Du betrachtest gerade Ellen über deformierte Zeit oder wenn Literatur auf Kunst trifft: Theodor Storm und Max Ernst „Aquis Submersus“

Es ist Sommerzeit, noch immer Ferienzeit. Man geht auf Reisen und hat Gelegenheit, alte oder neuere Literatur ins Visier zu nehmen und nochmals mit den heutigen Augen zu betrachten. So geschehen bei Ellen; sie wissen schon, die ältere Lehrerin. Sie hat bei ihrem Tripp nach Usedom den Theodor Storm im Gepäck und wie es so ihr Art ist, recherchiert sie dazu und lässt uns an ihrem Wissen teilhaben.

Meine liebe Leserschaft im UniWehrsEL,

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Sie haben richtig gehört, ich bin auf Usedom und sitze im Strandkorb. Wenn Sie genau hinschauen, werden Sie mich schon erkennen, falls Sie auch gerade da sind (danke für Deine Anregung, liebe Antje!). Mir kam spontan in den Sinn, eine Geschichte von Storm aufzugreifen, die ich jahrelang meinen Schülern gradezu ‚aufgedrängt‘ habe. Und falls Sie Lust dazu haben, dann erzähle ich Ihnen hier, was ich herausgefunden habe:

Grundlage meines Essays ist die Novelle Aquis Submersus von Theodor Storm. Theodor Storms Novelle Aquis submersus (1877) erzählt eine tragische Liebesgeschichte im 17. Jahrhundert, die durch Standesunterschiede und ein verhängnisvolles Versäumnis in einer Katastrophe endet. Ein Maler verliert sein Kind, als er sich mit der verheirateten Mutter in einem verbotenen Wiedersehen verliert, was in einem Gemälde des toten Kindes mit der Inschrift „Durch die Schuld des Vaters im Wasser untergegangen“ verewigt wird. Die Geschichte beleuchtet die verbotene Liebe zwischen Johannes und Katharina, die von Katharinas brutalem Bruder Wulf und dem fanatischen Prediger Junker Kurt, den Katharina heiraten muss, gestört wird.

Theodor Storm wurde durch ein reales historisches Kunstwerk, eigene Kindheitserinnerungen und politische Frustration zur Entstehung von „Aquis submersus“ inspiriert. Die Entstehungsgeschichte der Novelle (geschrieben von November 1875 bis April 1876) beruht auf vier wesentlichen Säulen:

Da war zunächst das reale Vorbild: Das Epitaph von Drelsdorf. Der wichtigste Impuls war ein echtes Gemälde, das Storm allerdings selbst nie gesehen hatte, sondern aus Überlieferungen und Erzählungen kannte. In der Kirche von Drelsdorf (Schleswig-Holstein) hing ein historisches Totenbild (ein sogenanntes Epitaph). Es zeigte ein ertrunkenes Kind, das im Jahr 1656 gestorben war. Unter diesem Bild stand die lateinische Inschrift: „incuria servi aquis submersus“ („durch Unachtsamkeit des Dieners im Wasser versunken“). Storms Geniestreich lag darin, für seine psychologische Novelle die Inschrift radikal zu verändern.. Aus der Nachlässigkeit des Dieners machte er das tragische Kürzel C.P.A.S.Culpa Patris Aquis Submersus („Durch die Schuld des Vaters im Wasser untergegangen“). Damit rückte er das moralisch-traumatische Thema der Schuld ins Zentrum.

Klar, waren auch Storms eigenen Kindheitserinnerungen in Hattstedt eine Grundlage. Die Atmosphäre im Rahmenteil der Novelle entnahm Storm direkt seiner eigenen Jugend.

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Er verbrachte in seiner Jugend viel Zeit im Dorf Hattstedt in der Nähe seiner Heimatstadt Husum. Dort war er eng mit dem Sohn des dortigen Pastors befreundet. Genau diese Konstellation nutzt er für den Rahmenerzähler der Novelle, der als Junge mit dem Pastorensohn die Kirche erkundet und dabei das unheimliche Bild des toten Kindes entdeckt.

