Ein Händelfan ging mit großer Neugier ins Staatstheater Meiningen. Unserem Ausflugstipp nach Meiningen mit Besuch des Staatstheaters Meiningen sind seit der Empfehlung der Operette von Emmerich Kálmán „Die Csáradásfürstin“ schon viele Leserinnen und Leser des UniWehrsEL gefolgt (dazu unser Beitrag Meiningen: Sarros Oper „Didone abbandonata“ – oder „Die Hölle, das sind die anderen“). Schon bald wich sein großes Staunen einem echtem Entzücken: Flavio erwies sich für den Opernkenner als eine Perle der Operngeschichte – prachtvoll, witzig und zugleich erstaunlich nah an Fragen, die uns heute beschäftigen. Die Inszenierung war bereits 2023 beim Bayreuth Baroque Opera Festival zu sehen und wurde dort von der Kritik als großer Erfolg gefeiert. Wer neugierig geworden ist: Eine Aufzeichnung ist auch auf YouTube mit Werbung abrufbar und es gibt noch weitere Veranstaltungen in Meiningen.
Liebe UniWehrsEL Lesende,

Die Aufführung von Georg Friedrich Händels Flavio, Re de’ Longobardi am Staatstheater Meiningen (Video) zeigt, wie gegenwärtig ein Werk aus dem Jahr 1723 wirken kann. Gerade im Zusammenhang mit dem Seminar „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ stellt sich die Frage: Was verbindet die damalige Opernwelt mit unserem heutigen Erleben?

