Du betrachtest gerade Dies irae – Tag des Zorns. Warum die Apokalypse heute im Kino soundtrackfähig ist.  Ein Essay von Ellen

Im Film „Vaterland“ wird die Zerstörungskraft einer ganzen Epoche physisch spürbar. Es ist eine Reise inmitten des beginnenden Kalten Krieges. Sie wirkt wie eine psychoanalytische Familienaufstellung und erinnert in ihrer Dynamik an die enge Verbindung zwischen Sigmund Freud und seiner Tochter Anna. Es geht um intime Dramen der Zerrissenheit zwischen Heimat und Exil, Schuld und dem kollektiven Trauma des verheerenden Weltkriegs. Für die alternde Lehrerin Ellen (die immer nach „Mutmachern“ sucht) verschmelzen diese historischen Schicksale der Familie Mann mit den überwältigenden Klängen des modernen Kinos zu einer zeitlosen, universellen Wahrheit, einem allumfassenden „Dies irae„. Ihre Gedanken dazu hat sie auf einer Kirchenbank in der Frankfurter Katharinenkirche in einem persönlichen Essay festgehalten.

Foto E. W.

Ellen sitzt auf einer der hölzernen Bänke in der Frankfurter Katharinenkirche, mitten im Herzen der Stadt.

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Draußen, nur wenige Schritte entfernt, pulsiert die Zeil; die gläsernen Fassaden der Banktürme spiegeln das Licht des Spätsommerabends. Drinnen herrscht eine fast greifbare Stille, bis plötzlich die Orgel anstimmt. Aber es ist kein Choral von Bach, der durch das Kirchenschiff rollt. Es ist ein moderner, markerschütternder Sound, den man eher aus dem Kino kennt. Sie zieht ihren Mantel enger um sich, schlägt ihr Notizbuch auf, nimmt die Füllfeder und beginnt zu schreiben.

Wir glauben gerne, wir hätten die Dämonen der Vergangenheit hinter uns gelassen. Wenn wir das Wort Dies irae – Tag des Zorns – hören, denken wir an verstaubte lateinische Missalien oder das düstere Raunen des Mittelalters. Wir wiegen uns in der trügerischen Sicherheit unserer aufgeklärten Moderne, besonders hier in Frankfurt, wo das Geld die Zeit taktet und die Wolkenkratzer so hoch gebaut sind, als wollten sie der Schwerkraft und der Sterblichkeit gleichermaßen trotzen.

Doch die Angst vor dem Ende ist nicht verschwunden. Sie hat nur ihr Gewand gewechselt. Sie ist aus der Liturgie in die Popkultur und mitten in unsere Lebensrealität gewandert.

Gerade eben spielte die Orgel hier in der Kirche ein Motiv, das fast jeder Teenager auf den vorderen Bänken sofort auf seinem Smartphone erkannt hätte: das Thema aus Denis Villeneuves Monumentalfilm Dune. Was der Komponist Hans Zimmer dort tut, ist im Grunde die moderne Reinkarnation des Dies irae. Ausgerechnet Zimmer, der 1957 genau hier in Frankfurt geboren wurde, bevor er Hollywoods Sound revolutionierte, hat die perfekte Übersetzung für diesen uralten Schrecken gefunden. Er nutzt keine klassischen Chöre mehr, sondern verzerrte, mechanische Klänge, grollende Bässe und hypnotische, fast unmenschliche Gesänge. Es ist die Vertonung einer unbarmherzigen Wüstenwelt, des unausweichlichen Schicksals und eines heiligen Krieges. Die Psychologie hinter diesem Kinosoundtrack ist exakt dieselbe wie im 13. Jahrhundert: Es geht um das überwältigende Gefühl der Ohnmacht vor einer Macht, die größer ist als wir selbst.

Das Kino hat verstanden, dass das Dies irae der perfekte psychologische Trigger für die Generation der Gegenwart ist. Ob es das unheilvolle, viertönige Synthesizer-Thema im Intro von Stanley Kubricks Shining ist oder die orchestrale Wucht in Christopher Nolans Inception – Hollywood bedient sich ungeniert an der musikalischen Architektur der Endzeit. Warum? Weil diese Klänge uns radikal mit unserer tiefsten Urangst konfrontieren: dem totalen Kontrollverlust.

An dieser Stelle trifft die Kunst auf das Frankfurter Pflaster der Psychoanalyse. Am hiesigen Sigmund-Freud-Institut beschreibt die Soziologin, Vera King,

Narzisstische Kränkung: Dass wir Maschinen erschaffen, die uns täuschend ähnlich sehen, wertet Vera King als eine der großen modernen Kränkungen, da die Einzigartigkeit des menschlichen Subjekts infrage gestellt wird. (Image by kalhh from Pixabay)

wie unsere Leistungsgesellschaft versucht, die Angst vor der eigenen Endlichkeit und Vergänglichkeit wegzudrücken. Wir flüchten uns in den „ewigen Aufbruch“, in permanente Selbstoptimierung und den Rausch der Beschleunigung, um bloß nicht anhalten zu müssen. Wir tun so, als könnten wir den Verfall managen. (unser Beitrag Der unsichtbare Zwilling: Wenn unser digitaler Fußabdruck ein Eigenleben entwickelt)

Aber im Kinosessel – oder eben auf einer hölzernen Kirchenbank inmitten der Frankfurter Skyline – versagt dieser Abwehrmechanismus. Wenn diese düsteren, abwärtsgleitenden Tonschritte durch den Raum vibrieren, bricht die Illusion der Machbarkeit zusammen. Die Musik holt das Verdrängte an die Oberfläche. Sigmund Freud nannte dieses Phänomen das „Unheimliche“: Etwas, das uns eigentlich vertraut ist (unsere eigene Sterblichkeit), das wir aber mühsam im Unterbewusstsein vergraben haben, bricht plötzlich wieder hervor.