Weitere Inspiration lieferten Quellenstudium und Faszination für das Barock. Die Idee zur Novelle kam Storm auf einer Reise im Herbst 1875. Um die Binnenerzählung im 17. Jahrhundert (kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg) absolut authentisch wirken zu lassen, betrieb er intensive historische Recherchen: Er wälzte alte Ausgaben der Husumischen Nachrichten sowie Chroniken aus Kiel und Hamburg. Er meißelte den Sprachstil der Binnenerzählung so um, dass er das Heimatsdeutsch des Barocks perfekt imitierte, um dem Leser das Gefühl eines echten, alten Manuskripts zu vermitteln.

Wichtig war zudem der Politische Hintergrund und der Verlust der Heimat. Es gab auch einen aktuellen politischen Auslöser im Jahr 1875: Storms schleswig-holsteinische Heimat war kurz zuvor (nach dem Deutsch-Pränischen Krieg) vom Königreich Preußen annektiert worden. Storm, ein glühender Lokalpatriot, litt unter dieser preußischen Überfremdung. Das Schreiben einer „Chroniknovelle“, die tief in die schleswigsche Landesgeschichte eintaucht, war für ihn eine Art Flucht und Identitätssicherung in einer Zeit, in der er seine vertraute Heimat politisch schwinden sah.

Ja, meine lieben Leser, wenn wir uns fragen, wie Theodor Storm zu dieser Geschichte kam, stoßen wir auf ein zutiefst persönliches Motiv: Der Verlust der Heimat. Für ihn war der Blick zurück in das Jahr 1666 – in das Barock nach dem Dreißigjährigen Krieg – eine Flucht vor einer unerträglichen Gegenwart. Er nutzte die Kunst, das Bild des ertrunkenen Kindes, um ein Trauma über Jahrhunderte hinweg im Aion, der Ewigkeit, einzufrieren.

Und genau hier schließt sich der Kreis zu dem Mann, den ich Ihnen als nächstes vorstellen möchte, weil er es war, der dieses Bild 1919 aufgriff: Max Ernst. Sein Bild lässt sich beim nächsten Städelbesuch mit Pfarrer Schnell bestimmt zum Betrachten einplanen.

Max Ernst hat Storms Novelle nicht zufällig gewählt hat, sondern weil beide Künstler vor denselben psychologischen Trümmern standen. Nennen wir es Die Parallele des Epochenbruchs (Krise der Gegenwart). Storm (1875) erlebte die preußische Annexion seiner Heimat als Identitätsverlust. Er flieht, wie bereits erwähmt, rückwärts in die Zeit des Barock (1666), um den Verlust zu verarbeiten. Ernst (1919) kehrte traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Die vertraute Weltordnung war komplett zerstört. Er griff Storms Jahreszahl 1666 auf, weil für ihn 1919 ein ebenso apokalyptischer Epochenbruch war.

Image E. W.

Schauen wir auf ein Epitaph, das sich als Zeitschleife betrachten lässt und somit an Aion – einen Begriff, den wir im Wintersemester 26/27 im Seminar Chronos, Kairos und Kultur, sicherlich noch vertiefen werden. Aion (griech. Lebenszeit) bedeutet in der griech. Philosophie die überzeitliche Ewigkeit im Unterschied zur Endlichkeit der zeitlichen Dinge. Später wird Äon auch im Sinn von Zeitalter verwendet.

Also nun zum Epitaph, einer Gedenktafel. Storm baut seine gesamte Novelle um ein reales, barockes Totenbild (das Epitaph von Drelsdorf). Das Bild dient dazu, die Schuld des Vaters über Jahrhunderte hinweg starr und lebendig zu halten. Max Ernst nimmt genau diesen Faden auf: Er malt sein Bild Aquis submersus wie ein modernes, surrealistisches Epitaph. Die Kunst wird bei beiden zum Gefäß, das die lineare Zeit (Chronos) aufhebt und das Trauma in die Ewigkeit (Aion) überführt. Bei Storm führt das historische Trauma dazu, dass der Kairos (der rettende Moment) knapp verpasst wird – die Figuren leiden an ihrer Schuld, behalten aber ihre Würde.

