Du betrachtest gerade „Leonor Fini. Magisch Surreal“ – Schlüsselmomente und persönlicher Eindruck

Die Schirn Kunsthalle präsentiert mit „Leonor Fini. Magisch Surreal“ die erste große und umfassende Retrospektive dieser außergewöhnlichen Künstlerin in Deutschland. Die Ausstellung in Frankfurt in der Schirn ist absolut sehenswert. Die Schirn Kunsthalle befindet sich temporär an einem neuen Standort. Aufgrund von Sanierungsarbeiten am Römerberg finden die Ausstellungen aktuell im ehemaligen Dondorf-Druckerei-Gebäude in Bockenheim (Gabriel-Riesser-Weg 3, 60325 Frankfurt am Main) statt. Ein ganz wunderbares Gebäude, das alleine schon einen Ausflug nach Bockenheim lohnt.

Lassen Sie uns einige der spannendsten Facetten zu ihrer Person und der Frankfurter Ausstellung Revue passieren. Zunächst die Frage wer war Leonor Fini?

Leonor Fini (1907–1996) war eine absolute Rebellin und exzentrische Ikone des 20. Jahrhunderts – sowohl in ihrer Kunst als auch in ihrem Privatleben. Die Autodidaktin ist in Buenos Aires geboren und in Triest aufgewachsen. Sie brachte sich die Malerei komplett selbst bei. Ihr erstaunliches Wissen, dass in ihre Bilder einfließt, stammt aus der Lektüre medizinischer und geisteswissenschaftliche Bücher und dem Studium der alten Meister in Museen.

Sie stand den Surrealisten nahe, blieb aber ein Freigeist. In den 1930er-Jahren zog sie nach Paris und war eng mit der Surrealisten-Szene um Salvador Dalí und Max Ernst vernetzt. Sie weigerte sich jedoch strikt, der Gruppe offiziell beizutreten, da ihr die Bewegung unter André Breton zu dogmatisch und patriarchalisch war.

Man kann Fini ruhig als ‚Katzenkönigin‘ bezeichnen. Sie war berühmt für ihre exzessive Liebe zu Katzen – zeitweise teilte sie ihre Pariser Wohnung mit bis zu 17 Katzen. Für sie waren die Tiere heilige Vermittlerwesen, die auch in vielen ihrer Gemälde auftauchen.

Ihre Kunst ist einfach ganz besonders. Denn sie stellte die klassische Kunstwelt auf den Kopf, indem sie traditionelle Geschlechterrollen radikal umkehrte. Während Männer damals meist Frauen als passive Musen malten, kreierte Fini als eine der ersten Frauen überhaupt erotische, sanfte und oft schlafende Akte von Männern. Die Frauen in ihren Bildern hingegen sind mächtige, unnahbare Wesen: Herrscherinnen, Hexen, Priesterinnen oder mythologische Sphinxe. Ihr Stil kombiniert präzise, altmeisterliche Maltechniken mit düsteren, traumartigen und erotischen Fantasien.

Die großartige Schau in Frankfurt-Bockenheim wirft einen Blick auf rund 70 Jahre ihres Schaffens. Es werden rund 100 hochkarätige Werke gezeigt, darunter Gemälde, Zeichnungen und Fotografien aus internationalen Sammlungen. Neben Bildern sind auch von ihr entworfene Masken, Kostüme und Bühnenbilder zu sehen. Fini liebte die Selbstdarstellung und entwarf opulente Kostüme für Theater, Opern und legendäre Pariser Maskenbälle. Weitere Einblicke, digitale Begleitangebote wie das Digitorial und vertiefende Essays findet man direkt auf der Leonor Fini Ausstellungsseite der Schirn.

Lassen Sie uns ein wenig mehr ins Detail gehen. Leonor Finis Kunst zeichnet sich durch eine tiefgründige, traumhafte und oft provokante Bildwelt aus. Sie vermischte die Stilmittel des Surrealismus mit Einflüssen der Renaissance. In der Schirn sind ihre zentralen Themen und Motive in Hauptbereiche unterteilt.

Sie vermitteln zum einen weibliche Macht, Souveränität und Mythologie. Im Gegensatz zu den männlichen Surrealisten, die Frauen oft nur als passive Musen oder Traumobjekte darstellten, malte Fini die Frau als mächtiges, aktives und unnahbares Wesen. Man entdeckt Göttinnen und Priesterinnen. Ihre Frauenfiguren thronen oft in geheimnisvollen, rituellen Kulissen. Ganz besonders zu beachten ist die Sphinx. Dieses mythologische Mischwesen (halb Löwe, halb Frau) war Finis absolutes Lieblingsmotiv und eine Art Alter Ego. Für sie verkörperte die Sphinx den idealen Zustand von absoluter Unabhängigkeit, Weisheit und verborgener Gefahr.

