Du betrachtest gerade „Penelope“ Beziehungsdynamik und Abwehrmechanismen -moderne Identitäten im Gewand eines antiken Mythos

Gedanken zur Rolle der Frau am Beispiel der antiken Figur Penelope haben sich nicht nur die UniWehrsEL Leser und Leserinnen gemacht wie im Beitrag Nachdenkliches zur „Odyssee“ – Penelope als Hoffnung auf die treue Frau; Gedanken zur Funktion des Wartens. Vor allem Kulturwissenschaftler, Althistoriker und feministische Autorinnen, allen voran die britische Althistorikerin Mary Beard, schenken Penelope große Beachtung. In ihrem Buch Frauen und Macht analysiert sie die berühmte Eingangsszene der Odyssee, in der Telemachos seiner Mutter Penelope das Wort verbietet.

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Mary Beard ist Althistorikerin und befasst sich mit Kulturgeschichte. Sie analysiert, wie Penelope von ihrem Sohn Telemachos im antiken Epos gemaßregelt wird („Rede die Sache der Männer“). Sie nutzt dies als Ur-Szene dafür, wie Frauen im öffentlichen Raum historisch und bis heute strukturell zum Schweigen gebracht werden.

Auch die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood – Autorin und Literarische Soziologin –  hat sich in ihrem Werk Die Penelopiade (Original: The Penelopes) intensiv mit der Dekonstruktion dieser Frauenrolle beschäftigt. Sie beleuchtet Penelope nicht nur als das klassische patriarchale Idealbild der treuen, passiven Wartenden, sondern hinterfragt die Klassengesellschaft und die Rolle der Mägde auf Ithaka aus feministischer Perspektive.

In der allgemeinen soziologischen Rollentheorie gilt Penelope seit jeher als archetypischer Prototyp der „sekundären, unterstützenden und erduldenden“ Geschlechterrolle, deren Handlungsspielraum im Haus (am Webstuhl) kulturell normiert ist.

Prof. Dr. Vera King (auch unser beitrag zu „Turandot“- „Vergeltung oder Versöhnung – Rachegefühle und ihre Verwandlung“ (Vera King)) hat sich im Gegensatz zu den oben genannten Denkerinnen nicht direkt mit der mythologischen Figur der Penelope beschäftigt. Als renommierte deutsche Soziologin und psychoanalytische Sozialpsychologin am Sigmund-Freud-Institut forscht sie jedoch intensiv zu genau den Mechanismen, die der Debatte um Penelope zugrunde liegen. Ihr Fokus liegt auf der weiblichen Adoleszenz, der Identitätsbildung und den unbewussten Geschlechterspannungen.

Berühmt ist ihre Arbeit Die Urszene der Psychoanalyse. Adoleszenz und Geschlechterspannung im Fall Dora. Ähnlich wie Mary Beard eine antike „Ur-Szene“ für das Verstummen von Frauen nutzt, analysiert King anhand von Sigmund Freuds berühmtem „Fall Dora“, wie weibliche Identität und Sexualität im Spannungsfeld patriarchaler Familienstrukturen und gesellschaftlicher Erwartungen geformt, unterdrückt oder abgewehrt werden.

Die Verbindung von Penelope und Odysseus zu Seminarthemen wie

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Doppelgänger oder

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Chronos, Kairos, Kultur (wie sie im Wintersemester 26/27 im interdisziplinären Kontext zwischen Psychoanalyse, Kulturwissenschaften und Soziologie angeboten und auch unter Bezugnahme auf Prof. Vera Kings Forschungsfelder diskutiert werden) ist theoretisch tiefsinnig.

Die Odyssee gilt in der Psychologie als die Urerzählung der Identitätskrise. Sie zeigt, wie die Figuren in diesen Seminaren als perfekte Fallstudien für Zeitstrukturen und Persönlichkeitsspaltungen dienen können.

1. Penelope, Odysseus und das Seminar „Doppelgänger“

In der psychodynamischen Literatur und der Kulturtheorie wird das Doppelgänger-Motiv nicht nur als „böser Zwilling“ verstanden, sondern als Identitätsspaltung, Maskerade und das Entfremdete im eigenen Ich.

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Odysseus kann als sein eigener Doppelgänger (Die Maske des Niemand) verstanden werden. Odysseus kehrt nach 20 Jahren unerkannt im Bettlergewand nach Ithaka zurück. Er spaltet seine Identität auf: Er ist gleichzeitig der rechtmäßige König (Innenwelt) und der ausgestoßene, traumatisierte Bettler (Außenwelt). In modernen Analysen (z. B. zu Regisseuren wie Christopher Nolan, die diese Struktur kopieren) wird Odysseus als Prototyp des modernen Menschen gesehen, der falsche Identitäten annehmen muss, um zu überleben.

