Nahid Ensafpours Rezension zu Völkers Buch “Nestor und die göttlichen Zwillinge“ hat nicht nur dazu angeregt über grenzüberschreitende Erfahrungen zwischen Menschlichkeit und Gottheit nachzudenken, sondern auch über die Anbindung der „göttlichen Zwillinge“ zu unserem Seminar „Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“ im kommenden Wintersemester 2026/27.
Liebe Leserschaft des UniWehrsEL,
Meine Ausgangsfragen nach dem Lesen der Rezension von Nahid Ensafpor waren: wer sind denn eigentlich diese ‚göttlichen Zwillinge‘? Kann man diese mythologischen Figuren auf die Thematik der Doppelgänger: Identität im Duplikat anwenden?
Nachlesen konnte ich dann: in der klassischen griechischen Mythologie bezeichnet der Begriff der „göttlichen Zwillinge“ fast immer die Dioskuren – Kastor und Polydeukes/Pollux. Alternativ werden in manchen Kontexten auch Apollon und Artemis so genannt.
In dem Werk von Peter Völker, soviel habe ich verstanden, wird der Begriff eher auf eine metaphorische und philosophische Weise genutzt: Die Zwillinge stehen hier für das Spiegelverhältnis zwischen Mensch und Gottheit. Der Mensch erschafft sich seine Götter nach seinen eigenen Sehnsüchten und Erfahrungen – Gott und Mensch werden in der geteilten Weisheit zu einer Art dualer Einheit.

Die Idee, dieses Prinzip auf Doppelgänger oder eine „Identität im Duplikat“ anzuwenden, finde ich faszinierend. Man kann das Konzept der göttlichen Zwillinge psychologisch und literarisch hervorragend darauf übertragen:
- Die göttliche vs. die sterbliche Hälfte (Der klassische Doppelgänger)
In der Mythologie der Dioskuren war Kastor sterblich und Polydeukes (Pollux) unsterblich. Als Kastor starb, teilte Polydeukes seine Unsterblichkeit mit ihm. Wieder vereint gehören die Zwillinge zu den prägenden Himmelsfiguren langer Winternächte. Auf das Doppelgänger-Motiv angewendet, repräsentieren solche Zwillinge die zwei Seiten eines einzigen Ichs. Der Doppelgänger ist hier das „Duplikat“, das die Eigenschaften besitzt, die dem Original fehlen (z. B. das rationale Ich vs. das emotionale/göttliche Ich).
2. Das Prinzip der Co-Existenz (Identität im Duplikat)
Wenn man von einer „Identität im Duplikat“ spricht, stellt sich in der Literatur oft die Frage nach Rivalität oder Symmetrie. Bei den göttlichen Zwillingen gibt es keine Konkurrenz, sondern Ergänzung. Sie funktionieren nur zusammen und spiegeln sich gegenseitig. Wende ich das auf ein Doppelgänger-Szenario an, entsteht eine harmonische oder schicksalhaft verbundene Form des Duplikats (wie Licht und Schatten), statt des typischen unheimlichen „bösen Zwillings“ der Schauerliteratur.
3. Der Mensch als Spiegel seines Gottes (Völkers Ansatz)
Da Peter Völker zeigt, dass der Gott das Spiegelbild des menschlichen Geistes ist, lässt sich das exakt auf moderne Identitätstheorien anwenden: Das Duplikat (der Doppelgänger) existiert, weil das Subjekt eine Projektion seiner selbst braucht, um sich selbst überhaupt zu verstehen. Der Doppelgänger ist somit kein Fremder, sondern die externalisierte eigene Identität.
Ich möchte dies gerne am Beispiel eines inneren Konflikts beleuchten. Ein exzellentes Beispiel für einen inneren Konflikt auf Basis der „göttlichen Zwillinge“ (wie das Prinzip von Kastor und Polydeukes) ist der Konflikt zwischen dem Vergänglichen (menschlichen) und dem Ewigen (idealen) Selbst.
Wenn man das Konzept der Identität im Duplikat nutzt, bricht der Konflikt nicht mit einer fremden Person aus, sondern mit einer Projektion des eigenen Ichs. Hier ist ein konkretes Szenario für einen solchen inneren Konflikt:
Das Szenario: Der Kompromiss mit dem perfekten Duplikat
Stellen wir uns eine Figur vor – nennen wir sie Julian –, die vor einer lebensverändernden Entscheidung steht (z. B. eine sichere, aber seelenlose Karriere fortzuführen oder alles für eine unsichere Leidenschaft zu riskieren). In Momenten extremen Drucks spaltet sich Julians Psyche. Er beginnt, eine visuelle Projektion seiner selbst zu sehen: Seinen „göttlichen“ Zwilling.
Dieses Duplikat verkörpert alles, was Julian sein könnte – es ist furchtlos, brillant, fehlerfrei und kompromisslos (die unsterbliche/göttliche Hälfte). Julian selbst fühlt sich dagegen schwach, zweifelnd und feige (die sterbliche Hälfte).
Die Dynamik des inneren Konflikts
Zunächst kommen wir auf den Kern des Konflikts: Das Duplikat verlangt von Julian, seine menschlichen Schwächen (Angst, Empathie, Zweifel) abzulegen, um „groß“ zu werden. Julian will diese Perfektion, merkt aber, dass er seine eigentliche Menschlichkeit verliert, wenn er dem Duplikat blind gehorcht.
Es kommt zur psychologischen Zerreißprobe zwischen Sehnsucht und Angst. Die Sehnsucht: Julian sehnt sich danach, so makellos wie sein Duplikat zu sein. Die Angst: Er hat Angst, dass er ohne diese Projektion nichts wert ist, fürchtet aber gleichzeitig, von seinem eigenen perfekten Duplikat komplett ausgelöscht und ersetzt zu werden.
Die Lösung (nach dem mythologischen Vorbild): Der Konflikt löst sich nicht durch die Zerstörung des Doppelgängers. Stattdessen erkennt Julian – genau wie in der Geschichte von Nestor und Apollon –, dass das „göttliche“ Duplikat nur existiert, weil er es mit seiner menschlichen Vorstellungskraft erschaffen hat. Er akzeptiert beide Teile: Die Sehnsucht nach Perfektion und die Realität der eigenen Unvollkommenheit.
Dazu ein kurzes literarisches Anschauungsbeispiel

