Du betrachtest gerade Am Ende der Zeit: Ellens Lehrjahre mit Kronos

Das letzte Jahr im Amt einer Pädagogin ist kein bloßes Auslaufen der Chronometrie; es ist eine philosophische Zäsur. Wenn die Lehrerin Ellen im finalen Lehrjahr ihrer Laufbahn vor dem Bildnis Francisco de Goyas Saturn devorando a su hijo steht, blickt sie nicht nur in die Abgründe der spanischen Romantik. Sie hat den Beitrag Franciso de Goya „Saturn verschlingt seinen Sohn“ – Deutung und Bezug zu Chronos, Saturnus (griech. Kronos) im UniWehrsEL gelesen. Sie selbst blickt in den Spiegel einer Gegenwart, die im Begriff ist, ihre eigene Zukunft strukturell zu korrumpieren.

Es ist ein stiller, fast unsichtbarer Abschied, der sich in den Augen von Ellen abspielt. Ellen ist Lehrerin für Deutsch und Geschichte; sie befindet sich in ihrem letzten Lehrjahr vor der Pensionierung. Hinter ihr liegen Jahrzehnte im Dienst an der Zukunft; vor ihr liegt ein System, das sich zunehmend anfühlt wie jenes düstere Meisterwerk, das sie mit ihrer letzten Oberstufenklasse bespricht: Francisco de Goyas Saturn verschlingt seinen Sohn (the art inspctor). Was als kunsthistorische Analyse beginnt, verwandelt sich für Ellen in eine schmerzhafte, aber heilende Lebenslehre. Am Übergang zwischen einer lebenslangen Pflicht und dem großen Schweigen danach zieht sie Bilanz – und erkennt im uralten Kampf zwischen Kronos und Kairos die tiefe Krise unserer Gegenwart.

Das System als Kronos: Der Entfremdungsapparat

Wenn Ellen auf die heutige Schullandschaft blickt, sieht sie nicht nur kreidestaubgraue Bürokratie, sondern eine moderne Ausgeburt des Titanen Kronos. In der Mythologie frisst Kronos seine eigenen Kinder aus Angst vor dem Machtverlust. Er erträgt das Neue nicht, weil es seinen Sturz bedeuten könnte. Goyas Gemälde radikalisiert diese Angst: Saturn agiert im paranoiden Wahn, seine Augen sind weit aufgerissen vor Entsetzen und Gier.

Für Ellen ist dieses Bild eine treffende Metapher für den modernen Leistungsapparat. An dieser Stelle brennt ihr eine Frage auf den Lippen, wie sie der Soziologe Hartmut Rosa formulieren würde: Ist der unbarmherzige Takt des modernen Schulsystems nicht die reinste Form der sozialen Beschleunigung, die den Schülern und Lehrern jede Möglichkeit zur echten „Resonanz“ – zum lebendigen, unverfügbaren Austausch – raubt? (Dazu Video Hartmut Rosa: Kinder im Leistungszwang)

Das Bildungssystem unserer Gegenwart, getrieben von PISA-Panik, administrativer Überlastung und dem Diktat der permanenten Ökonomisierung, verhält sich wie dieser Titan. Es zwingt die Jugend in einen Modus der permdanenten Verfügbarmachung. Genau wie Saturn seine Umwelt und Ressourcen konsumiert, um den Status quo zu erhalten, verwertet das System die psychische Gesundheit der Heranwachsenden. In den müden, ausgebrannten Augen ihrer Schüler erkennt Ellen die Opfer des Kronos.

Die paranoide Blockade und das Vergehen der Systeme

Aus der Tiefenpsychologie weiß Ellen, dass Goyas Werk auch die paranoide Angst der Vätergeneration vor der Entmachtung durch die Söhne zeigt. Doch die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck würde hier noch tiefer graben und Ellen fragen: Zeigt Goyas Bild nicht die grausame Wahrheit, dass jede historische Epoche, jedes politische System am Ende seine eigenen Ideale und seine eigenen Kinder opfert, um das Unaufhaltsame – den eigenen Untergang – aufzuschieben? Was bleibt von den Jahrzehnten, die Ellen in dieses System investiert hat, wenn die alten Gewissheiten längst erodieren?

Unsere alternde Gesellschaft klammert sich an alte Privilegien. Ob in der Klimakrise, der Bildungspolitik oder der digitalen Transformation – oft blockiert die etablierte Generation den Wandel aus Angst, an Relevanz zu verlieren. Ellen ertappt sich in ihrem letzten Lehrjahr selbst bei dem Impuls, in die starre Haltung des Kronos zu verfallen, sich im Zynismus des „Es war schon immer so“ zu verschanzen. Doch das Bild des blutigen, wahnsinnigen Saturns dient ihr als Warnung. Es zeigt ihr, wohin es führt, wenn das Alte das Neue nicht nähren, sondern kontrollieren und besitzen will: in die absolute Isolation.

