Erstarrung zu befreien und einen Neuanfang zu wagen. Ellen spürte: Wenn sie jetzt nicht handelt, wird ihre eigene Alleinruhelage sie endgültig isolieren.
Ellen dachte über den Ausbruch auf „1999 Meter über dem Meer“ in Caroline Wahls Buch nach. Als krasser Gegenpol wirkte Caroline Wahls 1999 Meter über dem Meer auf sie. Die dortige Hauptfigur Samara bricht radikal aus. Angewidert von der faden Trostlosigkeit ihres Berliner Agenturlebens und einem misslungenen Selbstfindungstrip auf Bali, färbt sie sich die Haare knallorange, nimmt an jedem Ort einen neuen Namen an und inszeniert sich im luxuriösen St. Moritz als erfolgreiche Künstlerin. Samara sucht die absolute, grenzenlose Freiheit auf fast zweitausend Höhenmetern.
Und wieder entdeckte sie Parallele zu ihrem Leben. Samara verkörperte für Ellen den puren, fast schon rücksichtslosen Kairos – den plötzlichen Sprung ins Unbekannte.
Ellen hörte dazu Deutschlandfunk Kultur „Hochstapelei als Geschäftsmodell„. Natürlich würde Ellen mit ihren über sechzig Jahren nicht die Haare orange färben oder eine Identität als Hochstaplerin in den Schweizer Alpen annehmen. Schließlich wollte sie nicht wie Frank Abagnale Jr. aus Catch Me If You Can werden. Aber Samaras unbändiger Drang, das Alte einfach hinter sich zu lassen und „richtig nach oben“ zu streben, steckte Ellen an. Gleichzeitig las Ellen bei Wahl auch die Warnung: Reine, bindungslose Freiheit macht einsam; Samara merkt in St. Moritz schnell, dass ihr trotz des schönen Scheins etwas Wesentliches fehlt.
Ellen schloss die Bücher. In diesem Moment kreuzten sich die Wege der beiden Zeitgötter in Ellens Psyche. Chronos flüsterte ihr Angst ein: „Du bist zu alt für einen Umzug. Bleib im gewohnten Rhythmus. Warum das Risiko suchen?“ Es war die Stimme der psychologischen Trägheit. Kairos hingegen pulsierte wie ein plötzlicher Herzschlag: „Jetzt oder nie. Hier kannst du dein pädagogisches Lebenswissen an Kinder weitergeben, die Struktur brauchen. Deine Erfahrung ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern ein Geschenk für die Zukunft.“
Ellen spürte den psychologischen Konflikt tief in sich. Ein Umzug bedeutete, die Komfortzone der Alleinruhelage aufzugeben. Doch die Symbolik der Ellenstraße war zu stark. Es war, als hätte der Ort auf sie gewartet. Kairos forderte von ihr den Mut zur Entscheidung im günstigen Moment.
Drei Monate später saß Ellen – probeweise – am Fenster ihrer neuen Wohnung in der Ellenstraße. Durch die geöffneten Scheiben hörte sie das Lachen der Kinder aus der benachbarten Jugendeinrichtung. Morgen würde sie dort zum ersten Mal in ihren freien Zeiten aushelfen – nicht, weil sie musste, sondern weil sie es gewählt hatte. Sie hatte den starren Chronos-Takt durchbrochen und dem flüchtigen, kostbaren Kairos die Tür geöffnet. Sie war nicht mehr isoliert; sie war für einen Moment angekommen.

Aber Ellen wäre nicht Ellen, wenn sie sich nicht ein winziges Hintertürchen gelassen hätte …


