Die Kritiken zu „Catch me if you can“ am Staatstheater Darmstadt (2019) klangen begeistert: „ … bei „Catch me if you can“ stimmt alles: Tempo, Witz und Charakterzeichnung. Obwohl das Buch von Terrence McNally einige Längen aufweist, schafft es Mehmert, das Tempo und vor allem den Spannungsbogen zu halten. Obwohl man bereits weiß, wie die Story endet, fiebert man trotzdem mit und entdeckt viele sympathische Seiten an dem Gauner Abagnale. Außerdem schafft es Gil Mehmert, die Fernsehwelt der 1960er Jahre aufleben zu lassen. So passt die Inszenierung letztlich auch hervorragend zu der Musik von Marc Shaiman („Hairspray“), der einen Score komponiert hat, der typisch swingend-jazzigen Big-Band-Sound transportiert.“ (Kulturfeder 2019). Da es so hervorragend zum Seminar „Doppelgänger passt, hat es ein UniWehrsEL Leser für uns nochmals besprochen.“
Sehr geehrte Leserschaft,

ich kehre noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen zu dem Musical „Catch me if you can“ in 2019 am Staatstheater Darmstadt zurück: dieses Tempo, die scheinbar mühelose Eleganz des Hochstaplers, und gleichzeitig das leise Unbehagen, das einen nicht loslässt, sobald die glänzende Maske zu nah am echten Gesicht gerät. Auf der Bühne wird aus Betrug eine Geschichte über Verlangen – und genau da, denke ich, schließt sich der Kreis zu unserem Seminar „Doppelgänger: Identität im Dublikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt.“
Welche Rollen kann ein Betrüger spielen und damit durchkommen?
Ausgangspunkt ist das Zusammentreffen von FBI Agenten Carl Hanratty und dem Mann, den er lange sucht: Frank Abagnale Jr. Am Flughafen von Miami scheint der Fall endlich zu enden. Doch Frank ist nicht nur Täter, er ist auch Erzähler seiner eigenen Geschichte. Im Verhör gelingt es ihm, die Perspektive für den Theaterbesucher zu verschieben: Er bittet Hanratty, ihm nicht nur die Zeit bis hierher vorzuhalten, sondern die letzten Jahre als eine Art „Rückblick“ Revue passieren zu lassen. So wird die Handlung rückwärts und gleichzeitig wie eine inszenierte Lebens- bzw. Betrugsgeschichte erzählt. Ganz am Anfang sieht der Zuschauer Frank als Junge, dem sein Vater am Weihnachtsabend ein Scheckbuch schenkt. Der Vater macht ihn damit vertraut mit der Welt des „Geschäftlichen“ – mit Status, Erfolgslogik, Zahlen und Fakten. Doch diese Zukunftsidee des Vaters bricht schnell: Der Vater gerät in finanzielle Not wegen Steuerhinterziehung. Frank muss sich nach dem Absturz des Vaters in eine neue Lebenswelt hineinfinden: weg von dem, was die Familie nach außen vorgibt, hin zu einem Leben mit wenig Sicherheit, mehr Druck und weniger Schutz.
Als Frank wegen der veränderten Umstände die Schule wechseln muss, begreift er früh, wie leicht man Autorität spielen kann – besonders, wenn andere sie erwarten. Er gibt sich als Französischvertretungslehrer aus und bewegt sich dabei bereits wie ein Mensch mit „fachlicher“ Rolle. Später kommt es zur Trennung der Eltern, und Frank möchte sich nicht zwischen beiden entscheiden. Er trifft stattdessen eine eigene Entscheidung: Er verlässt das Zuhause früh und flüchtet mit 16 Jahren nach New York. Dort beginnt sein Weg, Geld zu schaffen, indem er Systeme vermeintlich austrickst. Er fängt an, Schecks zu fälschen, lernt die Abläufe für den Betrug, standardisiert sein Vorgehen und nutzt dabei auch die „handwerkliche“ Fähigkeiten wie Werkzeuge, Material für den Betrug einzusetzen. Das FBI wird aufmerksam, weil die Masche zu häufig auftaucht.