Die List der Rhea und das schöpferische Warten

Doch der Mythos endet nicht beim Verschlingen. Ellen schöpft Hoffnung aus der Fortsetzung: der Rettung des Zeus. Die Mutter Rhea bricht das tödliche Muster durch eine Täuschung. Sie übergibt Kronos einen Stein im Gewand eines Kindes – den Omphalos. Während Kronos am Toten, am Unbelebten würgt, wächst im Verborgenen auf Kreta das Neue heran.

Die Philosophin Joke J. Hermsen würde Ellen in dieser Episode eine ganz neue Perspektive eröffnen: Ist die „List der Rhea“ in Wahrheit nicht der Mut zur Pause? Ist der Stein, den sie Kronos übergibt, nicht das Symbol für ein Innehalten, das dem gehetzten System den Rhythmus bricht, damit im Verborgenen etwas Neues reifen kann?

Für Ellen wird diese List zur pädagogischen Maxime ihres letzten Jahres. Sie begreift: Guter Unterricht in der Gegenwart muss subversiv sein. Wo das System starre Daten, leblose Kompetenzraster und standardisierte Tests fordert (den „Stein in Windeln“), müssen Lehrkräfte im Verborgenen der Klassenzimmer Räume schaffen, in denen die menschliche Seele und das kritische Denken geschützt wachsen können. Man muss das System mit seinen eigenen bürokratischen Waffen füttern, um das Lebendige im Hintergrund zu retten.

Der Ausbruch aus Chronos: Die Stunde des Kairos

Ihr ganzes Berufsleben war diktiert von Chronos – der unerbittlichen, linearen, tickenden Zeit. Der Takt der Schulglocke, die 45-Minuten-Taktung, die Jahre bis zur Pensionierung. Goyas Saturn ist die totale Kapitulation vor Chronos: das Gefühl, von der verrinnenden Zeit und dem eigenen Verfall eingeholt und zerfleischt zu werden. Doch Ellen erkennt endlich den Gegenpol: Kairos, den Gott des günstigen Augenblicks.

Hermsen würde Ellen darin bestärken, ihr letztes Lehrjahr nicht als bloßes „Auslaufen“ der Uhr zu verstehen, sondern als Phase einer produktiven Melancholie, die den Blick schärft. Wie haben wir es zugelassen, dass die Ökonomisierung der Bildung den Gott Kairos komplett vertrieben hat?

Kairos bricht die Herrschaft der tickenden Uhr. Er ist der Moment, in dem ein Gespräch mit einer verzweifelten Schülerin wichtiger wird als der Lehrplan. Er ist die Sekunde, in der im Unterricht plötzlich ein echtes Verstehen aufblitzt, das kein Lehrbuch erzwingen kann. Ellen lernt in ihren letzten Monaten, nicht mehr auf die Uhr (Chronos) zu starren, sondern wachsam zu werden für den flüchtigen Haarschopf des Kairos. Sich die Freiheit zu nehmen, den Moment zu ergreifen, bedeutet, dem Mahlstrom des Untergangs zu entkommen. Es ist der Schritt von der Entfremdung zurück in die Resonanz, wie Hartmut Rosa es fordert.

Fazit: Das Erbe der Lehrerin

Als Ellen am letzten Schultag die Tafel wischt, weiß sie, welche Lehre sie aus ihrem letzten Lehrjahr zieht. Die Gegenwart läuft Gefahr, im Modus des Kronos ihre eigene Zukunft zu opfern. Doch die Jugend lässt sich nicht dauerhaft verschlingen. Irgendwann bricht das Neue hervor, so wie Zeus seinen Vater stürzte.

Jenny Erpenbeck würde vielleicht fragen, ob dieses letzte Kapitel für Ellen ein Rückzug ins Private ist. Doch Ellen spürt: Es ist kein Rückzug, sondern eine Übergabe. Sie geht in Frieden. Indem sie ihren Schülern beigebracht hat, den Kairos – den entscheidenden Augenblick des eigenen Denkens und Handelns – zu ergreifen, hat sie ihnen das Werkzeug geschenkt, um die Titanen von heute zu stürzen. Sie hinterlässt keine Opfer, sondern die Gestalter von morgen.

In der Soziologie von Hartmut Rosa und der Philosophie von Joke J. Hermsen sind „Resonanz“ und das „Tal der Ruhe“ keine abstrakten Gefühle. Sie sind das Ergebnis einer ganz bestimmten Situation und Konstellation im Klassenzimmer.

Hier ist die genaue Verknüpfung mit unserem Beispiel der Lehrerin Ellen:


Hartmut Rosas „Resonanz“: Die gelungene Konstellation

Rosa betont, dass Resonanz – also das lebendige, berührende Beziehungsgeschehen zwischen Mensch und Welt – niemals erzwungen werden kann. Sie ist unverfügbar. Ob Resonanz entsteht, hängt von der strukturellen Konstellation und der konkreten Situation ab.