Händel begeistert heute an vielen Spielorten aktuell wie unter anderem unser Beitrag Bockenheimer Depot: Händels „Der Triumph von Zeit und Erkenntnis“, Selbstoptimierung und Glücksverheißung beweist. Da ging es in Händels „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ (deutsch: Der Triumph von Zeit und Erkenntnis) um Schönheit, Zeit, Erkenntnis Enttäuschung.
Der Meister musste sein Publikum unterhalten, damit sein Opernunternehmen bestehen konnte. Dafür setzte er auf mitreißende und gefühlvolle Musik sowie auf Arien, die den berühmten Sängerinnen und Kastraten Gelegenheit gaben, ihr Können zu zeigen. Doch die Figuren in Flavio sind mehr als Rollen für virtuose Stimmen. Sie handeln aus Liebe, Eifersucht, Machtstreben und dem Wunsch nach Anerkennung – also wiederum geht es um Gefühle und Konflikte, die sich nicht auf eine bestimmte Epoche beschränken.
Die Regie greift dabei auf frühere Bearbeitungen zurück und fügt Figuren wieder ein, die in Händels Fassung fehlen, etwa die kinderlose Königin Ermelinda und Flavios Hofstaat. Dadurch wird der Hof als eigene Welt sichtbar. Flavio ist ein absolutistischer Herrscher, der nie allein ist: Was immer er tut, der Hofstaat ist dabei – als Publikum, Mitwisser und Teil des Systems. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erleben so die Verkommenheit der höfischen Zustände mit: Mord, Korruption, Dekadenz und Ausschweifungen aller Art.
Darin liegt ihre anhaltende Wirkung. Wir erkennen in den Figuren Menschen, die zwischen persönlichen Wünschen und gesellschaftlichen Erwartungen stehen. Flavio muss seine Herrscherrolle erfüllen und zugleich seinen eigenen Neigungen folgen. Emilia erlebt Liebe, Wut und Trauer; Teodata sucht einen Weg, sich den Avancen des Königs zu entziehen und ihrem Geliebten treu zu bleiben. Auch die komischen und frivolen Szenen verweisen auf ernstere Fragen: Wer verfügt über Macht, wer darf frei entscheiden, und welche Erwartungen werden an Frauen und Männer gestellt?
Auch der Seminarbezug zu „Chronos“ und „Kairos“ wird dabei greifbar. Chronos steht für die vergehende Zeit: Seit Händels Uraufführung sind mehr als 300 Jahre vergangen. Kairos bezeichnet den entscheidenden Augenblick – etwa den Moment, in dem eine Figur handeln, schweigen oder eine folgenschwere Entscheidung treffen muss. In der Oper verdichten sich solche Augenblicke zu Wendepunkten. Für das Publikum können sie Anlass sein, über eigene Entscheidungen, Beziehungen und Lebenszeit nachzudenken.
Die Inszenierung von Max Emanuel Cencic macht diese Themen mit barocker Pracht und augenzwinkernder Überzeichnung sichtbar. Flavio erscheint als Karikatur eines Sonnenkönigs, höfische Pflichten werden zur komischen Szene, und hinter den Vorhängen geraten die Beziehungen buchstäblich in Bewegung. Der Witz schafft Abstand, lässt aber zugleich erkennen, wie sehr Macht und Begehren das Leben der Figuren bestimmen. So wird das historische Geschehen nicht einfach modernisiert, sondern als Spiegel menschlicher Verhaltensweisen lesbar.
Besonders lebhaft zeigt die Inszenierung die erotischen Verwicklungen am Hof. Flavio soll als Herrscher die Dynastie sichern und muss dafür mit der Königin die eheliche Pflicht erfüllen. Cencic inszeniert diese Beischlafszene als grotesk-komischen Auftritt: Der König erscheint im Schlafgewand, die Hofgesellschaft ist Zeuge, und die Szene wird zur überzeichneten Darstellung höfischer Macht und privater Intimität. Zugleich geraten die anderen Beziehungen in die Krise: Teodata täuscht Flavio, um ihrem Geliebten Vitige treu zu bleiben, und auch die Königin sucht ihre eigenen Wege. Hinter den geschlossenen Vorhängen wird das Prunkbett zum Schauplatz der amourösen Verwicklungen.
Gerade diese Mischung aus Komik, Begehren und politischer Pflicht lässt sich mit dem Seminar „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ verbinden. Die Beischlafszene ist nicht nur ein frivoler Einfall: Sie zeigt, wie der Wunsch nach einem Erben die Zeit des Herrschers und den Körper der Königin in den Dienst der Dynastie stellt. Das persönliche Begehren gerät dabei in Konflikt mit gesellschaftlichen Erwartungen. Die Inszenierung fragt damit – auf freche und unterhaltsame Weise –, wie viel Raum Menschen für ihre eigenen Wünsche und ihr Wohlbefinden haben, wenn Macht und Pflicht über ihr Leben bestimmen.
Auch der Gedanke des Kairos wird in den Liebesverwicklungen sichtbar. Figuren müssen im entscheidenden Augenblick handeln, ihre Zuneigung verbergen oder eine Gelegenheit nutzen. Teodata etwa geht zum Schein auf Flavios Avancen ein und sucht so einen Weg zurück zu Vitige. Solche Wendepunkte machen die Figuren trotz ihrer historischen Welt nachvollziehbar: Sie ringen um Liebe, Freiheit und Anerkennung – und müssen mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben.
Neben diesen heiteren und frivolen Szenen zeigt die Oper jedoch eine schmerzhafte Schattenseite der Macht. Ugone und Lotario werben beim König um die Stellung des Statthalters von Großbritannien. Ihr Ehrgeiz lässt sie so in Rage geraten, dass sie einander beleidigen. Der Konflikt der Väter bleibt nicht auf den Hof beschränkt: Er trifft auch ihre Kinder. Emilia und Giulio lieben sich, doch als Giulio Lotario im tödlichen Duell tötet, wird ihre Beziehung auf eine kaum zu überwindende Probe gestellt. Besonders herzergreifend ist Emilias tiefe Trauer um ihren Vater. Ihr Verlust macht spürbar, welchen menschlichen Preis die Machtkämpfe der Männer fordern.
Für mich liegt hier ein wichtiger Bezug zum Seminar „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“. Die Bewerbung um das Amt ist vom Streben nach Einfluss und Zukunft geprägt; doch ein Augenblick der Wut – ein Kairos, in dem die Beleidigung zur Tat wird – verändert das Leben der Familien unwiderruflich. Aus dem Machtstreit entsteht persönliches Leid, und aus Liebe wird Entfremdung. Die Oper zeigt so, dass Wohlbefinden nicht nur von individuellen Entscheidungen abhängig ist: Es wird auch durch gesellschaftliche Rangordnungen, Erwartungen und Machtverhältnisse geprägt.

Vielleicht fühlen wir uns deshalb noch heute von Händels Figuren angesprochen: Nicht weil sich unsere Welt mit dem barocken Hof gleichsetzen ließe, sondern weil Liebe, Macht, Pflicht und Selbstbestimmung weiterhin Fragen des Wohlbefindens berühren. Die Aufführung in Meiningen macht aus einem Werk der Vergangenheit einen gegenwärtigen Theaterabend – und zeigt, dass Kultur über die Zeiten hinweg neue Bedeutungen gewinnen kann.
Ich freue mich schon jetzt darauf, im Dezember 2026 bei der Oper Frankfurt erneut in Händels Flavio einzutauchen und zu entdecken, welche neuen Akzente ihre Inszenierung setzt. So wird die Oper für mich zu einem besonderen Beispiel dafür, wie ein Werk über die Jahrhunderte hinweg immer wieder neue Perspektiven eröffnen kann. Und natürlich darf an dieser Stelle Händels Biografie nicht fehlen!
Mit freundlichen Grüßen
Simon Syntax