Penelopes Täuschung führt direkt zu ihrem inneren Doppelgänger. Penelope spaltet sich auf in die äußere Rolle (die fügsame, trauernde Witwe, die den Freiern scheinbar nachgibt) und ihr wahres Ich (die listige Strategin, die nachts das Gewebe auflöst). Das Weben ist ihre Maske.

Der unheimliche Doppelgänger bei der Heimkehr: Als Odysseus vor Penelope steht, erkennt sie ihn lange nicht. Er ist ein Fremder und doch vertraut – exakt das, was Sigmund Freud als das „Unheimliche“ definiert: das verdrängte Eigene, das einem als Doppelgänger entgegentritt. Erst der Test mit dem unbeweglichen Ehebett verschmilzt die Doppelgänger wieder zu den echten Personen.

Das Unheimliche bei Freud http://Bild von geralt auf Pixabay

Wir erläuterten das ausführlich im Filmbeispiel „Hamnet„. Freud untersuchte die Symbolik von Zwillingen und Spiegelbildern vor allem in seinem Aufsatz Das Unheimliche“ (1919). Er beschreibt den Doppelgänger (oft verkörpert durch einen Zwilling oder ein Spiegelbild) als eine Abspaltung des Ichs. Ursprünglich dient diese Verdopplung beim Kind als Schutzmechanismus und Ausdruck des primären Narzissmus (Selbstliebe), um die eigene Unsterblichkeit zu sichern. Im Erwachsenenalter wird diese Begegnung mit dem „zweiten Ich“ jedoch unheimlich. Der Doppelgänger wird zum Träger all jener negativen Eigenschaften und unterdrückten Wünsche, die das Individuum aus seinem bewussten Selbstbild verbannt hat. Er fungiert als eine Art äußeres Gewissen oder Über-Ich, das den Einzelnen beobachtet und kritisiert. 

2. Penelope, Odysseus und das Seminar „Chronos, Kairos, Kultur“

Dieses Thema untersucht das Spannungsfeld zwischen Chronos (der linear vergehenden, messbaren Uhrzeit) und Kairos (dem flüchtigen, psychologischen Moment der Entscheidung, der „guten Gelegenheit“) im Kontext gesellschaftlicher Normen (Kultur).

Penelope kann als Beherrscherin von Chronos interpretiert werden. Penelope ist die absolute Antagonistin zur linear vergehenden Zeit. Durch ihr nächtliches Auftrennen des Leichentuchs friert sie Chronos ein. Sie verwandelt die destruktive, vergehende Zeit (20 Jahre des Alterns und Wartens) in ein zyklisches, unendliches Plateau, um Zeit zu gewinnen. In einer Kultur, die von Frauen Passivität verlangt, nutzt sie das Weben als aktiven, zeitlichen Widerstand.

Odysseus kann als Jäger des Kairos verstanden werden. Während Penelope die Zeit dehnt, muss Odysseus auf seinen Reisen im Bruchteil einer Sekunde den Kairos ergreifen – den perfekten Moment, um das Auge des Zyklopen zu durchstechen oder sich an den Mast zu fesseln, um den Sirenen zu entkommen. Seine gesamte Heimkehr ist eine Aneinanderreihung verpasster oder genial genutzter Kairoi (übrigens über das Nachdenken der „rätselhaften Zei“t gibt es einen interessanten Artikel vom Arbeitskreis für vergleichende Mythologie e. V. Da denkt Jörg Jacob über Odysseus nach: “ … Was aber ist das, was wir Zeit nennen? Seneca schrieb in De brevitate vitae: „Es war eine griechische Krankheit, zu untersuchen, welche Zahl von Ruderern Odysseus gehabt habe, ob die Ilias oder die Odyssee zuerst geschrieben worden sei …“) .

Der Blick auf die kulturelle Dimension (Kultur) zeigt, wie Kultur Zeitstrukturen vorschreibt. Die Freier fordern die biologische und soziale Uhr (Chronos) ein: „Die Zeit ist um, du musst neu heiraten, die Jugend ist vorbei.“ Penelope bricht diese kulturelle Norm durch psychologische Zeitdehnung.

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Daraus ergibt sich ein Brückenschlag zu Theorien wie denen von Vera King. Obwohl Vera King primär moderne Phänomene untersucht (wie die Selbstoptimierung, Digitalisierung und virtuelle Avatare/Doppelgänger), passen die Mechanismen der Odyssee exakt in ihre sozialpsychologischen Raster. King beschreibt Jugend/Adoleszenz als ein „Moratorium“ – einen geschützten Aufschub von Zeit, um Identität zu bilden. Penelopes Weben ist genau das: Ein erzwungenes Moratorium, um die eigene Identität und Autonomie gegen den patriarchalen Druck der Freier zu schützen.

