Du betrachtest gerade Psychologie im Opernstoff „Turandot“-  „Vergeltung oder Versöhnung – Rachegefühle und ihre Verwandlung“ (Vera King)

Der Beitrag zur Frankfurter Inszenierung der Oper Turandot mit den Betrachtungen zur Thematik der ‚Spiegelungen‘ regt dazu an, die Geschichte um die „grausame“ Prinzessin auch in einem anderen Lichte zu betrachten. Die Turandot Besprechung von Prof. Vera King fokussiert auf die Thematik der „Vergeltung oder Versöhnung – Rachegefühle und ihre Verwandlung“ und behandelt tiefenpsychologisch und kulturkritisch die Dynamiken von Macht, Geschlechterverhältnissen und emotionaler Vergeltung im Opernstoff. Die Hoffnung besteht darin, durch Mitfühlen, Trauer und Verzeihen einen potentiellen ’neuen‘ Raum des Verzeihens zu eröffnen. King nutzt Erkenntnisse des französischen Philosophen Paul Ricœur, der den Fragen nachging, ob und wie Versöhnung auch angesichts von schmerzlichem Leiden und Traumata angemessen und möglich ist.

Die Forschungen von Prof. Vera King liefern uns für die Seminare „Unter Spiegeln“ und Krise und Hoffnung“ wertvolle Ergebnisse. Turandot steht bei Vera King für die psychologische Dialektik von Trauma, Macht, Vergeltung und Transformation. Die Oper zeigt die gefährliche, aber auch notwendige Auseinandersetzung mit unterdrückten Gefühlen – eine Art ritualisierte Bearbeitung kultureller und individueller Verletzungen.

(Kings Erkenntnisse finden wir auch hier im Beitrag zu Doppelgänger und Selbstoptimierung). In ihrer Forschung (z. B. im Rahmen des Projekts „Aporien der Perfektionierung“) untersucht sie, wie Menschen durch soziale Medien und digitale Technik optimierte Versionen ihrer selbst erschaffen und welche Problematiken daraus erwachsen können.Diese digitalen Avatare fungieren als moderne Doppelgänger, die oft mehr über die Wünsche und den gesellschaftlichen Druck aussagen als über das „wahre Gesicht“.

Auch in der Thematik der Rachegefühle und ihrer Verwandlung am Beispiel von Puccinis „Turandot“ sind Kings Einlassung wesentlich, um die Problematik des „Nicht-Verzeihen-Könnens“ zu beleuchten:

Als Grundthema geht es um Macht und Vergeltung. In Puccinis Turandot wird die titelgebende Figur als Symbol weiblicher Macht und Rachsucht gegenüber männlicher Gewalt interpretiert. Turandot verweigert sich der Unterwerfung unter patriarchale Strukturen, indem sie Männer bestraft, die um sie werben. Vera Kings Deutung zeigt auf, diese „Grausamkeit“ ist keine reine Bosheit, sondern eine psychologische Vergeltungsdynamik für generationsübergreifende Demütigung und Kontrolle von Frauen.

In einer psychodynamischen und gesellschaftskritischen Lesart betrachtet Vera King Turandots Verhalten als Abwehrreaktion: Sie will emotionale Verletzbarkeit vermeiden und kompensiert dies mit Eiseskälte und Machtausübung. In diesem Sinne sei der Opernkonflikt ein Symbol für die Auseinandersetzung von Emotionalität und Macht, von Nähe und Distanz. Die vermeintliche „Liebeserziehung“ durch Calaf spiegelt den patriarchalen Versuch, weibliche Autonomie zu brechen.

Vergeltung wird zum kulturellen und unbewussten Motiv, denn Vergeltung wird hier nicht nur als individuelle Rache verstanden, sondern als kulturelles Muster: Es geht um die Wiederholung von Gewaltverhältnissen zwischen den Geschlechtern. King sieht darin ein Spiegelbild moderner Gesellschaftskonflikte, etwa in Bezug auf Geschlechterrollen, emotionale Kontrolle und das Bedürfnis nach Gerechtigkeit.

In der Auflösung liegt Ambivalenz, deutet Vera King. Die Schlusswendung (Turandots „Erweichung“) ist einerseits Symbol für menschliche Annäherung und Überwindung der Rachehaltung. Andererseits kritisch als Rückkehr zur Norm zu betrachten, zur Anpassung der Frau an das romantische Ideal der Erlösung durch Liebe.

Turandot steht bei Vera King für die psychologische Dialektik von Trauma, Macht, Vergeltung und Transformation. Die Oper zeigt die gefährliche, aber auch notwendige Auseinandersetzung mit unterdrückten Gefühlen, eine Art ritualisierte Bearbeitung kultureller und individueller Verletzungen.

In der Oper geht es um erlittenes Unrecht und Verletzungen, die nicht nur auf der Bühne Vergeltungswünsche nach sich ziehen. Wie King es audrückt “ … allerdings mit der für Täter und Opfer tragischen Tendenz zur Unabschließbarkeit“. Dennoch muss über Möglichkeiten konstruktiver Konfliktlösung nachgedacht werden, die darübr aufklären wie die sozialen und psychisch-affektiven Dynamiken entstanden sind. (Image by geralt from Pixabay)

Wichtige Ansatzpunkte bietet etwa der französische Philosoph Paul Ricœur. Er fragt danach, ob Versöhnung auch angesichts von schmerzlichem Leiden und Traumata angemessen und möglich ist, und „wie sich ein tragfähiges Verzeihen unterscheidet von oberflächlicher Bagatellisierung oder Verleugnung von Schuld und Schmerz“.

