Du betrachtest gerade Psychologie: Narziss-Mythos Museum Rietberg; künstlerisch-psychologische Betrachtungen

Unsere erste gemeinsame Seminarstunde im Sommersemester 2026 begann mit der Vorstellung der Ausstellung Spiegel. Der Mensch im Widerschein (Museum Riedberg 2019). Die Darstellung und Deutung des Narziss-Mythos spielte im Museum Rietberg in der kulturübergreifenden Ausstellung eine zentrale Rolle. Narziss wird dabei als Schlüsselfigur für die Erforschung des menschlichen Selbstbildes und der Grenze zwischen Realität und Abbild genutzt. Lassen Sie uns einige Ergebnisse unserer gemeinsamen Seminarstunde zusammenfassen und ergänzen.

Beginnen wir mit der künstlerischen Deutung im Kontext des Museums. In der Kunstgeschichte wird Narziss oft als der „Erfinder der Malerei“ (nach Leon Battista Alberti) bezeichnet, da er das erste flüchtige Bild (sein Spiegelbild im Wasser) fixieren wollte. Das Museum Rietberg präsentierte dazu spezifische Werke wie den „Schweizer Narziss“ (1944): Ein Hauptwerk von Paul Camenisch. Es zeigt einen jungen Mann, der sich im Badezimmer betrachtet, während auf den Wandkacheln surreale Szenen von Krieg und Erschießungen zu sehen sind. Die künstlerische Deutung liegt hier im Kontrast zwischen privater Selbstbezogenheit und der brutalen Realität der Außenwelt (Kommentar zur Schweizer Neutralität im Zweiten Weltkrieg). Aber auch klassische Skulpturen wie die liebliche Marmorskulptur „Narcissus“ von John Gibson (1838) wurde gezeigt, die den Jüngling in seiner klassischen, fragilen Schönheit darstellt. 

Versuchen wir nun eine psychologische Deutung. Die psychologische Analyse des Mythos, wie wir sie im Seminar diskutierten, umfasst zwei wesentliche Ebenen:

  • Identität und Verzweiflung: Der Moment des Erkennens („Ich bin es selbst!“) markiert den schmerzhaften Übergang von der Selbstliebe zur existenziellen Enttäuschung, die im Mythos zum Tod führt.
  • Einheit vs. Teilung: Psychologisch wird das Narziss-Bild als „echter Spiegel“ der Selbst-Konstruktion gedeutet. Es thematisiert das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Einheit mit dem eigenen Bild und der gleichzeitigen Erkenntnis der eigenen Isolation und Täuschung.
  • Psychoanalytische Wurzeln: Die Deutung stützt sich auf die Theorien von Sigmund Freud, der die Figur des Narziss‘ nutzte, um das Konzept des Narzissmus als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Psyche und der Ich-Entwicklung zu definieren. (Bild von GDJ auf Pixabay)

Freuds Konzept des Narzissmus‘ beleuchteten wir bereits im Film „Hamnet„. Wir versuchten das Motiv des Doppelgängers in der Literatur (insbesondere bei E.T.A. Hoffmann), um seine Theorie des Unheimlichen zu belegen. Das Unheimliche“ (1919). Er beschreibt den Doppelgänger (oft verkörpert durch einen Zwilling oder ein Spiegelbild) als eine Abspaltung des Ichs. Ursprünglich dient diese Verdopplung beim Kind als Schutzmechanismus und Ausdruck des primären Narzissmus (Selbstliebe), um die eigene Unsterblichkeit zu sichern. Im Erwachsenenalter wird diese Begegnung mit dem „zweiten Ich“ jedoch unheimlich. Der Doppelgänger wird zum Träger all jener negativen Eigenschaften und unterdrückten Wünsche, die das Individuum aus seinem bewussten Selbstbild verbannt hat. Er fungiert als eine Art äußeres Gewissen oder Über-Ich, das den Einzelnen beobachtet und kritisiert. (http://Bild von geralt auf Pixabay)

C. G. Jung hat den Begriff des Narzissmus zwar zeitweise verwendet, ihn aber nach seinem Bruch mit Sigmund Freud weitgehend gemieden, um sich von Freuds Trieblehre abzugrenzen. Dennoch bietet die Analytische Psychologie Jungs eine tiefgreifende Deutung des Narziss-Mythos, die über die rein klinische Diagnose hinausgeht. 