Heute hat dieses „Unheimliche“ jedoch eine globale, greifbare Gestalt angenommen: die Klimakrise. Sie ist das reale, säkulare Dies irae unserer Epoche. Wenn wir Berichte über brennende Wälder, austrocknende Flüsse und unaufhaltsame Kipppunkte lesen, dann erleben wir die moderne Übersetzung von solvet saeclum in favilla – die Welt, die sich vor unseren Augen in Asche auflöst. Es ist ein kollektiver Tag des Zorns, den nicht mehr ein ferner Gott über uns bringt, sondern den wir uns durch unsere eigene Hybris selbst erschaffen haben. Die Ohnmacht, die die Menschen angesichts der ökologischen Zerstörung spüren, ist psychologisch identisch mit dem mittelalterlichen Zittern vor dem Jüngsten Gericht.

Die Exilanten Thomas Mann, (auch Sigmund Freud, der sein Exil in London hatte)

Danke für Image by PatricioHurtado from Pixabay

(unser Beitrag über ihre familiären Gemeinsamkeiten) und

Theodor W. Adorno (hr Heimat im Exil) haben von ihren Exilorten aus auf das brennende Europa geblickt und erkannt, dass der technologische Fortschritt das Grauen nicht besiegt, sondern es im schlimmsten Fall nur perfektioniert. In Manns monumentalem Spätwerk (Video Faust Tragedy – Dies Irae – Arturo Annecchino) – wird diese musikalische Apokalypse auf die Spitze getrieben. In Adrian Leverkühns Oratorium Apocalipsis cum figuris (Video Dürer) verschmelzen die Chöre des Dies irae auf zutiefst verstörende Weise: Mann beschreibt, wie das traditionelle Singen in ein rhythmisches, unheimliches Flüstern übergeht, sich zu einem rituellen Heulen steigert und schließlich in gellenden, dissonanten Schreien explodiert. Menschliche Stimmen ahmen Instrumente nach, während die Posaunen des Jüngsten Gerichts wie das Kreischen gequälter Seelen klingen. Es ist die totale Auflösung der Ordnung – die Vertonung der Hölle, in die der Nationalsozialismus Deutschland gestürzt hatte. Wenn wir heute epische Science-Fiction-Filme sehen, betrachten wir im Grunde dieselben verdrängten Zukunftsängste – verpackt in ein grandioses, modernes Sounddesign.

Ich muss an meine Zeit als junge Lehrerin zurückdenken. Wie anders, wie viel unbeschwerter habe ich das Dies irae damals im Unterricht vermittelt! Für mich war es ein rein ästhetisches, kulturhistorisches Phänomen. Ich ließ die Schüler die Struktur von Mozarts Requiem (Video Mozart – Requiem – Dies irae – Herreweghe) analysieren, erklärte ihnen brav die lateinische Grammatik und zeigte ihnen, wie geschickt Thomas Mann die Musik als Leitmotiv nutzte. Es war akademische Distanz. Für meine Schüler war es ein Relikt aus einer fernen Welt, das man für die Klausur lernte und danach wieder vergaß. Keiner von uns ahnte, wie real die Symbole der Apokalypse einmal werden würden. Heute kann ich dieses Thema nicht mehr unterrichten, ohne die existenzielle Bedrohung der Gegenwart in den Augen der jungen Generation zu sehen.

Bild von mikeydred auf Pixabay Picasso

(dazu unser Beitrag Krieg, Krise und Hoffnung in künstlerischen Werken)

Das Dies irae ist nicht tot. Es hat den Sprung von der Totenmesse auf die Kinoleinwand und in die Tagesschau geschafft. Und vielleicht brauchen wir diese moderne Form der künstlerischen Apokalypse sogar. Wenn Hans Zimmer die Orgelpfeifen erzittern lässt, bändigt er den Schrecken für zwei Stunden. Er gibt unserer namenlosen Angst vor der Vergänglichkeit eine Melodie. Wir verlassen das Kino oder diese Kirche, blicken hoch zu den glänzenden Banktürmen und wissen wieder, dass unsere Zeit hier kostbar ist. Weil sie endlich ist.

Ellen atmet tief aus, schließt das Notizbuch und streicht mit der Hand über den Ledereinband. Sie erhebt sich von der Bank. Draußen wartet das geschäftige Frankfurt, aber in ihr ist es für einen Moment ganz still geworden.

Vielen Dank an Kai Wehrs für die Anregung zu diesem Beitrag!