Bei Max Ernst (und später in seinem Werk Celebes, 1921) ist der Schock des Weltkriegs so gewaltig, dass der Kairos nicht mehr nur verpasst wird, sondern die menschliche Psyche komplett kollabiert. Die Figuren werden zu leblosen Puppen oder kopflosen Wesen. „Celebes“ (1921) von Max Ernst gilt als das erste große Meisterwerk des beginnenden Surrealismus. Weil Ernst darin unvereinbare Bildelemente nach dem Prinzip einer Collage zusammenschmiedet, gibt es in der Kunstwissenschaft nicht die eine richtige Deutung, sondern drei etablierte Interpretationsebenen, die sich perfekt ergänzen.

Max Ernsts Gemälde „Aquis submersus“ (1919) wird in der Kunstwissenschaft als Schlüsselwerk des Übergangs vom Dadaismus zum Surrealismus gedeutet. Ernst reagiert hier virtuos auf Theodor Storms Novelle, bricht deren Inhalt jedoch durch eine moderne, psychoanalytische Linse.

Gerne möchte ich den Versuch unternehmen, Aquis submersus von Max Ernst für Sie zu deuten. Schauen wir zunächst auf die kunsthistorische Deutung und verstehen diese als einen Dialog mit der Pittura Metafisica. Das Bild ist stark von der italienischen Pittura Metafisica (Metaphysische Malerei) um Giorgio de Chirico beeinflusst. Er betrachtet die Welt als leblose Kulisse, die Gebäude wirken unnatürlich, flach und wie eilig handgezeichnete Theaterkulissen. Durch seine übersteigerte Perspektive werden Gefühle der Entfremdung und der Unheimlichkeit erzeugt.

Das Städel Museum zeigt neben Max Ernst auch noch andere berühmte Maler, die von ihm inspiriert wurden. Unter anderem Volker Böhringer mit „Ländlicher Idylle“ (1935).

Es gibt auch, mir besonders naheliegend, die psychoanalytische Deutung: Das Wasser als das Unbewusste

Da Max Ernst intensiv Sigmund Freud las, ist Aquis Submersus für ihn eine visuelle Metapher für die menschliche Psyche. Im Zentrum steht ein Swimmingpool, in dem eine Person (ein Kind oder eine Frau) kopfüber eintaucht oder ertrinkt. Die offizielle Deutung des Städel Museums besagt: Dieses Eintauchen symbolisiert die Abkehr von der rationalen, logischen Welt. Wasser steht in der Psychoanalyse traditionell für das Unbewusste. Am Himmel hängt eine mechanische Uhr, die sich im Wasser wie ein natürlicher Mond spiegelt. Das bedeutet: Die rationale, messbare Außenwelt (die Uhr/Chronos) verzerrt sich im Inneren der menschlichen Psyche zu etwas völlig anderem.

Last but not least möchte ich nochmals an die biografisch-historische Deutung erinnern: Das Nachkriegstrauma von 1919. Das Entstehungsjahr 1919 ist fundamental für das Verständnis des Bildes. Max Ernst war gerade erst aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt.Während bei Storm ein einzelnes Kind aus Unachtsamkeit ertrinkt, deutet Ernst das „Aquis submersus“ (im Wasser versunken) kollektiv. Das ertrinkende Wesen im Pool steht für die junge Generation Europas, die im Schlamm und in den Schützengräben des Krieges untergegangen ist. Die puppenhafte, gliederlose Figur im Vordergrund (die Frau) hat keinen freien Willen mehr. Sie symbolisiert die Schockstarre der Überlebenden. Die Gesellschaft ist nach den Schrecken des industrialisierten Krieges seelisch gelähmt und unfähig, die Katastrophe zu begreifen.

