In der fiktiven Frankfurter Opernwelt der Schreibwerkstatt im UniWehrsEL (Abstracts bis Fall 39) verdichten sich die Morde an den Künstlerinnen zu einer grausamen Inszenierung. Ritter und Burn treffen sich zur Operativen Fallanalyse. Sie schauen sich die Bilder und Akten zu den bisher geschehenen Opernmorden an. Sie studieren die Inszenierungen rund um die Toten im Kostüm der Maria Callas (aus dem Kommunikationsmuseum) oder das blutige Samtbündel am Willy-Brandt-Platz. Beim genauer hinsehen wird die Verknüpfung von Opernsymbolik, Perfektionismus und dem Spiegel-Motiv psychologisch vollkommen transparent.
Eingefügte Szene I. N.: I. Burn und Kommissar Ritter sitzen gemeinsam im Poliozeipräsidium und schauen sich die Tafel mit den Opfern auf den Bildern nochmals genauer an:
Burn: Der Täter nutzt die berühmtesten Tragödien der Operngeschichte als Schablone für sein psychopathologisches Verlangen nach makelloser Symmetrie:
Da ist zunächst einmal Carmen und nach allem, was wir über das Täter-Profil wissen, ging es ihm wohl um das Auslöschen des wilden Atems. Betrachten wir dies unter dem Aspekt der Opern-Symbolik entsteht folgendes Bild. In Bizets Carmen bricht die Titelheldin alle gesellschaftlichen Regeln. Sie ist ungezähmt, impulsiv und atmet das pure, unkontrollierte Leben. Don José tötet sie am Ende aus Ohnmacht über diesen Kontrollverlust.
Nehmen wir den psychologischen Kontext, die Zerstörung des Triebhaften hinzu, dann lässt sich sagen: Für unseren perfektionistischen Mörder ist Carmen die ultimative Bedrohung. Ihr „wildes Atmen“ symbolisiert puren, fehlerhaften Instinkt. Wenn er eine Künstlerin im Carmen-Stil inszeniert, tötet er sie nicht nur aus Eifersucht (wie im echten Libretto), sondern weil er das „Kreatürliche“ zum Schweigen bringen will. Ihr Tod fixiert sie in einer unbeweglichen Pose – der Täter spiegelt in ihrem leblosen Körper seine Sehnsucht nach absoluter, eingefrorener Kontrolle wider.
Nicht schlecht, mein Lieber! fährt Ritter ihm anerkennend dazwischen.
Burn freut sich über das Lob und rezitiert weiter: Schauen wir nun auf Tosca und diesen perfekten, Todeskuss. In der Opern-Symbolik wird deutlich, Tosca ist eine Oper über Täuschung, Verrat und die Grausamkeit der Macht. Legendär ist die Szene, in der Tosca den Peiniger Scarpia ersticht und ihm zuraunt: „Das ist der Kuss der Tosca!“ Am Ende stürzt sie sich von der Engelsburg in den Tod.
Im psychologischen Kontext geht es hier um den Zweiweg-Spiegel der Macht: In Puccinis Meisterwerk geht es um die Inszenierung einer Scheinexekution, die zur tödlichen Realität wird. Der Mörder im Tatort Frankfurt agiert genau wie Scarpia: Er inszeniert ein Machtspiel. Das „falsche Atmen“ der Künstlerin bricht für ihn die Illusion dieses perfekten Theater-Spiels. Indem er sie töten will, korrigiert er das „falsche Drehbuch“ der Realität. Ihr erstarrter Körper soll zu einem makellosen Kunstobjekt werden, das kein falsches Atmen mehr zulässt.
Leuchtet mir zwar nicht ganz ein, aber rede ruhig weiter! murmelt Ritter
Dann also noch ein Beispiel, damit Du verstehst, worauf es mir ankommt, fährt Burn fort. Diesmal geht es um Medusa und die Spiegelung der Täter-Opfer-Umkehr. Ein entscheidendes Puzzleteil liefert die spätere Entdeckung einer Vase mit dem Medusa-Motiv, wie Du Dich erinnern wirst. Und die daraus erkennbare Symbolik. Wer Medusa direkt anblickt, erstarrt zu Stein. Nur durch den Blick in den spiegelnden Schild des Perseus kann sie besiegt werden.
Und auch hier gibt es eine dahinter liegende Symbolik und einen psychologische Kontext, nämlich die Erstarrung: Der Mörder imitiert den Medusa-Effekt. Das fehlerhafte Atmen der Künstlerinnen löst in ihm eine psychotische Krise aus. Um sich vor dieser „Bedrohung“ zu schützen, lässt er seine Opfer sprichwörtlich erstarren. Er tötet sie und verwandelt sie in leblose Statuen.
Ja, ich erinnere mich an Deine Analyse, lieber Ivo, unterbricht Ritter wiederum. Diese Inszenierung zeigt eine tiefe Täter-Opfer-Umkehr: Der Mörder fühlt sich durch das unsaubere Atmen der Frauen tief verletzt und gequält, weshalb er seine grausamen Taten in seiner Logik als reine „Notwehr“ oder „Rettung der Kunst“ rechtfertigt.