Das entscheidende Thema ist dabei die unbewusste Wiederholung. In ihren Analysen zu Kulturstoffen (wie Puccinis Turandot) betont King, wie Frauen sich gegen männliche Gewalt und patriarchale Zuschreibungen durch emotionale Kälte oder Masken wehren. Penelope tut psychologisch dasselbe: Ihr Schutzraum ist die kalkulierte Distanz.

In einem Leserbrief gibt es einen Verweis auf die Frankfurter Erstaufführung der Oper Pénélope (Gabriel Fauré) an der Oper Frankfurt (Premiere im Dezember 2019, Laufzeit bis Januar 2020). Nolans Odysseus und Luigi Dallapiccolas Ullise, beides erzählt die Geschichte aus Sicht der männlichen Perspektive. Über die Abenteuer des listenreichen Odysseus sind in der Literatur, im Theater und in den Künsten unzählige Überlegungen entstanden. Seine Lebensgeschichte inspirierte zahllose Romane, Theaterstücke, Filme und Opern. Dabei vermisst unser Kulturbotschafter des UniWehrsEL jedoch den weiblichen Blick auf den Helden Odysseus. Diese Chance nutzt der Komponist Gabriel Fauré mit seiner Oper „Penelope“. Die Oper Frankfurt hat Penelope im Januar 2019 auf die Bühne gebracht. Damit schließt sich der Kreis zu den Seminarthemen der Zeit (Chronos, Kairos) und Kultur sowie des Doppelgängers als Identität im Duplikat.

Diese viel beachtete Inszenierung der Regisseurin Corinna Tetzel und der Dirigentin Joana Mallwitz greift die Motive „Doppelgänger“ und „Chronos/Kairos“ auf psychologischer Ebene radikal auf. Sie bricht mit dem antiken Klischee der rein passiven, treuen Ehefrau.

Der Bezug zu „Chronos, Kairos, Kultur“ in der Frankfurter Inszenierung

Die Frankfurter Produktion thematisiert das Warten nicht als leere Pause, sondern als einen aktiven, psychisch deformierenden Zustand. Pénélope erscheint als ‚schockgefroren in der Zeit‘ (Chronos-Abwehr).  In Tetzels Inszenierung ist Pénélope (gesungen von Paula Murrihy) seit 20 Jahren zeitlich eingefroren. Sie existiert in einer raum- und zeitlosen, abstrakten Kulisse, die wie eine seelische Isolation wirkt. Sie verweigert sich der linear vergehenden Zeit (Chronos), in der sie altern und die Freier erhören müsste.

Das Warten wird zu ihrer Lebensaufgabe. Die Kultur verlangt von ihr ein patriarchales Happy End oder eine Neuheirat. Pénélope entzieht sich dieser kulturellen Norm, indem sie das Warten zu ihrem Lebensinhalt macht. Sie flüchtet aus der realen Zeit in eine künstliche Zeitschleife des Webens und des ‚Aufrippelns‘.

Das Verpassen des Kairos wird durch diese Handlungen deutlich. Als Odysseus (Ulysse) schließlich unerkannt heimkehrt, bricht die Katastrophe aus. Die Zeit des Wartens ist vorbei, doch Pénélope hat verlernt, im Jetzt zu leben. Der rettende Moment (Kairos) der Wiedervereinigung misslingt emotional.

Der Bezug zum „Doppelgänger“-Motiv

Die Inszenierung nutzt die Bühne als psychologischen Spiegelraum, in dem Realität, Wunsch und Trauma ineinanderfließen. Das zeigt sich in der Entfremdung der Liebenden. Als Ulysse zurückkehrt, stehen sich zwei traumatisierte Entfremdete gegenüber. Sie erkennen sich innerlich nicht mehr. Der reale Ulysse korrespondiert überhaupt nicht mit dem imaginären Doppelgänger, den sich Pénélope in 20 Jahren Einsamkeit in ihren Fantasien erschaffen hat.

Statt eines triumphalen Happy Ends inszeniert Frankfurt eine emotionale Starre. Der zurückgekehrte Ehemann bleibt für Pénélope ein unheimlicher Fremder. Die Oper zeigt die Spaltung zwischen der erinnerten/fantasierten Person und der realen Person, was ein Kernaspekt der psychologischen Doppelgänger-Theorie ist.

Die Inszenierung kann im Sinne des Theorienkonzepts nach Vera Kings als eine Kompression psychoanalytischer Konzepte verstanden werden: Sie verhandelt Beziehungsdynamiken, Traumata und Abwehrmechanismen moderner Identitäten im Gewand eines antiken Mythos. Genau dies versprechen wir uns auch von Jeannie Ebners im Oktober neu erscheinendem Buch „Die neue Penelope“. Sie spielt auf antike Mythologie und christliche Symbolik an und erkundet gleichzeitig Menschen und Menschenwelt der Gegenwart. Es geht um die Verhandlung einer neuen Penelope vielleicht in der Art von The Modern Penelope Collective at Gallery 46 von 2017.