Du betrachtest gerade Kommentar: „Sapere aude!“ Elias’ Mut zur eigenen Entscheidung

Elias steht vor seiner Wohnungstür und atmet tief durch. Er hat gerade gemerkt, dass er kein Mitläufer mehr ist, sondern jemand, der selbst denkt. Elias erinnert sich an diesen lateinischen Ausspruch, den Kant berühmt gemacht hat: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ In der Geschichte bedeutet das: Elias hat nicht gewartet, bis sein Vermieter ihm sagt, was richtig ist. Er hat auch nicht das getan, was „alle“ tun würden (das Geld behalten). Er hat aufgehört, wie ein Kind darauf zu warten, dass andere ihm die Welt erklären. Er hat selbst nachgedacht.

Liebe Lesende und Schreibende im UniWehrsEL,

Danke für die Geschichte über Elias und die gefundene und abgegebene Geldbörse. (Image by stevepb from Pixabay) Eine gute Idee, wie ich finde, Gedanken von Kant ins Alltagsleben zu übertragen. Das ist Aufklärung: Der Moment, in dem Elias beschließt, der Chef über seine eigenen Entscheidungen zu sein. Die Ausführungen zu Kant im Kontext des jungen Elias haben mich sehr angeregt. Ihrem Vorschlag folgend möchte ich gerne die Geschichte fortsetzen. Dazu möchte ich Kants Grundformel, Naturgesetzformel und Menschheitsformel
des kategorischen Imperativs
in die Geschichte von Elias Überführen. Ob mir dies gelungen ist? Ich bitte um einen Kommentar!

Zunächst meine Nachfrage und Recherche zu Und was genau ist nun der Kategorische Imperativ auf die fiktive Geschichte übertragen? Um das für Elias (und uns) ganz präzise zu machen, brechen wir den Begriff in der Geschichte herunter. Imperativ: Das ist ein Befehl oder eine Aufforderung. In Elias’ Kopf war es die klare Stimme der Vernunft, die sagte: „Tu dies!“ Kategorisch: Das bedeutet „ohne Ausnahme“ oder „gültig in jeder Situation“. Es gibt kein „Ja, aber ich habe doch Mietschulden“ oder „Ja, aber es sieht ja keiner“. Es ist ein Gesetz, das immer gilt, egal wie man sich gerade fühlt oder was man davon hat.

Ein normaler (hypothetischer) Imperativ wäre: „Wenn du keinen Ärger mit der Polizei willst, gib das Geld ab.“ (Das Ziel ist hier die Angst vor Strafe). Der Kategorische Imperativ sagt aber: „Gib es ab, weil es das Richtige ist.“ Punkt. Das Ende vom Lied: Elias weiß nun: Er ist frei, weil er nicht seinen Trieben oder seiner Angst folgt, sondern einem Gesetz, das er sich durch seine eigene Vernunft selbst gegeben hat. Das ist die höchste Form von Würde.

Aber was geschieht nun, wenn Elias an seine Grenzen stößt: Dazu wieder eine erweiterte fiktive Geschichte, die ich „Das Dilemma am Abend“ nennen möchte.Elias besucht seine alte Nachbarin, Frau Müller. Sie ist sehr ängstlich, weil in der Gegend eingebrochen wurde. Plötzlich klopft es wütend an der Tür. Ein aggressiver Mann steht draußen und fragt Elias: „Ist mein Bruder hier drin? Er hat mir Geld gestohlen und ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen!“ Elias weiß: Der Bruder versteckt sich zitternd in Frau Müllers Küche. Er weiß auch: Wenn er die Wahrheit sagt, wird es brutal zugehen. (Bild von geralt auf Pixabay).

Die Gedanken von Elias zum Kategorischen Imperativ werden auf eine harte Probe gestellt: Elias gerät ins Schwitzen. Kant war berüchtigt für seine Strenge: Er sagte, man dürfe niemals lügen, selbst wenn ein Mörder vor der Tür steht. Warum? Weil der Kategorische Imperativ keine Ausnahmen zulässt. Wenn Elias das Lügen nun zum „allgemeinen Gesetz“ machen würde, zerstört er die Basis jeder menschlichen Kommunikation. Niemand könnte mehr irgendwem glauben.

Gibt es einen Ausweg in der Geschichte? Elias möchte nicht lügen, aber er will auch kein Unheil anrichten. Er nutzt seinen Verstand (Sapere aude!). Statt zu lügen („Nein, er ist nicht hier“), sagt er: „Ich habe gesehen, wie er heute Mittag die Straße dort hinten entlanggelaufen ist.“ (Was teilweise wahr ist, denn er hat ihn tatsächlich gesehen und den Aggressor in der momentanen Situation mit dieser Aussage weglockt).