Die destruktive Konstellation (Entfremdung): Wenn Ellen die Schüler nur als zu optimierende Objekte sieht, die durch Prüfungen geschleust werden müssen, und die Schüler Ellen nur als Notengeberin betrachten, ist die Konstellation starr und entfremdet. Die Situation im Raum ist kalt; es herrscht stummes Funktionieren. Das ist die Logik des Kronos/Chronos, der alles Lebendige frisst.

Die Resonanz-Konstellation (Kairos): Resonanz entsteht erst, wenn die Konstellation auf Offenheit und Verletzlichkeit umgestellt wird. In der Situation, in der Ellen Goyas grauenvolles Bild an die Wand projiziert und die Schüler nicht nach Jahreszahlen abfragt, sondern sie mit der existenziellen Frage konfrontiert („Wo frisst unsere Gegenwart eure Zukunft?“), bricht sie das System auf.

Der Bezug zur Situation: Plötzlich entsteht eine Konstellation des Gemeinsam-Betroffenen-Seins. Ein Schüler antwortet vielleicht nicht, um eine gute Note zu bekommen, sondern weil ihn das Bild im Innersten berührt. Die Schüler und Ellen beginnen zu „schwingen“ (zu resonieren). Das System hat für diesen Moment aufgehört zu diktieren; das Klassenzimmer wird vom Entfremdungsapparat zu einem Resonanzraum.


Joke J. Hermsens „Tal der Ruhe“: Die schöpferische Konstellation

Hermsen nutzt das Motiv einer „Kultur der Ruhe“ (oder das Verweilen im „Tal der Ruhe“), das sie eng mit der philosophischen Melancholie verknüpft. Das Tal der Ruhe ist die zwingende Voraussetzung dafür, dass der Gott Kairos (der rechte Augenblick) überhaupt erscheinen kann.

Die gehetzte Konstellation: Im normalen Schulalltag hetzen Ellen und ihre Klasse von einer 45-Minuten-Taktung zur nächsten. Diese Konstellation ist rein chronologisch. In einem permanent gehetzten Zustand ist das Gehirn im Alarmmodus – der Haarschopf des flüchtigen Kairos wird in dieser Situation schlicht übersehen.

Die Situation im „Tal der Ruhe“: Als Ellen im letzten Lehrjahr beschließt, die Uhr ein Stück weit zu ignorieren und bewusst das „schöpferische Warten“ zuzulassen, führt sie ihre Klasse metaphorisch in dieses Tal der Ruhe. Es ist die Situation des bewussten Innehaltens, des Schweigens, des Nachdenkens vor einer Antwort.

Die List der Rhea als Konstellationswechsel: Indem Ellen den bürokratischen Druck abfedert (die List der Rhea), verändert sie die Konstellation im Raum: weg vom „Sich-Auffressen-Lassen“ durch Abgabetermine, hin zu einer geschützten Oase der Langsamkeit. Erst in dieser entschleunigten Situation des Tals der Ruhe schärfen sich die Sinne der Schüler. Sie werden überhaupt erst empfänglich für Resonanz (Rosa) und fähig, den entscheidenden Moment der Erkenntnis (Kairos) beim Schopfe zu packen.

Ellen fasst dies so zusammen: Die Konstellation ist das Beziehungsgefüge (Starrheit vs. Offenheit, Hetze vs. Ruhe). Die Situation ist der konkrete Moment im Unterricht (das Betrachten des Goya-Bildes, das gemeinsame Schweigen). Resonanz und das Tal der Ruhe gelingen Ellen nur, weil sie die Konstellation von der Chronos-Diktatur auf die Kairos-Offenheit umstellt und so schützende, entschleunigte Situationen im Klassenzimmer kreiert.

Und dann findet sie noch einen Satz zu Hermsen und Hannah Arendt: Joke J. Hermsen greift in ihrer Philosophie der Zeit stark auf Hannah Arendt und deren Konzept der Natalität (Gebürtlichkeit) zurück: Indem Ellen durch das Innehalten im „Tal der Ruhe“ die Chronos-Diktatur durchbricht, schafft sie genau jenen geschützten Raum für ein unvorhersehbares, freies Handeln, das Arendt als die menschliche Fähigkeit beschreibt, einen radikal neuen Anfang in der Welt zu setzen.

Und wie lässt sich Ellens Essay mit der philosophischen Pointe um Joke J. Hermsen und Hannah Arendt zu einem runden und kraftvollen Abschluss bringen? Mit einer finale Pointe: Indem Ellen durch das bewusste Innehalten im „Tal der Ruhe“ die sture Chronos-Diktatur des Systems durchbricht, verwirklicht sie im Klassenzimmer das, was Joke J. Hermsen im Rückgriff auf Hannah Arendt als das Prinzip der Natalität (Gebürtlichkeit) beschreibt: Sie schafft einen geschützten, entschleunigten Raum für freies, unvorhersehbares Handeln – und schenkt ihrer Jugend damit die ultimative menschliche Fähigkeit, dem verschlingenden Mahlstrom der Gegenwart zu trotzen und einen radikal neuen Anfang in der Welt zu setzen.