Das Staatsorchester Darmstadt spielt Werke von Modest Mussorgsky und Arnold Schönberg im Großen Haus des Staatstheaters. Das Programm verbindet spätromantische russische Klangmalerei mit Schönbergs Orchestrierungskunst. Beim 7. Sinfoniekonzert im Staatstheater Darmstadt gab es Reaktionen zwischen Faszination und Nachdenken: einerseits wegen der dichten, lebendigen Aufführung; andererseits wegen der Fragestellungen, die sich beim Hinausgehen aufdrängten.
Sehr geehrte Redaktion des UniWehrsEL,
musikalisch blieb mir besonders die Saxofonistin Asya Fateyeva im Gedächtnis. Sie rückt das Saxophon als solistischen Ausdrucksmedium neu ins Zentrum des Konzerts und schenkt dem Abend menschliche Nähe und klangliche Wärme.
Das Programm spannte einen berauschenden Bogen: Schulhoffs swingende Hot‑Sonate ließ die Luft knistern, Schönbergs geheimnisvolle „Lichtspielszene“ zog mich in eine andere Zeit, und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ öffneten für den Zuhörer Räume voller Erinnerung an schöne Ausstellungen.
Erwin Schulhoff, Arnold Schönberg, Frank Martin bilden im Programm ein kontrastreiches Panorama — und Asya Fateyeva verbindet all diese Welten mit ihrem Instrument. Schulhoff, in den 1920er/30er‑Jahren Teil der tschechischen Avantgarde, holt Jazz in die Kunstmusik; seine 1930er Hot‑Sonate für Altsaxophon und Klavier greift bewusst jazzige Quellen auf und lehnt sich gegen den Expressionismus. Zu Schönbergs Lebzeiten hatte sich das Kino bereits als neue Kunstform etabliert und das Publikum verlangte nach Musik, die Emotionen wie Angst, Gefahr, Liebe und Romantik transportierte. Mit „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ hat Schönberg diesen Trend aufgegriffen und dem Kinopublikum die Möglichkeit gegeben seine Musik im Kino zu erleben. Bei Frank Martin spielte das Saxofon eine führende Rolle in der Tanzmusik. Daher schuf er die Ballade für Tenor-Saxofon und kleines Orchester.
Doch was mich besonders traf, waren die jungen Komponistinnen und Komponisten im Umgang mit der KI: Ricercar (Interaktives KI-Kompositionssystem) erschien mir wie ein eigensinniger Mitspieler, der aus seinem Material etwas Neues schuf, was dem Hörer aber trotzdem seltsam vertraut schien — die heutigen KI-Systeme können vor allem eines bemerkenswert gut. Sie können andere Kompositionen nachahmen. Sie sind mehr ein Papagei der den echten Künstler nachäfft als ein Kreativmotor der eine völlig neue Komposition erschafft. Danielle Luries „Nachbilder einer Ausstellung“ flimmerte wie ein Traum, Yurii Riepins „Zauberwald“ hauchte Geheimnisse zwischen Bäumen, Fabian Blums „Die Schere“ ritzte die soziale Kluft in die Luft, und Michael Leitners Hexenstück knisterte vor mythischer Wut.
Diese Spannungsfelder lassen sich gut an den aufgeführten Stücken ablesen: Ricercar brachte Fragmente aus Mussorgsky in neue Kontexte, wandelte Mussorgsky Musik in surreale Landschaften. Solche Experimente machen sichtbar, welche Routinen in der Komposition schlummern und wie produktiv ihr Aufbrechen sein kann. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie algorithmische Voreinstellungen, Datengrundlagen und Ästhetik‑Bias die Resultate formen.
Überall spürte man, wie die Maschine Brüche provoziert, Überraschungen ausspuckt und doch wirkt das komponierte stets bekannt und nicht neuartig, die mit KI-entwickelte Musik legt beim Sinfoniekonzert frei, dass KI im Moment ein Hilfsmittel ist, aber noch keine eigene Handschrift besitzt, keine eigene Persönlichkeit. Eine Erkenntnis dieses Sinfoniekonzerts ist zweifellos, dass die KI für Komponisten ein interessantes Instrument ist, die eigenen Kompositionsfähigkeiten zu verfeinern. Trotz aller Heilsversprechen der KI-Entwickler ist die KI weit entfernt davon, eine selbstständige Persönlichkeit oder Intelligenz zu besitzen wie es menschliche Komponisten schaffen; aus Musik Wärme, Ironie oder Zerbrechlichkeit zu formen. Es war, als sähe man einem Koch zu, der tolle Zutaten hat, aber noch nicht weiß, wie er aus diesen Zutaten ein Gericht anrichten sollte, dass dem Esser mundet.
Vor dem Konzert fragte ich mich – und viele im Publikum sicher mit mir – Werden Komponist*innen künftig häufiger KI als Hilfsmittel nutzen? Die Antwort erschien mir ambivalent, aber tendenziell ja. KI kann heute bereits sinnvolle Beiträge leisten: sie generiert Varianten von Motiven, schlägt harmonische oder texturale Alternativen vor, extrahiert und rekombiniert historisches Material, liefert überraschende Formideen und unterstützt beim Durchsuchen großer Archive. In den präsentierten Werken zeigte sich, dass KI kreative Impulse geben kann, die ohne sie vielleicht unentdeckt blieben. Gleichwohl bleibt sie Werkzeug, nicht Ersatz: die kritische Auswahl, das ästhetische Urteil, die dramaturgische Verknüpfung – all das bleibt menschliche Kunst. Die produktive Reibung Mensch vs. Maschine erzeugt Spannung: Wo eröffnet die Maschine kreative Räume?

Hier verknüpft sich das Konzert unmittelbar mit dem Seminar „Krise und Hoffnung – Über Lebenskunst in bewegten Zeiten“. In bewegter Zeit suchen Künstler*innen nach Mitteln, um Unsicherheit, Spaltung und Sehnsucht hörbar zu machen. Die vorgestellten Werke nutzen KI nicht als bloße Technik, sondern als kreativen Dialogpartner: sie spiegeln Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung, schaffen neue Musikstücke aber sie können den Komponisten nicht ersetzen. Asya Fateyevas warmes, expressives Saxophon wirkt in diesem Konzert der Beweis dafür, dass die menschlichen Komponisten der KI-Technik noch lange überlegen bleiben, weil sie beim Zuhörer spürbare Emotionen wecken.
Das Konzert zeigte eine Zukunft, in der KI Komponisten neue Türen öffnen kann – zu Varianten und Verknüpfungen – ohne jedoch das ästhetische Urteilsvermögen des Menschen zu ersetzen. Die künstlerische Aufgabe wird darin bestehen, diese Werkzeuge kritisch und schöpferisch zu nutzen, damit Technik nicht nur Effizienz bringt, sondern neue poetische Räume schafft.
Mit freundlichen Grüßen
Simon Syntax