So, meine Lieben, jetzt komme ich doch langsam zum Ende und fasse nochmals für Sie so zusammen, wie ich es jahrelang für meine Schüler getan habe: „Während Theodor Storm 1876 eine historische Tragödie über individuelle Schuld erzählt, transformiert Max Ernst 1919 das Motiv: Bei ihm wird Aquis submersus zur Zustandsbeschreibung einer traumatisierten Epoche. Die Welt ist zur leeren Kulisse erstarrt, die Zeit steht still und der Mensch flieht vor der grausamen Realität, indem er kopfüber in das Unbewusste abtaucht.“

Jetzt klappe ich meine Notizen zu und grüße herzlich

Ihre Ellen


📌Zwei Stunden Später:

Ich kann es einfach nicht lassen. Darum fasse ich noch die wichtigsten Kernbegriffe meiner Deutung zu Celebres hinzu. Schauen Sie es sich doch auch bitte einmal an (leider nur im link, Sie wissen schon, Urheberrecht):

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Einmal als historische Interpretation: Das Trauma des Ersten Weltkriegs. Das monströse Wesen im Zentrum basiert visuell zwar auf einem afrikanischen Getreidespeicher, erinnert aber eklatant an die neuen, furchterregenden Waffen des Weltkriegs: einen klobigen Panzer (Tank) oder eine gigantische Gasmaske, aus der ein schlauchartiger Rüssel ragt. Die nackte, kopflose Frau rechts scheint die mechanisierte Kriegsmaschine fast wie im Tanz anzulocken. Kunsthistoriker deuten dies als Kritik an der westlichen Hochkultur und Kunst, die sich blind für die Propaganda des Krieges hergegeben hat. Kunsthistoriker deuten dies als Kritik an der westlichen Hochkultur und Kunst, die sich blind für die Propaganda des Krieges hergegeben hat. Der kahle Pfahl im Hintergrund steht symbolisch für die Sinnlosigkeit von Nationalismus und die nackten, zerstörten Landschaften der Front.


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Dann natürlich auch die psychoanalytische Interpretation: Der Traum und das Unbewusste. Max Ernst studierte Psychologie und war fasziniert von Sigmund Freud und dessen Traumdeutung. Aus dieser Sicht ist Celebes kein realistischer Raum, sondern eine visuelle Landkarte des menschlichen Unterbewusstseins. Im Traum existieren Dinge ohne logischen Zusammenhang nebeneinander – genau wie hier der prähistorische Fisch, der im Himmel schwimmt. Lineare Zeit und physikalische Gesetze sind außer Kraft gesetas Bild wimmelt von unbewussten Triebsymbolen. Dem weichen, hohlen, als weiblich gedeuteten Körper des Kessels steht auf der rechten Seite ein aufrecht stehender, phallischer roter Stab mit einer Spirale gegenüber. Das Bild reinszeniert das freudsche Spannungsfeld zwischen Eros (Lebenstrieb/Sexualität) und Thanatos (Todestrieb/Zerstörung).

Und letztlich auch die kunsttheoretische Interpretation: Die „gemalte Collage“. Bevor er dieses Ölbild schuf, arbeitete Max Ernst fast ausschließlich mit Papiercollagen. Celebes ist der Versuch, diese dadaistische Technik auf die Leinwand zu übertragen. Ernst nimmt Bilder aus Enzyklopädien, anthropologischen Zeitschriften und Kinderbüchern, schneidet sie im Geist aus und setzt sie neu zusammen. Durch den absurden Titel – entnommen aus einem derben Kölner Schuljungenreim („Der Elefant von Celebes / hat hinten etwas Gelebes…“) – verweigert Ernst bewusst eine rationale Erklärung. Die Interpretation ist das Rätsel selbst. Die Kunst befreit sich von der Pflicht, die Realität logisch abzubilden.

Und was meint die Forschung: Die Forschung deutet Celebes als ein vielschichtiges Rätselbild. Ob man es als Kriegstrauma (historisch), als Traumbild (psychoanalytisch) oder als Collage (kunsttheoretisch) liest – in allen drei Fällen ist das Ergebnis dasselbe: Die vertraute Ordnung der Welt ist kollabiert. Die Zerstörungskraft der Moderne (Chronos) hat die menschliche Vernunft enthauptet (Verlust des Kairos) und das Individuum in einen unendlichen, zeitlosen Raum des Mythos und des Traums (Aion) geschleudert.

Herzlichst Ellen