Für Jung war der Narzissmus keine bloße Selbstverliebtheit oder Eitelkeit, sondern eine Verirrung auf dem Weg zur Individuation – dem lebenslangen Prozess, das wahre „Selbst“ zu finden. Jung sprach von einem spezifisch menschlichen „Reflexionsinstinkt“. Im Mythos scheitert Narziss, weil er sein Spiegelbild nicht als solches erkennt (er reflektiert nicht über die Reflexion), sondern es für ein reales Gegenüber hält. Er verhungert psychisch, weil er in der Illusion einer äußeren Form gefangen bleibt.In der jungianischen Sicht „überleben“ narzisstische Persönlichkeiten oft dadurch, dass sie ihren eigenen Schatten (unliebsame Wesenszüge) auf andere projizieren. Sie erschaffen eine ideale Persona (Maske), um eine innere Leere oder Selbsthass zu überdecken.

In der Nachfolge Jungs wird Narziss oft mit dem Archetyp des Puer Aeternus (des ewigen Jünglings) verknüpft. Dieser bleibt in einer idealisierten, kindlichen Welt verhaftet und lehnt die Realität und echte Beziehungen (Eros) ab, was letztlich zur psychischen Erstarrung führt. 

Marie-Louise von Franz (* 4. Januar 1915 in München; † 17. Februar 1998 in Küsnacht bei Zürich) war eine Schweizer Altphilologin, Mitarbeiterin von Carl Gustav Jung, praktizierende Psychotherapeutin sowie Dozentin und Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Zürich. Sie beschreit in ihrem interessanten Sachbuch: „Puer aeternus ist der Name eines antiken Gottes. Er stammt aus Ovids Metamorphosen und ist dort dem Kind-Gott der Eleusinischen Mysterien beigegeben. Ovid redet den Gott Iacchus als «Puer aeternus» an. Später wurde dieser Kind-Gott auch mit Dionysos und dem Gott Eros gleichgesetzt. Er ist der göttliche Jüngling, der bei den Mutterkult-Mysterien von Eleusis in heiliger Nacht als Erlöser geboren wird. Er ist ein Gott des Lebens, des Todes und der Auferstehung – der göttliche Jüngling, der orientalischen Göttern wie Tammuz, Attis und Adonis entspricht. Der Titel «Puer aeternus» bedeutet «ewiger Jüngling»; wir gebrauchen ihn heute auch, um einen bestimmten Typ junger Männer zu bezeichnen, die einen ausgeprägten Mutterkomplex haben und damit auch typische Verhaltensweisen zeigen.“

Ovids umfangreiches Epos der Verwandlungssagen zählt zu den berühmtesten und beliebtesten Werken der lateinischen Literatur. Dazu gehören beispielsweise die Episoden: Apoll und Daphne, Europa, Pyramus und Thisbe, Dädalus und Ikarus, Orpheus und Eurydike, Pygmalion, Midas und viele andere. Und wo hat William Shakespeare seine heute noch gültigen Stoffe gefunden? Der Dichter Ovid wurde von ihm gelesen und rezipiert.

Eine Episode aus Ovids Metamorphosen, die Geschichte von Pyramus und Thisbe, hat er in zwei seiner Dramen aufgegriffen und neu interpretiert: in der Geschichte von „Romeo und Julia“ (Tragödie) beschreibt er die unglückliche Liebe zweier Adliger. In „Ein Sommernachtstraum“ (Komödie) findet im letzten Akt ein »Spiel im Spiel« statt, mit den Protagonisten als Zuschauern: Laien-Schauspieler spielen »Pyramus und Thisbe« in lächerlicher Weise vor. Der Maler Nicolas Poussin verschränkt tragisches Figurenerleben mit einer idealen Landschaft und der Schilderung der Naturgewaltenin „Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe„, 1651, in einem Bild, das man im Städel Museum bewundern kann.

Während Freud den Narzissmus als Entwicklungsstufe der Libido sah, deutete Jung ihn als ein Problem der Beziehung zwischen Ich und Selbst. Der Narzisst verwechselt sein kleines „Ich“ (das Ego) mit dem umfassenden „Selbst“ und bläht es dadurch inflationär auf. 

Zusammenfassend sieht Jung im Schicksal des Narziss‘ die Tragödie eines Menschen, der die Chance zur Selbsterkenntnis (Individuation) verpasst, indem er sich in seinem eigenen Abbild verliert, anstatt den Blick nach innen zu richten. 