Entdecken lassen sich Tierwesen und Metamorphosen (Mischwesen). Tiere spielten in Finis Leben und Kunst eine spirituelle Rolle. Ihre Bilder zeigen fließende Übergänge zwischen Mensch, Tier und Natur (Metamorphosen). Allen voran liebte sie Katzen.  Als leidenschaftliche Katzenbesitzerin malte sie diese oft als heilige Wächterwesen, die den Menschen ebenbürtig oder gar überlegen sind. Oft werden sie als Hybriden dargestellt. Figuren mit menschlichen Köpfen und Tierkörpern (oder umgekehrt) bevölkern ihre geheimnisvollen Landschaften.

Fini präferiert die Umkehrung der Geschlechterrollen & Erotik. Sie brach radikal mit den Sehgewohnheiten ihrer Zeit und gilt heute als Pionierin eines feministischen Blicks in der Kunst. Da staunt man über den sanften Mann. Sie malte als eine der ersten Frauen überhaupt erotische, verletzliche, nackte oder schlafende Männer; passiv, sanft und von den mächtigen Frauenfiguren dominiert oder beschützt. Bedeutsam ist die Thematik der Androgynität. Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit verschwimmen in ihren Werken häufig.

Leonore Fini spielte mit Identität, Maskeraden und liebte das Theater. Das spiegelt sich stark in ihrer Malerei wider, bei der das Leben zur Bühne wird. Im Mittelpunkt (und zum Seminar Doppelgänger – Identität im Duplikat passend) lassen sich Masken und Doppelgänger beobachten. Figuren mit Masken, Karnevalsszenen und das Motiv des Doppelgängers tauchen immer wieder auf, um die Vielschichtigkeit der menschlichen Psyche und das „Verstecken“ des wahren Ichs zu zeigen. Besonders beeindruckend sind die theatralischen Kostüme.  Da sie auch als echte Kostümbildnerin für Theater und Opern arbeitete, tragen viele ihrer gemalten Figuren opulente, dramatische Gewänder.

Die wunderbare Künstlerin fand ihre Ausdruckskraft in Porträts und Selbstinszenierung. Fini untersuchte ihr eigenes Ich das ganze Leben lang in zahlreichen Selbstporträts. Sie malte sich selbst in verschiedenen Rollen – mal als Kriegerin mit Schwert, mal als Sphinx oder hoheitsvolle Herrscherin. Zudem porträtierte sie enge Freundinnen und Persönlichkeiten der Pariser Avantgarde.

Lassen Sie uns einige von Finis Schlüsselmotiven näher betrachten wie die Sphinx-Bilder. Für Leonor Fini war die Sphinx (ein mythologisches Mischwesen aus Frauenkopf und Löwenkörper) weit mehr als nur ein Fabelwesen. Sie nutzte die Sphinx als ihr persönliches Alter Ego und zentrales Symbol ihrer Kunstwelt. Symbolisiert wird die weibliche Autonomie. In der antiken Mythologie ist die Sphinx eine gefährliche Rätselstellerin und Grenzwächterin. Fini deutete sie um. Bei ihr steht die Sphinx für absolute Unabhängigkeit, geheimes Wissen und eine unbändige weibliche Urkraft, die sich keinem Mann und keinem Dogma unterwirft. Die Sphinx wird bei Fini zur Hüterin des Schlafs. Auf vielen Bildern bewachen ihre Sphinxe schlafende, verletzliche Männer. Die Sphinx verkörpert hier die aktive, beschützende und gleichzeitig dominante Kraft, während der Mann passiv bleibt. Zum Ausdruck kommen Metamorphosen und Vergänglichkeit. Fini faszinierte der Zustand des Übergangs. Ihre Sphinxe sind oft mit Pflanzen, Kristallen oder Elementen des Verfalls verwoben, was den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt symbolisiert.

Beispiele dazu sind „Sphinx Regina“ (Sphinx-Königin, 1943): Eines ihrer Schlüsselwerke. Es zeigt eine Sphinx eingebettet in eine geheimnisvolle, fast morbid wirkende Landschaft, die irgendwo zwischen Zerstörung und magischer Erneuerung schwebt. „Sphinx Philagria II / Metamorphos“ (1945): Ein faszinierendes Gemälde, bei dem die weibliche Sphinx-Figur organisch mit Blättern und botanischen Elementen verschmilzt. „La Bergère des sphinx“ (Die Hirtin der Sphinxe, 1941) & „Stryges Amaouri“ (1947): Berühmte Bildwelten, in denen diese majestätischen Hybridwesen als autonome Subjekte die Szenerie dominieren.