Hier stellt King die Verbindung zu Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ her. Die Titelfigur verkörpert Logik des Handelns nach Verletzungen und daraus folgender ewiger Rache. Zugleich geht es auch um die Kunst der Versöhnung. Turandot ist eine traumatisierte junge Frau, die sich für die in der Vergangenheit erlebten Gewalt und Leiden rächen will und darum tödliche Rätsel an Brautwerber und den „unbekannten Prinzen“ Calaf stellt.. Zunächst widerstrebend zeigen sich inhaltlich und musikalisch umgesetzt Ansätze einer Wandlung. Durch Mitfühlen, Trauer und Verzeihen verändert sich das „Gedächtnis der Rache“ und eröffnet somit den Raum neuer Möglichkeiten.

Hier nutzt Vera King Ricœurs Analysen. Er verknüpft Gedächtnis mit dem geschichtlichen Bewusstsein, das sich nicht auf die „bloß chronologische Dimension der Zeit“ (1998, S. 86) reduzieren lässt. „Was zählt, ist nicht einfach eine Aufschichtung von Geschehnissen, sondern sind die bis in die Gegenwart reichenden Bedeutungen des Vergangenen und damit verbundenen Festlegungen. Diese gilt es zu bearbeiten, um kollektiv Spielräume für die Zukunftsgestaltung zu schaffen.“

Ricœur plädiere dafür, der „Beziehung der Gegenwart zur Zukunft Vorrang einzuräumen in Relation zur Beziehung zur Vergangenheit“ – auch im Sinne einer „Therapeutik des verletzten Gedächtnisses“ (1998, S. 87). Dazu greife er eine basale Einsicht der Psychoanalyse auf: Die ‚Wahrheit‘ des Erinnerten könne sich, im günstigen Fall, demnach „nur im Durcharbeiten derjenigen Widerstände herausschälen, die sich der realistischeren Vergegenwärtigung des Vergangenen entgegenstellen. Diese verlangt insofern immer auch Trauerarbeit.“ (Freud 1917),

Eine Trauerarbeit, so King, die auch beinhaltet, die Unveränderbarkeit des Vergangenen zu akzeptieren, um künftig Neues zu ermöglichen. Rache hingegen perpetuiere die Verweigerung der Trauer, mit der Folge, das Vergangene würde konserviert.

Hoffnung in der Oper Turandot (Image by Hardys Festival Bregenz Tourandot)

Hoffnung ist ein zentrales, fast paradoxes Thema in Giacomo Puccinis Oper Turandot (ca. 1920). Sie wird nicht als naiver Optimismus dargestellt, sondern als eine treibende Kraft, die in einer düsteren Welt voller Tot, Rache und Angst lebt. Die Antwort auf das erste Rätsel („Was wird jede Nacht geboren und stirbt jeden Morgen?) lautet Hoffnung (im italienischen: la sperenza). Dies unterstreicht, dass Hoffnung trotz der ständigen Todesgefahr in der Oper ein täglicher Begleiter ist.

Hoffnung ist der Motor für Calaf: Er ist von der Hoffnung getrieben, die „eiskalte“ Prinzessin durch seine Liebe zu wandeln und sie für sich zu gewinnen, obwohl dies sein Leben kosten könnte. Deutlich wird dies im „Nessum dorma“ (Keiner schlafe). Diese berühmte Arie zu Beginn des 3. Aktes. Sie ist ein Triumphschrei der Hoffnung und Liebe. Calaf ist sich sicher, dass er die Kälte der Prinzessin brechen wird und die Liebe am Ende siegt. Hoffnung wird zum Motor des Widerstandes, denn trotz des grausamen Gesetzes (Todesstrafe für falsche Antworten) hält das Volk und der Prinz an der Hoffnung fest, dass Turandots Herz schmelzen wird und eine Ära des Terrors endet.

Einen tragischen Kontrast zur unbarmherzigen Turandot bildet die Hoffnung auf Liebe, die ist in der Oper eng mit Opferbereitschaft verbunden. Liù die Sklavin stirbt aus Hoffnung, dass ihre Liebe und Aufopferung Calaf retten kann; eine selbstlose Hoffnung, die im Kontrast zur egoistischen, traumatisierten Haltung Turandots steht.

Bedeutsam ist die Thematik der Transformation. Die Oper wandelt sich von einer Geschichte über Rache (motiviert durch das Trauma einer Vorfahrin) zu einer Geschichte über Erlösung durch Hoffnung und Liebe, auch wenn das Ende durch das Opfer Liùs bittersweet bleibt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Hoffnung wird in Turandot als eine unzerstörbare Kraft dargestell, die notwendig ist, um Kälte, Angst und den Tod zu überwinden. (wnycstudios.org Puccinis Turandot: hope never sleeps)

Quelle: https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/vergeltung-oder-versoehnung