Frank entdeckt, dass seine größte Stärke nicht die Taten an sich sind, sondern seine Fähigkeit, sich in eine Rolle zu schlüpfen, sodass andere Menschen diese Rolle für echt halten. Als er Stewardessen beobachtet, die sich auf das Auftreten eines Piloten vorbereiten, handelt er blitzschnell: Er schlüpft selbst in die Identität eines Piloten. Er besorgt sich Informationen, organisiert Details, lässt Uniform und Ausweise anfertigen – und fliegt in seinem Leben fortan scheinbar wie ein Profi, auch wenn er selbst nie wirklich fliegen muss. Später wechselt er seinen Betrugskreis auf die ärztliche Welt: In Atlanta gelingt es ihm, sich als Kinderarzt bzw. Oberarzt auszugeben, mithilfe gefälschter Dokumente, aber auch dank seines sicheren Auftretens. Hier arbeitet er mit der Krankenschwester Brenda Strong zusammen. Mit ihr gründet er eine Familie.

Carl Hanratty verfolgt Frank unermüdlich. Man erlebt dabei, wie knapp Identitätsjagd sein kann: Hanratty verpasst Frank wiederholt, weil Frank nicht nur schneller ist, sondern weil er Situationen so gestaltet, dass die Jagd ins Leere läuft. Mehrmals steht Frank unmittelbar vor der Entlarvung – und entkommt dann doch. Doch jede Jagdt muss einmal enden und so wird Frank am Ende doch gefasst.
In Frank Abagnale Jr. begegnet uns kein Mensch, der einfach nur „lügt“, sondern jemand, der Identität wie eine Rolle behandelt: Er trägt Uniformen, er beherrscht Gesten, er imitiert Sprache – und mit jeder neuen Maske wird das Bild, das andere von ihm haben, stärker als das, was er tatsächlich ist. Das Musical erzählt damit eine doppelte Bewegung: Frank flieht aus seiner eigenen Biografie, zugleich erschafft er aus Erwartungen anderer eine neue, verführerisch konsistente Existenz. Sein Leben ist eine Serie von Duplikaten – nicht nur Dokumente, nicht nur Namen, sondern ein ganzer „Selbst“-Entwurf, den er in Umlauf bringt.
Genau hier denke ich an das Seminar: Der Doppelgänger ist nicht bloß eine Kopie. Er ist ein Erkenntnisinstrument. Die literarische Romantik hat die Idee stark gemacht, dass Identität zwischen Selbstbild und Fremdbild zittert. Im Hochstapler entfaltet sich dieses Prinzip drastisch: Frank wird zum Spiegel, in dem andere etwas sehen wollen – etwa das „kompetente medizinische“ oder das „seriöse juristische“ Selbst. In dem Moment, in dem das Gegenüber glaubt, wird der Doppelgänger real. Die falsche Identität wird nicht widerlegt, solange sie funktioniert.
Besonders eindrücklich fand ich die Figur des Agenten Carl Hanratty. Auch er ist nicht nur Jäger, sondern Gegenbild: seine Suche nach dem Original macht deutlich, wie sehr sich Identität im Duplikat spiegelt. Hanratty verfolgt nicht ausschließlich einen Täter, sondern eine Form von Unfassbarkeit – etwas, das sich seiner Kriminallogik entzieht, weil es nicht im Kopf des Ermittlers verankert ist, sondern im Netz aus Belegen, Zeichen und Auftritten zusammengesucht werden muss. Frank ist ein Puzzle für den Agenten. Dass am Ende ein anderer Agent den „Durchbruch“ verkörpert, wirkt wie eine brutale Pointe: Selbst die Ermittlungslogik bleibt abhängig von Glauben, Interpretation und Perspektive. Der Doppelgänger ist damit nicht nur Frank – er betrifft auch die Logik der Ermittlung.