Burn und Ritter fachsimpeln weiter. Als sie die Spuren der Callas-Toten und der anderen Opfer zusammenführen, begreifen sie: Jede tote Diva ist ein verzerrtes Spiegelbild der inneren Leere des Täters. Er sucht in der makellosen Musik eine Reinheit, die es im echten, atmenden Leben nicht gibt. Jakob, der Mann im Hintergrund, der mit Projektionen, Videos und Technik arbeitet, bedient genau diese Sehnsucht des Täters nach einer künstlichen, absolut fehlerfreien Spiegelwelt.
Immer klarer wird den Beiden wie Jakobs technische Inszenierung funktioniert. Unklar bleibt aber, ob es einen Drahtzieher gibt, der Jakob als sein entscheidendes ‚Werkzeug‘ betrachtet, um seine psychotischen Wunschfantasien greifbar zu machen. Während der Mörder die emotionale Obsession für fehlerfreie Musik in sich trägt, liefert Jakob die technologische Infrastruktur, um die fehlerhafte Realität in eine klinisch reine, manipulierte Spiegelwelt zu verwandeln.
Aus psychologischer Sicht greifen Technik und Wahnsinn hier auf drei Ebenen ineinander, erklärt Burn dem verdutzten Ritter. Es geht um die Entkoppelung von Körper und Stimme durch Video-Loops mit psychologischem Effekt. Jakobs Aufgabe soll es ein, einen Zweiweg-Spiegel der Wahrnehmung zu erschaffen. Der Mörder will dem Publikum eine makellose, künstliche Symmetrie vorgegaukeln. Die echte, fehlerhafte Künstlerin muss hinter den Projektionen unsichtbar bleiben. Ein echter Körper altert, zittert und ringt nach Luft – er erzeugt das verhasste, fehlerhafte Atmen.
Jakobs Lösung dazu muss es also sein: Durch das Verweben von aufgezeichneten Videos, Audio-Loops und Live-Projektionen entkoppelt Jakob die menschliche Stimme von der physischen Künstlerin. Wenn die Sängerin auf der Bühne schwankt oder unsauber atmet, kann Jakob im Hintergrund ein digitales Abbild einspielen.
Letztlich gibt es da einen Menschen, dem geht es um die totale digitale Kontrolle als Dehumanisierung, ereifert sich Burn. Er nutzt Technik als Filter: Jakob ist ein Mann, „der für seine Technik lebte, aber seine Menschlichkeit schon lange verloren hatte“. Diese Kälte matcht perfekt mit dem psychopathischen Kontrollwahn des Mörders. Für Jakob geht es um Synthetische Perfektion: Über Mischpulte, Hall-Effekte und visuelle Überblendungen korrigiert Jakob jeden menschlichen Makel in Echtzeit. Die Technik wird zu einem künstlichen Spiegel, der das unvollkommene Live-Erlebnis filtert und nur das „reine“, mathematisch perfekte Signal zurückwirft. Für den Mörder ist diese technisierte Bühne die einzige Welt, in der er existieren kann.

Schon gut, Ivo, ich verstehe Deinen Gedankengang. Es geht um das Durcheinander aus Stimmen und Projektionen als Tatwerkzeug. Sie dienen als Verschleierung der Morde: Wie die Zeugin Alice uns deutlich gemacht hat, nutzten der Mörder und sein Handlanger Jakob das visuelle und akustische Chaos aus Projektionen und Stimmen ganz gezielt. Während das Publikum auf die perfekte digitale Spiegelung der Diva starrte, passierte im Halbdunkel das Verbrechen. Es entsteht ein grausames Zusammenspiel. Jakobs Videos liefen nahtlos weiter, während die echte Künstlerin im Hintergrund bereits mit dem Tod rang – ihr echtes, panisches Röcheln wurde durch Jakobs perfekt abgemischte Musikbänder einfach übertönt. Der digitale Spiegel blieb sauber, während die Realität blutig wurde.

Ja, Ritter, steigert sich Burn in seine Überlegungen hin, die schlaue Alice hat durchschaut und uns erklärt, dass die Technik nicht nur der Vertuschung diente, sondern ein psychologisches Schutzschild für den Täter war. Sie dachte logisch und verstand, die künstlichen Medien-Spiegelungen (die bearbeiteten Aufnahmen der Sängerinnen) waren dazu da, die Unvollkommenheit des lebendigen Menschen auszublenden.
Nun, liebe UniWehrsEL-Lesende und Schreibende, das ist nun eine ganz unerwartete Wendung. Während wir schon sicher waren, der Tontechniker Jakob wäre der Mörder, stellt er sich anscheinend oder scheinbar als Handlanger eines Mörders heraus, der nur die technischen Voraussetzungen beisteuerte und für die nötige Beschallung sorgte, damit der eigentliche Mörder in Ruhe sein grausames Werk vollbringen konnte. Aber wer ist denn nun der große Unbkannte, der Opern-Diven hasst und sich in der Opernwelt so gut auskennt?
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