Du betrachtest gerade Schauspiel Frankfurt: „Zack. Eine Sinfonie“;  Texte von Daniil Charms, Wolfram Kochs Clownerien

Inzwischen ist den UniWehrsEL Lesenden sicherlich hinlänglich bekannt, dass die vorwiegende Mehrheit der Beitrage im Blog Bezüge zu aktuellen Seminaren von Dr. Elke Wehrs an der U3L aufweisen. So auch der folgende Beitrag für den ich mich ganz herzlich bedanken möchte. Im Seminar „Krise und Hoffnung – Über Lebenskunst in bewegten Zeiten“ diskutieren die Studierenden, wie Menschen in Zeiten der Unsicherheit Würde, Sinn und Handlungsfähigkeit bewahren können. Als praxisnahes Beispiel für solche Überlebenskunst eignet sich der Soloabend „Zack. Eine Sinfonie“ mit Wolfram Koch im Schauspiel Frankfurt: Er zeigt, wie Humor, Parodie und spielerische Übersteigerung nicht nur unterhalten, sondern als Widerstand gegenüber Entmenschlichung und Willkür glücken können.

Sehr geehrte Redaktion,

Daniil Charms’ Texte, aus denen Koch seine Nummern rekonstruiert, verbinden absurde Komik mit bitterer Realität. Typische Motive sind die groteske Lynchjustiz (ein abgerissener Kopf rollt in einen Gully), die Professorenfrau, die nach dem Tod ihres Mannes in die Irrenanstalt abgeschoben wird, und Kalugin, der vom Mieter‑Kollektiv wie Müll entsorgt wird. Diese Miniaturen bleiben im Gedächtnis hängen. Denn das Lachen stockt: Pointen verwandeln sich in rohe Gewalt, kalte Bürokratie und staatliche Grausamkeit. Daniil Charms (geb. 1905 als Daniil Yuvachev) bezahlte für seine klaren Worte mit dem höchsten Preis: Ende 1941 in Haft geraten, verschwand er bald im stalinistischen System — 1942 starb er in einer Gefängnispsychiatrie, vermutlich an Unterernährung. Viele seiner Texte wurden in Archiven vergraben und erst Jahrzehnte später wieder ans Licht geholt.

Wolfram Kochs Spiel rückt dieses Spannungsfeld zwischen Komik und Bedrohung in den Mittelpunkt. In einem 75‑minütigen Monolog wechselt er unablässig Rollen: Don Juan, Chorfiguren, ein entlassener Professor, der verhungernde Kalugin, selbstironische Erzählerstimmen. Bühne und Requisiten – der bronzene Archivschrank, das güldene Lametta, die knalligen Kostüme – verweisen auf Charms’ „Schrank“ als Metapher der Zensur. Koch nutzt Perückentricks, Trompetenkazoos, Ballett‑Momente und abrupte Nichtauftritte, um die Komik körperlich und körperlich verletzlich werden zu lassen. (Image by garten-gg from Pixabay)

Staatliche Willkür, Gewalt und Brutalität durchziehen die Stücke wie ein dunkler Unterton — und Wolfram Koch macht diese Bedrohung spürbar, ohne je in Voyeurismus oder trivialen Slapstick zu verfallen. Sein Spiel hält die Balance zwischen Groteske und Würde: Die komischen Gesten sind präzise kalkulierte Werkzeuge, mit denen er Machtmechanismen demontiert, nicht lächerlich macht. Wenn er Kalugin wie Müll wegkippt, die Professorenfrau ins Irrenhaus verschwindet oder die Lynchjustiz brutal wird, trifft die Darstellung unmittelbar und ohne Zynismus; das Lachen stockt, die Pointe wird zur Anklage. Koch verwandelt Albernheit in moralische Schärfe — die Komik öffnet Räume für Mitgefühl.

Das Dauer‑Umschalten erzeugt einige komische Momente aber auch Tragische: Lachen bleibt oft im Halse stecken, weil die Szenen sofort in groteske Gewalt umschlagen. Dabei veralbert Koch nichts; seine Parodie ist zugleich anklagend und melancholisch. Musikalisch wird der Abend durch Michael Haves’ rhythmisch treibende Begleitung getragen, die das theatralische Pendeln zwischen Furor und Zerbrechlichkeit stützt.

Die Regie von Jakob Fedler zeichnet sich durch eine feine Balance aus: Sie ordnet Charms’ Bruchstücke zu einer dramatischen Sinfonie, lässt Tempowechsel, verrückt-absurde Momente auf der Bühne zu, sowie abruptes Schweigen als formbildende Mittel wirken und bewahrt so die Spannung zwischen Komik und Bedrohung. Fedlers Ausstattung nutzt den bronzenen Archivschrank als zentrales Symbol – Kunst als eingeschlossene Stimme – und setzt mit dem güldenen Lametta‑Vorhang, sparsamer Requisite und punktueller Musikeinführung von Michael Haves starke, suggestive Bilder, die Kochs Variantenreichtum optimal tragen.

Wolfram Koch fungiert in dieser Regiearbeit vor allem als Clown im klassischen Sinn: nicht bloß Spaßmacher, sondern Zuschauer‑Spiegel, Enthüller von Widersprüchen und Träger ambivalenter Gefühle. Sein Clownsein ist körperlich, musikalisch und sprachlich: Perückentricks, Trötentöne, Ballett‑Einlagen und abrupte Mimiken schaffen eine Figur, die lächerlich und verletzlich zugleich ist. Als Clown behauptet Koch die Unverletzlichkeit des Ichs und macht damit Humor zur Überlebenskunst; zugleich wird deutlich, dass dieser Clown nicht harmlos ist — er provoziert, entlarvt und mahnt, weshalb die Situationskomik oft in Melancholie und Bedrohung umschlägt. (Image by GregBulmash from Pixabay)

Als Beispiel für Lebenskunst in bewegten Zeiten demonstriert „Zack“ zwei Lektionen: Erstens kann Humor als psychische Immunisierung dienen — das Ich erhebt sich gegen Kränkung, verwandelt Bedrohung in subversive Lust. Zweitens ist Humor in autoritären Kontexten riskant und politisch: Charms’ Schicksal zeigt, dass Lächerlichmachen Machtverhältnisse herausfordert und deshalb verfolgt wird.

Wolfram Kochs Solo-Abend verdeutlicht sowohl die Befreiungskraft des subversiven Humors als auch die Schattenseiten, die dieser Widerstand mit sich bringt — aus einer Idee Wolfram Kochs ist diese Textauswahl entstanden. Die Inszenierung unterstreicht die Bedeutung der Texte Daniil Charms‘ und macht es lohnenswert, sich näher mit seinem Werk auseinanderzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

 Shelly Neshville

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:20. April 2026
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