Er erinnert sich an Kants Menschheits-Zweck-Formel (eine andere Form des Imperativs): „Handle so, dass du den Menschen niemals bloß als Mittel, sondern immer auch als Zweck an sich selbst behandelst.“ Elias begreift: Er darf den Bruder nicht als „Mittel“ benutzen, um seine eigene moralische Weste reinzuwaschen, indem er ihn ausliefert. Er muss das Leben des Bruders als wertvolles Ziel an sich schützen. (Bild von hobim auf Pixabay)

Welche Hoffnung gibt es im Dilemma? Elias zittert, als der Mann endlich abzieht. Er fühlt sich moralisch erschöpft. Hier rettet ihn wieder die Hoffnung, weil er darauf hofft, dass eine Welt, in der man nach Prinzipien handelt (Ehrlichkeit und Schutz des Lebens), langfristig besser funktioniert als eine Welt, in der jeder nach Lust und Laune lügt, nur weil es gerade praktisch erscheint. Er vertraut darauf, dass die Wahrheit am Ende mehr Frieden stiftet als die „bequeme Lüge“. Elias denkt für sich: Der Kategorische Imperativ ist kein Kuschelkurs. Er verlangt, dass ich selbst in Gefahr für meine Prinzipien einstehe. Die Hoffnung ist mein Trostpflaster: „Es ist schwer, aber es ist der einzige Weg zu einer gerechten Welt.“

Elias sitzt nach dem ereignisreichen Tag auf seinem Sofa und denkt über alles nach. Er hat kein Geld, er hatte Angst, und doch fühlt er sich seltsam „groß“. Er begreift jetzt, was Kant mit der Menschenwürde meinte. In Elias’ Kopf ordnet sich alles: Dinge haben einen Preis, so wie die Brieftasche mit 500 Euro. Die ist ersetzbar und austauschbar, aber er selbst ist nicht „austauschbar“. Kant spricht vom Mensch Mensch als „Zweck an sich selbst“.


Hätte Elias die Brieftasche behalten, hätte er sich selbst zum Sklaven seiner Gier gemacht. Er hätte sich wie ein Werkzeug benutzt, um an Geld zu kommen. Kant sagt: Ein Mensch besitzt Würde, weil er die Fähigkeit hat, nach dem Kategorischen Imperativ zu handeln. Elias hat bewiesen, dass er kein bloßer Spielball seiner Triebe ist. Er ist ein freies Wesen, das sich selbst Gesetze gibt. Das macht ihn unantastbar.

Elias setzt die Hoffnung auf das „Reich der Zwecke“; er stellt sich nun eine ganze Gesellschaft vor, ein Reich in dem wird niemand nur „benutzt“ (wie ein Chef einen Angestellten nur als Werkzeug für Profit benutzt). Stattdessen respektiert jeder die Würde des anderen. Die Hoffnung für Elias liegt darin, dass wir Menschen uns Stück für Stück dorthin entwickeln. Seine ehrliche Tat war wie eine Visitenkarte für dieses Reich. Er hat gezeigt: „Schaut her, ich behandle mich und andere nicht als Dinge, sondern als Wesen mit Würde.“


Elias löscht die Nachttischlampe. Er besitzt zwar nichts Materielles von Wert, aber er besitzt etwas, das man für kein Geld der Welt kaufen kann: Selbstachtung. Er hat verstanden: Der Kategorische Imperativ war sein Kompass; Sapere aude war sein Treibstoff; die Hoffnung war sein Ziel  und die Würde ist das Ergebnis. Elias schläft ein mit dem Wissen: Ich bin kein Rädchen im Getriebe, ich bin ein Gesetzgeber in meiner eigenen moralischen Welt.

Haben Ihnen diese Bilder geholfen, den Kern von Kants Weltbild zu greifen, oder gibt es noch einen Begriff, der darin unklar erscheint? Zum Weiterdenken empfehle ich noch den „Religions-Philosophischen Salon“. Unter der Überschrift „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ Widerstand gegen die Verzweiflung! gibt Christian Modehn noch den Hinweis am Ende des Kant-Jahres 2024, Kant möge bitte weiter intensiv diskutiert werden. Im Artikel kommt auch die Soziologin Eva Illouz zu Wort, die in ihrem Buch „Explosive Moderne“ (Berlin, Suhrkamp, 2024) auch die falsche, weil unmenschliche „Hoffnungs“ – Propaganda etwa in den kapitalistischen USA im Kontext des „amerikanischen Traum“ distutiert. (Bild von geralt auf Pixabay)