Das Musical schärft zudem den Unterschied zwischen „Kopie“ und „Erfahrung“. Frank schafft Duplikate, aber die emotionalen Folgen sind echt: Er beginnt, sich zu verlieren – nicht unbedingt im Sinne einer psychotischen Zersplitterung, sondern im Sinne einer wachsenden Kluft zwischen dem, was er spielt, und dem, was er sein möchte. Die Liebesgeschichte mit Brenda macht das schmerzhaft sichtbar: Sie glaubt, weil Frank so charmant lügt, dass sie hofft es müsste stimmen.
Hochstapelei was fasziniert den Zuschauer daran?
Und gerade als Ehrlichkeit ansteht, wird der Abgrund sichtbar: Hochstapelei zerstört Vertrauen, betreibt Täuschung und entlarvt die Selbstgewissheit der Betrogenen. Man spürt den Aufruhr, das Gefühl von Beschämung, sogar den Schock darüber, wie leicht man sich hat täuschen lassen. Und doch bleibt da die andere Seite, die im Publikum kaum offen zugegeben wird: bei Unbeteiligten regt sich Schadenfreude und eine Art Voyeurismus. Man beobachtet, man staunt, man genießt das aufsehenerregende Geschehen – und denkt dabei nicht nur an die moralische Schuld des Betrügers, sondern auch an das Staunen über den Erfindungsreichtum des Scharlatans. Hochstapler erzählen vom Aufstieg und Sturz, und vor allem von den Träumen der Beteiligten: Von dem Wunsch nach Reichtum und Macht, nach Ruhm und Aufmerksamkeit, nach Abenteuer, nach Einzigartigkeit – und sogar nach Heilung. Im Grunde geht es nicht nur um Betrug, sondern um die Sehnsucht, die im Hintergrund steht. Die Hochstapelei berührt etwas zutiefst Menschliches: ein ungestilltes Bedürfnis nach einem „besseren Selbst“.
Damit berührt das Musical auch eine zweite Schicht unseres Seminar-Themas: die digitale Spiegelwelt. Nicht, weil Frank „online“ agiert, sondern weil seine Methode strukturell ähnlich ist: Identität entsteht dort wie hier über Wiedererkennbarkeit und scheinbare Authentizität: Ein Ausweis, ein Diplom, ein Auftreten – heute vielleicht ein Profilbild, ein KI-generiertes Foto, das andere Menschen anspricht;

damals die Uniform einer Autoritätsperson wie ein Pilot. Beides sind Techniken die den Betrug plausibel erscheinen lassen. Und beides zeigt: Wenn genug Menschen eine Geschichte „im richtigen Moment“ glauben, kann die Kopie selbst zur vermeintlichen Wirklichkeit werden.
Wir besprachen im Beitrag „Der journalistische Hochstapler, oder: Der Fall Relotius“ und der Film „Tausend Zeilen“ einen anderen Hochstapler und seine Darstellung in den Medien.

Die Figur Relotius hätte das Potenzial gehabt, als ein moderner Trickbetrüger im Stil von Frank Abagnale Jr. aus Catch Me If You Can dargestellt zu werden – jemand, der mit Charme, Fiktion und Täuschung die Realität manipuliert. Doch während Abagnales Geschichte die faszinierende Dualität von Täuschung und Wahrheit meisterhaft einfängt, fehlt Tausend Zeilen diese Nuance vollständig. Abagnale war der meistgesuchte Hochstapler und Scheckbetrüger der 60er-Jahre, und Hollywood machte seinen Witz und Charme zur Legende: Frank Abagnale gab sich als Arzt aus, als Pilot und ergaunerte 2,5 Mio. Dollar. Relotius war kein charmanter Hochstapler, sondern ein manipulativer Charakter, der gezielt Vertrauen ausnutzte, um sich selbst zu profilieren.
Am Ende bleibt ein ambivalentes Staunen: Die Hochstapelei ist moralisch klar zu verurteilen – und doch zieht sie Betrachter, Mitspielende und Betroffene in ihren Bann. Gerade deshalb ist „Catch me if you can“ für mich kein bloßes Gangster-Opfer-Musical, sondern eine Inszenierung der Frage, wie fragil Identität ist: als selbstgewähltes Bild, das andere bestätigen – und das deshalb jederzeit verändert werden kann.
Mit freundlichen Grüßen
Simon Syntax