Julian starrte in den Spiegel, doch sein Spiegelbild bewegte sich nicht synchron. Es lächelte kühl. „Du wirst morgen absagen“, sagte das Duplikat im Glas. „Weil du Angst hast zu versagen. Lass mich das Treffen übernehmen. Ich zögere nicht.“
Julian ballte die Fäuste. Das Duplikat hatte recht, es war perfekt. Es kannte keinen Zweifel. Aber wenn er der Stimme im Spiegel immer das Feld überließ – was blieb dann noch von ihm selbst übrig? Er müsste sich selbst auslöschen, um unfehlbar zu sein.

Dieses psychologische Drama – das Aufeinandertreffen mit einem makellosen oder unheimlich symmetrischen Duplikat – ist eines der kraftvollsten Leitmotive der Kulturgeschichte. Hier sind die prägnantesten Beispiele aus Literatur und Film sowie die tiefenpsychologische Entschlüsselung dieses Konflikts
1. Der Film: Enemy (Regie: Denis Villeneuve, 2013)
Die Geschichte basiert auf dem Roman „Der Doppelgänger“ von José Saramago. Ein lethargischer, depressiver Geschichtslehrer (gespielt von Jake Gyllenhaal) entdeckt in einem Film einen drittklassigen Schauspieler, der ihm aufs Haar gleicht. Daraus erwächst ein Drama.
Als sie aufeinandertreffen, bricht ein existentieller Kampf aus. Der Schauspieler ist selbstbewusst, sexuell dominant und kompromisslos – er verkörpert die Triebe und Wünsche, die der Lehrer in sich unterdrückt. Es beginnt ein schleichender Austausch ihrer Identitäten.
2. Das Märchen: Der Schatten (Hans Christian Andersen, 1847; DLF 2004)

Die Geschichte dreht sich um einen gelehrten, idealistischer Mann. Der schickt seinen eigenen Schatten los, um die „Poesie“ im Haus gegenüber zu ergründen. Der Schatten trennt sich von ihm, wird eigenständig, reich und mächtig. Das Drama daraus: Jahre später kehrt der Schatten als perfekter, hoch angesehener Mann zurück, während der Gelehrte verarmt ist. Am Ende kehrt sich das Machtverhältnis um: Der Schatten zwingt den Gelehrten, sein Schatten zu werden. Da der Gelehrte sich weigert, lässt der Schatten ihn hinrichten.
3. Das moderne Sachbuch als Parabel: Doppelgänger (Naomi Klein, 2023)
Diese Geschichte ist kein Roman, sondern eine reale Analyse. Die linke Intellektuelle Naomi Klein wird im Internet ständig mit der einstigen Feministin und heutigen Verschwörungstheoretikerin Naomi Wolf verwechselt. Das Drama zeigt sich, denn Klein nutzt diese „Identität im Duplikat“, um zu zeigen, wie unsere digitale Welt (und KI) ständig verzerrte, vermeintlich „perfekte“ oder radikalisierte Versionen von uns selbst erschafft, die unser echtes Ich bedrohen.

Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein spitzt diese Beobachtung in ihrem Werk „Doppelganger. A Trip into the Mirror World“ politisch und gesellschaftlich zu. Klein beschreibt eine „Spiegelwelt“ (Mirror World), in der Algorithmen und soziale Medien die Realität systematisch verzerren. Menschen, die sich vom realen System entfremdet fühlen (sei es durch Pandemien, Wirtschaftskrisen oder den Klimawandel), flüchten in paranoide Räume und Verschwörungserzählungen. Was in der Sammlung Prinzhorn das isolierte Schicksal eines Individuums in der Anstalt war, ist heute laut Klein ein kollektives Massenphänomen: Die Flucht vor einer unerträglichen Realität in das paranoide Zerrbild einer digitalen Spiegelwelt, gesteuert vom eigenen, algorithmischen Doppelgänger.
Die tiefenpsychologische Deutung
In der Tiefenpsychologie (insbesondere nach C.G. Jung und Sigmund Freud) wird der Doppelgänger niemals als reale Person, sondern als Spaltung der eigenen Psyche interpretiert.
[ DAS ICH ] (Das bewusste Selbst)
|
+-------------+-------------+
| |
[ DIE SHADOW ] [ DAS IDEAL-ICH ]
(Verdrängte Triebe, (Unerreichbare Perfektion,
Ängste, Schwächen) göttlicher Anspruch)
1. Die Konfrontation mit dem „Schatten“ (C.G. Jung): Nach Jung ist der Doppelgänger die Manifestation des „Archetyps des Schattens“. Der Schatten enthält all die Eigenschaften, die wir an uns selbst nicht wahrhaben wollen (Aggression, Egoismus, aber auch ungelebte Potenziale). Wenn eine Figur ihrem Duplikat begegnet, projiziert sie diesen inneren Anteil nach außen. Das Drama entsteht, weil das Ich den Schatten nicht integrieren will, sondern bekämpft.
2. Das unheimliche „Ideal-Ich“ (Sigmund Freud): Freud beschrieb das Phänomen des Doppelgängers in seinem berühmten Aufsatz Das Unheimliche (1919). Der Doppelgänger ist hier eine Abspaltung des Über-Ichs bzw. des Ideal-Ichs. In der Kindheit bilden wir eine Vorstellung davon, wie wir „perfekt“ sein müssten. Später wird dieses Ideal-Ich zu einer Bedrohung, weil es uns ständig bewertet und kritisiert. Das Duplikat im Drama verkörpert diesen mitleidlosen, perfektionierten Richter.
Freud untersuchte die Symbolik von Zwillingen und Spiegelbildern vor allem in seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ (1919). Er beschreibt den Doppelgänger (oft verkörpert durch einen Zwilling oder ein Spiegelbild) als eine Abspaltung des Ichs. Ursprünglich dient diese Verdopplung beim Kind als Schutzmechanismus und Ausdruck des primären Narzissmus (Selbstliebe), um die eigene Unsterblichkeit zu sichern. Im Erwachsenenalter wird diese Begegnung mit dem „zweiten Ich“ jedoch unheimlich. Der Doppelgänger wird zum Träger all jener negativen Eigenschaften und unterdrückten Wünsche, die das Individuum aus seinem bewussten Selbstbild verbannt hat. Er fungiert als eine Art äußeres Gewissen oder Über-Ich, das den Einzelnen beobachtet und kritisiert.
3. Die Dioskuren-Lösung: Integration statt Vernichtung: Betrachtet man das Problem durch die Brille des von mir erwähnten Mythos (Kastor & Polydeukes) gestaltet es sich folgendermaßen: Die psychische Heilung (Individuation) gelingt nicht, indem man das Duplikat tötet (wie in Enemy oder Andersens Schatten, was psychisch zum Suizid oder zum Wahnsinn führt). Sie gelingt nur, wenn das sterbliche Ich und das unsterbliche Ideal einen Pakt schließen und ihre Energie teilen. Man muss akzeptieren, dass man sowohl fehlbar (Mensch) als auch voller Ideale (Gott) ist.