Speculum (Spiegel) Kunst und Narziss-Mythos

Schauen wir uns nun die Verbindung zwischen Kunst, dem Begriff Speculum (lateinisch für „Spiegel“) und dem Narziss-Mythos an. Sie ist kunsthistorisch und philosophisch fundamental. Man könnte deuten, sie bildet das Rückgrat von Ausstellungen wie jener im Museum Rietberg

In der kunsthistorische Bedeutung gilt das „Speculum“ als Ursprung der Kunst. In der Renaissance-Theorie von Leon Battista Alberti gilt Narziss, wie bereits erwähnt, als der eigentliche Erfinder der Malerei. Der Akt, ein flüchtiges Bild auf einer Oberfläche (dem Wasserspiegel) festzuhalten, wird als Geburtsstunde des künstlerischen Schaffens gedeutet.Der Spiegel fungiert in der Kunst als Speculum Mundi (Spiegel der Welt) oder Speculum Vitae (Spiegel des Lebens). Er soll nicht nur das Äußere zeigen, sondern durch die Reflexion eine tiefere Wahrheit oder moralische Belehrung vermitteln.

Auf psychologischer und philosophischer Ebene steht Speculum für Selbsterkenntnis und Medialität. Im Gegensatz zum rein optischen Spiegel steht das Speculum metaphorisch für die geistige Reflexion. Narziss scheitert daran, dass er im Spiegel nur das Objekt seiner Begierde sieht, nicht aber sein „Selbst“ erkennt.In der modernen Kunsttheorie wird der Spiegel/das Speculum als Medium untersucht, das die Grenze zwischen Betrachter und Werk auflöst. New-Media-Künstler nutzen diesen „Narziss-Effekt“, um den Betrachter direkt in das Kunstwerk einzubeziehen.

Die Jung’sche Perspektive auf das „Spiegeln“ umfasst Projektion und Individuation. Der Mensch sieht im anderen oft nur ein „Speculum“ seiner eigenen unbewussten Anteile (Schatten). Erst wenn man erkennt, dass das Bild im Außen eine Reflexion des Inneren ist, beginnt der Prozess der Heilung. 

Die Scheibe zwischen Sein und Schein

Moderne Künstler greifen den Moment der Spiegelung und Metamorphose auf, um die Grenze zwischen Realität, Unterbewusstsein und Betrachter aufzuheben. Salvador Dalí ist hierbei die Schlüsselfigur, doch auch zeitgenössische Skulpturen nutzen das „Speculum“ als interaktives Element. 

Salvador Dalí: Die Metamorphose des Narziss (1937)  gilt als das erste Gemälde, das Dalí vollständig nach seiner „paranoisch-kritischen Methode“ schuf. Dalí nutzt ein Doppelbild: Die hockende Figur des Narziss am linken Rand spiegelt sich rechts in einer versteinerten Hand wider.In der Hand ruht ein Ei, aus dem eine Narzisse (Blume) sprießt. Die Verwandlung vom selbstverliebten Jüngling in ein organisches Symbol wird durch die optische Verschmelzung der beiden Formen erlebbar gemacht.Das Werk entstand zu einer Zeit, als Dalí intensiv die Schriften Freuds studierte. Er wollte den Übergang vom rationalen Bewusstsein zum irrationalen Delirium visualisieren.(Bild von marcosantiago auf Pixabay)

In zeitgenössischen Ansätzen gilt der Spiegel als interaktive Metamorphose. In der modernen Bildhauerei wird der Betrachter selbst zum „Narziss“, indem der Künstler Teil des Werks wird: 

  • Yayoi Kusama – „Narcissus Garden“: Bestehend aus hunderten glänzenden Stahlkugeln, erzeugt dieses Werk ein unendliches Reflexionsfeld. Der Betrachter sieht sich tausendfach vervielfältigt, was die narzisstische Selbstbetrachtung sowohl feiert als auch ad absurdum führt.
  • Anish Kapoor – „Sky Mirror“: Kapoors konkave Spiegeloberflächen stellen die Welt buchstäblich auf den Kopf. Die Metamorphose findet hier im Auge des Betrachters statt, da sich die Umgebung und das eigene Abbild in verzerrten, traumähnlichen Formen auflösen.