Beeindruckend sind die starken Selbstporträts & Inszenierungen wie etwa „Autoportrait au Scorpion“ (Selbstporträt mit Skorpion, 1938). Ein weltbekanntes Bild, das 1938 sogar auf der Biennale in Venedig zu sehen war und Finis stolze, unerschrockene Aura perfekt einfängt. Oder auch „Autoportrait au hibou“ (Selbstporträt mit Eule, 1936): Hier malt sie sich mit einer Eule als Symbol für Weisheit, Nacht und Alchemie. Nicht zu vergessen ist auch „Dans la tour“ (Im Turm – Selbstporträt mit Constantin Jelenski, 1952): Ein intimes Doppelporträt, das ihre enge Verbindung zu ihrem Lebensgefährten zeigt und Finis meisterhaften, von der Renaissance inspirierten Stil verdeutlicht.

Fini kehrt die Geschlechterrollen um. Ein Paradebeispiel ist „Chthonian Deity watching over the Sleep of a Young Man“ (1946): Ein Paradebeispiel für Finis feministischen Blick – eine mächtige, irdische Göttin wacht über den tiefen, unschuldigen Schlaf eines jungen Mannes. Ebenso sehenswert ist „Phoebus endormi“ (Der schlafende Phoebus, 1967). Ein Werk aus ihrer späteren Phase, bei dem der nackte, männliche Körper in einer fast bühnenartigen, traumhaften Kulisse inszeniert wird.


Mein persönlicher Eindruck

In einer Welt voller starrer Dogmen erhob sich Leonor Fini als eine majestätische Sphinx der Kunstgeschichte – ein geheimnisvolles Hybridwesen, das sich zeitlebens weigerte, sich den Regeln der Männer zu unterwerfen. Ihre Leinwände waren keine bloßen Abbilder der Realität, sondern Portale in eine Zwischenwelt, in der das Unbewusste regierte. Finis Pinsel glich dem Stab einer Alchemistin: Mit altmeisterlicher Präzision destillierte sie Traumsequenzen, die von Maskeraden, Doppelgängern, verborgener Erotik und tiefer psychologischer Transformation erzählten. Das Leben selbst war für sie eine einzige Bühne, auf der Identitäten wie prunkvolle Gewänder gewechselt wurden, um das wahre, ungezähmte Ich vor den Blicken der Philister zu schützen.

In diesem theatralischen Kosmos vollzog sich eine radikale Metamorphose der Macht. Während die männlichen Surrealisten die Frau zur passiven Muse degradierten, krönte Fini sie zur autonomen Herrscherin, Hexe und Priesterin. Ihre Frauenfiguren thronen unnahbar inmitten von Landschaften, die von subtiler Vergänglichkeit und morbider Schönheit durchzogen sind. Dem gegenüber stellte sie den schlafenden, verletzlichen Mann – ein Symbol für die Umkehrung der klassischen Geschlechterrollen.

Foto von der Serviette im wunderbaren Café B in Bockenheim Foto E. W.

Die Grenzen zwischen den Sphären verschwammen dabei fließend: Mensch, Pflanze und Tier verschmolzen zu einer Einheit. Als treue Wächterinnen dieser Übergänge fungierten stets ihre geliebten Katzen. Für Fini waren sie keine Haustiere, sondern heilige Vermittlerwesen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, die mit ihren leuchtenden Augen das Verborgene fixierten.

Ihre Rebellion gegen das Gewöhnliche beschränkte sich jedoch nicht auf die Leinwand, sondern spiegelte sich in ihrer legendären Lebensführung wider: Fini lebte in einer freien, von der Gesellschaft oft argwöhnisch beäugten Ménage à trois mit ihren beiden Lebensgefährten Stanislao Lepri und Constantin Jelenski. Diese unkonventionelle Dreiecksbeziehung war ein lebendiges Kunstwerk für sich, in dem Eifersucht durch tiefe geistige und emotionale Verbundenheit ersetzt wurde. Ein schützender Kreis, der Raum für grenzenlose Kreativität bot.

Ihre brennende Leidenschaft für die Selbstdarstellung trug sie direkt hinein in die Welt der großen Opern und Bühnen. Als visionäre Kostümbildnerin für das Theater erfand sie opulente, dramatische Gewänder und Masken, die die Schauspieler in mythische Figuren verwandelten. Das Theater war für sie keine Illusion, sondern der Ort, an dem die Wahrheit des menschlichen Seins durch das Spiel erst sichtbar wurde.

In ihren zuweilen düsteren, immer symbolgeladenen Werken wimmelte es von geheimen Botschaften und Warnungen. Der Skorpion, den sie oft auf ihren Selbstporträts platzierte, stand als Metapher für ihre eigene, unerschrockene Wehrhaftigkeit – ein kleiner, aber tödlicher Stachel gegen den Patriarchat und die bürgerliche Enge. Dem gegenüber thronte die Eule als stumme Begleiterin der Nacht. Sie war das Symbol der Alchemie, des unheimlichen Wissens und der hellseherischen Weisheit, die nur im Dunkeln des Unterbewusstseins gedeiht. So bleibt Leonor Finis Werk bis heute ein faszinierendes Labyrinth aus Masken, Mythen und Magie, dessen Zauber den Betrachter unweigerlich in seinen Bann zieht.